| Inhalt_AV: | Maria Alexopoulou [i. F. MA]: Heute ist der 5. Juni 2012, wir befinden uns in der Migrationsberatung des Diakonischen Werks Mannheim im Integrationszentrum der City-Kirche Konkordien, in R3, 3 in Mannheim-Innenstadt. Mein Name ist Maria Alexopoulou und ich interviewe im Rahmen des Oral History Projekts „Alle Wege führen nach Mannheim“ Herrn Sergej Shushkin. Herr Shushkin sind Sie damit einverstanden, dass dieses Interview aufgenommen wird? Sergej Shushkin [i. F. SeSh]: Ja. MA: Vorab so ganz kurz nur die Fragen: Wie lange Sie in Mannheim leben und in Deutschland und welche Staatsbürgerschaft Sie haben und was Ihr Beruf ist und wo Sie in Mannheim wohnen. Ganz kurz, nur so als… SeSh: In Mannheim befinde ich mich seit 1999, seit Januar, dreizehn Jahre. Trotzdem ich wurde in Deutschland geboren, das ist auch interessant. Ich wurde im ehemaligen Deutschland geboren, das war am 4. Januar [19]48. Und Deutschland wurde geteilt 1949, das ist auch interessant. Aber ich habe hier in Deutschland ungefähr zwei, drei Monate gelebt und dann wurde ich zurück nach Russland von meinen Eltern gebracht. Und in meinem ganzen Leben habe ich in Russland gelebt und 1999 wir sind nach Mannheim umgezogen, ganze Familie. MA: Also direkt nach Mannheim dann? SeSh: Direkt nach Mannheim. Zuerst nach Karlsruhe zu anderen jüdischen Kontingentflüchtlingen, weil mein Vater Jude ist und darum wir hatten solche Möglichkeit. Ich habe einen Antrag gestellt, ungefähr fünf Jahre gewartet auf Bescheid von Deutschland und dann wir konnten nach Deutschland anreisen. MA: Und welche Staatsbürgerschaft haben Sie jetzt? SeSh: Beide, russische ist geblieben. Wir haben Glück, das muss ich ehrlich sagen, weil vor fünf ungefähr Jahren wurde anderes Gesetz in Kraft gesetzt für jüdischen Migranten, das es nicht erlaubt zwei Staatsbürgerschaften zu haben. Aber wir haben Glück und wir waren die Letzten, welche konnten das machen. Und darum unsere Familie hat zwei Staatsbürgerschaften, deutsche und russische. MA: Und was ist Ihr derzeitiger Beruf, was Sie momentan machen? SeSh: In diesem Moment ich bin arbeitslos. Ich bin Maschinenbau-Ingenieur von Beruf und Dr. Ingenieur. Ich habe Doktorarbeit geschrieben vor vielen Jahren im Bereich Logistik und meine beiden Diplome hier in Deutschland anerkannt wurden. Andererseits das ist gut, einerseits das ist nicht so gut. Warum? Da Doktortitel in der Bewerbung Überqualifizierung ist. Wissen Sie was das bedeutet? Und Arbeitgeber war nicht so froh, dass ich Doktortitel habe. Und darum war das problematisch für mich. Und darum - ich könnte kurz meine Geschichte erzählen, wenn das möglich ist – als ich gekommen bin nach Deutschland, die erste Frage das ist Sprache. Ich konnte Deutsch etwas, ich habe eine Prüfung als ich die Promotion gemacht habe, ich sollte Prüfung in Fremdsprache ablegen, ich habe das in deutscher Sprache gemacht. Das war 1974 [lacht]. Und dann große Lücke, ja, und ich habe kein Deutsch gesprochen, weil ich keine Beziehung mit Deutschland hatte. Und dann mein erster Besuch war 1979, mein Geburtsort, ich habe besucht mit meiner Frau, wo ich geboren wurde in Plauen. Plauen, das ist Deutschland, das wissen Sie vielleicht wo das ist? Ich habe in deutscher Familie gelebt und das ist auch sehr spannende Geschichte, weil in dieser Familie meine Mutter seit 1946 bis 1948 gelebt hat. Und bis heute wir pflegen Kontakt mit dieser Familie, bis heute. Und jetzt wir warten auf Besuch dieser Familie nach Mannheim und das, ich denke, das ist auch sehr interessant. Weil das kann man sagen, diese Leute wie unsere Verwandte geworden sind, ja? MA: Wir können vielleicht später oder gleich im Anschluss zu dieser Geschichte kommen, wo Sie mir das etwas genauer erzählen. Jetzt noch einmal die Frage, wo Sie jetzt im Moment in Mannheim wohnen. SeSh: Ich wohne in Mannheim-Vogelstang mit meiner Frau. Ich habe zwei Söhne, sie wohnen nicht weit von uns und meine Mutter ist auch nicht weit von uns, lebt. Mein Vater vor zwei Jahren ist gestorben, ist auch in Mannheim im jüdischen Friedhof begraben worden. MA: Ja, jetzt würde ich nämlich auf die Vergangenheit zurückgehen, Sie haben ja schon ein paar interessante Punkte genannt. Wo und wann Sie geboren sind, dass Sie etwas über Ihren Geburtsort erzählen, über Ihre Eltern, über den Beruf der Eltern, über den ganzen Hintergrund – wenn Sie sagen, Sie sind da geboren, wie kam das? SuSe: Ich habe schon gesagt, das ganze Leben ich habe in Russland gelebt. Als wir aus Deutschland nach Russland zurückgekehrt haben, wir haben in Sibirien gelebt. Und dann in Leningrad ich habe dort Schule beendet, Fachhochschule observiert und dann nach Sibirien abgereist und dort als Maschinenbauingenieur in Binnenhafen am Fluss Lena gearbeitet. Das waren sechzehn Jahre. Ich habe dort sechzehn Jahre gelebt. Dann habe ich Doktorarbeit dort in Jakutsk geschrieben. Wissen Sie vielleicht, wo das ist? Das ist großer Binnenflusshafen am Fluss Lena. In 1985 habe ich in Moskau diesen wissenschaftlichen Grad bekommen und dann meine Arbeitsstelle gewechselt. Ich habe in der letzten Zeit in Jakutsk als Leiter von Fernstudium gearbeitet, ungefähr drei Jahre. Als mein Arbeitsvertrag beendet hat, ich bin nach Leningrad mit meiner Familie zurückgekehrt und letzte Zeit, letzte Jahre, welche wir in Russland gelebt haben, ich habe in Forschungsinstitut im Bereich Umweltschutz gearbeitet. MA: Aber vielleicht noch mal zurück zu Ihrem Geburtsort, wie kam das, dass Ihre Eltern da waren? Haben die da gelebt? SeSh: Wissen Sie, das war nach dem Zweiten Weltkrieg und mein Vater hat dort gedient. Und meine Mutter kam aus Leningrad nach Deutschland, nach Plauen und sie haben in Berlin geheiratet. MA: Ach so, er war Soldat? SeSh: Nein, er war Offizier. MA: Er war Offizier ihr Vater, und mit Ihrer Mutter, die haben sich in Deutschland kennengelernt? SeSh: Ja, das ist interessant, weil damals andere Regelung war, weil Familien von Offizieren, welche in Armee gedient haben, in deutschen Familien lebten, wissen Sie das? War kein extra Lager oder irgendwelche Zone für Offiziere, für russische Offiziere, Soldaten, Familie, nein. Einfach sie haben gesiedelt bei deutschen Familien, dort gelebt. Und darum meine Mutter sehr enge Kontakte mit Deutschen geknüpft, weil sie hat mit deutscher Familie einfach gelebt. MA: Sie ist nach dem Krieg gekommen, ach so? SeSh: Nach dem Krieg, das war 1946. MA: Und die waren verheiratet Ihre Eltern… SuSe: Und dann wurde ich geboren. Letzte Zeit, zum Beispiel in zehn, fünfzehn Jahren russische Familien, Familien von russischen Offizieren haben extra gelebt. Als ich zum Beispiel Plauen besuchte, unser deutscher Bekannter hat uns gezeigt, wo russische Familien jetzt leben, extra, nicht in deutschen Familien, damals war andere Regelung. Und darum hat Mutter diese Kontakte mit Deutschen geknüpft und bis heute pflegen wir diese Kontakte, ich habe schon gesagt. MA: Und Ihre Eltern haben vorher wo gewohnt, auch in Leningrad? SeSh: Meine Mutter ja, in Leningrad, mein Vater in Weißrussland. Und einfach sie über Bekannte kennengelernt, wann gibt es eine Bekannte, Verwandte von meinem Vater, sie hat empfohlen meine Mutter nach Deutschland. Sie haben sich zuerst kennengelernt natürlich schriftlich, Foto geschickt. Sie waren jung. Meine Mutter war neunzehn, Vater fünfundzwanzig. MA: Was war Ihr Vater von Beruf? SeSh: Im letzten Jahr er war Lehrer, Mathematiklehrer. Er hat lange Zeit unterrichtet in der Schule, lange Zeit, also seit 1962, als er aus Armee rausgeschmissen wurde. Vielleicht wissen Sie, wissen Sie natürlich nicht, das war 1962 Chruschtschow, wissen Sie, diesen Namen kennen Sie, dieser Politiker, und wurde eine Million Offiziere und Soldaten aus russischer Armee geschmissen. Und in dieser Zeit mein Vater hat auch verloren diese Dienststelle in Sibirien und dann aber trotzdem er hat Fernstudium gemacht und ist Mathematiker geworden. Als er gedient hat gleichzeitig, parallel er hat Fernstudium fertig gemacht. Weil vor dem Zweiten Weltkrieg er war Student, er hat Mathe studiert in Uni. Und als Krieg begonnen hat, er sollte natürlich in Armee gehen und dienen. Und als er dann ungefähr 1958, er zurück im Fernstudium, das ist in Tjumen, das ist sibirische Stadt, da gibt es Fachhochschule, pädagogische Fachhochschule und er dort hat studiert und beendet. Und Mathematiker geworden und seit [19]62 in der Schule gearbeitet bis 1998. Das ganze Leben war mit Mathematik, er war völlig verrückt nach Mathematik und vielleicht ich habe das geerbt auch, ich mag Mathematik, ich mache bis heute Nachhilfe für Jugendliche, hier in Deutschland auch, welche Probleme mit Mathematik oder Physik haben, bis heute, weil ich habe so viel Interesse. MA: Und Ihre Mutter? SeSh: Meine Mutter keinen richtigen Beruf hatte, aber sie ist, kann man sagen, eine sehr intelligente Frau. Jetzt sie ist Schriftstellerin geworden und diese Begabung ist jetzt aufgetaucht, als sie nach Deutschland gekommen ist. Und sie tippt mit dem Computer Bücher und gibt das – in russischer Sprache natürlich – und in unserer Bibliothek gibt es zwei Bücher, welche sie geschrieben hat. Das ist eine spannende Geschichte, sie beschreibt Verschiedenes aus der eigenen Lebensgeschichte, was in Deutschland war 1946, was passierte später mit russischen Familien, welche Probleme aufgetaucht sind. Das ist interessant, weil ich wusste das nicht, welches Problem war in russischer Armee, in russischer Zone, wie diese Probleme gelöst wurden und so weiter und so fort. MA: Ach so, Ihre Eltern waren dann länger in Deutschland? SeSh: In Deutschland mein Vater bis [19]51, meine Mutter bis [19]48. Nur zwei Jahre und Vater etwas länger, weil er hat in Plauen gedient. Und mein Vater war auch in Plauen 1980 Besuch gemacht auch mit meiner Mutter; ich war 1979 mit meiner Frau bei dieser Familie Teichmann, deutsche Familie, wo meine Mutter gelebt hat mit mir, als ich geboren wurde. Und wir haben mit meiner Frau 1979 diese Familie besucht und meine Mutter mit Vater 1980. Und dann diese Familie Teichmann kam nach Leningrad und letztes Mal, das war vor elf Jahren, 2001, meine Eltern lebten in Baden-Baden in diesem Zeitraum und wir haben uns dort getroffen. Und jetzt wir warten auf, ich habe es schon gesagt, auf Besuch von der Familie. MA: Und wie war das damals für Ihren Vater, er war ja jüdischer Herkunft mit den… Gab’s da? SeSh: Kein Problem, absolut nicht. Leute, das ist Seele und Körper und nichts anderes, unabhängig von Nationalität, Religion, verstehen Sie? Weil diese Kontakte, welche geknüpft wurden, wenn Leute zum Beispiel miteinander leicht zurechtkommen konnten und ich denke, das ist wichtiger als Religion oder politischer Zustand oder andere Sache. MA: War das Judentum bei Ihnen in der Familie irgendwie wichtig oder war es einfach…? SeSh: Was? MA: Haben Sie das religiös auch gelebt? SeSh: Nein, nein, mein Vater zuerst war Kommunist und dann, natürlich das war Pflicht, und dann hat natürlich verlassen das… Aber einfach er war sehr tolerant, sehr tolerant. Verstehen Sie, was das bedeutet? Er hat gedient in Armee, er war im Krieg, trotzdem diese Leute, welche im Krieg auf der Gegenseite waren, jetzt sind Freunde, verstehen Sie, was ich meine? Und das ist Mensch, das ist Mensch unabhängig von Politik, frei von… Verstehen Sie? Das ist Objekt und Subjekt, das ist verschiedene Sache. Wir sind die Subjekte, welche zum großen objektiven System gehören. Und für die Verhältnisse zwischen Subjekt und Objekt gibt es Gesetz, welche diese Verhältnisse in Ordnung bringen sollte. Und wenn wir dieses Gesetz entdecken könnten – bis heute haben wir sie nicht entdeckt, richtig? Das ist meine Meinung – wenn dieses Gesetz wird entdeckt, besser kann man das regeln. Und dieses Problem, welches wir in Europa, überall, haben, zu lösen MA: Ja, ja. SeSh: Zum Beispiel Toleranz. Ich habe viele Kontakte, ich war in der Türkei und wir haben türkische Leute kennengelernt und gute Kontakte geknüpft. Und warum nicht? Unabhängig ob er Muslim oder Jude oder Christ oder Orthodox ist. Das ist meine persönliche Meinung. Weil Religion auch, das ist Institut, welches Leute einfach steuern wollte. MA: Ja, das sind diese Grenzen, die gesetzt werden, die mit den einzelnen Menschen ja eigentlich nichts zu tun haben. SeSh: Verstehen Sie, was ich meine? Die soziale Frage ist sehr intersannt, ich denke, das ist eine komplizierte Frage. Warum? Wenn einer den Menschen etwas sagte, das subjektivistische Meinung ist, trotzdem wenn zum Beispiel eine große Gruppe Leute, dann ist das ein anderes Gesetz. Und dieses Gesetz abhängig von der Menge der Leute. Wenn zum Beispiel viele Menschen zusammen sammeln, dann ist eine andere Regelung und Meinung wird objektiv. MA: Eine andere Dynamik. SeSh: Große Gruppe, andere Regel und anderes Gesetz entwickelt wird. Das ist Quantität… Wie heißt das? Das ist Hegel Gesetz, wissen Sie? Der bekannte deutsche Philosoph. Der hat drei Gesetze entdeckt, und es ist sehr wichtig für die Gesellschaft. Zum Beispiel, „Quantität übersteigt in Qualität“ Dieses Gesetz wirkt überall. Egal ob es Soziologie oder anderer Bereich ist, ja? Ich denke, das ist richtig. Das ist meine Meinung [lacht]. MA: Das ist auf jeden Fall… Von meinem Wissen ist es so, wenn man zum Beispiel Opfer von Diskriminierung wird, weil man eben einer bestimmten Gruppe zugeordnet wird, dass man dann oft nicht die Wahl hat, eben dieses nicht anzunehmen. Wissen Sie, was ich meine? Zum Beispiel wie war das damals mit Ihrer Familie in Russland? Hatten die da Probleme zum Beispiel? SeSh: Meinen Sie jüdische Leute? Meine Mutter ist Russin. Mein Vater… MA: Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Familie da jemals diskriminiert wurde oder Probleme hatte? SeSh: Ich verstehe was Sie meinen. Können Sie sich erinnern, ich habe gesagt, mein Vater wurde aus Armee geschmissen. Warum? Weil er Jude war. Es gab eine Liste von der Zentrale, diese Leute sollten raus. Vorher hat er versucht, in der Akademie zu studieren, Militärakademie, aber die Prüfung nicht bestanden wurde. Diese Prüfung konnte er natürlich bestehen, weil die Prüfung für ihn war sehr leicht, weil er Krieg erlebt hat. Trotzdem wurde nicht bestanden. Und wir haben gezweifelt, ob er die richtigen Noten bekommen hat. Und das war auch nicht… Kann man sagen Diskriminierung? Das ist vielleicht Glück, dass er kein Oberoffizier geworden ist, weil er war Mathematiker, damit verwurzelt, verstehen Sie? Und vielleicht war es ein Glück, dass er raus war aus der Armee und Fernstudium absolviert hat und Mathematiker geworden ist. Ich denke das war ein Glück für ihn. MA: Und so im Alltag hatten Sie da das Gefühl – auch Sie selber, als Sie dann studiert haben? Haben Sie sich als Jude irgendwie…? SeSh: Nein, nein. Ich bin kein Jude. Weil ich konnte wählen. Als ich erwachsen geworden bin, ich konnte wählen Russe oder Jude, kann ich im Pass so stehen lassen. Und ich habe gewählt Russe, in Russland will man Russe sein. Und meine Familie, das ist typisch russische Familie – Pushkin, Shushkin – keine jüdische Familienname. Und darum ich wurde als Russe akzeptiert. Und darum habe ich keine Probleme erlebt. Ich bin nicht typischer – natürlich ja, gibt es typische Juden. Wissen Sie wie sieht der typische Jude aus? Haben ein etwas anderes Gesicht. Aber ich bin nicht typisch Jude und darum ich habe nicht erlebt. Aber damals vor vielen Jahren natürlich waren solche, zum Beispiel mein, wie kann man sagen, Freund, Bekannter, guter Bekannter war Lehrer in Uni und er sagte, gibt es Liste, wo steht drauf, dieser Student sollte diese Prüfung nicht bestehen. Er war enttäuscht und hat mir diese Geschichte einfach erzählt. Und warum? Weil der Student Jude war. Das war kein Befehl, eine Empfehlung. MA: Es war soziale Praxis sozusagen. SeSh: Ja, ja. Kein Gesetz existierte, dass Juden diskriminiert werden sollten. Ein solches Gesetz existierte natürlich nicht. Aber zwischen Zeilen kann man das lesen und das waren Empfehlungen und das existierte bei uns. Aber ich habe das nicht erlebt. Ich habe erzählt warum. MA: Sie haben sich ja auch nicht damit identifiziert. SeSh: Nein, darum haben wir nichts gemerkt. Natürlich meine Kinder auch nicht, weil meine Frau Russin ist, verstehen Sie? MA: Das heißt, dass Sie auch hier irgendwie… Sehen Sie sich hier als Teil einer jüdischen Gemeinde? SeSh: Nein, nein. Ich konnte nicht Mitglied der jüdischen Gemeinde werden, weil meine Mutter Russin ist. Wissen Sie dieses Gesetz? Dieses religiöse Gesetz, dass es abhängig von der Mutter ist. Wenn die Mutter Jüdin ist, wird man als Jude akzeptiert, wenn nicht, nein. Ich bin kein Jude für jüdische Gemeinde [lacht]. Ich habe natürlich Kontakte mit der jüdischen Gemeinde, weil ich, wissen Sie, ich habe hier seit ungefähr acht oder zehn Jahren Arbeit hier bei der Diakonie und habe viele Leute aufgenommen, welche aus ehemaligen UdSSR-Ländern nach Deutschland gekommen sind als jüdische Kontingentflüchtlinge. Darum habe ich enge Kontakte mit dieser Gruppe. Und gibt es Leute, die hier sind in der jüdischen Gemeinde, einfach arbeiten als Angestellte, aber die haben diese Leute genommen, damals vor fünf, sechs Jahren. MA: Und Sie betreuen die? SeSh: Diese Leute, ja natürlich, sie beschäftigen sie, um Leuten zu helfen. Aber diese Gemeinde ist eine besondere Gemeinde. Die jüdische Gemeinde in Mannheim ist eine etwas besondere Gemeinde. Es gibt Leute, die sich bei mir beschweren, dass die Gemeinde nicht so, wie kann man sagen, tolerant zu uns ist, weil gibt es andere Gemeinde… Juden, die aus ehemaligem Russland nach Deutschland kommen und Beziehungen haben, das ist etwas kompliziert für mich. Wie gesagt, besondere Gemeinde. Jetzt vielleicht ist die Lage anders, schwierig zu sagen. Aber damals, als ich gekommen bin, solche ich habe gehört von Mitgliedern von Gemeinde. MA: Dass praktisch die Neuankömmlinge nicht so akzeptiert wurden? SeSh: Vom ehemaligen Russland, Ukraine aus ehemaligen russischen Ländern. Das war so, jetzt vielleicht etwas anders, weil der Vorstand neu gewählt wurde neulich. Ja, ich weiß nicht welche Lage ist. Und als hier runder Kreis war, ich habe ein paar Wörter gesagt, dass sollten wir Kontakte haben, weil wir helfen jüdischen Leuten. Normalerweise jüdische Gemeinde sollte das machen, nicht Diakonie. Warum jüdische Gemeinde, hat nichts zu tun. Und eine, ich weiß nicht, ich konnte mich nicht erinnern welcher Familienname, sagte, „Ach, wir sollten natürlich Termine ausmachen und wir versuchen mehr etwas in diesem Bereich zu machen“. Aber trotzdem keine Aktivität, nichts. Aber jetzt weniger natürlich Immigranten kommen nach Deutschland als Kontingentflüchtlinge. Letzte zwei kamen aus Weißrussland im Mai 2011. MA: Das waren die letzten, die dann nach Mannheim kamen? SeSh: Ja. Und damals zwei Familien wöchentlich. Viele Leute, viele Leute, das war vor vier Jahren ungefähr, vor fünf Jahren. Jetzt ist Ruhe, still. Und Russlanddeutsche kommen auch nicht. Vielleicht Frau Engel hat schon erzählt. MA: Aber wie kam eigentlich bei Ihnen der Gedanke auf, Russland zu verlassen? SeSh: Viele Leute interessieren sich besonders aus Deutschland natürlich und fragen, zum Beispiel meine Zahnarzt damals, er ist Deutscher, er sagte, er hat Interesse für russische Geschichte und hat gefragt, „Warum kamen Sie nach Deutschland? Welcher Grund war das?“ Ich muss sagen, zwei, ich denke drei Gründe, drei Ursachen. Erste Ursache: Ich habe zwei Söhne. Wissen Sie, die Söhne sollten dienen, das ist Pflicht. Ich wollte das nicht. Warum? Weil Tschetschenienkrieg und ich habe keine Lust, dass meine Söhne sollten dort Blut einfach für jemanden schenken. Das geht nicht, verstehen Sie, das ist politisch eine dumme Sache für mich. Weil ich weiß, diese Geschichte für mich, ich wollte das nicht, verstehen Sie? Ich weiß nicht, welche Eltern möchten, zum Beispiel haben Lust ihre Kinder, ihre Söhne in einen solchen Krieg zu lassen. Ich denke niemand. Damals wir waren Studenten und wir haben zusammen Fachhochschule in Leningrad studiert und er hat Sohn verloren im Tschetschenienkrieg. Ich war in St. Petersburg und ich habe mit meinen ehemaligen Studenten Kontakt aufgenommen und ich habe das erfahren. Das ist traurig, das ist sehr traurig. Und darum ich sage, das ist erster, wichtigster Grund. Ich habe zwei Söhne und beide Söhne dienen müssten und ich habe keine Lust, da diese Wahrscheinlich sehr groß war in diesem Zeitraum, das war 1998, erster Krieg, erster Tschetschenischer Krieg war nicht beendet und darum das ist der erste Grund, warum wir das akzeptierten. Weil normalerweise, wir haben in Russland gelebt, meine Frau war Lehrerin, Haushaltslehre, und ich war als Wissenschaftler in Forschungsinstitut und alles war, kann man sagen, in Ordnung. Trotzdem das war erster Grund, weil mein jüngster Sohn sollte nächstes Jahr in Armee dienen und natürlich das nicht einfach für mich war, ich wollte das nicht. Und zweiter Grund: Mein ältester Sohn, der war schon Ingenieur. Er hatte schon 1996 die Uni absolviert in Russland, er ist Elektroingenieur geworden und er versuchte eine Arbeitsstelle in seinem Beruf zu finden, das klappte nicht. Und er sollte handeln. Er handelt zwei Jahre und ich sagte, „Wenn Du weiter handelst, verlierst Du Diplom einfach“. Verstehen Sie? Er soll als Ingenieur arbeiten, er hat als Manager… Diese Firmen haben existiert ein halbes Jahr, ein Jahr maximal und dann aufgelöst. Es war eine sehr schwierige wirtschaftliche Lage in Russland. MA: Wo haben Sie damals gelebt? In Leningrad? SeSh: Das war damals schon St. Petersburg [Lachen], aber trotzdem das ist kein Unterschied. Und das war zweiter Grund, ich wollte, dass mein Sohn als Ingenieur arbeiten könnte, nicht als irgendwelcher Händler, weil das ist nicht sein Beruf. Und der dritte Grund war, ich war nicht mit der Politik der Regierung einverstanden. Diese Tschetschenischen Kriege ich war überzeugt, das ist eine falsche politische Entscheidung, total falsch. Kann man viele Stunden diskutieren und besprechen, trotzdem für mich das war… Und Geschichte beweist das, wie lange dauert das bis heute. Wissen Sie, sehen Sie Fernsehen? MA: Manchmal hört man was. SeSh: Wenn jemand getötet wurde, etwas explodierte. Das ist logische Folge, welche wir haben von diesen zwei Kriegen. Das war irrtümliche politische Entscheidung von Jelzin, für mich das ist klar. Ich war nicht einverstanden mit einer solchen Politik. Das war der dritte Grund. Natürlich das war nicht so wichtig, trotzdem diese Gründe und so haben wir diese Entscheidung getroffen. Das war nicht einfach natürlich. MA: Wie lang ging dieser Prozess? SeSh: Fünf Jahre wir haben gewartet. MA: Ah, Sie mussten erst einen Antrag stellen? SeSh: Zuerst Antrag… MA: Von Russland aus? SeSh: Ja, natürlich, beim deutschen Konsulat. Meine Eltern haben das auch gemacht. Zuerst nach Deutschland kamen meine Eltern im November 1998 und im Januar kamen wir. Wir haben hier gelebt im Heim, in der Industriestraße 6a. Wissen Sie Industriestraße 6a, da war das Heim für jüdische Immigranten. Damals war es voll von jüdischen Immigranten. Und jetzt zwei Familien leben dort. MA: Und, okay Ihre Eltern waren ja schon hier, aber kannten Sie auch andere schon, die nach Deutschland gekommen waren auf diese Art und Weise? SeSh: Meine Eltern? Nein, wir haben zusammen diese Entscheidung getroffen. Meine Mutter, kann man sagen, hat Deutschland vermisst. In ihrem ganzen Leben sie war vier Mal in Deutschland, weil sie viele Bekannte hier hatte, damals. MA: In der DDR damals? SeSh: In der DDR und in der Bundesrepublik war auch, weil sie hatte Kontakte geknüpft und einfach Einladung bekommen und hat Deutschland besucht. Und sie hat sich in Deutschland verliebt, kann man sagen, sie sagte „Deutschland ist sehr schön und mir gefällt Deutschland“. Ich war einverstanden, als ich Deutschland besuchte, die Deutsche Demokratische Republik besuchte, in einer deutschen Familie gelebt habe, das war kurz natürlich, drei Wochen ungefähr, wir sind durch Deutschland gereist. Und mir, nicht mir, uns hat Deutschland gefallen. Und als wir diese Möglichkeit hatten, haben wir diese Entscheidung getroffen. MA: Und wie kam es, dass Sie in Mannheim dann? SeSh: Ja, ja, ich erkläre. Das war auch nicht einfach. Als wir Antrag gestellt haben im deutschen Konsulat, sollten wir einfach eintragen welches Land von Vorteil ist für uns, zum Beispiel Baden-Württemberg. Wir haben einfach diese Länder eingetragen, Bayern, meine Mutter hat das gemacht, weil sie war, kann man sagen, verrückt. Sie wollte Russland verlassen, sie wollte nach Deutschland. MA: Und sie hat dann Baden-Württemberg angegeben? SeSh: Baden-Württemberg und Bayern ich vermute. Ich denke beide oder nur Baden-Württemberg. Und dann hat sie Aufnahmebescheid bekommen, wo drauf geschrieben stand Baden-Württemberg. Und wir kamen nach Karlsruhe, dort gibt es großes Lager. Großes, großes Lager, das größte in Baden-Württemberg für Immigranten. Und wir haben dort eine Woche gelebt. MA: Ah, ist es das auch für die Asylbewerber? SeSh: Ja, das Asylbewerberlager. Und dann wir haben Aufnahme bekommen nach Mannheim. Weil meine Eltern schon in Mannheim gelebt haben und meine Mutter mit unserer Beraterin, mit ihrer Beraterin, Kontakt geknüpft hat, das war Frau Bagdanov, sie war zuständig für jüdische Immigranten in diesem Zeitraum. Frau Bagdanov, sehr interessant auch. Russischer Familienname, spricht kein Russisch, ihr Vater war Russe. Vor vielen Jahren waren die Eltern nach Amerika ausgesiedelt und sie hat in Amerika gelebt. Und sie ist dann nach Deutschland zu Cousin und Cousine, vielleicht hier leben, und sie bis heute hier in der Diakonie arbeitet. Und meine Mutter kennengelernt und meine Mutter spricht Deutsch, weil sie in Deutschland gelebt hat 1946 und konnte natürlich in Deutsch kommunizieren. Und sie hat mit ihr Kontakt geknüpft und sie hat gebeten, dass wir auch nach Mannheim, dass wir diese Plätze in Mannheim reservieren lassen konnten. Sie hat das gemacht und hat sich in Karlsruhe gemeldet und gesagt, „Wir wollen diese Familie haben, wir haben Plätze reserviert“. Dann haben wir zusammen in Mannheim gelebt und dann meine Mutter sagte, „Ich wollte nach Baden-Baden“. Wir haben im Heim gelebt und meine Eltern sind nach Baden-Baden umgezogen vom Heim. Dort haben sie acht Jahre gelebt. Und danach als Vater krank geworden ist, ich sollte mich um ihn kümmern, kehrten sie zurück nach Mannheim. MA: Und Sie sind in Mannheim geblieben? SeSh: Sie sind in Mannheim geblieben und ich habe schon gesagt, mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben. MA: Ich meinte Sie, Sie selbst sind dann mit Ihrer Familie in Mannheim geblieben. SeSh: Ja, natürlich, ich wollte hier, weil ich hatte hier gewurzelt schon. Ich habe viele Kontakte geknüpft, das ist auch Geschichte. Ich habe einen Verein gegründet hier, ich bin der Erste Vorsitzende des Vereins zur Unterstützung der russischsprachigen Bürger in Mannheim und der Verein existiert seit 2001. Und in meinem Verein ich habe zwei Projekte durchgeführt. Das erste war ein Kinderzentrum, tut mir leid, jetzt ist vorbei, aber das ist andere Geschichte. Acht Jahre ich hatte dieses Zentrum im Herzogenriedpark. Wissen Sie wo das ist? Vielleicht Eltern-Kind-Zentrum wissen Sie? MA: Ja, ja. Ach, Sie haben das gemacht? Ja, ja, das kenne ich. SeSh: Früher Sie waren dort? MA: Nein, ich war nicht dort, aber ich habe davon gehört. SeSh: Und ich habe dort, wir hatten freitags unsere Früherziehungsschule für Kinder angeboten. Und wir hatten Gruppen, ungefähr vierzig Kinder. MA: Ich fand es schade, dass es so was für griechische Kinder nicht gibt. SeSh: Es gab französische, englische, deutsche und kurze Zeit türkische und italienische auch kurze Zeit und dann sind weg. Und geblieben sind deutsche, französische, englische und unsere russische Gruppe. MA: Was war Ihr erster Eindruck als Sie hier nach Mannheim gekommen sind? SeSh: Ich muss ehrlich sagen, nicht so gut. Zuerst, ich muss ehrlich sagen, meine Sprache auch, mein Sprachniveau war nicht so hoch. Ich dachte, sofort ich spreche fließend Deutsch und ich verstehe alles und so weiter und so fort. Als ich nach Mannheim gekommen bin, ich hatte Probleme. Ich verstehe nicht und viele Begriffe ich weiß nicht einfach, keine Erfahrung. Das ist auch wichtig, weil ich keine Erfahrung habe, natürlich ich konnte das nicht verstehen. Für mich jetzt einfach, verstehen Sie warum, zum Beispiel ich schaue irgendwelche Formulare, ich sollte nicht übersetzen lassen, weil ich weiß, worum es geht sofort, weil ich Erfahrung habe. Zum Beispiel diese Leute, welche meine Kunden sind jetzt, und ich helfe Leute zum Beispiel Anträge stellen oder etwas zu machen mit Behörden, mit Ausländerbehörde, mit Jobcenter und ich fülle viele Formulare aus, ja? Und ich weiß worum es geht sofort, verstehen Sie? Ich sollte nicht lesen, da Deutsch nicht einfach die Schrift. Ich verstehe nicht Sinn der Schrift. Wenn Sie jetzt zum Beispiel einen Ausdruck der Sparkasse bekommen und versuchen zu verstehen, was da geschrieben steht, ich habe erlebt, dass eine ehemalige Kundin mir brachte und sagte, „Sagen Sie, worum es geht“. Ich habe gelesen und muss ehrlich sagen, es nicht verstanden. Ich komme zu Frau Nock-Azari [Mitarbeiterin bei der Diakonie] – wir haben engen Kontakt mit Regina – ich habe gesagt, „Regina, kannst Du mir erklären, was ist das?“. Sie hat gelesen, gedacht und sagte, „Geh in Sparkasse! Die erklären dort, die können das besser als ich“. Verstehen Sie, weil die Sprache kompliziert ist. Ich muss ehrlich sagen, bei uns gibt es das nicht im Russischen. In der russischen Sprache gibt es keinen großen Unterschied… MA: Also diese Amtssprache meinen Sie? SeSh: Amtssprache total, total… MA: Unverständlich? SeSh: Unverständlich. Und diese Sparkasse war ah… MA: Und hatten Sie am Anfang Hilfe? Also gab’s für Sie so Stellen, wo Sie hingehen konnten? SeSh: Natürlich ich hatte keine Hilfe hier. Wegen diesem Gesetz und Sprachehilfe keine. Vor sechs Jahren wurde hier Büro organisiert für jüdische Migranten. Frau Dolb wurde von der Diakonie angestellt, sie war Leiterin und ich war Dolmetscher bei ihr. Und wir haben auf jüdische Migranten gewartet ein Jahr. Niemand kam, wenige, wenige Leute. Das war Lücke. Und dieses Büro existierte ein Jahr und dann zu, Frau Dolb andere Stelle bekommen und dann diese Beratungsstelle für alle Migranten. Und kam diese Welle, diese Immigrantenwelle, große Welle. Und darum habe ich im Heim gearbeitet als Dolmetscher und hier. Drei Tage dort, zwei Tage hier. Und war viel Arbeit, viele Leute. Kein Vergleich mit heute. MA: Aber als Sie kamen, gab es eben für Sie keine Hilfe. SeSh: Nein, nein. Ich muss ehrlich sagen, als ich gekommen bin, keine Hilfe, niemand. Und darum, ich konnte etwas Deutsch und ich hatte lange Schlange Leute, welche Hilfe brauchten, weil kein Wort verstehen. Ich habe gesagt, ich konnte lesen, ich konnte verstehen, nicht komplett. Es war schwierig auf der Straße zu kommunizieren oder bei der Behörde oder bei Ärzten. Aber ich konnte lesen und konnte sprechen etwas. Darum Leute mit Papieren zu mir kommen. MA: Hat sich das so zufällig ergeben? SeSh: Ich war ehrenamtlicher Dolmetscher [lacht]. MA: Wie lange haben Sie gesagt, haben Sie in dem Heim in der Industriestraße gewohnt? SeSh: Ich habe sechs Monate dort gelebt im Heim. Im September wir haben eine Wohnung gefunden hier und sind umgezogen. MA: Und hatten Sie sonst Unterstützung bekommen in sonstiger Art und Weise? Auch mit Arbeit suchen oder… SeSh: Nein, nein. Arbeitsamt war zuständig für solche Sachen. Wenn man hat nichts gemacht, dann nichts. Als ich gekommen bin, ich habe Sprachkurs gemacht, dann ich habe speziellen Sprachkurs für Ingenieure in Stuttgart halbjährige gemacht. Und dann, ich habe gesagt, ich habe versucht Arbeitsstelle zu finden. Und diese Probleme, ich muss ehrlich sagen, es gibt die Otto-Benecke-Stiftung, ich habe mich an die Otto-Benecke-Stiftung gewendet, weil sie zuständig für Akademiker. Und Frau Hofmann, welche hier war zuständig für Ausländer, wissen Sie vielleicht, kennen Sie? Frau Hofmann war Leiterin für diese Region Otto-Benecke? MA: Nein… SeSh: Kennen Sie nicht. Sie war hier in Mannheim, jetzt in Ludwigshafen. Und einmal – wir haben enge Kontakte geknüpft – weil ich Söhne mitgebracht habe, ich habe gedolmetscht für meine Söhne, weil meine Söhne… Damals war ich Dolmetscher, jetzt sagen sie, „Vater Du sprichst falsch und verstehst nichts“ [lacht]. Meine Söhnen, das sind junge, und konnten natürlich besser als ich Fremdsprache lerne, einfacher. Natürlich meine beiden Söhne jetzt im Beruf, weil sie relativ alt sind, die beiden. Der älteste ist achtunddreißig und der jüngste dreißig. MA: Wie war das für die beiden, konnten die sich hier schnell… Wie haben sie das erlebt? SeSh: Das war auch nicht so einfach. Der älteste Sohn war fünfundzwanzig, als wir gekommen sind. Er war schon Elektroingenieur. Er hat Sprachkurs mit uns – wir haben zusammen Sprachkurs gemacht. Dann er hat versucht einfach eine Ausbildung zu finden oder etwas Ähnliches. Und er hat einen Kurs gemacht in der Computerbranche. Und dann er hat sich beworben und eine Arbeitsstelle gefunden. Und seit zehn Jahren arbeitet er bei einer amerikanischen Firma nicht weit von Heidelberg als Elektroingenieur, er überprüft elektronische Geräte. Gibt es spezielle Stelle, das ist Computer, zwei Millionen Euro kostet, und er arbeitet dort und er überprüft das. Die Firma produziert dieses Produkt und das soll überprüft werden und er macht das in der Kontrollabteilung. MA: Also Ihr Plan ist sozusagen was Ihren älteste Sohn betrifft aufgegangen? SeSh: Richtig! Ja! Und mein jüngster Sohn hat eine Ausbildung bei Daimler gemacht und arbeitet dort seit zehn Jahren als Mechatroniker und macht jetzt ein Fernstudium als Mechatroniker, nicht weit von Mannheim. Wo gibt es Fernstudium? MA: Fernstudium kenn ich nur in Hagen. SeSh: Nein, nicht weit von Mannheim… Darmstadt. Dort studiert er. MA: Welche Fragen und Probleme haben Sie in der Anfangszeit am meisten beschäftigt? SeSh: Wohnung, Wohnung. Das war der Schwerpunkt, weil es schwierig war für mich eine Wohnung zu finden. Jetzt auch zum Beispiel ist eine Familie bei mir, welche Wohnung sucht in Mannheim auch seit einem Jahr wohnt im Heim und es ist nicht einfach das zu finden. MA: Also man muss dann auf eigene Faust? Hilft da die Stadt? SeSh: Nein, gibt es GBG, bei welchem natürlich man sollte und könnte eine Wohnung finden, weil gibt es keine Kaution usw. für solche Wohnung, für welche die GBG zuständig ist. Aber Nachfrage übersteigt Angebot, das ist das Problem. Und darum ist es nicht einfach eine Wohnung zu finden. Das ist Glücksspiel. Weil einmal pro drei Monaten kann man Termine machen. Und wenn es zum Beispiel, wir waren gestern dort, haben Termin ausgemacht und Mitarbeiter kuckt, welche freie Wohnungen es gibt. Und wenn keine, er sagt „Tschüss und in drei Monaten wir sehen uns noch“. Und inzwischen viel geändert und viele Wohnungen vielleicht schon ausgeschrieben wurden oder andere Leute bekommen haben. Und das ist einfach Roulette-Spiel. MA: Also auf dem freien Markt haben die Leute nicht so viele Chancen? SeSh: Das ist ein Problem: die Kaution, das ist Geld, wenn Makler Provision und ich schätze, wenn zum Beispiel Leute eine Zwei-Zimmer-Wohnung mieten möchten, sie sollten mehr als 1500 Euro in der Tasche haben für Provision und Kaution, ungefähr so ein Betrag ist nötig. Und darum ich sage, „Leute, das ist nicht einfach“. Und jetzt wir versuchen eine Wohnung zu finden und es klappt nicht. Und gestern waren keine Angebote. Und das war Schwerpunkt, als wir gekommen sind. Meine Eltern auch in Baden-Baden Wohnung gefunden und umgezogen und wir sind hiergeblieben. Und wir haben hier eine private Wohnung gemietet, nicht von GBG. Wir waren bei GBG, aber wurden nicht genommen. Kein Termin, die Sprache war nicht einfach und wir kamen ohne Dolmetscher und versuchten einen Termin zu bekommen und das wurde abgelehnt. Und dann wir haben einfach private Wohnung gefunden. MA: Auf eigene Faust? SeSh: Eine junge Frau hat gearbeitet bei Immobilien, auch aus St. Petersburg, und hat empfohlen, dort Wohnung zu mieten. Und wir haben das gemacht dann. MA: Das heißt, Sie haben relativ schnell Leute kennengelernt, die… Gab es da irgendwie einen Treffpunkt? SeSh: Nein, kein Treffpunkt. Wir haben einfach im Heim gelebt und diese junge Frau auch, aber sie war sehr begabte Frau, sie war ungefähr achtzehn Jahre, aber sie sprach Deutsch – und spricht jetzt auch natürlich und wohnt in Mannheim – und sie hat schnell eine Arbeitsstelle gefunden hier bei einer Immobilien, ja Kling heißt das. Und Eltern auch aus St. Petersburg. Wir haben zusammen im Heim gelebt und sie hat uns beiden vorgeschlagen, diese Wohnungen zu mieten. Und wir haben das gemacht. Das war in Wohlgelegen, nicht weit von Eichbaum. MA: Das heißt es gab dann relativ schnell so ein Netzwerk von Leuten, wo man sich gegenseitig geholfen hat. SeSh: Ja, ja. Ohne das kann man nicht leben, das ist sehr wichtig. MA: Wie war das in der Anfangszeit: Hatten Sie dann das Gefühl, dass das Leben hier schwerer war als vorher? SeSh: Absolut anders. Nein, nein, kann man nicht das vergleichen, das war absolut anderes Leben. Weil es geht nicht um Geld, es geht nicht um Existenz, es geht um Beziehungen, andere Mentalität, das ist viel, was sich geändert hat für uns. Wir waren in Deutschland, das war nicht für uns neu mit Deutschen, in deutschem Milieu leben, im deutschsprachigen Milieu leben. Aber trotzdem das war natürlich stressig, besonders für meine Frau und für Kinder auch. Sie haben Freunde und Freundinnen einfach verloren. Wissen Sie, mein ältester Sohn hatte eine Freundin in St. Petersburg, er hat sie vermisst und er wollte zurück. Verstehen Sie, diese Beziehungen wurden einfach abgebrochen und die Kinder waren traurig zuerst, aber dann wurde alles in Ordnung gebracht. MA: Und wie war das für Sie? Haben Sie sich besser gefühlt oder…? SeSh: Ich muss sagen, das war spannend. Das war natürlich nicht einfach. Erste zwei Jahre, über die ganze Periode. Ich konnte nicht sagen, ich fühle mich wohl, alles in Ordnung, sehr gut – natürlich nicht, nein. Es war spannend. Warum? Weil die Sprache nicht so gut, ich verstehe nicht alles komplett. Wenn ich in Paris jetzt bin, ja, dann ist das für mich schwierig, weil ich kann kein Französisch. Und darum war schwierig für mich, in dieser Umgebung zu sein. Und darum das stört. Diese Störung, dann noch andere Mentalität der Leute. Die Leute haben eine andere Mentalität, natürlich. Und diese Lage, in welcher wir sind: Ich war Forscher und meine Frau war Lehrerin und jetzt haben wir anderes Niveau, ja? Und das ist auch nicht einfach zu akzeptieren, verstehen Sie? Ich hatte natürlich Urkunde, dass ich Doktor bin, trotzdem bringt das nichts [lacht]. Urkunde bringt nichts. MA: Ja, ich kenn das selber, ich hab auch einen Titel, der nicht viel bringt. SeSh: Ich weiß, ich weiß. Welches Doktorat? MA: Historikerin. SeSh: Welche Geschichte? MA: Ich hab über amerikanische Geschichte, neuere, ich befasse mich mit neuster Geschichte, ab Weltkrieg. Und ich habe eine Arbeit über die Lobbyaktivität von Griechisch-Amerikanern in den USA geschrieben. Seitdem befasse ich mich sehr mit deutscher Migrationsgeschichte, mit neuerer deutscher Migrationsgeschichte. Das hatte ja damals auch mit Migration und ethnischen Gruppen zu tun und darüber bin ich dann… SeSh: Und haben Sie in Amerika gelebt? MA: Ne, ich war da nur zur Recherche. SeSh: Sie haben lange Zeit hier gelebt? MA: Ich bin in Mannheim geboren. SeSh: In Mannheim geboren? MA: Ja. Meine Eltern sind aus Griechenland als Gastarbeiter gekommen. SeSh: Das war wann? MA: 1970 sind die gekommen. Mein Vater 1969 und meine Mutter 1970. Und ich bin dann hier geboren. SeSh: Das ist lange Geschichte… MA: Eine ganz andere Geschichte. SeSh: Trotzdem auch Migranten. Und Eltern sind hier auch? MA: Die leben noch hier. SeSh: Hier in Mannheim? MA: In Ladenburg. SeSh: Ladenburg, ach das ist schön! MA: Da bin ich aufgewachsen. SeSh: Bekannte Stadt! Ich war viele Mal dort. Wir waren nicht weit, von Vogelstang mit dem Fahrrad zehn oder zwölf oder dreizehn Kilometer, wir bringen unsere Besucher oder Besucherinnen aus Russland nach Ladenburg und zeigen, wie schön Ladenburg ist. MA: Haben Sie, weil es eben so schwer war, es auch irgendwann mal bereut, dass Sie gesagt haben, „Oh, warum sind wir gekommen?“. SeSh: Natürlich meine Frau, meine Frau vermisst natürlich die Mutter. Meine Eltern waren hier und Eltern von meiner Frau sind natürlich in Russland geblieben und sie einfach Eltern vermisst. Und sagte, „Och, warum haben wir das gemacht?“ Aber es war nicht so stark und nicht so kompliziert, diese traurige Periode war nur kurz. Und dann einfach Neues. MA: Wann kam denn der Punkt bei Ihnen persönlich, dass Sie gesagt haben, „Ich bin hier angekommen, ich bin jetzt hier…“ SeSh: Nein, ich versuchte meiner Frau zu erklären, dass wir das für unsere Kinder gemacht haben und das sehr wichtig für uns und „Verstehst Du, wenn wir nicht da sind, was könnte passieren mit unseren Söhnen“. Und das war einfach Schwerpunkt, welcher natürlich diese Waage überwiegt. Das war der Beweis, warum wir sind da. Und sie hat das akzeptiert. MA: Aber Sie persönlich, wie ist das für Sie? SeSh: Für mich natürlich war es schwierig, aber ich nie sagte, dass ich zurückkommen möchte. Gibt es Leute, welche… Ich habe natürlich gesagt, ich habe viele Leute betreut hier und es gibt Familien, welche zurückgekehrt sind. Ich kenne sie. Aber das war ungefähr zehn Prozent. MA: Weil das Leben dann letztlich hier doch besser war? SeSh: Warum sie zurückgekehrt sind? Das waren verschiedene Gründe. Es geht um Kinder, welche enttäuscht vom Leben waren, die dachten, das ist ein Paradies. Eltern sagten, „Wegen unseren Kindern sind wir nach Deutschland gekommen und weil Kinder enttäuscht sind und wollten zurück, wir auch gehen zurück“. Gibt es solche Familien, aber nicht so viele. MA: Hätten Sie auch mal die Möglichkeit gehabt von Mannheim wegzuziehen in eine andere deutsche Stadt? SeSh: Nein, jetzt nicht. Das ist fest. Jetzt wir sind da und ich wollte hier bleiben, weil kann man sagen, es meine Stadt geworden ist und weil ich habe gesagt, ich habe viele Kontakte hier geknüpft, ich kenne Preißler [Integrationsbeauftragter der Stadt] gut auch, er kennt unseren Verein auch, weil ich seit 2001 Vorsitzender bin und das Kinderzentrum, er kennt uns, weil verschiedene Veranstaltungen, er war auch dabei, die wir zusammen gemacht haben. Das Kinderzentrum war auch ein eingetragener Verein, ein deutscher Verein. Und darum natürlich im wollte nicht von Mannheim weg. Ich wollte deutsche Städte besuchen, ich mache das auch regelmäßig. Aber ich will hier bleiben, die Wurzeln sind da. MA: Sie haben es ja vielleicht schon angedeutet: In Mannheim leben ja viele Migrantinnen und Migranten. Wie war das für Sie, haben Sie das positiv empfunden auch so am Anfang? SeSh: Natürlich, das ist für mich positiv. Warum? Natürlich ich komme mit Deutschen auch zurecht, wir haben Deutsche auch als Bekannte. Zum Beispiel im Haus, wo wir wohnen, Deutsche. Zwölfstöckiges Haus, vier Wohnungen pro Stock, achtundvierzig Wohnungen, ungefähr vier Ausländer – ich schätze so – und der Rest sind Deutsche. Und für mich stört das nicht. Ich habe gesagt, in Türkei ich habe türkische Leute kennengelernt, wir haben den Leiter unserer Gruppe kennengelernt, das war typischer Deutscher. Ich muss ehrlich sagen, wir waren in der Türkei mit einer deutschen Gruppe, meine Frau und ich Russin und eine Frau und ihre Tochter waren auch Russen, aber alle Deutsche. Und dieser türkische Leiter, sah wie Deutscher aus und sagte, „Ich bin Türke“. Und ich war auch überrascht, er sprach Deutsch perfekt. Er hat hier seit vier Jahren gelebt mit Eltern, er hat Uni absolviert, Elektroingenieur geworden, trotzdem wollte er einen anderen Beruf haben und jetzt leitet er Reisen. Und wir haben mit ihm kennengelernt, mit Chauffeur, mit Fahrer auch kennengelernt, auch Türke. Und das war nicht schlecht, das war gut. Und ich denke, das stört mich nicht. Und ich meine, diese philosophische Frage, welche jetzt vor unserer Gesellschaft steht, das ist Globalismus – und wir können nichts dagegen machen. Viele Leute sagen, „Ach, Schluss damit!“ Aber wir können das nicht steuern, wir können das nicht beschleunigen oder verzögern. Das ist objektiver Prozess, welcher unabhängig von unserem Willen läuft. Verstehen Sie, Leute verstehen das einfach nicht. Das ist meine Meinung. Gibt es Prozesse, welche objektiv sind und wir können keine Wirkung auf diese Prozesse machen. Und diese Leute, welche dagegen sind, die verstehen das einfach nicht. Es gibt das Gesetz, welches wirklich objektiv ist. Zum Beispiel Nacht und Tag, die Erde dreht sich um ihre Achse, dreht sich um die Sonne, wir können das nicht steuern. Und das auch ein objektiver Prozess. MA: Und jetzt, um daran anzuknüpfen, was für ein Gefühl haben Sie, was die sonstigen Mannheimer, was für eine Haltung die zu den Migranten haben? Denken Sie, das ist eher positiv oder... Was ist so Ihre Erfahrung? SeSh: Ich habe positive Erfahrung. Zum Beispiel ich bin Ausländer, obwohl ich deutsche Staatsbürgerschaft habe, ich bin Russe für die Deutschen. Das ist normal, ich bin nicht dagegen. Und sie haben Interesse, die Deutschen, uns kennenzulernen, unsere Geschichte zu kennen. Weil ich habe das erlebt in Deutschland, weil ich seit dreizehn Jahren da bin. Es gibt das Interesse. Es gibt auch Leute, die Barriere machen wollen, die Abstand halten. Aber das ist wenig, nicht so viel Deutsche, sehr wenig. Auch kann man sagen, ich habe viele Kontakte mit Behörden bei Jobcenter, bei Ausländerbehörde, die gleiche Geschichte. Mit der Mehrheit ist es leicht, Kontakte zu knüpfen. Gibt es Leute, mit denen es schwierig ist, das zu machen, verstehen Sie? Wenn ich zum Beispiel reinkomme und sitzt in der Behörde ein Beamter ich sofort schätze, kann man mit dem Kontakt knüpfen oder nicht? Oder distanzieren? Das ist auch Psychologie. Ich soll auch diesen Beruf beherrschen, weil Leute kommen und wollen Probleme lösen. Und ohne Kontakt kann man nicht. Man soll zuerst Kontakt knüpfen und dann Problem lösen. Nicht sofort sagen zum Beispiel „Warum, Sie bezahlen zweihundert Euro“ – geht das nicht. Zuerst Kontakt und dann versuchen, etwas zu machen. Und gibt es großen Unterschied natürlich. Aber Mehrheit, das ist gut. Bei Jobcenter kann man nicht so leicht, aber kann man machen. Gibt es Leute, mit welchen es schwierig ist zurechtzukommen, gibt es Leute. MA: Haben Sie jetzt hier jemals das Gefühl gehabt, diskriminiert zu werden, weil Sie Migrant sind? Sie sind zwar deutscher Staatsbürger, Sie werden aber als Migrant wahrgenommen – Sie sind ja auch Migrant. Haben Sie das Gefühl oder hatten Sie das Gefühl, diskriminiert zu werden? SeSh: Für mich, ich persönlich nicht. Gibt es Leute, welche erzählen Geschichte. Gibt es eine Untersuchung, gibt es Statistik, Sinus-Institut, wissen Sie das? Gibt verschiedene Untersuchungen, die die gemacht haben, wegen zum Beispiel Bewerbungen. Und vielleicht haben Sie das gehört. Zum Beispiel Leiter kuckt von Personalabteilung, welche kann man zum Vorstellungsgespräch einladen. Und zum Beispiel türkischer Familienname sofort weg, er weiß nicht, was darauf geschrieben wurde. Ich habe diese Statistik gehört, weil wir haben Seminar hier gemacht mit Sinus-Institut diese Daten haben sie uns gebracht, die haben das erzählt. Ich habe das persönlich nicht erlebt, aber es gibt Statistik, dass Problem existiert. Aber ich persönlich das nicht erlebt. MA: Und fühlen Sie sich hier, also lokal, als Migrant gut politisch repräsentiert? SeSh: Ich persönlich? MA: Ja, Sie als Migrant oder für die Migranten. SeSh: Nein ich fühle mich wohl hier, ich fühle mich wohl in diesem Bereich. Weil ich tolerant bin selbst und ich habe keine zum Beispiel Probleme damit. MA: Nein, aber ich meine eher politisch, dass mehr für Migranten getan wird – also in der Hinsicht, dass Sie denken, dass da einiges getan werden müsste für die Migranten. SeSh: Meinen Sie für Migranten was? MA: Ja, von politischer Seite. SeSh: Ich denke in Mannheim viele… Der Oberbürgermeister macht in diesem Bereich Positives. Das ist meine Meinung. Zum Beispiel das war im Frühling, im Jungbusch war Konzert, vielleicht wissen Sie das nicht, vielleicht haben Sie das gehört. Und sehr interessante Veranstaltung wurde organisiert, weil in Mannheim gibt es viele begabte Leute aus verschiedenen Ländern. Und diese begabten Leute wurden gesammelt und ein Konzert präsentiert. Und das war in einem Hof, einfacher Hof, und wir haben irgendwo gesessen, gestanden, auf Gras und kleine Bühne wurde organisiert. Und diese jungen Leute singen, tanzen und so fort. Und Oberbürgermeister auch war dabei, er hat nicht gesessen, er hat gestanden die ganze Zeit. Und er war da und ich denke, dass das sehr vernünftig, dass er akzeptiert das, besucht solche Veranstaltungen, er zeigt, dass wir, öffentliche Gesellschaft für Ausländer sind. Weil viele begabte Leute hier: aus China, viele verschiedene Länder, Japan, ich weiß nicht, ich hab vergessen, sehr viele Nationalitäten waren dargestellt. Das war Zug aus verschiedenen Ländern – symbolisch natürlich – Zug, welcher die Welt umkreist und präsentiert verschiedene Länder. MA: Haben Sie das Gefühl, dass Migrantinnen und Migranten Mannheim geprägt haben? Also das Bild von Mannheim? SeSh: Diese Prägung – erste Frage: was meinen Sie? MA: Schon allein vom Stadtbild, von der Atmosphäre, die hier herrscht? In dem Sinne, also ob die Migranten ihren Stempel hier hinterlassen haben? Es wird ja oft gesagt, dass es viele Restaurants gibt oder diese ganze kulturelle Szene. SeSh: Nein, ich habe kein solches Gefühl, dass Mannheim geprägt wurde. Ich habe gesagt, Mannheim und zum Beispiel, waren hier und nicht das erste Mal und sehr interessant wir wurden auch mit meiner Frau fotografiert zufällig auf Zeitung. Erstes großes Foto war unseres, das war Zufall. Eine bekannte Zeitung – „Du bist bekannt geworden mit Deiner Frau!“ Mannheimer Morgen und das ist auch richtig, dass ist Toleranz. Zum Beispiel die jüdische Gemeinde, diese Konkordien Kirche, alle zusammen. Das ist guter Versuch, Leute zueinander zu bringen. Weil ich habe gesagt, das ist nicht so wichtig, welcher Religion die Leute sind, dass die Kirche nicht prägt diese Leute, „Das sind unsere Feinde, wir sind richtig, das sind unsere Feinde“. Deshalb das ist sehr gefährliche Politik und religiöse Politik auch. Normale Religion, welche versucht, Toleranz zu finden, zurechtzukommen mit anderen Religionen, das ist richtig. Diese Politik schätze ich, ist nicht schlecht. MA: Und was ist für Sie typisch für Mannheim? SeSh: Das ist typisch für Mannheim! Warum? Vierzig Prozent Migranten – sollte unserer Oberbürgermeister das akzeptieren. Er versteht das, er und seine Kollegen auch machen viel in diesem Bereich, viele positive Sachen. MA: Und was gefällt Ihnen an dieser Stadt besonders, wo Sie sagen würden, das gefällt mir ganz besonders an Mannheim, oder auch ein Ort? SeSh: Gefällt mir Vogelstang. Ich muss ehrlich sagen, dass mir Vogelstang gefällt. Natürlich keine Sehenswürdigkeiten, aber trotzdem dieses Gebiet, Naturgebiet, wir wohnen am See. Wissen Sie wo die zwei Seen… Und ich denke, das ist gutes Gebiet. Natürlich, das ist nicht schönste Stadt in Europa, das wäre lächerlich. Weil St. Petersburg, kann man nicht mit Mannheim vergleichen, kann man das vergessen. Trotzdem, verstehen Sie? Ich liebe St. Petersburg, weil ich muss sagen, das ist schönste Stadt in Europa. Weil ich habe viele Städte besucht, Paris auch und Wien usw. Und warum St. Petersburg? St. Petersburg ist jung, dreihundert Jahre ist es vor sieben oder acht Jahren geworden. Beste Architekten wurden von Peter I. gesammelt von Europa und nach St. Petersburg gebracht und dort diese Pracht entwickelt haben. Und ich denke, darum ist es schön. Waren Sie dort nicht? MA: Leider nicht. Das Östlichste was ich bisher war, glaube ich, ist Berlin [Lachen]. Wobei ich weiß nicht, Athen ist nicht östlicher oder? SeSh: Nein, nein. MA: Ja, aber in Zypern war ich, das ist vielleicht östlicher… SeSh: Deutschland, viele Deutsche besuchen. Und Pfarrer von Konkordien-Kirche, der unser Freund war, wir haben uns 2001 kennengelernt, das war vor vielen Jahre, jetzt er ist raus, er arbeitet hier nicht mehr. Und er sagte, „Sergej, ich wollte nach St. Petersburg mit meiner Frau. Kannst Du das organisieren? Weil ich war nie in Russland, ich habe nie geflogen mit einer Maschine und ich wollte das unbedingt“. Und wir haben das organisiert, wir haben ihn mit meiner Frau, das Paar, begleitet. Er sagte, „Das ist Pracht, das ist die schönste Stadt, die ich je gesehen habe!“. Aber war eine andere spannende Sache, aber das ist eine andere Geschichte [lacht]. MA: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, alles noch einmal zu machen, würden Sie wieder nach Mannheim kommen und hier bleiben? SeSh: Ja. Verstehen Sie? Ich habe drei oder viermal das gemacht. Erstes Mal ich bin nach Jakutsk, als ich mein Studium absolviert habe, ich bin nach Jakutsk, weil das mein Interesse war, ich wollte das. Ich habe dort gelebt und dann ich bin zurück. Jetzt bin ich in Deutschland und ich wollte das nicht ändern und wenn ich jetzt zurückginge, ich machte auch das. Keine Zweifel, nichts. Ich denke, ich habe richtig diesen Schritt gemacht. MA: [Erklärung zum Sammlungsinteresse des Stadtarchivs Mannheim und Gespräch dazu]. Ich danke Ihnen wirklich sehr für das Interview und dass Sie sich die Zeit genommen haben. Vielen Dank! SeSh: Ja, ja bitte. |