AV0778 Oral History Projekt „Alle Wege führen nach Mannheim“: Interview mit Quoc Muoi Ngyuen, 2012 (Audiovisuelle Sammlung)

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Title:Oral History Projekt „Alle Wege führen nach Mannheim“: Interview mit Quoc Muoi Ngyuen
Ref. code:AV0778
Ref. code AP:AV0778
Originalmedium:nur digital vorhanden
Datumsbemerkung:22.10.2012
Creation date(s):2012
Rechte:Stadtarchiv Mannheim
Inhalt_AV:Maria Alexopoulou [i. F. MA]: Heute ist der 22. Oktober 2012. Wir befinden uns im Panda Imbiss, in S 6, 19 in Mannheim-Innenstadt. Mein Name ist Maria Alexopoulou und ich interviewe im Rahmen des Oral History Projekts „Alle Wege führen nach Mannheim“ Herrn Quoc Muoi Ngyuen. Herr Ngyuen sind Sie damit einverstanden, dass dieses Interview aufgenommen wird? [Herr Quoc Anh Do, Migrationsberater bei der Paritätischen Mannheim, ist beim Interview als Übersetzer anwesend, i. F. QAD].
[Gespräch auf Vietnamesisch]
Quoc Muoi Ngyuen [i. F. QMN]: Okay.
MA: Wie lange leben Sie in Mannheim? Seit wann sind Sie in Mannheim?
QMN: [Vietnamesisch]. 2002. Vorher ich nicht wohnen in Mannheim, in anderer Stadt und später ich kam dann her.
QAD: 2002.
MA: Und wo haben Sie vorher gelebt in Deutschland?
QMN: [Vietnamesisch].
QAD: In Hessen.
QMN: Bad Windungen. [Vietnamesisch]. Vorher ich wohne in Bad Windungen, Hessen und dann ich komme nach Mannheim.
MA: Und Sie sind von Vietnam direkt nach Hessen gegangen oder waren Sie vorher noch wo anders?
QMN: Nein, nein, vorher ich… [Vietnamesisch].
QAD: Früher gab es so ein Programm zwischen der DDR und Vietnam. Er ist in dessen Zuge als Gastarbeiter in die DDR gekommen und nach Fall der Mauer ist er dann rüber nach Hessen gezogen.
MA: Wann sind Sie in die DDR gegangen, welches Jahr?
QMN: [Vietnamesisch]
QAD: 1989, kurz vor Fall der Mauer.
MA: Und was war Ihr Beruf, was haben Sie da gemacht?
QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Er hat in der Industrie gearbeitet in der Fabrik, Maschinen kontrolliert und betätigt. Schleifmaschinen-Industrie.
QMD: Mettallbearbeitung.
MA: Als Arbeiter oder als Facharbeiter?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Er war Facharbeiter.
MA: Und in welcher Stadt haben Sie da gelebt?
QMN: Chemnitz.
MA: Interessant. Und Ihr jetziger Beruf ist hier der Imbiss?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Es war so, nach dem Fall der Mauer sind die Betriebe ja geschlossen worden erst mal. Und in dem Zuge ist er erst dann nach Hessen gegangen und hat dort in verschiedenen Imbissen gearbeitet und hat dort gelernt sozusagen. Und nachdem er dort gelernt hat, hat er hier, ist er nach Mannheim gekommen und hat seinen Laden aufgemacht.
MA: Sie haben dann gleich, als Sie nach Mannheim kamen, den Laden eröffnet? Gleich zu Beginn oder war da noch eine Übergangszeit?
QMN/QAD: [Vietnamesisch]
QAD: Okay, das war so. Er ist erst, bevor er nach Hessen gezogen ist, ist er erst nach München gezogen, in die Gegend von München und hat dort das gelernt. In verschiedenen Imbissen hat er dort gearbeitet und hat dort erst mal gelernt.
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Es war so, er hat mehrere Jahre in München gearbeitet unten, bei verschiedenen Imbissläden, dann ist er nach Hessen gegangen, hat dort erst mal seinen ersten Laden aufgemacht. Und dann ist er nach Mannheim gekommen 2002 und hat gleich den Laden hier aufgemacht.
MA: Und was hat Sie nach Mannheim geführt? Aus welchen Gründen? Gab es einen speziellen Grund?
QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Das war so: Er hatte damals Freunde in Mannheim und er war dann öfters einfach hier mal zu Besuch in Mannheim. Und seine Freunde waren auch so in diesem Imbissgewerbe und er hat sich dann hier einfach so ein bisschen umgeschaut und mit seinen Freunden einfach mal gesprochen, wie die Möglichkeiten hier sind, das Einkommen. Dann hat er sich entschieden, es hat für ihn gepasst. Er hat auch für sich gesagt, „Wir können uns da was aufbauen, Kundschaft ist da“. Er hat betriebswirtschaftlich gedacht, über Freunde dann. Und dann hat er sich gesagt, „Okay, hier würde es sich lohnen, was aufzubauen“. Und ich denk mal, in Hessen in seinem ersten Laden, das hat sich halt nicht mehr wirtschaftlich so getragen und dann hat er sich was Neues gesucht und ist er letztendlich nach Mannheim gekommen.
MA: Wenn wir nochmal zurück in die Vergangenheit gehen, also bevor Sie in die DDR gegangen sind. Aus welchem Ort in Vietnam kommen Sie?
QMN: [Vietnamesisch] Nam dinh. [Schreibt es auf]
MA: Danke. Würde Sie vielleicht ein bisschen über Ihre Kindheit erzählen, über Ihre Familie, wie es dann war bis Sie dann weggegangen sind?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Nam dihn ist mindestens genauso groß wie Mannheim, sagt er, eher noch ein bisschen größer.
QMN: [Vietnamesisch]
MA: Wann sind Sie geboren? [Schreibt es auf] 1962.
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Er ist zur Zeit des Vietnamkriegs geboren.
MA: Haben Sie das miterlebt? Waren Sie im Süden oder im Norden?
QMN: Im Norden.
MA: Im Norden waren Sie. Und das haben Sie dann als Kind und Jugendlicher miterlebt? War bei Ihnen auch der Krieg, haben Sie Erfahrungen, haben Sie das mitbekommen?
QMN/QAD: [Vietnamesisch]
QAD: Er hat schon relativ weit im Norden gewohnt und er war noch sehr jung. Und Nam dihn war jetzt nicht so betroffen vom Krieg. Das einzige, was er so mitbekommen hat, war immer, dass die Flugzeuge geflogen sind. Letztendlich ist an Nam dihn der Krieg relativ vorbeigegangen, weil es relativ im Norden war.
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Sie sind insgesamt vier Geschwister und er ist der Jüngste von seinen Geschwistern.
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Nach vietnamesischem Standard hat er eine ziemlich hohe Bildung. Mit sechs Jahren wird man dort auch eingeschult und er hat auch ganz normal, vergleichbar mit hier, Abitur gemacht. Nach der Schulzeit – ich habe ihn gefragt, ob er dann ein Studium angefangen hat – nein, er musste drei Jahre zur Armee, das war damals so, dass man zur Armee musste dann drei Jahre. Seine Eltern waren eigentlich auch im Verkauf tätig, haben damals auch einen kleinen Laden gehabt, haben jetzt kein Essen verkauft, das waren mehr so Güter. Okay, die haben schon Lebensmittel verkauft, aber nicht Essen, wie in einem Imbiss. So ein kleiner Lebensmittelladen, Allroundladen, wo man alles Mögliche bekommen kann und waren jetzt auch nicht so hoch gebildet.
MA: Nach dem Studium haben Sie dann gearbeitet auch in Vietnam oder sind Sie dann gleich weggegangen?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Nach seiner Armeezeit hat er nicht angefangen zu studieren, sondern hat angefangen zu arbeiten, ganz normaler Arbeiter, mal da, mal da. Das ging ungefähr zwei Jahre und danach ist er nach Deutschland gekommen.
MA: Wie kam das? Kannten Sie andere, die bereits in die DDR gegangen waren? Oder wie kam diese Entscheidung bei Ihnen, dass Sie gesagt haben, Sie möchten…?
QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Es war ja so, Vietnam war ja kommunistisch und er hat dann irgendwann angefangen, also innerhalb dieser zwei Jahre, hat er für eine Firma gearbeitet, auch in der Metallverarbeitung. Da hat er so eine Art verkürzte Ausbildung gemacht. Und das war halt im Besitz der kommunistischen Partei und in diesem Zuge konnte man dort einen Antrag stellen, wenn man zum Beispiel ins Ausland als Gastarbeiter möchte, hat man da einen Antrag stellen können. Dann wurde man entweder genommen oder nicht. Und dann war halt grad Deutschland zu der Zeit aktuell, weil…[Rückfrage] Zu der Zeit sind zirka 600.000 Vietnamesen über solche staatlichen Betriebe nach Deutschland gekommen. In dem Zuge ist er auch nach Deutschland gekommen. War attraktiv zu der Zeit und ja…
MA: Seine persönlichen Motive? Abenteuerlust? Was war sein innerer Antrieb so?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Vietnam war zu der Zeit schon relativ arm. Also auch mehrere Hungersnöte zu der Zeit gehabt. Und bei ihm war es schon so, er wollte mal was Neues sehen, auf jeden Fall, und dann war es auch die finanzielle Frage, dass er einfach besser verdienen wollte. Aber auch, Abenteuerlust würde ich jetzt nicht sagen, aber er hat auch jetzt gesagt, er wollte einfach den Kopf frei kriegen. Ich weiß nicht, hat wohl mit der vietnamesischen kommunistischen Partei zu tun. Er hat auch gesagt, es war einfach schwierig, sich da irgendwas aufzubauen. Du warst zwar Arbeiter, hast nicht viel verdient, es hat grad so zum Leben gereicht. Er wollte sich was aufbauen auch und da bot sich das an, Deutschland. Aber auch schon was Neues zu haben, wie gesagt, den Kopf einfach frei zu bekommen, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen.
MA: Und war das damals, diese Verträge über eine bestimmte Zeit? Dass man gesagt hat, man macht den Vertrag über so und so viel Jahre? Oder haben Sie gedacht, Sie gehen jetzt für immer weg? Wie war das damals?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QMN: Mit Vertrag fünf Jahre und dann zurück in Heimat.
MA: Und das war auch Ihr Plan damals? Sie dachten, Sie gehen fünf Jahre und dann…
QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Also damals, als er gegangen ist, hat er eigentlich ganz klar mit dem Gedanken gespielt, es war ja vertraglich geregelt, nach fünf Jahren gehst Du wieder zurück. Es war ja so, er war zwei Jahre in Deutschland und dann ist die Mauer gefallen, Deutschland hat sich wiedervereinigt und da hat Deutschland den Gastarbeitern die freie Wahl gestellt, „Entweder Ihr könnt zurück oder Ihr könnt auch hier bleiben“. Ich weiß jetzt nicht, wie das aufenthaltsrechtlich war. Wahrscheinlich haben die gesagt, anhand dieser Verträge, „Okay, Ihr kriegt nochmal drei Jahre Aufenthalt, wenn Ihr wollt“. Und in diesem Zuge ist er dann einfach geblieben.
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Ich habe ihn jetzt auch grad gefragt, hat er nicht gedacht, nachdem Deutschland sich wiedervereinigt hat und er hatte keine Arbeit mehr, dass er nicht einfach zurück will nach Vietnam. Hat er gesagt, nee, das war für ihn eigentlich, als er dann die Möglichkeit hatte, da zu bleiben und auch nicht mehr an diese Betriebe in der DDR gebunden war, hat er gesagt, es hat ihm hier gefallen. Er hatte hier alle Möglichkeiten der Welt letztendlich. Er war jetzt nicht gebunden, musste jetzt nicht in der DDR bleiben, wie man auch gesehen hat, ist er nach München gereist. Er hat dann zu sich gesagt, „Okay, jetzt bleib ich hier und versuch mein Glück“. Und das hat ihm halt gepasst hier.
MA: Sind Sie damals alleine immigriert oder hatten Sie schon…? Nein, wahrscheinlich hatten Sie noch keine Familie, nehme ich an?
QMN: Allein.
MA: Und wie war es damals dann da in Chemnitz? War es ein Unterschied? Also wie ging’s Ihnen da in der ersten Zeit, wo Sie dann dort waren, als Sie dort gelebt haben?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
MA: War es ganz anders? Oder wie…?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Okay, er hat jetzt gesagt, am Anfang hat er sich so ein bisschen alleine gefühlt und hat oft an Vietnam gedacht, an Familie, dies und das. Aber er hat gesagt, das Gute war, als Gastarbeiter ist er nicht alleine rübergekommen, Du bist mit einem Schwung Vietnamesen rübergekommen, Du hast in solchen Arbeitsheimen gewohnt und darüber, über die Arbeitsheime, hast Du erst mal Kontakt zu den Vietnamesen gehabt und auch langsam auch der Kontakt zur Außenwelt, relativ langsam. Und er hat immer gemerkt, die Vietnamesen haben sich dann immer mehr angepasst an die deutsche Kultur. Und denen hat eigentlich die deutsche Kultur dann auch gefallen, dass sie sich so angepasst haben. Aber am Anfang war es schon ein bisschen einsam, sagt er.
QMN/QAD: [Vietnamesisch]
QAD: Es war so, als sie rüber gekommen sind die Vietnamesen, da mussten sie erst mal drei Monate einen Deutschkurs besuchen, also das war dann von der DDR so geregelt und danach wurden sie langsam eingelernt in die Maschinen. Und da sagt er, da hat er eigentlich sehr viel Kontakt zu den Deutschen gehabt, zu den Meistern, die die Leute dann allmählich in die Maschinenarbeit eingeführt haben.
MA: Und wie war dann im Vergleich, als Sie in den Westen gegangen sind, das Leben dann? War das ein großer Umbruch oder wie haben Sie das damals erlebt?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Also er hat gesagt in der DDR, jetzt nicht vom Lebensstandard her, aber was die Beziehung zur Arbeit angeht, hat sehr viel von Vietnam gehabt. Gerade dieses planwirtschaftliche, sagt er, Du bist einfach zur Arbeit gegangen, Du musstest Dich nicht groß auf irgendwas einstellen. Du hast halt gearbeitet, es lief alles linear, sagt er noch, und am Ende des Monats kriegst du halt Deinen Lohn. Als er dann nach Deutschland gekommen ist, sagt er, nach dem Fall der Mauer, sagt er, das war die komplette Umstellung für ihn. Weil er musste sich um viel mehr Sachen kümmern und, wie er auch sagte, Du musst auch die ganze Zeit im Kopf in Bewegung bleiben. Das ist nicht so, dass Du zur Arbeit gehst und dann danach gehst Du heim, schmeißt Dein Zeug hin, ne? Er sagt, Du musst Dich um viel mehr Sachen kümmern. Und das Leben hier geht mehr hoch, runter, hoch, runter. Und in der DDR hat er das mehr linear gesehen, das war alles auf einer Ebene die ganze Zeit. In Westdeutschland da hast Du Dich immer der Situation entsprechend anpassen müssen. Deswegen meint er auch das war immer mehr so ein Wellengang. Also schon eine starke Veränderung, die er erlebt hat.
MA: 1992 kam es ja in Rostock-Lichtenhagen dann zu gewalttätigen, rassistischen Angriffen gegen ein Wohnheim, wo auch eben ehemalige Gastarbeiter aus Vietnam gelebt haben. Habe Sie das damals wahrgenommen? Wie haben Sie das damals empfunden?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Er sagt, er hat das registriert, natürlich fand er das sehr schade, aber er sagt, das war eigentlich schon in Ostdeutschland, war das eigentlich für ihn, wie soll man sagen, auch kurz nach dem Fall der Mauer, war das eigentlich Alltag für die Vietnamesen dort. Es war eigentlich Alltag, dass Du Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt warst und er sagt, es war eigentlich normal, dass Du, wenn Du mal durch die Straßen gegangen bist, hast Du halt eine aufs Maul gekriegt von irgendwelchen Glatzen. Deswegen hat ihn das, was in Rostock passiert ist, hat ihn jetzt nicht so, wie soll man sagen…
MA: …überrascht.
QAD: …überrascht, ja, hat ihn nicht überrascht im Endeffekt. Er fand es natürlich traurig, aber er sagt, in Ostdeutschland gehörte das zum Alltag.
MA: In Westdeutschland oder hier dann in Mannheim später, haben Sie in Ihrem Leben das Gefühl, dass sie diskriminiert werden, weil Sie eben Migrant sind? Haben Sie solche Erfahrungen auch selbst gemacht im Laufe der Jahre?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Er sagt jetzt, seit er jetzt in Westdeutschland ist, sagt er komischerweise, dass er fast gar nicht solche Erfahrungen gemacht hat. Also er sagt, hier brauchst Du keine Angst haben und er hat jetzt nicht diese Art von Diskriminierung erfahren, wie er es in Ostdeutschland erfahren hat. Sagt er, hier war einiges besser als in der DDR, hier hat er nicht so die Erfahrung gemacht.
MA: Wie war das für Sie, als Sie dann nach Westdeutschland kamen – in München ist es ähnlich, in Mannheim ja auch – dass es da sehr viele Migranten gibt, vielleicht in Mannheim noch mehr, sichtbarer als in München. Wie haben Sie das empfunden? Oder auch wie ist es für Sie in so einer Stadt zu leben, wo Menschen eben sind aus allen Teilen der Welt sozusagen?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Also er sagt, ja natürlich, ihm ist aufgefallen, Mannheim hat überdurchschnittlich viel Migranten, im Gegensatz zu München. München hat ein bisschen weniger, hat er gesagt. In München hat er das gar nicht so gesehen, weil für ihn war das ja eh alles neu. Hier fällt ihm das verstärkt auf. Dann hab ich ihn gefragt, wie findet er das jetzt, ist das ein Problem, sieht er da irgendwelche Konflikte? Und da hat er gemeint, ne, eigentlich nicht, sagt er. Für ihn ist das ganz normal, dass in einer so großen Stadt einfach so viele Migranten wohnen. Er urteilt jetzt nicht, da hat es Konfliktpotential bestimmt, aber er sagt, für ihn ist das ganz normal. Ich glaube, er macht sich darüber nicht so viele Gedanken. Es ist halt so und es ist okay so.
MA: Ja, vielleicht gehen wir voran, da Sie ja nicht so viel Zeit haben.
QAD: Nein, das ist okay, wenn ich ein bisschen später komme, macht das auch nichts.
MA: Wenn Sie an Mannheim denken, was ist für Sie so typisch für diese Stadt, was so ganz besonders ist. Wenn Sie ganz woanders sind und an Mannheim denken, was ist so für Sie…?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Er sagt jetzt, dass in Mannheim, egal in welchem Bereich es ist, es geht eigentlich immer alles relativ schnell. Zum Beispiel er möchte einen Laden aufmachen, man hat da jetzt keine lange Wartezeit wegen der Gewerbesteuer und dies und das. Aber auch jetzt auf dem Amt, hat er gemeint, das geht relativ schnell, wenn man sich drum kümmert. Das ist so das besondere an Mannheim, sagt er jetzt, dass es relativ schnell geht alles.
QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Er findet Mannheim auch sehr überschaubar. Es ist nicht so groß, nicht so klein. Er hat jetzt die Situation seiner Kinder angesprochen. Er hat ja drei Kinder. Und beide Kinder sind hier auf der Schule, nicht weit von hier. Und waren auch hier im Kindergarten, auch nicht weit von hier. Und er findet eigentlich gut, dass das alles so schön überschaubar ist und auf kurzen Wegen zu erreichen.
MA: Gibt es einen Ort, wo Sie sagen, der ist besonders, das ist Ihr Lieblingsort hier oder irgendwas, wo Sie sehr gerne sind?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Also so ein bestimmter Vorzug von Mannheim oder einen bestimmten Ort oder bestimmte Stadtteile oder eine Sehenswürdigkeit, hat er jetzt eigentlich nicht. Weil er sagt, solche Sachen hast Du eigentlich in jeder anderen Stadt. Was ihm eigentlich mehr an Mannheim gefällt, ist Mannheim im gesamten. Das ist jetzt auch für seine Familienkonstellation, für seine Kinder, für seine Frau, für seinen Betrieb, das alles passt im Augenblick. Und da hat er jetzt kein spezielles Ding hier in Mannheim. Es ist mehr so die Gesamtheit.
MA: Und wie denken Sie, dass die übrigen Mannheimer, die Ur-Mannheimer sozusagen, es finden, dass hier viele Migranten leben? Was sind auch Ihre Erfahrungen hier im Laden mit Mannheimern überhaupt insgesamt? Jetzt hab ich zwei Fragen, in eine gepackt…
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Also er redet halt jetzt mehr über seinen Stadtteil, in dem er wohnt.
MA: Wohnen Sie in der Innenstadt?
QAD: Ja, genau. Und er sagt jetzt auch, er ist sehr erstaunt, dass das alles so gut läuft. Er hat nie Probleme mit den Nachbarn, das sind fast alle Deutsche, hat er gesagt, in seiner Umgebung, in seiner Nachbarschaft und die sind alle sehr, sehr hilfsbereit und sehr nett. Und er sagt, mit den Deutschen kommt er sehr gut aus, auch hier im Laden. Auch die Leute, die hier essen gehen, die sind sehr respektvolle Leute, benehmen sich sehr, er hat nie Probleme gehabt hier in Mannheim. Über die älteren Leute kann er jetzt nichts sagen, er kann es nur über die Leute, die hier in der Umgebung sind und die Leute, die zu ihm zum Essen kommen, ganz unterschiedliche Leute. Alle benehmen sich gut.
MA: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, alles noch einmal zu machen von Anfang an, würden Sie wieder diesen Weg, den Sie gegangen sind hierher, würden Sie das wieder so tun? Oder würden Sie sagen, „Nee, wäre ich doch da und dort hingegangen?“
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
MA: Vielleicht auch noch die Fragen, ob Sie es jemals bereut haben, hierhergekommen zu sein, also überhaupt nach Deutschland oder hierher dann.
QMN/QAD: [Vietnamesisch]
QAD: Er sagt also, bereuen tut er’s auf jeden Fall nicht, ob er das jetzt wieder so machen würde, hat er gesagt, darüber hat er noch gar keine Zeit gehabt, nachzudenken. Er sagt jetzt, für ihn ist das, was jetzt im Augenblick passiert, ist ihm wichtig. Wichtig ist, dass die Kinder versorgt sind, dass sein ältester Sohn studiert und dies und das. Und da ist er eigentlich ganz froh. Er hat gemeint, wenn die Kinder mal aus dem Haus sind und alle soweit versorgt sind, dann hat er vielleicht mal Zeit nachzudenken, ob er vielleicht etwas anders gemacht hätte. Jetzt im Augenblick, sagt er, hab ich noch nicht darüber nachgedacht. Bereuen tut er es nicht.
MA: Er ist zu sehr im Alltäglichen.
QAD: Genau, genau. Bereuen tut er es nicht, aber ob er es jetzt nochmal so machen würde, da hat er sich keine Gedanken gemacht.
MA: Was studiert Ihr Sohn?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Er ist kurz vor dem Studium, der macht die zweijährige Hochschulreife nach. Das müssen Sie so sehen, Herr Muoi, das ist auch seine zweite Ehe. Und der Sohn ist von der ersten Ehe und da ist es so ein bisschen kompliziert. Also er hat früher hier gewohnt, der älteste Sohn, aber dann ist er nach Essen gezogen. Die Mutter wohnt dort in der Nähe, genau, und macht er da sein zweijähriges nach, danach kann er studieren gehen.
MA: Ja, dann…
QAD: Stellen Sie ruhig noch ein paar Fragen!
MA: Ich hab’s jetzt alles ein bisschen gestrafft. Da müsste ich noch einmal zurück…
QAD: Er hat zwei kleine Töchter aus zweiter Ehe.
MA: Vielleicht auch noch was Ihr jetziger Status ist?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Er hat eine Niederlassungserlaubnis, das ist der unbefristete Aufenthaltsstatus für Ausländer. Und seine Frau auch, nee…
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Nee, haben alle noch den vietnamesischen Pass und alle haben die Niederlassungserlaubnis.
MA: Genau, das ist mir auch noch gekommen: Waren Sie nochmal in Vietnam, seitdem Sie hier sind? In Urlaub? Sind Sie einmal zurückgegangen, haben Sie Ihre Eltern wiedergesehen, Ihre Geschwister?
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Das ist jetzt so, er sagt, er weiß nicht, wie oft er in Vietnam war, aber sagen wir mal so um die zehn Mal. Und es ist halt so, seine Eltern, die leben schon nicht mehr und er sagt, es gibt für ihn keine bestimmte Abschnitte, wo er sagt, er geht alle zwei Jahre nach Vietnam. Für ihn kommt es immer darauf an, wann er sich Urlaub nimmt, wie ist die finanzielle Situation und dann sagt er, dann geht er einfach nach Vietnam. Aber es ist vorwiegend Urlaub, halt Geschwister mal besuchen, dies und das, Freunde. Aber wegen den Eltern nicht mehr, weil die nicht mehr leben. So um die zehn Mal war er in Vietnam, sagt er, seit er in Deutschland war.
MA: Und vielleicht als letzte Frage: Gibt es hier eigentlich eine größere Gemeinde von Leuten aus Vietnam?
QAD: Die sich organisieren?
MA: Nö, nicht unbedingt. Wo man halt Kontakte hat. Gar nicht in dem Sinne organisiert…
QAD/QMN: [Vietnamesisch]
QAD: Also er sagt, in Mannheim gibt’s viele Vietnamesen. Und der Großteil seiner Freunde sind auch Vietnamesen. Er ist eine relative große Zahl, ich kann es jetzt nicht benennen zahlenmäßig. Aber es sind relativ viele, jetzt auch im Gastronomiebetrieb, aber auch in dem Bereich, was ganz neu ist, der Bereich Nagelpflege und so was, dass viele Leute da sind. Es sind schon einige Vietnamesen da, zu denen er Kontakt hält.
MA: Gut, dann danke ich Ihnen sehr für das Interview!
QMN: Nichts zu danken!
MA: Das hat ja jetzt ganz gut geklappt, auch dass Sie dann Zeit hatten.
QAD: Um zehn hätte ich eigentlich im Büro sein müssen, aber fünfzehn Minuten hin oder her, das macht nichts.
MA: Dann bedanke ich mich bei Ihnen aber auch sehr herzlich!
Produktionsbeteiligte:Interviewerin: Maria Alexopoulou
Übersetzer: Quoc Anh Do, Migrationsberater bei der Paritätischen Mannheim
Playing time:0:42:39
Ton:nur
Angaben zum Erwerb:D 51
Alte Signatur:Zug. 09/2014 Nr.16
 

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