AV0779 Oral History Projekt „Alle Wege führen nach Mannheim“: Interview mit Tefik Ramadani, 2012 (Audiovisuelle Sammlung)

Archive plan context


Title:Oral History Projekt „Alle Wege führen nach Mannheim“: Interview mit Tefik Ramadani
Ref. code:AV0779
Ref. code AP:AV0779
Originalmedium:nur digital vorhanden
Datumsbemerkung:21.05.2012
Creation date(s):2012
Rechte:Stadtarchiv Mannheim
Inhalt_AV:Maria Alexopoulou [i. F. MA]: Heute ist der 21. Mai 2012. Wir befinden uns in der Wohnung von Herrn Ramadani, in der Donnersbergstraße 13 in Mannheim-Lindenhof. Mein Name ist Maria Alexopoulou und ich interviewe im Rahmen des Oral History Projekts „Alle Wege führen nach Mannheim“ Herrn Tefik Ramadani. Herr Ramadani sind Sie damit einverstanden, dass dieses Interview aufgenommen wird?
Tefik Ramadani [i. F. TR]: Ja.
MA: Vorab hätte ich gerne von Ihnen gewusst, wie lange Sie schon in Mannheim leben und in Deutschland?
TR: Also…ich lebe in Mannheim seit, in Deutschland seit [19]93. Nach Mannheim bin ich gekommen Ende des Jahres [19]94. Also erst mal war ich allein hier und nach circa einem Jahr hab ich auch meine Familie hier nach Deutschland geholt. Und eigentlich seit Dezember [19]94 leben wir in Mannheim.
MA: Und welche Staatsbürgerschaft haben Sie?
TR: Ich bin deutscher Staatsbürger jetzt, mittlerweile über zehn Jahre. Ich kam aber damals aus ehemalige Jugoslawien, genauer gesagt aus Pristina. Dort haben wir gelebt und dort hab ich auch gearbeitet, dort wurde meine Familie gegründet und dort sind meine Kinder geboren.
MA: Vorab noch eine Frage: Was ist Ihr jetziger Beruf?
TR: Ich bin von Beruf her Diplomheilpädagoge, das heißt so hier. Aber im ehemaligen Jugoslawien heißte das Diplom-Defektologe. Und zurzeit arbeite ich als Familienhelfer, das nennt man sozialpädagogische Familienhilfe, zusätzlich arbeite ich als gesetzlicher Betreuer und ich bin noch als Dolmetscher und Übersetzer für die albanische Sprache zuständig.
MA: Ja, jetzt gehen wir mal zurück. Und zwar hätte ich da, wollte ich Sie gerne so ein bisschen nach Ihren biographischen Daten fragen: wo und wann Sie geboren sind, ein bisschen über Ihren Geburtsort, über Ihre Familie, über Ihre Kindheit, also, über Ihre Eltern, Wohnverhältnisse, Geschwister.
TR: Also ich bin geboren in einem Dorf, der Qarr heißt, das ist ein Baum, also der Dorf trägt Namen des Baums. Dieses Dorf befindet sich heute in Süd-Serbien, Gemeinde Bujanovac heißt das. Dort bin ich [19]54 geboren. Wir waren eine große Familie, also bäuerliche Familie. Der Lebensunterhalt wurde gesichert durch Feldarbeit, durch Vieh und Schafe, eine so richtige Bauernfamilie. Wir waren viele Mitglieder in der Familie damals, weil mein Vater lebte zusammen mit seinem Bruder noch. So war die Tradition damals und die Umstände und die Verhältnisse waren so, man musste zusammenhalten, um zu überleben, weil das Leben war sehr hart. Ich bin als erstes Kind in meiner Familie geboren, der Älteste und wir sind zusammen sechs Geschwister. Und wie gesagt, entsprechend den Umständen hab ich eine gute Kindheit gehabt. Also das, was die Gegebenheiten erlaubt haben und geboten haben damals, muss ich sagen, bin ich normal aufgewachsen. Mit Liebe und Unterstützung von den Eltern, das was Sie damals machen konnten… Man muss immer die Umstände betrachten. Also es war nett viel für alle, also was Standard betrifft, kann man kaum mit heute vergleichen. Wir haben erst mal in den, ich war erst mal neunzehn Jahre, zwanzig Jahre wenn wir Strom bekommen haben. Und Wasser holten wir immer von einem Brunnen. Und meine Mutter und die anderen Frauen des Dorfes mussten ihre Kleider an einem kleinen Fluss oder Bach waschen, weil so waren die Umstände halt.
MA: Und Ihre Schulzeit?
TR: Also ich hab vergessen zu sagen: Ich bin geboren als erstes Kind, nachdem mein Vater vom Gefängnis entlassen worden war. Also weil irgendwie, ihm wurde vorgeworfen, dass er im Zweiten Weltkrieg verwickelt worden war in damaligen Kämpfen. Und dann kamen die Partisanen, also die Kommunisten damals, die kommunistische Partei war der Sieger. Und die haben praktisch ihre Macht eingeführt und dann 1950 wurde er verhaftet. Aber doch dann von dem Gefängnis als unschuldig entlassen worden ist, obwohl er drei Jahre sitzen musste. Und danach, erzählte er mir später, dass er sich nicht getraut hat, nicht mal eine Entschädigung zu verlangen, weil immer die Gefahr bestand oder die Angst, dass er noch mal reinkommt. Und dann hat der Anwalt ihm gesagt damals, „lieber lass das ruhen, weil Du bist jetzt frei gekommen und verlange nicht viel“. Man muss immer die Umstände damals betrachten. Und besonders gab es Zeiten, die für diese Minderheiten, also diese albanische Bevölkerung nicht leicht war. Und dann so bin ich, nach einem Jahr, als er entlassen worden ist, auch geboren. Und zur Schule ging ich mit, normal war damals mit sieben Jahren. Die Grundschule hab ich auf dem Dorf besucht. Es gab nur eine vierjährige Schule und dann gab es die, also hier nennt man das auch Grundschule, aber es ist anders strukturiert. Damals gab es nur eine Grundschule, die von erster bis achte Klasse dauert. Und danach konnte man eine Mittelschule besuchen. Ab der fünften Klasse musste ich zum nächsten Dorf gehen, wo die Schule war. Und da hab ich meine Grundschule beendet. Und dann war ich fünfzehn Jahre alt, denke ich. Und der Vater wollte unbedingt, dass ich weiter mache, Schulbildung, Ausbildung usw. Und dann hat mich wirklich hart unterstützt, mit das, was er konnte. Und dann bin ich in die Mittel-Medizinische-Schule hieß das damals gegangen nach Pristina. Die hab ich auch also mit gutem Abschluss beendet, das war 1973. Also dann hab ich ein Diplom oder eine Ausbildung bekommen. Damals hieß das „Medizinisches Labor“ und hier heißt das „MTA“, denke ich, in Deutschland vergleichsweise. Danach hab ich erst mal in einem Krankenhaus in einer Stadt, Gjilan, in Kosovo gearbeitet. Nur ein Jahr, aber dann hab ich gesehen, ich muss weitermachen. Und dann bin ich praktisch, erst mal hab ich die Fachhochschule für Medizin in Sarajevo in Bosnien und Herzegowina besucht. Die hab ich [19]76 abgeschlossen. Danach sofort hab ich einen Arbeitsplatz bekommen in Pristina in der Schule, wo ich als Schüler war, also in dieser Mittel-Medizinischen-Schule. Und dann hab ich angefangen praktisch als Lehrer zu arbeiten. Dann ich bildete aus die MTAs in dieser Schule. Aber das war mir auch irgendwie nicht ausreichend. Dann hab ich weitergemacht und hab Defektologie studiert in Belgrad.
MA: Was ist das genau?
TR: Damals hieß das „Defectološki“ Fakultät, also Fakultät für Defektologie. Im Allgemeinen bedeutet das, Menschen, die irgendwelche Behinderungen haben oder Vernachlässigungen. Und es gab besonders in den sozialistischen, kommunistischen Ländern damals dieses Studium. Heute in Deutschland man kann vergleichen mit Heilpädagogik, Sozialpädagogik oder Sonderpädagogik. Wir haben das alles in Einem gehabt. Aber das ist schon lange her… Und da hab ich auch 1983 diplomiert. Und dann war ich dort Diplom-Defektologe. Aber ich habe das also, eine Art Fernstudium gemacht, weil ich arbeitete die ganze Zeit und studierte noch dazu. Das wurde damals uns ermöglicht also. Weil man muss im ehemaligen Jugoslawien zwei Perioden betrachten. Erst mal vom Zweiten Weltkrieg bis Ende der sechziger Jahre, war sehr schwierig für alle, aber besonders für uns Albaner war sehr schwierig. Es wurde eine Politik da getrieben, die eigentlich irgendwie nicht so freundlich und gleichberechtigt war. Und dadurch gibt dann ein Plenum von kommunistischer Partei Jugoslawiens damals, die unter Titos Führung stand, und bei diesem Plenum wurde der Innenminister entlassen und ihm wurde vorgeworfen, dass er diese Gräueltaten gemacht hat, Ende der sechziger Jahre, genauer gesagt 1966. Das ging in die Geschichte als Brioner-Plenum, Brione ist eine Insel im Adriameer, und da haben sich die Führungskräfte getroffen. Und danach kam es zu einer großen Liberalisierung kann man sagen in Jugoslawien. Und es gab dann eine neue Verfassung, die praktisch 1974 zustande gebracht wurde. Und dadurch dann auch Kosovo als eine autonome Region hat breite Autonomie bekommen. Und irgendwie waren wir alle gleichberechtigt sozusagen, obwohl immer noch Kosovo als autonome Region. Im Norden gibt es, auch heute in Nord-Serbien, Vojvodina, die haben gleichen Status gehabt. Die waren aber nicht gleichberechtigt wie die anderen Bundesrepubliken. Aber doch in Bundesebene haben die sich selbst vertreten dürfen, vertreten können. Und da hat sich die Lage deutlich verbessert. Da wurde auch die Universität in Pristina gegründet und eigentlich auch die Albaner haben die Möglichkeit gehabt sich ausbilden zu lassen, also Schule zu besuchen, was vorher nicht so der Fall war.
MA: Eine Frage noch zur Schulzeit: War das dann, in welcher, war das dann alles zweisprachiger Unterricht, oder?
TR: Ja, kann man sagen. Meine Generation hat fast die Hälfte der Fächer noch in serbischer Sprache gehabt, obwohl Albanisch als Sprache wurde die ganze Zeit anerkannt in den Gemeinden, wo die Albaner lebten. Man muss auch das zugeben, es fehlten, es fehlten auch Fachkräfte, die Albanisch sprachig waren. Ich spreche immer über Ende der sechziger Jahre. Deswegen hab ich zum Beispiel die Hälfte der Fächer auch auf serbischer Sprache gehabt. Also das ist von ´71 oder ´72.
MA: Und, also in der Familie haben Sie aber Albanisch gesprochen?
TR: Ja.
MA: Und aber, Serbokroatisch war auch, das haben Sie auch gelernt? Oder erst in der Schule gelernt?
TR: Nein, also, nicht alle. Besonders die Männer haben das beherrscht. Aber nicht so genau die Frauen. Meine Mutter zum Beispiel lebt noch und sie weiß immer noch heute keine serbische Sprache. Serbokroatisch hieß es damals, war Amtssprache in Gesamt Jugoslawien. Aber im Kosovo war hauptsächlich auch Albanisch als Amtssprache und das funktionierte recht gut damals. Besonders in den siebziger Jahren durch diese Autonomierechte, die Kosovo bekommen hat.
MA: Ja, und dann hatten Sie ja schon erwähnt, haben Sie eine Familie gegründet.
TR: Ja, danach, also wie gesagt, habe ich angefangen zu arbeiten in der Schule, also in dieser Mittelschule, 1976, und da hab ich auch in dieser Zeit, das war Ende ´77, Anfang ´78 hab ich meine Frau kennengelernt, die damals Studentin war an der Universität in Pristina. Und so haben wir uns entschieden zu heiraten. Und wir haben uns 1979 geheiratet. Und danach kamen die Kinder zur Welt. Die älteste Tochter ist im Januar ´81 geboren.
MA: Wie viel Kinder haben Sie?
TR: Wir haben drei. Zwei Mädchen und einen Sohn. Weil in den albanischen Familien, laut dieser Tradition, die erhalten geblieben ist, muss unbedingt ein Sohn da sein.
MA: Ja. [Lachen] Also haben Sie so lange probiert, bis einer gekommen ist…
TR: Nee, eigentlich wir nett. Aber nach zwei Töchtern haben wir den Sohn bekommen und…
MA: …dann war es vorbei [Lachen]. Ja, wann kam denn zuerst der Gedanke auf, Pristina zu verlassen oder Ihre Heimatstadt? Also was war, was ist passiert?
TR: Äh also, ich muss sagen, ich hab nie gedacht, dass ich Heimat verlasse, nie. Aber irgendwie die Umstände haben es anders entschieden. Also die Entwicklung, also die politische Entwicklung war der wichtigste Faktor, der mich dazu gebracht hat, meine Heimat zu verlassen. Also obwohl wir damals diese Autonomierechte genossen, konnten wir uns also irgendwie weiterentwickeln als Volk, aber irgendwie doch waren wir nicht zufrieden. Weil für damalige Umstände doch Kosovo war die ganze Zeit das ärmste Haus in Jugoslawien damals. Und viele Leute haben dann ihre akademische Ausbildung bekommen, aber Arbeitsplätze gab es nicht. Und der ehemalige Führer von Jugoslawien war ziemlich alt und eigentlich er starb auch in 1980. Und damals war ich jung, und wenn man jung ist, hat viele Ideale auch. Und hab ich mitgemacht bei dieser politischen Bewegung, Untergrundbewegung, die eigentlich vom Staat nicht geduldet war. Und dann danach, nachdem Tito gestorben ist, gab es große Proteste der Jugendlichen, besonders der Studenten in Pristina. Das passierte sogar gleichzeitig mit den Solidarnoṡċ-Protesten in Polen. Also kam eine Bewegung zu Stande, obwohl, vielleicht man kann das anders irgendwie betrachten, aber das Ziel war fast das gleiche. Die Jugendlichen wollten Veränderung. Und solche Proteste brachen immer da, wo, wie sagt man, wo…
MA: … es am prekärsten ist.
TR: …am prekärsten ist. Weil die Lage war wirklich prekär. Keine Arbeitsplätze, keine Möglichkeit für ein normales Leben. Im Sinne von, wenn Jugendliche mit akademischer Ausbildung nicht Arbeit finden, dann müssen sie irgendwie ihren Lebensunterhalt sichern und dann mussten sie eigentlich mit den Eltern bleiben und wieder die alte Arbeit machen, was die Eltern gemacht haben. Und die Unzufriedenheit war so groß, dass alles auf einmal geplatzt ist und dann gab es große Proteste. Aber auch die Reaktion des Staates war extrem scharf und das wurde als Kontrarevolution damals qualifiziert. Und wenn das geschieht in einem kommunistischen Land, man kann über die Folgen nur denken. Und dadurch, weil ich da verwickelt war, ich kam auch ins Gefängnis. Und das passierte 1984 mit zwanzig anderen Leuten wurden wir zu Gefängnis verurteilt. Mit der Begründung unerlaubte politische Aktivitäten und Feindseligkeiten und dass wir irgendwie zusammen zu einer Gruppe geschlossen haben, die als Konterrevolution betrachtet wurde. Weil auch als politische Parole damals und als Ziel der Proteste wurde herausgerufen, dass Kosovo soll den gleichen Status haben wie die anderen Bundesrepubliken in Jugoslawien und dass auch die Albaner gleichberechtigt mit anderen Völkern Jugoslawiens sind. Weil man weiß schon Jugoslawien war ein Mehrvölkerstaat und eigentlich mehrheitlich sind alle slawische Völker, wenn man heute betrachtet, nur Albaner im Süden und die Ungarn im Norden waren nicht slawische Völker. Also es gab auch andere Minderheiten, aber kleine Minderheiten. Aber Hauptsache ging es um Albaner da im Kosovo und auch die Ungarn im Norden. Und der Staat duldete das nicht und irgendwie da fing es alles an. Weil die serbische Führung damals, man kann heute auch feststellen die serbische Kirche, die serbische Akademie der Wissenschaften war nicht zufrieden mit der Position des damaligen Serbien. Sie wollten vielmehr. Also sie waren nicht zufrieden, dass sie in Jugoslawien gleichberechtigt mit anderen Völkern waren. Und das haben sie schon im Kosovo gezeigt, wohin die gehen wollen. Und wirklich danach passierte, man kennt die Geschichte jetzt Jugoslawiens, wie das zusammen war, welche Kriege und Gräueltaten da gemacht worden sind. Und dadurch dann wurde ich zu sechs Jahren Haft verurteilt und mein Leben dann eine andere, ein Wendepunkt war für mich, eine andere Richtung genommen hat. Gott sei Dank dann das höhere Gericht hat die Verurteilung irgendwie korrigiert was die Höhe der Strafe betrifft bei allen von diesen zwanzig Freunde, die verurteilt worden sind. Und dann wurde ich zu drei Jahren Haft verurteilt bei der zweiten Instanz und das musste ich ablegen. Also ich war dann drei Jahre lang in Haft. Ich wurde 1987 entlassen und dann eigentlich durften wir nicht arbeiten. Obwohl meine berufliche Qualifikation heute noch sind defizitär dort, nicht nur damals. Also es war nicht das Problem, dass ich keine Arbeit fand, aber der Sicherheitsdienst war immer da und auch wenn ich irgendwo angefangen zu arbeiten gehabt habe, die dann sind gleich hinten gekommen und sagten „den dürfen Sie nicht anstellen“. Und so bekam ich keine Arbeit dort. Aber dann ist man in den Zeiten, wo auch ein anderer Wind sich gedreht hat. Man merkte schon, dass etwas großes im Gange ist in Europa und dass die Verhältnisse zwischen Westen und Osten irgendwann dieses Eis irgendwie wollte schmelzen, irgendwie, also man merkte, dass neue Zeiten kommen werden. Und das haben wir auch dort gemerkt. Aber für die serbische Politik das war nicht genug, die wollten dann ganz diese Autonomierechte für Kosovo abschaffen. Und das ist tatsächlich geschehen 1989. Aber dieser Wind kam auch über Jugoslawien, dieser neue Wind, politische Wind, ob sie wollten oder nicht. Und dann mussten sie erlauben, dass neue politische Parteien gegründet werden. Nicht nur kommunistische Partei in Herrschaft bleiben sollte und dadurch kam eine liberale Bewegung in Gang. Obwohl dem serbischen Staatsapparat das nicht gefallen würde und aus diesem Grund die extrem nationalistische politische Kräfte haben den damaligen Präsident Slobodan Milosevic erst mal als Parteivorsitzenden aufgerufen, er gewählt worden war. Das passierte 1987. Aber sein Projekt hat er erst im Kosovo angefangen. Da hat er ausprobiert, wie das läuft und wie die anderen reagieren. Und die anderen Bundesrepubliken haben ein bisschen versucht das zu verteidigen, dieses alte System, die Balance, was der Tito geschaffen hat, aber eigentlich gegenüber Serbien waren die zu schwach. Und auch die haben es gemerkt, wir nutzen die Gelegenheit jetzt und gehen weg. Und komischerweise der Krieg brach dann nicht in Kosovo, sondern in Slowenien in den nördlichsten Teil Jugoslawiens. Aber er dauerte nicht lange. Weil serbische Politik hat schon damals bestimmte politische Ziele verfolgt. Weil die haben schon im Vorfeld alles geplant gehabt. Und dadurch kam, nach dieser Gründung der Parteien auch, Bestrebungen von den Bundesteilen jetzt selbständig zu werden, besonders Kroatien und Slowenien. Und dann praktisch nach ein oder zwei Jahren geschah wirklich so. Aber jugoslawische Armee damals, die unter Führung praktisch von serbischen politischen Kräften war, wollten nicht zulassen und dadurch kam es zu Kriegen. Und diese Auseinandersetzung in Jugoslawien und diese Gräueltaten, die gemacht worden sind, von heute kann man immer noch nicht betrachten, warum das geschehen sollte, warum das geschehen musste. Also es hätte sehr gut diese Balance funktionieren können und vielleicht wären wir schon heute in Europäischer Union schon früher aufgenommen worden zusammen. Aber dem serbischen Machtapparat war das nicht genug, die wollten dann im Namen Jugoslawiens Groß-Serbien schaffen. Und das brach dann zum Kriege und zu Gräueltaten, sogar zum Genozid, das passierte besonders in Bosnien und im Kosovo. Man weiß schon, dass im bosnischen Krieg über 250.000 Menschen ermordet oder umgebracht worden sind. Im Kosovo spricht man immer über 10.-12.000, so genau weiß man noch nie. Und immer noch werden heute Leichen von ermordeten Personen gesucht. Man weiß nicht mal, wo die begraben sind. Das musste aber alles nicht passieren, nicht geschehen. Aber leider war so.
MA: Wie war das eigentlich für Sie? Waren Sie, als Sie aus dem Gefängnis kamen, weiterhin politisch aktiv?
TR: Ja. Also ich hab dann die Gelegenheit, die Möglichkeit gehabt, da hab ich einen Arbeitsplatz bekommen, aber in Kroatien, in Zagreb. Zagreb ist die Hauptstadt von Kroatien und damals wurde schon die erste politische Partei, die Opposition zum Kommunismus sozusagen, gerade in Zagreb gegründet. Diese HDZ, kennen Sie schon. Und ich bekam damals einen Arbeitsplatz dort als Vertreter von einer Firma, die eigentlich sozusagen Bildungsprogramme stellte für die Mittelschulen besonders, für die Zivilbevölkerung. Es ging um Zivilverteidigung und Bekämpfung von, weiß isch nett, von Naturkatastrophen, von Feuerkatastrophen, das nannte man damals, in Jugoslawien hieß das „Zivilverteidigung“ oder ich kann nicht genau in Deutschland beschreiben…
MA: Irgendwelche Katastrophen oder Ausnahmefälle?
TR: Ausnahmefälle auch. Aber zum Beispiel wie man reagiert, das Erste Hilfe Programm, ja. Wenn es zu Wasserfällen kommt, wie man die Zivilbevölkerung schützt usw. Solche Programme. Ich musste zum Beispiel die Programme auch präsentieren, weil ich gebildet war dafür, im Sinne von Mediziner wie man die Erste Hilfe anbietet, wie man einem Verletzten die Erste Hilfe anbieten kann, Blutvergießen verstopfen und jemand, der den Fuß abgebrochen hat, wie man den immobilisiert und weitertransportiert usw. Die Programme verkaufte ich und demonstrierte auch die Programme. Und das hat ziemlich gut funktioniert, circa vier Jahre. Und ich war zwei Wochen in Zagreb, zwei Wochen in Pristina, Kosovo, hab ich die Schulen besucht, um diese Mittel zu verkaufen. Aber ich war damals auch in Serbien tätig und teilweise auch in Mazedonien.
MA: Und Ihre Familie, hat die auch…
TR: Nee, die Familie war die ganze Zeit in Pristina. [Telefon klingelt]
MA: Die Familie war die ganze Zeit in Pristina.
TR: Die Familie war die ganze Zeit in Pristina. [Telefon klingelt weiter – Interviewpause]
TR: Ja und dann auch im Kosovo, kam es zur Gründung der ersten Oppositionspartei, die Demokratische Bewegung Kosovas hieß, das war mehr eine Bewegung als eine richtige politische Partei, aber es war die erste Oppositionsbewegung gegenüber der kommunistischen Partei damals Jugoslawiens. Und da hab ich gleich mitgemacht, von Anfang an war ich da und bei Gründung von Zweigen der Partei mitgeholfen. Sogar ich gewählt worden bin, zu einem wie man Kreisvorstand der Partei nennt, in Pristina.
MA: Die Partei war dann legal in dem Moment?
TR: Ja, die Partei dann war legal, aber unter Beobachtung die ganze Zeit. Und irgendwie das hat uns damals auch gewundert, weil irgendwie duldete die serbische Regierung damals die Partei.
MA: Das war dann auch Ende der Achtziger?
TR: Ja, ´89. Genauer gesagt Ende ´89 wurde das gegründet. Und irgendwie dann haben wir da Aktivitäten geführt, weitergetrieben und haben uns organisiert. Und Hauptziel war die Veränderung der Verfassung von Kosovo, wir haben nicht [unverständlich] auch diese politische Führung, die neue, die entstanden war in erster Linie von Intellektuellen dort. Und dann haben wir sozusagen in dieser Zeit Parallelstrukturen aufgebaut. Kennt man den Begriff „Schattenstaat“ sozusagen. Und serbische Regierung war sauer und praktisch haben damals uns alle aus den öffentlichen Gebäuden rausgeworfen. Weil, ich muss das betonen auch, dass ich 1990, also im Schuljahranfang, bin ich wieder in der Schule aufgenommen, dort, wo ich gearbeitet habe.
MA: Wie kam das dann plötzlich?
TR: Weil Spaltungen gab es schon. Der albanische Lehrerrat in der Schule hat gesagt, „Wir müssen nicht mehr gehorsam sein gegenüber dem Gesetz oder den Vorschriften des Staates“. Und die haben mich eingeladen: „Bist du bereit wieder zu unterrichten?“. Hab ich gesagt sofort: „Ja!“. Aber dann, nach zwei Monaten die gesamten albanischen Lehrer wurden von dem System verjagt sozusagen. Keiner mehr von den Lehrern Lohn bekommen hat, weil, das war eine Entscheidung, „wir anerkennen die serbischen Schulprogramme nicht mehr, wir wollen unser…“. Und dann, danach gleich wurden aus den öffentlichen Gebäuden alle albanischen Schüler verjagt und wir haben damals, wie gesagt, dieses Parallelsystem oder dieses Schattensystem, wir haben dann Unterricht in den Häusern geführt. Also wir haben eine große Aktion veranstaltet und die Bevölkerung gebeten, wer Räumlichkeiten oder freie Räume hat, uns anzubieten. Und wirklich wir haben alles mitgemacht. Und dann entstanden sozusagen private Schulen oder Schulhäuser nannte man die. Also Häuser, die zu Schulen verwandelt waren. Und da hat der Unterricht stattgefunden ziemlich lange. Fast die ganze Zeit nach 1990.
MA: Und dann bis [19]99 bis…
TR: …bis NATO reingekommen ist praktisch. Und dann auch viele Arbeiter, die in verschiedenen Schulen gearbeitet haben, wurden auch entlassen. Und sozusagen das bestand nur, auch was die Schulen betrifft, was die Medien betrifft, nur offizielles Schulsystem von serbischer Regierung anerkannt und dieses parallele. Und dann auch gesamte Parlament wurde geschlossen, Fernsehprogramm wurde geschlossen, Medien, also Zeitungen, wurden alles geschlossen und durfte man das nicht mehr treiben, also man durfte keine, es wurde kein Parallelfernsehen erlaubt von dem Staat. Und auch man war nicht in der Lage, weil für einen Fernsehen muss man die gesamte Infrastruktur haben und das besaßen wir damals nicht. Und so praktisch gab es auch eine Informationslücke damals. Man konnte sich nicht richtig informieren, mehr unter dieser Zusammenarbeit, bei diesen Bewegungen, bei dieser politischen Arbeit. Und dadurch waren wir gezwungen möglichst viel zusammen zu machen, zusammenzuarbeiten. Und weil die Leute auch keine Löhne bekommen haben, dann wurde auch ein Sozialsystem aufgebaut, durch das es möglich war, dass sich die Leute versorgen mit Lebensmitteln, mit allem möglichen. Weil wirklich es gab einen Notstand damals, ja.
MA: Wie war das eigentlich für Ihre Familie schon Anfang der Achtziger?
TR: War wirklich sehr schwierig. Meine Kinder befanden sich damals, die Tochter, in der Grundschule und weil ich ständig aktiv war, aber dann bestand auch die Gefahr, dass ich nochmal wieder ins Gefängnis komme, weil ich habe da mitgemacht bei dem Aufbau von diesen Staatsstrukturen auch. Und das wurde wieder entdeckt und ein paar Freunde sind auch damals verhaftet worden. Ich habe rechtzeitig Information gehabt, deshalb bin ich praktisch geflüchtet. Ich wollte nicht noch einmal da rein kommen. Und die Gefahr bestand dadurch, dass durch diese Arbeit in Kroatien habe ich die Möglichkeit gehabt dort ein Programm zu entwickeln, was die Erste Hilfe betrifft. Und das war ein Videoprogramm, das wir bei der Stadt Zagreb, bei diesen, wie nennt man das, „Urgentna Medicina“…
MA: Notfallmedizin?
TR: Notfallmedizin sozusagen. Und da wurde das entwickelt, aber auf albanischer Sprache. Und das war so praktisch ein 180-Minuten Programm. Und das habe ich in Kosovo verkauft, also in den Schulen. Und das ist in deren Hände gefallen und dann irgendwie mit diesen Programmen haben die Ärzte irgendwelche Übungen geführt auch mit der Zivilbevölkerung. Also es wurde schon angefangen mit Vorbereitungen, wenn es zu einem Krieg oder Feindseligkeiten kommt, dass man irgendwie vorbereitet ist zumindest für die ärztliche Hilfe. Und ich stand da als Autor dieses Programmes.
MA: Ach so, so von wegen als Vorbereiter von kriegerischen…
TR: Ja, ja, und dann, wirklich ja, ich musste dann fliehen. Und ich habe keine Zeit…
MA: Das war wirklich von einem, von einem Tag zum anderen…
TR: Ja, ja, das war in zwei Tagen entschieden. Und da hab ich auch keine Zeit gehabt, die Familie mitzunehmen. Und dann bin ich praktisch über Mazedonien, weil Mazedonien war schon am Anfang gleich selbständig, und nur in Mazedonien gab es keinen Krieg im Vergleich mit anderen Ländern. Und in Montenegro auch nicht. Und dann bin ich über Mazedonien nach Bulgarien, Rumänien so rumgefahren…
MA: Waren Sie mit dem Zug unterwegs?
TR: Nein, mit dem Bus.
MA: Mit dem Bus. Von Station zu Station sozusagen?
TR: Von Skopje nach Bulgarien, durch Bulgarien dann weiter über Rumänien, dann Ungarn. Eigentlich mein Ziel war, dass ich nach Kroatien komme. Nicht Deutschland. Ich wollte mich erst mal von dort entfernen, um zu schauen, was passiert und wie. Aber dann in Budapest habe ich einen Freund in Zagreb angerufen, mit dem ich gearbeitet dort habe. Weil mittlerweile war ich auch Vertreter von Skolski Servis hieß das in Zagreb, das heißt, die haben zur Verfügung gestellt an alle Schulen Lehrmaterial, Lernmittel, auch Möbel und alles Mögliche, Computer und Alles. Und das habe ich auch im Kosovo verkauft. Und der hat zu mir gesagt: „Hör mal zu. Du hast nichts in Kroatien zu suchen, nicht jetzt. Hier wir sind vor dem Kriege auch. Wenn Du schon in Ungarn bist, geh nach Deutschland am besten.“
MA: Okay, also von ihm kam dann sozusagen, die…
TR: Ja, wirklich. Und dann, ich habe dann 1990 in Zagreb schon einen Pass besorgt. Es war immer noch der jugoslawische Pass, aber ausgestellt in Zagreb. Und mit dem konnte ich reisen. Und dann bin ich eigentlich ohne Probleme nach Deutschland eingereist.
MA: Aber Sie brauchten da kein Visum oder irgendwas?
TR: Nee, und komischer Weise…
MA: Sie sind ganz normal als Tourist dann eingereist?
TR: …eingereist, ja ganz normal. Und ich habe da, ich bewahre noch immer ein Schreiben von einer kroatischen Zeitung von damals auf. Vier Tage nachdem ich in Deutschland war, diese Pässe wurden als ungültig erklärt! Diese jugoslawischen Pässe.
MA: Vier Tage nachdem Sie eingereist sind?
TR: Ja, also vier Tage danach habe ich in der Zeitung, weil ich las damals Zeitung, hier fand man sie. „Guck mal, dann hätte ich nicht mehr normal reisen dürfen, normal reisen können“. Und deswegen habe ich dann entschieden, hier Asylantrag zu stellen.
MA: Wo waren Sie dann, wo wurden Sie dann…
TR: Erst mal bin ich hier, meine Cousins lebten hier in Wiesloch. Per Telefon habe ich sie angerufen, hab ich gesagt, so und so, ich habe vor nach Deutschland zu kommen, können sie mich irgendwo abholen. Dann bin ich bis zur Grenze Deutschlands, da bei Nürnberg gekommen, auf der tschechischen Seite war ich.
MA: Also Sie sind dann praktisch von Ungarn…
TR: Über Tschechoslowakei, ja. Da endete meine Reise und da habe ich sie angerufen. Mit einem Taxi bin ich an den Grenzübergang gekommen. Die sind bis da gekommen und haben mich abgeholt. Aber durch die Grenze habe ich keine Probleme gehabt, wie gesagt, ich besaß diesen jugoslawischen Pass, der heute in Karlsruhe sich befindet. Weil ich habe ihn damals gleich abgegeben.
MA: Und diese Cousins, die waren schon länger, die waren als Gastarbeiter gekommen?
TR: Ja, als Gastarbeiter. Die leben immer noch, der alte Mann lebt immer noch in Wiesloch. Ja, und dann war ich eine Woche bei denen und dann hab ich entschieden, nachdem ich nochmal mit diesem Freund in Kroatien gesprochen habe, und der hat gesagt: „Du hast keine andere Wahl“. Und dann habe ich Antrag auf Asyl, also Asyl beantragt in Karlsruhe. Und dann war ich erst mal, denk ich, drei oder vier Tage in Karlsruhe. Dann kam ich nach Offenburg, es gibt da ein großes Aufnahmelager für Flüchtlinge.
MA: Also Sie durften dann nicht bei Ihren Verwanden bleiben?
TR: Nicht gleich, nee. Und dann war ich zwei Wochen dort oder drei Wochen. Ich habe verlangt, da ich Verwandte in Wiesloch habe, dann wurde ich nach Wiesloch verlegt.
MA: Ah, da gab es dann auch so ein Lager?
TR: Ja, auch eine Unterkunft für Flüchtlinge. Und da bin ich praktisch fast ein Jahr allein gewesen. Dann habe ich daran gearbeitet, dass ich auch meine Familie hole. Weil man merkte jeden Tag gibt’s Veränderungen und Verschlechterungen, dann brach schon der Krieg in Bosnien aus. Man sah genau dann, was auch bei uns passieren wird.
MA: Ja war dann Ihre Familie, wurden da schon Repressalien auf Ihre Familien, oder wurde nach Ihnen gesucht dort? Hat man es bemerkt, dass Sie weg sind?
TR: Also gefragt habe die. Aber das Problem war, ich habe damals kein eigenes Haus gehabt, ich war als Untermieter in einer Familie, da haben wir gewohnt. Und dann eigentlich hat meine Frau die Kinder genommen und ist zu ihrem Vater gegangen. Und ihr Vater damals lebte immer noch in dieser Stadt, Bujanovac in Süd-Serbien, wo wir geboren sind, ja.
MA: Wo es dann etwas ruhiger war?
TR: Ruhiger, da hat sich keiner gemeldet. Und dann da hab ich vorbereitet, hab ich gesagt: „Kommt irgendwie bis nach Tschechei“. Eigentlich die Familie ist illegal nach Deutschland eingereist. Es gab keine andere Möglichkeit.
MA: Also, war da schon Ihr Asylantrag bewilligt?
TR: Ja, mein Asylantrag ist sofort bewilligt worden, weil ich Dokumente dabei gehabt habe. Und ich hab dann von hier bei der Amnesty International in London angerufen gehabt und die haben mir sofort in drei, vier Tagen geantwortet. Und die haben genug Material über mich gehabt.
MA: Was in der Presse…?
TR: Ja, in der Presse.
MA: Das ist alles interessant!
TR: Ja, ich habe das alles da, ich kann Ihnen das zeigen. Und dann aus diesem Grund war ich sofort anerkannt und dann konnte ich mich frei bewegen. Ich habe diesen blauen Pass gehabt, Reisedokument hieß es damals, bekommen für Asylanten. Aber uns wurde auch Arbeitserlaubnis gleich gestattet.
MA: Also was heißt gleich? Wie schnell ging das dann?
TR: Also nach sechs Monaten habe ich die Zusage bekommen. Oder neun Monate waren es, Entschuldigung. Und dann praktisch es dauerte noch ein bisschen bis das rechtskräftig war und dann konnte ich dieses Reisedokument sofort haben. Und deswegen habe ich dann, meine Familie kam dann [19]94 nach Deutschland. Vier, fünf Tage nachdem die Familie nach Deutschland gekommen ist, ich habe das Dokument schon auf der Hand gehabt.
MA: Die haben dann erst bei Ihren Verwandten gewohnt, Ihre Familie?
TR: Nee, dann hab ich, damals ich war in der Unterkunft da in Wiesloch. Ich hatte ein kleines Zimmer mit einem Freund gehabt und dann hab ich da die Kinder gleich.
MA: Ja? Sie waren dann alle…?
TR:…in einem Zimmer?
MA: War das da erlaubt oder haben die dann ein Auge zugedrückt?
TR: Na ja, na ja, nicht gleich. Ich habe es nicht gleich gesagt. Aber nach vier Tagen habe ich auch die Familie nach Karlsruhe gebracht und auch für die Asyl beantragt.
MA: Ah, die mussten dann extra, also die haben nicht dadurch, dass Sie…
TR: Ja. Aber ich muss den deutschen Behörden danken, dass die das akzeptiert haben, dass das meine Familie ist und dass es bei denen nur formell war. Also die wurden sofort anerkannt auch, nicht mal drei Wochen hat das gedauert. Und dann konnten wir, erst mal konnten wir wieder nach Wiesloch, hab ich die Familie gebracht, und da konnten wir erst mal in dieser Unterkunft wohnen. Da blieben wir bis Dezember 1994.
MA: Was waren da für Leute momentan?
TR: Also verschiedene Leute aus verschiedenen Ländern. Aber überwiegend, man merkte das schon, waren es Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Aus Bosnien, aus Kroatien, aus Kosovo. Weil wirklich das Land befand sich im Krieg und Ausnahmezustand. Und viele Leute haben Flucht gesucht. Und es waren viele junge Leute, die damals von der Armee, der jugoslawischen Armee geflüchtet waren, die wollten nicht mitmachen. Und dann haben sie die Waffen niedergeworfen und sind geflüchtet. Besonders die Kosovaren, also die Kosovo-Albaner waren die, die fast alle geflüchtet waren. Aber auch von anderen. Komischer Weise gab es auch damals serbische Jungs, die nicht mitmachen wollten, die auch geflüchtet waren. Die hab ich auch getroffen damals, ja. Und so dann hat mein Leben in Deutschland angefangen damals. Eigentlich sind jetzt zwanzig Jahre fast vergangen, wir sind immer noch da.
MA: Und wie war das dann am Anfang mit der Sprache? Gut, wenn so viele jugoslawisch gesprochen haben im Lager am Anfang…Konnten Sie Deutsch vorher?
TR: Nein, Deutsch, früher hab ich kein Wort Deutsch gekannt, wirklich, weil das hängt zusammen auch mit dem System damals. Deutsche Sprache war nicht beliebt in Jugoslawien. Man kennt die Geschichte, den Zweiten Weltkrieg. Und sogar wir waren gezwungen manchmal Russisch zu lernen, obwohl das keiner wollte damals. Dadurch konnte man keine deutsche Sprache. Vielleicht jemand, der es selbst gemacht hat. Und dann, wie ich gesagt habe, dass ich sofort anerkannt wurde, dass es nicht lange gedauert hat, mein Status als politischer Flüchtling wurde anerkannt, dann hab ich das genutzt sozusagen und ich konnte gleich, sogar das war Pflicht, einen Sprachkurs besuchen. Und das hab ich beim Heidelberger Pädagogikum gemacht. Weil meine Familie dann nicht gleich da war, hab ich am Anfang ein bisschen Zeit gehabt und dann hab ich sechs Monate lang einen Intensivkurs besucht. Und da habe ich die deutsche Sprache gelernt. Also mit der Zeit dann die Erfahrung und man liest ständig was. Obwohl meine deutsche Sprache nicht perfekt ist, ich bin mich dessen bewusst, es sind viele Lücken noch da, aber…
MA: Aber ich mein, das ist ja schon als erwachsener Mensch eine Sprache zu lernen, ist nicht ohne weiteres so leicht…
TR: Nein, leicht ist das nicht. Das habe ich gemerkt, es war hart für mich.
MA: Und Sie waren ja schon zweisprachig…
TR: Ja, ja. Und ich war schon vierzig Jahre alt praktisch, wenn ich nach Deutschland gekommen bin. Also einfach war es nicht. Und wirklich, das erste Jahr war für mich sehr schwer. Oft hab ich mir darüber Gedanken gemacht, zurück zu kehren. Weil ich vermisste so meine Familie und meine Kinder und wirklich, heute noch, wenn ich denke… Zum Beispiel mein Vater ist gestorben und ich durfte sieben Jahre nicht mehr nach Kosovo reisen, und er ist gestorben. Und beim Sterben hat er mich gesucht. Und das tut mir immer noch heute weh, weil… Und das wurde mir nicht gleich gesagt, dass er gelitten hat bis er gestorben ist. Drei Tage lang hat er mich gesucht. Und das war schwer, das war schwer… Ja, aber dann hab ich irgendwie geschafft, die Sprache zu lernen. Und ich wollte nicht auf Kosten des Staates leben, dann hab ich gleich Arbeit gesucht. Hab ich gleich eine Arbeit gefunden in einem Altersheim in Heidelberg. Aber dann durch Zufall, damals gibt es auch, Sie kennen die Geschichte, dass die Kinder der Gastarbeiter die Muttersprache besuchen konnten. Und das war der Fall auch hier in Mannheim. [später hinzugefügt: Meine Frau hat angefangen als Lehrerin zu arbeiten.] Aber mit dem Zusammenbruch des Staates Jugoslawien die Lehrer, die in Baden-Württemberg das gemacht haben, bekamen keine Löhne mehr. Also der jugoslawische Staat nicht bezahlen wollte. Und dann haben die Behörden von Baden-Württemberg, das Kultusministerium praktiziert ein anderes Modell, was diese Muttersprache betrifft, das nennt man konsularischer Modell. Die geben die Zuschüsse an die jeweiligen Konsulate, aber die Entschädigung muss von dem Konsulat kommen. Und dadurch die Kosovo-Albanischen Lehrer dann haben keine Mittel mehr gehabt und die Lehrer in Mannheim wollten nicht weitermachen. Also, ich kann den Mann verstehen, der eine Familie gehabt hat, dann musste er etwas anderes arbeiten. Und zufällig dann war meine Frau im Spiel, weil sie eine Lehrerin ist. Und sie hat diese Stelle gleich im September [19}94 bekommen. Und das war der Grund, dass wir nach Mannheim gezogen sind. Weil sie musste dann von Wiesloch nach Mannheim mit dem Zug fahren. Und dann haben wir gesagt, wir suchen eine Wohnung in Mannheim.
MA: Waren Sie vorher als mal in Mannheim gewesen oder gar nicht?
TR: So nur was zum Einkaufen mit den Cousins da aus Wiesloch, weil ich kannte Mannheim nicht. Aber einen Elternrat gab es hier und die haben gehört, die haben uns dann besucht und haben gesagt: „Wir haben mitbekommen, dass Ihre Frau Lehrerin ist“, ob sie diesen Unterricht da machen will. Da haben wir gesagt, „ja, das geht, warum nett?“. Und dann hat sie angefangen. Und sie macht das immer noch. Also seit neunzehn Jahren praktisch, oder achtzehn, ja? Und dadurch haben wir eine Wohnung in Mannheim gesucht. Und dann hab ich eine Wohnung in Jungbusch bekommen damals, Luisenstraße oder Luisenring war das? Luisenring, denke ich.
MA: Luisenring, ja.
TR: Und da waren wir zwei Jahre lang. Und dann war für mich auch ein bisschen weit nach Heidelberg und dann hab ich auch hier eine Arbeit gesucht. Erst mal hab ich eine Teilzeitbeschäftigung hier bei, auch Altersheim, Richard-Böttger-Heim. Und dann ab 1. Juli [19]95 habe ich angefangen bei Diakonie Krankenhaus zu arbeiten hier in Mannheim. Am Anfang war es wirklich sehr schwer für mich. Ich musste alles Mögliche machen. Ich kam nicht gleich in meinen gelernten Beruf, obwohl mir versprochen wurde damals, „komm mal rein, dann sehen wir was für Dich“. Aber das kam leider am Ende nicht so. Bin ich aber dann zehn Jahre lang geblieben, im Diakoniekrankenhaus geblieben. Da musste ich erst mal alles Mögliche machen. Betten holen, Betten überziehen und ausziehen, Müll holen, alles Mögliche, Wasser holen. Und dann hab ich Glück gehabt. Der Krankenhausfahrer ist in Rente gegangen, also es gab im Krankenhaus, das nur für innere Dienste des Hauses zuständig war, und dann hab ich diese Stelle bekommen. Dann war ich ziemlich lange also im Fahrdienst vom Krankenhaus. Da wurde Verschiedenes gemacht. Also Post weggeschickt, zur Bank gewesen, Blut geholt, Medikamente, Schnellschnitte. Wenn jemand im OP ist und wurde operiert, dann haben die Ärzte gesehen, „doch der hat einen Tumor irgendwo drin“, da mussten diese Schnellschnitte sehr schnell zur Pathologie gebracht werden, bevor der Patient zugemacht wird, damit man weiß, was für ein Tumor das ist und was soll man da unternehmen. Dann war ich immer bereit also, wenn was klingelt sofort wegzufahren. Und danach hab ich am Ende doch irgendwie die Möglichkeit bekommen in meinem Beruf zu arbeiten, so etwas Ähnliches. Ich war für kurze Zeit als Beschäftigungstherapeut da beschäftigt. Nur fünfzig Prozent. Aber dann hat sich die Lage verschlechtert im Diakonie Krankenhaus, weil, es wurde eine Fremdfirma reingebracht und dann, diese Leasingfirmen kennen Sie ja… Und eine bestimmte Zahl von Mitarbeitern wurde da eingegliedert in diese Firma. Und wir waren nicht zufrieden. Und dann eigentlich, ich habe auch ein bisschen gesundheitliche Probleme gehabt und dann kam es zu einer Vereinbarung und ich habe das Diakonie Krankenhaus am 31. Dezember 2005 verlassen. Aber das war mein Glück, dass ich diesen Schritt eingegangen bin, weil wirklich, wenn ich dort weitergemacht hätte, dann werde ich nicht heute sein, wo ich bin. Und da hab ich dann, danach erst mal war ich eine kurze Zeit arbeitslos. Danach habe ich mich entschieden erst mal mich selbstständig zu machen. Und da hab ich auch Glück gehabt, die Behörden haben mich akzeptiert. Und mein großer Vorteil ist, dass ich die Sprache vom ehemaligen Jugoslawien kenne. Und hier sind viele Leute aus diesen Gebieten, die jetzt mittlerweile in Rente sind, Senioren, krank und wirklich der Bedarf ist sehr groß. Und da wurde ich bei der Betreuungsbehörde als Betreuer auf die Liste aufgenommen und so hab ich schon in 2007 die ersten Fälle bekommen. Und dann im Jahr 2008 durch meine politische Aktivität hier in Mannheim habe ich Leute kennengelernt. So zufällig hab ich den Sozialarbeiter von Caritas kennengelernt und er hat jemand da beim Jugendamt vom Rhein-Neckar-Kreis, jemanden kennengelernt. Und die haben jemanden gesucht, der von dieser Branche ist, der Albanisch kann. Und so dann hab ich diese Arbeit als Familienhelfer bekommen, das war im Februar 2008 und jetzt bin ich dort praktisch fest angestellt als Teilzeitbeschäftigter.
MA: Ja, das heißt, es ging eigentlich sehr schnell alles… Knall auf Fall.
TR: Ja, ja.
MA: Wie war das damals für die Kinder? Wie alt waren die, als sie…?
TR: Ja also die Kinder… Die älteste Tochter ist [19]81 geboren, also die war dreizehn Jahre alt, als sie nach Deutschland kam. Und auch für die Kinder war es nicht einfach, nicht wirklich einfach. Die konnten kein Wort Deutsch auch. Gut, der Kleine war dreieinhalb Jahre alt, für den war nett so, er war begeistert hier, was er gesehen hat, was für Möglichkeiten es gibt als ein Kind mehr Spielzeug zu haben als im Kosovo. Aber für die Mädchen war es nicht einfach. Die waren auch irgendwie begeistert, aber die ersten Probleme kamen mit der Schule, im Sinne die mussten erst mal die deutsche Sprache irgendwie beherrschen, damit sie weiterkommen können. Aber die haben, ich bin wirklich erstaunt, wie schnell die damals auch die Sprache beherrscht haben, obwohl es war nur ein halbes Jahr Zeit. Die große Tochter ging, denke ich, das war die fünfte Klasse oder sechste und die zweite Tochter ging in die dritte oder vierte Klasse. Die Älteste ging erst mal in die Hauptschule und die in der Grundschule war. Also in einem halben Jahr haben sie Noten in allen Fächern bekommen. Das heißt, sie wurde versetzt, obwohl sie vorher kein Wort Deutsch gewusst haben. Aber sie hat wirklich hart gekämpft. Weil dann kamen wir gleich nach Mannheim und sie musste, die älteste Tochter, musste erst die Hauptschule beenden, dann hat sie die Realschule beendet, dann Gymnasium beendet… Damals ist vorgefallen, dass eine Lehrerin statt ihr Mut zu geben hat das Gegenteil getan, „macht nichts, such eine Ausbildung, das ist so schwer, Du kannst das nicht schaffen“. Sie hat aber irgendwie, da sie clever war. „Ich lade die Lehrerin jetzt zum Kaffee ein“. Und sie hat zu ihr gesagt, wirklich die haben sich zusammen getroffen hier in Mannheim, „Kuck mal, meine Lehrerin, Sie haben mir anders geraten, aber ich hab doch das Gymnasium bestanden und jetzt will ich weiter studieren.“ Sie hat gleich dann einen Studienplatz in Heidelberg bekommen. Dort hat sie Ethnologie und Politische Wissenschaft und in Mannheim Medienwissenschaft als zwei Nebenfächer studiert. Und dann rechtzeitig mit Erfolg abgeschlossen. Sie ist als Magister, Ethnologie Magister herausgegangen und dann… Sie wollte aber unbedingt Medien. Schon als kleines Mädchen, als Schülerin hat sie sich dafür interessiert und sogar eine eigene Sendung bei Sunshine Live gehabt in Schwetzingen. Das war ihr Traum, ihr Wunsch, in den Medien was zu machen die ganze Zeit. Und Gott sei Dank, sie hat es geschafft. Und jetzt ist sie praktisch Reporterin, Journalistin beim ZDF. Momentan ist sie bei 3Sat, diese Sendung ‚nano‘. Da macht sie ihre Beiträge. Und die zweite, die hat auch, für sie war’s auch ein bisschen schwerer. Sie musste auch durch Wege gehen. Erst mal in der Hauptschule, dann in der sechsten Klasse kam sie in die Realschule, dann in der siebten Klasse kam sie ins Gymnasium. Und hat sie dann auch das Gymnasium hinter sich gehabt und dann hat sie angefangen zu studieren. Mittlerweise ist sie auch fertig, ist Diplom-Kunsttherapeutin. Das hat sie in Nürtingen bei Stuttgart gemacht und seit drei Wochen hat sie Arbeit gefunden.
MA: Schön!
TR: Schön, ja. Sie lebt hier in Mannheim, sie hat mittlerweile einen Freund, der auch Migrationshintergrund hat. Aber er ist nicht Albaner [lacht]. Ja.
MA: Ja, ich mein hier in Mannheim…
TR: Ja. Und der Sohn praktisch, weil er noch klein war, also er hatte Zeit. Er war im Kindergarten und dann er konnte besser, also richtig von vorneherein Deutsch lernen. Und auch er ging direkt ins Gymnasium, fünfte Klasse. Und dann heute studiert er, er wird auch bald fertig.
MA: Was macht er?
TR: Er studiert Politik und Philosophie an der Uni Trier. Es gibt ja jetzt ein neues System: Bachelor und Master. Also jetzt ist es das sechste Semester, bald wird er fertig sein.
MA: Schön, schön, also sie haben alle…
TR: Ja, also wirklich, was die Kinder betrifft, wir sind sehr froh, also ich bin ein stolzer Vater. Muss ich auch meiner Frau zu verdanken haben, weil sie hat viel mit den Kindern gemacht. Sie hatte auch ein bisschen mehr Zeit. Deswegen habe ich nie von ihr verlangt, dass sie auch was anderes macht. Obwohl wir die ganze Zeit nur mit einem Lohn leben, aber egal. Wir sind durchgekommen und mit Hilfe, der Staat hat wirklich viel geholfen, das müssen wir zu schätzen wissen und dankbar sein. Denn wenn man Schulkinder hat, da gibt es BAFÖG, da gibt es alle möglichen Unterstützungen. Und diejenigen, die das nutzen, wirklich kommen weiter. Da muss man nicht viel Geld haben, weil es gibt viele, die nicht so reich sind, und auch hier versuchen, die ganze Zeit zu überleben, also irgendwie ein normales Leben zu führen. Aber für uns war die ganze Zeit das wichtigste, weil, die Bildung ist das wichtigste für alle. Man muss nicht reich sein, im Sinne, dass man Häuser oder Autos… das ist nichts für mich oder für uns. Aber Bildung zählt am meisten. Und wir sind sehr froh, dass die Kinder das geschafft haben. Und jetzt muss ich mich nicht mehr über Kinder kümmern. Wenn sie Haus bauen oder Auto kaufen wollen, dann machen sie es selber. Für mich war wichtig, dass man in die Schule investiert, damit sie weiterkommen können.
MA: Wie war das eigentlich für Sie so am Anfang, also als sie dann da waren, haben Sie gedacht, dass sie längerfristig bleiben oder war das… Wie war das eigentlich aus der damaligen Perspektive?
TR: Also ich, wirklich, man lebt die ganze Zeit mit diesen Gedanken, wo man hingehört, wo ist die wahre Heimat. Und wenn man in fortgeschrittenem Alter die Heimat verlassen muss, wirklich ist es ziemlich schwer und man hat andere Gedanken die ganze Zeit im Kopf. Aber mit der Zeit hab ich gesehen, dass für uns ist nicht mehr so wichtig am Ende, weil die Lage dort hat sich nicht verbessert. Sondern nach und nach war es schlechter, schlimmer. Und dann von einer Seite es tut mir leid, weil die Leute, die dort gelebt haben und leben mussten. Aber ich bin froh, dass wir diese Kriegszeiten nur am Fernsehen verfolgt haben und nicht da anwesend waren, besonders was die Kinder betrifft. Und ich dachte nach dem Krieg, nach der Befreiung sozusagen, dass alles anders wird, in eine andere Richtung alles verlaufen wird. Weil dieses Leid von Menschen, diese Unterdrückung durch lange Zeiten, habe ich gedacht, wir werden dann sinn[voll] damit umgehen, damit man einen richtigen Staat aufbauen, damit alle Menschen, so möglich es wäre, dass es allen gut geht. Aber da bin ich ein bisschen enttäuscht. Weil es scheint so zu sein, es gibt ungeschriebene Regeln durch die Kriege immer, in erster Linie die Kriegsprofiteure an die Macht kommen. Und die nutzen die Lage für sich selbst aus und das Gleiche passiert leider auch bei uns. Wenn man, wir gehen ständig dort runter und hat man viele Kontakte und auch Verwandte und Familie lebt dort. Und immer wieder wenn wir hingehen, stellen wir fest, die Menschen sind sehr unzufrieden mit alles das, was geschehen ist. Sehr unzufrieden. Und auf diese Perspektive zu sehen, für uns, für mich und meine Frau, ist nicht mehr wichtig. Wir werden immer geteilt sein. Wir sind hier, aber die Gedanken sind immer dort. Ich fühle mich sehr wohl, wenn ich dort bin, aber ich merke auch, dass ich nicht lange dort bleiben kann. Vielleicht ein Monat, zwei Monate, aber nicht für immer, wenn ich ehrlich bin. Obwohl wenn die Möglichkeit bestehen würde, ich hätte jeden Tag dort hinfliegen können, anschauen und wieder zurückkommen. Aber für die Kinder spielt mehr keine Rolle, für die Kinder ist die erste Heimat Deutschland. Die sind hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, also, was innere Wert betrifft, die sind Deutsch, die sind Deutsche geworden. Man merkt das jedes Mal, bei jedem Gespräch, überall. Bei uns wird auch Albanisch geredet, aber wenn die Kinder da sind, dann fangen wir alle an, Deutsch zu reden. Ja.
MA: Aber wie war das in der Anfangszeit, ganz am Anfang, als sie da waren. Was war da so Ihr Plan, oder war es erst Mal offen…
TR: Nein, ich dachte am Anfang, das wird schnell vorüber sein, im Sinne dieser Krieg und diese Zustände da und schnell zur Normalität kommen wird, aber das ist leider nicht geschehen. Und ständig war man enttäuscht, warum, warum das so lange dauert. Aber irgendwann hat man festgestellt, mehr kann man nicht, weil die Kinder wollen nicht mehr zurück. Und wenn die nicht mehr zurückwollen, was sollen wir allein da?
MA: Aber es war schon noch eine Frage in der Familie?
TR: Die ganze Zeit, die ganze Zeit. Auch immer noch manchmal ist die Frage, auch dort jetzt man kann profitieren. Was ich vorhin gesagt habe diese Strukturen da, wenn sie anders umgehen könnten, es gibt ein großes Potential hier, die dem Lande nützlich sein könnte, im Sinne von Qualität her, von Bildung, auch politisch sind sie anders eingestellt, weil sie hier aufgewachsen sind. Aber gerade die, gerade solche Leute dort sind momentan nicht erwünscht. Weil entweder musst Du die Politik dort treiben, die die wollen. Wenn Du selbstständig bist oder Dich äußerst kritisch gegenüber, sagen wir mal gegen die Regierungsstrukturen, dann bist Du überhaupt nicht mehr beliebt dort. Also die wollen nicht Kritik hören.
MA: Ja. Gehen wir noch einmal zurück zu Ihrer Anfangszeit hier in Mannheim. Also, was war denn Ihr erster Eindruck von Mannheim, also die ersten Male, die Sie da waren. Wie fanden Sie die Stadt?
TR: Ja also, wirklich, hmm…
MA: Von Heidelberg aus gesehen, ist es ja, da ist es ja so romantisch und schön…
TR: Überhaupt nach Deutschland zu kommen! Ich selbst war begeistert, man kann nicht vergleichen. Und der Lebensstandard hier, dass jeder die Möglichkeit hat, wenn er will, zu arbeiten. Dass, egal woher Du kommst, irgendwie hat man das Gefühl – obwohl Ausnahmen gibt es immer -, dass Du gleichberechtigt bist und dass Du auch so akzeptiert wirst. Das war wunder-, wundervoll. Und Wert zu bekommen, obwohl es nicht schwer war. Man merkte freundlicherweise überall, wenn Du hier was erreichen willst, Du musst erst einmal die Sprache beherrschen. Weil ohne Sprache kannst Du nicht weitergehen, weitermachen. Aber von meiner Natur her ich bin so ein Mensch, der nicht an der Seite stehen kann und nur schauen. Da hab ich gleich versucht, etwas hier aufzumachen. Also auch was inneralbanische organisierte Tätigkeiten betrifft. Ich habe gleich mitgemacht, auch damals, als ich in Deutschland gekommen bin. Also die ganze Zeit war ich irgendwo aktiv, mitzuwirken, mitzumachen und mitzuhelfen. Aber auch was die Stadt betrifft wollte ich auch was mitmachen. Deswegen habe ich den Mut bekommen irgendwie und habe ich mit ein paar Freunden, die ich hier kennengelernt habe, haben wir damals auch eine Gruppierung gegründet, im Sinne dass wir erst einmal bei diesem Migrationsbeirat mitmachen. Und dann hab ich praktisch, 2009 denke ich war das, nee, 2004, hab ich mitgemacht mit dieser Gruppierung ‚Bunte internationale Liste Mannheim‘ ist das, haben wir zwei Plätze bekommen damals. Hat eine kroatische Kollegin mitgemacht damals. Es war muss ich sagen, ich habe hier in Mannheim Freunde gefunden. Es geht um einen Dr. Schäffner. Ich habe seine Frau kennengelernt durch diese Aktivitäten, die uns damals als Flüchtlinge geholfen haben und weil meine Frau diese Schule machte, dann haben wir die ganze Zeit eine Folkloregruppe von den Schülern gehabt und wir wollten überall präsent sein, Präsenz zu zeigen. Und so haben wir Kontakte geknüpft. Und dann diese Frau Schäffner heißt sie, sie ist auch Berufsbetreuerin, und ich muss eigentlich ihr verdanken zu haben, dass ich als Betreuer arbeite. Weil erst mal hab ich bei Ihrem Verein in Ludwigshafen zwei Jahre als ehrenamtlicher Betreuer gearbeitet. Und dadurch kam ich zur Idee, also mit Unterstützung von Herrn Schäffner, der Uniprofessor ist, dass man hier sich beteiligt politisch. Und so haben wir diese Gruppierung gegründet und dann in den Migrationsbeirat gewählt. Und ich war auch zwei Mal Kandidat für den Gemeinderat. Weil erst Mal bestand eine Bunte Liste Mannheim, vielleicht sagt Ihnen das was?
MA: Hmh, hmh.
TR: Und dann auch später hieß es Bürgerunion. Manchmal hatte man das Gefühl, dass ein bisschen zu rechts diese Gruppierung ist, aber irgendwie wollten wir auf kommunaler Ebene was tun. Und man nutzt die Gelegenheit manchmal auch, vielleicht nicht man von diesem Programm selbst so stark überzeugt ist, aber nutzt man die Gelegenheit, um mitzuwirken. Und ich bin froh dafür, dass ich wirklich nicht an der Seite gestanden habe, sondern etwas gestaltet, mitgewirkt, dass es allen Menschen irgendwie besser geht. Weil man weiß jetzt auch, Mannheim ist eine Stadt mit einem großen Anteil von Migranten oder Leuten mit Migrationshintergrund, die hier leben und gestaltet wird. Und die Leute die müssen auch etwas davon haben. Aber es gibt auch tausende solche, die bestimmte Probleme haben und wir haben auch versucht die zustande zu bringen, im Sinne dass man auch die Probleme anspricht manchmal die hier entstehen vielleicht ohne einen richtigen Grund oder Argument. Es gibt auch Leute, die sich manchmal vielleicht diskriminiert fühlen oder vernachlässigt und wir wollten auch das beweisen können.
MA: Ist Ihnen das eigentlich jemals passiert, dass Sie das Gefühl hatten, dass sie diskriminiert werden, weil sie Migrant sind? Also hatten Sie solche Erlebnisse gehabt?
TR: Na ja… Man bekommt immer wieder so was. Aber Gott sei Dank, das ist eine Rarität oder Seltenheit und hängt immer von einer Person ab. Gott sei Dank ist so etwas nicht in den Staatsstrukturen so vorgeplant oder absichtlich gemacht wird. Und wir haben auch mit den Leitern von Ämter, zum Beispiel ich bin sehr froh dafür, dass uns der Leiter des Bürgeramtes öffentlich gesagt hat – ich habe auch Fotos dabei, damals bei der Einweihung der Ausländerbehörde, als sie neu eingerichtet wurde – öffentlich gesagt hat: „Bitte finden Sie jemanden konkret, der sich wirklich diskriminiert fühlt oder dem etwas geschehen ist, und zeigen Sie mir, wer der Mitarbeiter war. Dann hat er ein Problem mit mir!“ Aber das Problem ist auch, viele Leute trauen sich dann nett, offen zu reden, ziehen sich zurück. Und man steht am Ende manchmal da, „was ist jetzt, wo ist der?“. Weil sie Angst haben vor Folgen, welche Folgen daraus entstehen werden. Aber leider es passiert immer wieder, dass solche Fälle vorkommen, aber Gott sei Dank, das ist nicht die Politik des Staates. Der Staat will allgemein in alle Strukturen und Niveaus uns integrieren hier, damit wir gleichberechtigte Bürger des Staates sind. Und wirklich ohne Integration kann man hier nicht gehen. Und Integration für mich hat drei wichtige Säulen. Integration: erst mal Sprache lernen, dann Ausbildung und Schule und aber auch Arbeitsplatz. Ohne die drei Dinge kann man sich nicht integrieren. Weil es gibt viele Leute, die auch in ausgegrenzten Kreisen leben nur mit sich selbst und ihren Landsleuten. Und man muss da wirklich was machen, dass sie nach außen sich öffnen lassen und auch mit anderen zusammenkommen. Es heißt nicht, dass wir nur nebeneinander leben, sondern miteinander müssen wir leben.
MA: Aber haben Sie das Gefühl, dass nun wirklich, also Sie sind ja schon seit Jahren Migrationsbeirat, dass Sie auch Sachen wirklich bewirken, also auch bewirken können? Sind die Strukturen so, dass Sie das Gefühl haben, es passiert auch was?
TR: Ich, ja. Letzte Zeit besonders merkt man das, wirklich es passiert was in dieser Richtung. Wir haben immer, ständig das zustande gebracht, dass man besonders in der Verwaltung, in der Stadtstruktur zu wenige Leute mit Migrationshintergrund sind. Es wurde immer versprochen, dass das geändert wird. Und es ist auch einiges geändert. Aber immer noch sieht man zu wenig in den Leitungspositionen von Migranten, die die Posten besetzen können. Obwohl da ist klar, Kriterien sind gleich für alle, erst mal muss die berufliche Qualifikation zustande kommen, also wenn sie gleichberechtigt sind, vielleicht könnte man hier und da einen Migranten bevorzugen. Aber es wurde gesagt oder gesprochen, dass bestimmte oder eine Quote von bestimmten Zahlen eingeführt wird, aber bis jetzt ist das nicht so, noch nicht passiert, aber in der Richtung, in dem Weg sind Strukturen das einzuführen. Wir haben vor kurzer Zeit zum Beispiel ausdrücklich vom Polizeipräsidium Mannheim gehört und die haben uns gebeten, dass wir behilflich sein zur Einstellung von neuen Auszubildenden mit Migrationshintergrund. Was ich sehr schön finde, weil wirklich eine große Zahl von Leuten haben irgendwie Migrationshintergrund. Und manchmal, vielleicht um Missverständnisse zu vermeiden oder Sprachbarrieren, wäre nicht verkehrt, dass man Leute hat da drin, die auch die Sprache ein bisschen verstehen. Manchmal spielt auch die Kultur eine große Rolle. Es wurde versucht in der Stadt auch hier irgendwelche Leute zu bilden wie Kulturdolmetscher oder so was bei Konflikten, dass man vermitteln kann. Aber im Allgemeinen wird viel gemacht, wird viel darauf aufmerksam und verlangt von den Menschen. Und ich denke, diejenigen, die das wollen, vielleicht müssen hart kämpfen, aber auch Migranten können erreichen bis zum hohen Posten. Man weiß heute, dass man auch Vorsitzende von Parteien Migrationshintergrund haben, dass sie auch Minister sind.
MA: Ja, so langsam, sehr langsam… Sie haben es ja schon angesprochen: Gemeinderat. Ich meine hier in Mannheim ist ja auch momentan niemand mit Migrationshintergrund. Bei vierzig Prozent fast Menschen mit Migrationshintergrund ist es halt schon etwas problematisch.
TR: Ja, stimmt, aber vielleicht die Migranten auch ein bisschen selber schuld sind. Man kann feststellen, viele Migranten wollen aber nicht politisch aktiv sein. Man kann nur den Migrationsbeirat vergleichen den vorletzten und letzten Migrationsbeirat. Und der Unterschied ist wirklich sehr groß. Überwiegend im vorletzten waren Leute, die eigentlich, muss ich zugeben, nicht in der Lage waren, etwas politisch zu äußern oder uns weiterzubringen mit den Problemen und Themen hier zu beschäftigen, im Vergleich mit dem jetzigen Beirat, der sehr qualifiziert ist und alles praktisch Akademiker da sind, die die Lage und die Sache kennen. Und die können sich sehr gut äußern und das bringt uns voran mit solchen Leuten. Und dass zweitens viele Leute haben Angst irgendwie. Wenn die Wahlen sind, muss man sich zur Wahl stellen, egal wie der Verlauf ist. Und bei den letzten Wahlen waren zu wenig Migranten nämlich da. Und wir als Migranten hier vielleicht haben eine Chance nur durch große Parteien, aber mit kleinen Gruppierungen wahrscheinlich kommen wir nett… Oder müssen die Migranten miteinander gut arbeiten, ich meine alle miteinander. Eine Liste stellen vielleicht, da ist das Potential, um die Migranten zu mobilisieren, zu den Wahlen zu gehen. Weil viele Migranten nehmen das nicht ernst. Das ist auch ein Problem. Und das zweite Problem ist, dass, was das kommunale Recht betrifft, dürfen nicht alle Migranten wählen. Und dann sind sie nicht interessiert. „Warum soll ich?“. Zum Beispiel hört man immer wieder: „Was ist dieser Migrationsbeirat? Das ist ein Scheinbeirat, der kann nichts bewirken, der kann nichts machen. Wer hört auf den Beirat?“. Auch solche Stimmen gibt es, aber ich bin nicht damit einverstanden. Man muss sich daran beteiligen, um was zu ändern.
MA: Es sind hat Entwicklungen, die schon sehr lange…Ich meine die alten Gastarbeiter, die sind ja zum Teil schon vierzig Jahre hier oder in der dritten Generation und da und in der Zeit sind auch viele Dinge passiert, die dann dazu geführt haben, dass viele Leute sich zurückgezogen haben. Letztlich der Weg ist nur der, den Sie schildern, anders geht’s nicht. Man muss sich selber einbringen. Haben Sie dennoch das Gefühl, dass Migranten Mannheim geprägt haben, also Migranten und Migrantinnen, also die Stadt geprägt haben?
TR: Ja, ja. Ja, ja. Mannheim ist die zweitgrößte Großstadt in Baden-Württemberg und laut Statistiken sind 120.000 Menschen in Mannheim mit Migrationshintergrund. Und wirklich die haben vieles in Mannheim geleistet und auch die Stadt irgendwie geprägt. Wenn man die Geschichte Mannheims liest, eigentlich die Gründung der Stadt und die Weiterentwicklung der Stadt geht auf Kosten der Migranten, im Sinne die haben den Migranten zu verdanken, dass Mannheim es so weit gebracht hat. Ich habe ein bisschen in diesem Mannheimer Atlas gelesen was die Geschichte betrifft. Also es waren die Niederländer, die schon am Anfang hier sehr viel beigetragen haben, also Migranten. Und heutzutage hat man hier alle möglichen Berufe, die Migranten hier üben, und auch Akademiker mit höherem Ansehen und Prominente auch. Und viele, die hier ihre Firmen aufgemacht haben und dazu beigetragen haben auch zum Wohlstand Mannheims, Leute beschäftigt haben. Wenn man nur über die Weststadt Mannheims, wie nennt man das, die Unterstadt läuft, wie viele Geschäfte sind, die Migranten betreiben und wirklich auch Einnahmen der Stadt sind da. Es gibt zum Beispiel diesen Unternehmer-Verein von den türkischen Landsleuten, die Lokale betreiben, Lebensmittelketten usw., die einen wichtigen Beitrag für die Stadt Mannheim leisten. Und es gibt auch Künstler, Musiker, zum Beispiel der Komödiant, der ganz berühmt in Deutschland ist, der kommt aus Mannheim…
MA: Bülent Ceylan.
TR: Bülent Ceylan usw. Oder der aus Italien, der Ausstellungen ständig stellt, ein Künstler, er betreibt Ausstellungen hier…Wie heißt der, er hat auch ein bisschen politisch mitgewirkt hier, aber ich habe seinen Namen vergessen. Oder viele Ärzte und Professoren, die einen Migrationshintergrund haben. Und wirklich die haben viel beigetragen und irgendwie Mannheim geprägt. Also das muss man denen Leuten zugeben und ihren Beitrag erkennen. Und denke ich die Stadt Mannheim macht das auch.
MA: Wie fanden Sie das eigentlich am Anfang, ganz am Anfang als Sie da waren? Wie wirkte das auf Sie, dass es hier so viele Migranten gab, so viele Kulturen? Wie war das für Sie, für Sie persönlich?
TR: Am Anfang war es irgendwie überraschend, warum so viele Menschen vom Ausland hier leben. Aber eigentlich ich habe das als ganz normal betrachtet, sogar als Bereicherung, weil ich kam von einem Vielvölkerstaat. Und das hat mir sehr gut getan. Ich fühle mich viel sicherer, wenn viel mehr Leute sind von verschiedenen Gruppierungen, als nur unter einer. Weil dann hat man nicht viel Möglichkeiten gegenüber den Geschlossenen reinzukommen. Aber wenn es mehr sind, erreicht man auch mehr. Und ich fühle mich sicherer dadurch. Weil es ist sehr interessant, oft sagt man Deutschland ist ein Reiseland, die reisen überall auf der Welt, um bestimmte Kulturen zu sehen oder mitzubekommen, was da passiert, also Informationen. Hier hat man fast alles in einer Stadt. Wirklich wenn man die Kulturprogramme, die ständig hier veranstaltet werden, Zeit hätte zu besuchen, dann sieht man, einmal bist Du in Brasilien, zweites Mal in Peru oder in Indien oder in Pakistan oder in ehemalige Jugoslawien oder Griechenland. Also überall immer passiert was, weil so viele Leute hier zusammen leben und dann verschiedene Programme zustande bringen, besonders Kulturprogramme. Und man merkt richtig, dass Mannheim eine Multikulti-Stadt ist. Man merkt das ständig in Mannheim. Und das gibt das Gefühl, dass man sich hier nicht fremd fühlt. Manchmal denkt man, ja, hier ich bin in der richtigen Stadt, egal ob dort es sieht gleich aus.
MA: Und finden Sie, dass die sonstigen Mannheimer es als positiv empfinden, dass hier viele Migrantinnen und Migranten leben? Also wie denken Sie, denken so die „Ur-“, die „Ureinwohner“?
TR: Es gibt solche und solche. Man merkt, besonders bei den Alten, also den Menschen der alten Generation, die hier aufgewachsen sind und vielleicht auch den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, die denken ein bisschen anders. Aber man kann die auch verstehen. Zum Beispiel ich habe was erlebt mit einem Freund, mit dem wir im Beirat waren zusammen. Wollte wir was für ein, ich denke Immobilien war das nach Neckarau zu fahren. Es ging nicht um mich, sondern ich habe jemanden begleitet. Und dann haben die uns gefragt, was machen wir hier in Mannheim. Und unter anderem habe ich erzählt, dass wir auch ein bisschen politisch aktiv sind im Migrationsbeirat. Dann hat er gleich so reagiert - also das war Spaß, aber Spaß in Klammern - hat er gesagt: „Wir brauchen hier keinen Migrationsbeirat, wir brauchen hier einen Immigrationsbeirat!“. „Warum?“ hab ich gesagt. „Weil zu viele hier vom Ausland eingezogen sind“. Aber das ist ein Ausnahmefall, wirklich. Und wie gesagt, Mannheim hat sich soweit etabliert, stabilisiert und alle akzeptieren das, dass hier viele Leute leben, die verschiedene Herkunft haben, verschiedene Kulturen und Traditionen. Aber irgendwie das funktioniert ganz gut zusammen.
MA: Warum sind Sie in Mannheim geblieben und nicht wo anders nach Deutschland gezogen? Waren das dann private Gründe oder weil Sie sich hier wohl…
TR: Nee, alles war Zufall. Also es ist nichts Besonderes in Mannheim, aber, wie gesagt, manchmal das Leben spielt verrückt mit uns und selber den Weg, manchmal das Leben selber bestimmt. Wir versuchen das irgendwie zu steuern, aber doch sind andere Regeln, die das bestimmen. Und wie gesagt, meine Frau damals hat diese Stelle hier bekommen, diesen muttersprachlichen Unterricht, und ich hab hier Arbeit gefunden, dann ist man irgendwie verbunden, gezwungen. Und dann die Kinder haben die Schule hier besucht, man will nicht dann, weil für die Kinder ist es nicht einfach, wenn sie ständig die Schule zu wechseln. Und irgendwie gewöhnt man sich dran mit der Zeit, mit den Jahren. Jetzt will ich nicht irgendwo anders versuchen.
MA: Hätten Sie mal die Option gehabt oder stand das nie zur Debatte? Dass Sie wo anders nach Deutschland hinziehen?
TR: Also wirklich, bis jetzt hätte man vielleicht schon vor zehn Jahren machen können, aber irgendwie dachten wir immer, hier wird was geändert, weil in anderen Bundesländern dieser muttersprachliche Unterricht wird bezahlt. Und das war eine Möglichkeit, dass wir zum Beispiel nach Nordrhein-Westfalen vielleicht ziehen könnten. Aber dann irgendwie haben wir festgestellt, vielleicht rentiert sich das nett. Ich hab damals auch eine Immobilie hier erworben, diese Wohnung, die gehört uns und die musste auch abbezahlt werden. Wir haben damals entschieden, statt Miete zu zahlen, nehmen wir einen Kredit und Gott sei Dank die Bank hat das akzeptiert. Ich bin auch froh dafür, vielleicht für das Alter haben wir was. Ich muss noch erwähnen, dass ich auch damals, im Jahr 2000, hier durch verschiedene Aktivitäten, es fand auch ein Projekt statt hier mit einer Gruppe von Flüchtlingskindern aus dem Kosovo, die den Krieg erlebt haben. Es wurde eine Studie herausgestellt über die Trauma-Stufe der Kinder im Krieg. Und da habe ich die Gelegenheit und die große Freude gehabt mitzumachen und dadurch ist ein Buch, ein sehr gutes Buch entstanden, das besonders und in erster Linie für Fachkräfte nützlich ist. Und da hab ich auch, da musste ich damals eine Prüfung für Dolmetscher hier machen, da musste ich eine Prüfung auf Deutsch machen. Das war, um diese Erlaubnis zu bekommen, also diese…
MA: Zertifizierung?
TR: Zertifizierung, ja, von Dolmetscher, musste man unbedingt Mittelstufe von Deutsch haben. Dann habe ich das beim Goethe-Institut machen müssen. Und das habe ich mit Erfolg gemacht. Und dann ich leite auch seit 2002 einen Sprachkurs für die albanische Sprache bei der Mannheimer Abendakademie. Das ist auch nebenbei und wundervoll, es gibt immer viele Menschen, die interessiert sind, Albanisch zu lernen. Also da hat man die Möglichkeit auch für die eigene Kultur etwas beizutragen. Wirklich so verknüpft man auch Freunde, Leute, die sich gegenseitig kennenlernen. Es sind verschiedene Motive, die Leute dazu bringen, Albanisch zu lernen.
MA: Sind das dann Deutsche?
TR: Deutsche, Deutsche, überwiegend Deutsche ja. Also die Mannheimer Abendakademie bietet breite Kurse, unter anderem auch Albanisch, weil die Nachfrage war da. Es gibt auch viele Paare…
MA: Ah, wo der Partner eine…
TR: …oder andere. Aber es gab auch durch diesen Einfluss von der internationalen Gemeinschaft in Kosovo, viele haben auch dort gearbeitet und irgendwo Interesse gefunden. Es gab auch Leute, die nur aus Interesse daran zu wissen, was ist die Sprache, woher kommt diese Sprache. Man kennt nicht so arg.
MA: Jetzt nochmal zu Mannheim noch ein bisschen. Was ist für Sie typisch hier in dieser Stadt? Was würden Sie sagen, das ist ganz typisch Mannheim?
TR: Also Mannheim für mich ganz typisch ist in erster Linie eine Stadt der Mittelklasse oder man kann sagen auch Arbeiterstadt, soziale Stadt. Mannheim mittlerweile ist auch eine kulturelle Stadt, auch intellektuell, im Sinne akademische Stadt, aber nicht wie Heidelberg. Hier gibt’s viele verschiedene Firmen, die verschiedene Produkte auf den Markt bringen. Und Mannheim ist bekannt und berühmt dafür, besonders für Technik. Also hier ist Mercedes entstanden und wirklich industriell sehr entwickelt, muss ich sagen. Und dadurch wird auch geprägt durch viele Arbeiter, die da arbeiten oder die mittragen, dass die Produktion läuft. Und dafür ist Mannheim sehr bekannt. Aber auch was Migranten betrifft. Wahrscheinlich diese zwei Gründe sind verknüpft miteinander. Weil dort wo es gibt Arbeitsplätze, sind auch viele Migranten angekommen. Man kennt diese, wie nennt man diese…
MA: Ballungsräume.
TR: Ja, Ballungsräume von Konzentration der Migranten. Und Mannheim ist einer davon. Weil hier gab es viele Arbeitsplätze, entwickelte Industrie und dann sind daher viele her gekommen. Und auch eine andere Seite Mannheim ist für den einfachen Mensch irgendwie, es gibt Möglichkeiten, die man nutzt und nutzen kann, dass man nicht unbedingt zum Beispiel nur bei Kaufhof oder wie heißt dieser Laden kaufen kann, sondern es gibt auch andere Läden, die billige Produkte anbieten. Und man kann richtig nach eigenem Portmonee schauen, wo ich was kaufen kann. Und das Angebot ist sehr breit in Mannheim. Auch was Lebensmittel betrifft. Zum Beispiel lieber gehe ich zu meinem türkischen Lebensmittelgeschäft, um gleiche Produkte billiger zu kaufen als bei REWE zum Beispiel. Weil was Qualität betrifft, denke ich, habe ich keine Bedenken. Und das bietet Mannheim. Wenn man nach Heidelberg geht, nee. Für mich liegt da ein großer Unterschied.
MA: Und gibt es irgendwo einen Ort in Mannheim oder etwas, was Sie als „Ihr“ Mannheim bezeichnen würden? Einen Lieblingsort? Wenn Sie zum Beispiel in Kosovo sind, wo Sie dann daran denken?
TR: Ja, ja, zum Beispiel in Mannheim oft, wenn man den Paradeplatz besucht oder am Marktplatz ist, irgendwie gleich kommt die Erinnerung. Weil da treffen sich viele Leute, viele Migranten, man findet sich ständig da. Da sind auch Betriebe, also Cafeterias und Bäckereien, die einen Kaffee für einen Euro verkaufen und da findet man immer viele Migranten. Und dann hört man ständig den Kolorit von der alten Heimat sozusagen. Egal woher die Leute kommen. Wenn die ein bisschen lauter reden, zusammen sitzen vier, fünf oder sechs Leute. Also ein bisschen anders als es normal hier ist. Irgendwie wenn ich nach Mannheim gehe, unbedingt muss ich einmal durchlaufen, weil das tut gut. Und irgendwo in einem Café sitzen und den Blick draußen zu haben. Zum Beispiel in Mannheim das Café Journal bietet sehr gut die Möglichkeit oder dieses türkische Restaurant daneben. Man sitzt da gemütlich und schaut vielen Leuten zu und hat irgendwie einen Blick und dann ist in den Gedanken: „irgendwo auch bei uns ist so ungefähr was gleiches oder passiert was gleiches“. Weil wirklich viele Menschen da gehen durch den Stadtteil, bestimmt viele haben was zu kaufen oder was zu schauen und es ist ein gutes Gefühl, das da entsteht.
MA: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, alles noch einmal zu machen, würden Sie dann wieder nach Mannheim kommen und hier bleiben oder würden Sie aus der Perspektive heute sagen: „nee, hätte ich doch damals, wäre ich doch lieber…“
TR: Nee. Also was das betrifft, wenn ich wieder nochmal, wie Sie gesagt haben, am Anfang bin, hätte ich lieber nicht so weit gebracht, ich hätte nicht gewollt, dass es so weit kommt, dass man die Heimat verlässt. Weil das tut sehr weh. Aber ich denke aus heutiger Sicht hätte ich Deutschland mit keinem Land getauscht. Wenn ich noch mal in der Lage wäre, noch mal Heimat verlassen muss, wahrscheinlich wäre ich wieder nach Deutschland gekommen. Und Mannheim, ja, ich habe von vornherein gesagt, zufällig sind wir in Mannheim. Und den Unterschied seh ich nett so, dass man unbedingt nach Berlin oder irgendwo gehen muss. Also in erster Linie geht man da hin, wo man sich sicher fühlt. Und sicher zu fühlen heißt, dass ich Arbeit habe, dass ich Wohnung habe, dass ich mich wohl fühle. Aber ohne Arbeit, ohne Einkünfte zu haben, fühlt man sich nirgendwo wohl. Und das wichtigste ist, wie gesagt, dass man sich integriert hat, im Sinne dass man Arbeit hat. Und dann alle anderen dazu, die gehören. Das zu bekommen kann man nicht von heute auf morgen entscheiden, weil das braucht eine Weile. Und deswegen werde ich Mannheim sagen wir mal nicht tauschen oder wechseln, nur weil ich eine Stadt irgendwo anders besser finde als Mannheim.
MA: So, dann danke ich wirklich sehr für das Interview!
TR: Nichts zu danken, nichts zu danken.
Produktionsbeteiligte:Interviewerin: Maria Alexopoulou
Playing time:1:37:39
Ton:nur
Angaben zum Erwerb:D 51
Alte Signatur:Zug. 09/2014 Nr.17
 

Usage

Permission required:Keine
Physical Usability:Uneingeschränkt
Accessibility:Öffentlich
 

URL for this unit of description

URL: https://scope.mannheim.de/detail.aspx?ID=1296779
 

Social Media

Share
 
Home|de en
Online queries with scopeQuery™