AV0781-1 Oral History Projekt „Alle Wege führen nach Mannheim“: Interview mit Hildegard Luise Urban, 2012 (Audiovisuelle Sammlung)

Archive plan context


Title:Oral History Projekt „Alle Wege führen nach Mannheim“: Interview mit Hildegard Luise Urban
Ref. code:AV0781-1
Ref. code AP:AV0781-1
Originalmedium:nur digital vorhanden
Datumsbemerkung:2012
Creation date(s):2012
Rechte:Stadtarchiv Mannheim
Inhalt_AV:Maria Alexopoulou [i. F. MA]: Heute ist der 31. August 2012. Wir befinden uns in der Werderstraße 30, in Mannheim-Oststadt in der Wohnung von Frau Urban. Mein Name ist Maria Alexopoulou und ich interviewe im Rahmen des Oral History Projekts „Alle Wege führen nach Mannheim“ Frau Hildegard [Luise] Urban, geborene Huhn. Frau Urban sind Sie damit einverstanden, dass dieses Interview aufgenommen wird?
Hildegard Luise Urban [i. F. HU]: Ja.
MA: Vorab hab ich ein paar kurze Fragen: Seit wann leben Sie in Mannheim?
HU: Seit 1949.
MA: Was ist Ihr jetziger Status und Familienstand?
HU: Ich bin seit vierundzwanzig Jahren verwitwet.
MA: Haben Sie einen Beruf ausgeübt?
HU: Ja, ich habe, wie soll ich das sagen, ich bin ja auf die Flucht gegangen von der Schulbank weg, hab dann geheiratet und hatte drei Kinder und eine kranke Mutter und hab erst sehr spät wieder versucht, Fuß zu fassen. Ich hab während meiner Ehe die ganze Büroarbeit für meinen Mann gemacht, der selbständig war. Und hab aber dann gedacht, jetzt muss ich doch noch was in der Hand haben. Da hab ich einen Sekretärinnen-Kurs gemacht bei der Volkshochschule, das hat mich aber nicht sehr befriedigt. Und anschließend hab ich eine Lehrerinnen-Schmalspurausbildung gemacht in der Büroakademie in Grünstadt hauptsächlich und habe dann auch die Lehramtsprüfung in Mainz gemacht und war dann Fachlehrerin für schreibtechnische Fächer, für Bürokommunikation, für Kurzschrift, Maschinenschreiben und kaufmännischen Schriftverkehr. Und da hab ich unterrichtet in verschiedenen Schulen. Dann bin ich doch in den Beruf gegangen, habe also in der Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt, habe ich als Chefsekretärin elf Jahre gearbeitet. Hab aufgehört, als mein Mann schwer krank war und hatte dann das Glück wieder in meinen Lehrberuf reinzukommen freiberuflich im Berufsfortbildungswerk. Und da bin ich dann, hab ich bis zu meinem sechsundsiebzigsten Lebensjahr gearbeitet freiberuflich.
MA: So, dann lassen Sie uns jetzt mal zurückgehen in der Vergangenheit. Vielleicht erzählen Sie ein bisschen darüber wo und wann Sie geboren sind und etwas über Ihren Geburtsort, Ihre Familie und Ihre Kindheit, den Beruf der Eltern, Wohnverhältnisse usw., usw.
HU: Ich bin in Breslau geboren, Breslau die Hauptstadt Niederschlesiens, eine Stadt mit sechshundertzwanzigtausend Einwohnern. Hab eine sehr behütete Kindheit als Nachkömmling mit vier wesentlich älteren Geschwistern gehabt. Also in einer Großfamilie, eine Tante, eine Großmutter wohnten bei uns im Haus. Also ich hab eine sehr, sehr glückliche Kindheit gehabt, obwohl es bei uns finanziell recht eng zuging.
MA: Wann sind Sie geboren?
HU: Am 22. 9. [19]28. Also ich bin jetzt diesen Monat, werde ich vierundachtzig. Ja, das war alles ganz gut, wir hatten eine sehr liebe Hilfe im Haushalt, die mich durch meine ganze Kindheit begleitet hat. Und wie gesagt, meine Geschwister, da war ja der Abstand größer, ich war also immer die Kleine, das hat mich oft fürchterlich geärgert. Ja und dann ging einer nach dem anderen aus dem Haus. Meine älteste Schwester hat geheiratet, meine beiden Brüder wurden eingezogen, der Krieg war ja ausgebrochen, und meine Schwester, die mir am Alter am nächsten steht, die eben jetzt noch lebt, die kam zum Arbeitsdienst und von dort aus wurde sie gleich zur Luftwaffe verpflichtet. Die war also auch weg. Da war ich also alleine zuhause mit meinen Eltern. Mein Vater war als Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigter vom Ersten Weltkrieg nicht diensttauglich, ist also nicht eingezogen worden. Und dann muss ich sagen, dass ich die Kriegsjahre auch nicht viel von Entbehrungen gemerkt habe. Ich hab mein Backfischleben gelebt, ich hab fürs Theater geschwärmt und lauter solche Geschichten. Also ich hab mich auch damals wenig für irgendwelche Geschichten interessiert. Ich musste dann auch in den BDM [Bund Deutscher Mädel] eintreten. Ich war erst in der Grundschule noch in einer Konfessionsschule, das wurde ja dann zu Nazi-Zeiten umgestellt. Ja, was gibt’s da noch zu erzählen?
MA: Was war der Beruf Ihrer Eltern?
HU: Mein Vater, der war Friseurmeister, hat aber auch seinen Beruf nicht mehr ausüben können, als er aus dem Weltkrieg kam, weil er eben nicht stehen konnte. Und er hat dann jahrelang gearbeitet in den Geschäften von einem Verwandten von uns, die hatten mehrere Geschäfte in Breslau. Und dort hat mein Vater so ein bisschen Verwaltung gemacht.
MA: Und Ihre Familie, wenn Sie noch weiter zurückgehen in die Familie, wie lang die Familie da schon ansässig war, oder, was so die Archäologie sozusagen war?
HU: Mein Vater ist aus Schlesien, aus Schweidnitz in Niederschlesien, ist also auch aufgewachsen mit mehreren Geschwistern und war dann im Krieg, hat er sehr viel mitgemacht. Er war lange in der Herzegowina, bevor er sich auch diese Verwundung geholt hat. Und nach dem Weltkrieg hatte mein Vater dann geheiratet, hatte eben drei Kinder und dann starb seine Frau an einer Blutvergiftung. Und dann lernte er meine Mutter kennen. Jetzt muss ich zu meiner Mutter sagen, meine Mutter ist in Oberschlesien geboren. Und Oberschlesien in diesem Gebiet, was nach dem Ersten Weltkrieg zu Polen gekommen ist. Meine Mutter ist 1896 geboren, mein Vater 1884. Ja, und meine Mutter, die war dann dort mit meiner Großmutter und der Vater war schon gestorben, und die hatten eine Bäckerei. Und da ist meine Mutter, meine Großmutter mit der jüngsten Tochter dort geblieben und die anderen Geschwister meiner Mutter, die sind auch alle weggegangen. Denn sie hätten dort für Polen optieren müssen, durften nur noch Polnisch sprechen. Die jüngste Schwester meiner Mutter, diese Tante, die hat nie richtig gut Deutsch schreiben gelernt, weil sie eben bis zum Alter von vierzehn Jahren dann in die polnische Schule ging und sie durften zuhause nicht Deutsch sprechen. Und wie gesagt, meine Mutter, die ist dann nach Breslau gekommen als junges Mädchen praktisch. In Breslau lebte eine Cousine von ihr, bei der ist sie untergekommen ist. Und da hat meine Mutter damals eine Verkäuferinnen-Lehre gemacht. Es war ja für die damalige Zeit für eine Frau auch ziemlich ungewöhnlich noch, nicht? Und hat dann eben in einem Geschäft gearbeitet, was der Schwester von meinem Vater gehörte. Dort hat mein Vater, mein verwitweter Vater, meine Mutter kennengelernt. Und die haben geheiratet und dann sind eben noch zwei Kinder geboren worden.
MA: Das heißt, Ihre vier Geschwister, davon waren zwei…
HU: Drei [Stiefgeschwister].
MA: …drei Halbgeschwister. Zu fünft waren sie dann.
HU: Aber wie gesagt, das hat sich bei uns eigentlich nie gestellt, die heirateten dann auch die Geschwister. Die leben alle nicht mehr, weil sie eben ein ganzes Stück älter waren als ich. Ja, jetzt hab ich ein bisschen den Faden verloren.
MA: Wir waren gerade…
HU: Bei meiner Mutter. Und dadurch ist meine Mutter eben nach Breslau gekommen. Und dann wurden die Zustände in Polen damals, in diesem oberschlesischen Polen, so unhaltbar, dass auch meine Tante, die jüngste, dann ich glaube mit fünfzehn Jahren nach Berlin zu einer Schwester gegangen ist. Hat sich dort nützlich gemacht, hat aber nie einen Beruf erlernt. Und meine Großmutter, die haben meine Eltern bei sich aufgenommen, die lebte dann bei uns. Ebenso wie auch noch eine Tante, also auch noch eine Schwester meiner Mutter.
MA: Das heißt von der Seite hatten Sie schon diese Erfahrung ein bisschen, diese Erfahrung von der Heimat sozusagen…
HU: Wobei meine Mutter sich dann in Breslau sehr wohl gefühlt hat. Eine Schwester von ihr lebte dann auch noch, eine bei uns und eine weitere auch noch in Breslau, die war auch verheiratet. Die hatte vier Kinder, mit denen ich viel Kontakt gehabt hab. Also wie gesagt auch die Geschwister von meinem Vater mit Kindern, ich bin also aufgewachsen mit vielen Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen, nicht? Bei Geburtstagen, bei Festen da war immer viel Familie da.
MA: Und da wo Sie lebten, da lebten auch nur Deutsche? Oder wie war das?
HU: In Breslau? Das ist eine schreckliche Frage, wenn Sie die stellen, die dürften Sie als Historikerin ja gar nicht stellen. Breslau war Ururururdeutsch! Nach einer sechshundertjahrelangen deutschen Geschichte! Im Grenzgebiet, in Oberschlesien, da hat sich das öfter mal vermischt. In Breslau hat doch kein Mensch Polnisch gesprochen! Meine Mutter kannte noch ein paar Brocken aus der Zeit, wo sie dort gelebt hat. Ich hab neulich mal mit meiner Schwester in Erinnerung gerufen, was so ein paar Ausdrücke waren, die sie draufgehabt hat, ein paar polnische. Da haben wir beide schrecklich lachen müssen. Wenn meine Mutter gesagt hat, „Jetzt räumt mal endlich Euer Zimmer auf“, hat sie gesagt, „Jetzt macht doch endlich mal Poschrindek“, das ist ein polnisches Wort für Aufräumen. Das waren dann drei, vier Brocken, die wir so, wie soll ich sagen, gar nicht bewusst, mehr so ironisch da noch… Also in Breslau, das war urdeutsch, Polen spielte bei uns keine Rolle. Aber wie gesagt, dieses Trauma von damals, das hat bei meiner Mutter vielleicht doch tief gesessen. Aber das kommt dann, dass sie eben sehr schnell gesagt hat, „Wir müssen hier weg, wir müssen hier weg!“ aus Breslau, als es ernst wurde.
MA: Vielleicht davor noch hätte ich Sie noch gerne nach Ihrer Schulzeit gefragt…
HU: Wie gesagt Schule, dann Übergang in die andere Schule, alles noch sehr streng. Natürlich spielte der Rohrstock eine große Rolle, man musste so dasitzen und wehe man konnte schon was drauf… Und tja, ich lernte noch Sütterlinschrift, die wurde dann umgestellt auf die sogenannte deutsche Normalschrift in Anlehnung an die lateinische Schrift. Aber ich kann noch Sütterlin. Tja, was gibt’s da noch? Ich bin ja dann von der Schulbank weg auf die Flucht gegangen, das heißt…
MA: In welcher Klasse waren Sie da?
HU: …ab Oktober [19]44 waren die Schulen geschlossen in Breslau, alle weiterführenden Schulen waren geschlossen. Da war ja der totale Krieg verkündet worden. Und da waren also nur, ich weiß nicht, bis zu welchem Alter ging man in die Schule? Ich war damals sechszehn, das ging natürlich nicht mehr. Die Schulen waren geschlossen, wir kriegten so ein Notzeugnis noch vor der Versetzung, das galt natürlich so. Und dann musste man Kriegseinsatz machen. Und das war eben wirklich ziemlich übel. Ich wurde da eingesetzt in einer Großwäscherei, in einer Wäscherei bei Kelling, ich weiß das noch. Und dort ging das von früh um sieben Uhr an, JWD [„janz weit draußen“] hinfahren zu diesem Betrieb. Und dann weiß ich noch, wir haben also von früh bis Feierabend, solche große Drahtkörbe wurden angefahren und da war Wehrmachtsunterwäsche drin. Ich kann also im Traum heut noch lange Unterhosen zusammenlegen. So, so, so [demonstriert es] und Unterhemden. Und jetzt können Sie sich vorstellen, von der Schule aus einem behüteten Elternhaus an so einem Band mit lauter Fabrikarbeiterinnen. Also das war so furchtbar, das war ganz, ganz schlimm.
MA: Für ein sechzehnjähriges Mädchen…
HU: Und ich bin dort auch richtig krank geworden. Vielleicht begünstigt durch die psychische Situation, aber auch, ich war ja im Krieg immer ein bisschen unterernährt, obwohl ich nie gehungert hab im Krieg. Ich weiß bloß, dass ich immer Zusatzmarken für Milch bekommen habe. Und irgendwie war ich also auch nicht so stabil. Und dort den ganzen Tag stehen in diesem feuchten Dampf und Dunst! Ich kriegte dann eine schwere Erkältung und dann hinterher furchtbare Kopfschmerzen. Es war eine Nervenentzündung. Und da hat meine Mutter dann durchgesetzt, dass ich nicht mehr dorthin zurückkomme, das ging ja alles über den BDM, über den sogenannten Bann. Und da haben sie mich dann eingesetzt in meiner Schule zur Nachtwache, ja Luftschutzwache, obwohl in Breslau keine Bombe gefallen ist. Breslau war ja bis es zur Festung erklärt wurde, völlig unversehrt. Wir saßen dann da, haben Wehrmachtssocken gestopft ohne Ende, kriegten wir auch geliefert, und mussten alle Stunden immer zu dritt – wir waren immer zu sechst, acht da drin – einen Rundgang durch das Haus machen, ob irgendwo Brandbomben gefallen wären. Gut, aber das war eigentlich noch ein ganz vergnügliches Leben. Aber es fing eben abends von acht bis früh um acht ging das.
MA: Hatten Sie eigentlich bevor das alles losging gemerkt so am persönlichen Leben, dass sich da was verändert hat oder war das für Sie fast schon normal, waren Sie da reingewachsen?
HU: Ich meine, die Brüder waren eingezogen, dann kamen die Briefe, wir warteten auf Post, nicht, sie kamen alle in Urlaub. Dann von einer Schwester von meinem Vater ist der Sohn gefallen, ein bildhübscher junger einundzwanzigjähriger Mann. Und das waren so furchtbare Dinge. Dann war mein ältester Bruder zum Schluss vermisst. Seit dem Feldzug in Rumänien haben wir keine Nachricht mehr gekriegt. Der Schwager von meiner Schwester, der war in Stalingrad, wir hatten dann auch keine Nachricht. Der ist dann aber noch als Verwundeter rausgeflogen worden, das haben wir aber alles erst später erfahren. Natürlich hat man das gemerkt. Ja, auch die Gespräche mit meinen Eltern. Aber wissen Sie, man musste ja so vorsichtig sein. Meine Eltern waren nicht in der Partei und haben auch eben, hab ich so vieles als Kind mitgekriegt und aufgeschnappt. Ich werde eins nicht vergessen: Ich hatte ein Mädchen aus dem Haus, mit der ich befreundet war, sie war zwei, drei Jahre älter. Und die Mutter war Halbjüdin. Und die hatte eine Schwester, die aber auch mit einem Juden verheiratet war. Und die beiden Familien, die hatten jeder ein Pelzgeschäft in Breslau in einer schönen Lage. Und diese anderen Leute, die Schwester, die hatten keine Kinder. Und da bin ich mit meiner Freundin öfter hin, die waren immer so nett zu uns, die haben uns bewirtet und wir durften in der Werkstatt spielen und lauter Fellreste raussuchen in der Kürschnerei, fanden wir immer ganz herrlich! Dort hab ich mal einen Hitler-Witz erzählt, den ich aufgeschnappt hatte. Da haben die sich also königlich amüsiert darüber. Ich habe mich natürlich über diesen Heiterkeitserfolg gefreut, nicht? Ja, und die haben das dann natürlich der Schwester und dem Schwager erzählt und der Schwager, der war ein ziemlich Brauner. Und der hat das dann irgendwie dem Blockwart – wissen Sie was das ist? Ein Blockwart, das war so ein hundertfünfzigprozentiger Nazi, der die Augen und die Ohren offen gehabt hat, wo ist was nicht in Ordnung? Und der ist dann bei meinen Eltern angerückt und hat die auf das Parteibüro bestellt. Das hab ich dann alles später von meinen Eltern erfahren, meine Eltern haben gesagt, „Wenn Du aufgekreuzt bist…“. So war das. Aber ich muss sagen, ich hab auch, da war ich vielleicht so vierzehn, da hat mir dieser BDM-Dienst gestunken. Diese ewigen Appelle und Antreten und das und das. Da hab ich gedacht, „Was soll denn der Quatsch?“ Ich hab ganz andere Interessen gehabt, ich bin gerne mal in ein Museum gegangen, ich war wahnsinnig gerne im Theater, hab mich stundenlang für Theaterkarten angestellt mit einer Freundin. Und da hab ich dann einfach diesen Dienst, in Anführungsstrichen, da immer wieder geschwänzt. Bin wieder hingegangen, wenn es sein musste und hab das also überhaupt nicht mehr ernst genommen. Da muss ich jetzt mal vorgreifen: Nach der Flucht funktionierte ja zunächst die Post noch. Und mein Vater, der war ja beim Volkssturm dann eingezogen in Breslau, und schickte uns dann immer noch an unseren ersten Flüchtlingsort bei Verwanden die Post nach. Und da kam ein Brief vom BDM-Bann mit der Drohung, wenn ich nicht mehr zum Dienst komme, werden erst mal meine Eltern dahingehend einbestellt und dann werden mir die Lebensmittelkarten entzogen. Und dann eben auch noch ein Brief an meine Eltern. Das müssen Sie sich mal vorstellen, 1945 im Januar nachdem wir geflüchtet waren! Das funktionierte treu deutsch!
MA: Was haben Sie da genau gemacht bei diesen BDM-Treffen außer diesen…
HU: Ach Gott, was wir alles machen mussten! Da mussten wir, da gab’s so das Mutterkreuz. Wissen Sie, was das ist? Ach, Sie haben Nachholbedarf in Nazigeschichte!
MA: Nee, aber ich möchte einfach nur, dass Sie alles erzählen, weil wenn ich es weiß, dann… Erzählen Sie alles, als ob ich nichts wüsste.
HU: Das Mutterkreuz bekamen Mütter, die ich weiß nicht, ab vier Kinder kriegte man das, glaube ich. Also das weiß ich auch nicht mehr so genau, da gab’s glaub ich ein Silbernes und ein Mutterkreuz mit was weiß ich, mit Zusatz. Und da mussten wir BDM-Mädchen dahin gehen, dort ein Lied absingen und dieses Mutterkreuz überreichen. Fand ich ja immer hochnotpeinlich, fürchterlich! Was haben wir noch gemacht? Wir mussten Heilkräuter sammeln. Wir sind durch die Parks gelaufen und haben Schachtelhalm – jedes Mal, wenn ich Schachtelhalm sehe, denke ich da dran. Schachtelhalm gesammelt und das musste man dann nach Hause bringen und trocknen. Und wir mussten da so Leintücher ausbreiten und dann krochen uns lauter Käfer in der Wohnung und da hat meine Mutter geschimpft. Und dann hat sie dieses Zeugs in den Dachboden geschafft, das ist dann dort vor sich hingegammelt bis eines Tages der Luftschutzwart kam und sagte, „Was soll denn dieses Heu hier oben?“. Das hat nämlich kein Mensch abgeholt.
MA: Für was sollte das gut sein?
HU: Heilkräuter an die Apotheken oder an die Front. Es war so totaler Schwachsinn, das können Sie sich nicht vorstellen! Was haben wir noch? Wir sind von Haus zu Haus gegangen und haben Altmetall gesammelt, leere Tuben. Wir waren wild auf jede ausgemergelte Zahnpasta Tube. Die waren ja früher noch aus so einer Metalllegierung, wo man so ausgedreht hat. Also, jedes Stück Schokoladenpapierchen – Schokolade gab’s ja gar nicht mehr –, aber jedes Silberpapier, was man noch irgendwie aufgetrieben hat, nicht? Und was haben wir denn noch gemacht? Na ja und dann immer marschiert, marschiert, Ausflüge gemacht mit einem Wimpel vorne dran und singerderweise. Dann haben wir so Tageseinsätze beim Bauern gemacht. Da waren wir bestimmt auch keine große Hilfe, aber wir fanden das immer schön, weil wir was Gutes zu Essen kriegten. Einmal war ich ‘ne Woche zum Johannisbeerenpflücken, das war auch ziemlich schlimm. Auf einem Dorf, wo eben viel Obstanbau war, wie es sie hier auch gibt, und das waren riesige Johannisbeeren-Plantagen, da haben wir Johannisbeeren gepflückt. [Interviewpause]
MA: Sie haben gerade erzählt, wie das damals war beim BDM und die ganzen Aktionen, die Sie da machen mussten. Sie waren bei den Johannisbeeren.
HU: Da war ich zusammen mit einer Freundin, wir sind alle da gefahren, eine große Gruppe und wir wurden immer zu zweit oder zu dritt irgendwohin verteilt. Da kam ich mit meiner Freundin in ein altes Bauernhaus, eine alte Bauernkatte. Zwei Frauen da, die Männer auch alle eingezogen, die hatten ein bisschen Vieh und eben Landwirtschaft und eben riesen Felder mit Johannisbeeren. Und da wurden wir in eine Kammer geführt – werde ich nie vergessen – da war ein Strohsack auf der Erde, nebendran ein klappriges Holz-Bett auch mit einem Strohsack drauf und da mussten wir rein. Und die hatten einen Fremdarbeiter, einen russischen Gefangenen, der Michel. Und dann haben wir gehört, das ist eigentlich die Kammer vom Michel und das Bett vom Michel. Der Michel war ein lieber, netter Kerl, aber wohl ein Analphabet, der strotzte vor Dreck von oben bis unten. Also haben wir erst Mal das Bett zusammengemacht und rausgeschafft, das hat sich der Michel dann in die Scheune gestellt und die Strohsäcke das Stroh rausgemacht und dann haben wir uns neues Stroh reingefüllt…
MA: Und da sollten Sie dann schlafen in dieser Kammer?
HU: Also ich war da so tot unglücklich! Stellen Sie sich mal vor aus dem gepflegten Großstadthaus, ich hatte so was noch nie gesehen. Dann diese beiden alten Tanten, wenn die da in ihren Töpfen rumgerührt haben, da verging mir auch schon der Appetit. Wenn wir gegessen haben, dann wurden die Teller auf die Erde gestellt und da kamen, Mietz, Mietz, Mietz, fünf oder sechs Katzen, die die Teller abgeschleckt haben. Also es war die Hölle. Ich hab dann sofort – Telefon, ja wo gibt’s ein Telefon? Im Dorf war ein kleines Schlösschen, es war mehr so ein Landgut. Und da bin ich eines Tages nach Feierabend prompt dorthin gegangen – ich seh das noch wie heute, so ein schönes Tor mit einem Türklopfer. Und da kam eine Frau raus, wohl eine Hausangestellte, und da hab ich der gesagt, ob ich hier mal telefonieren kann. Die hat mich angeguckt, als wenn ich vom Mond käme. Wieso und warum und wo bin ich denn? Und dann hab ich gesagt, da und da, ich möchte mal zuhause anrufen. „Es geht nicht!“ In dem Moment kam die in Anführungsstrichen Schlossherrin, eine sehr nette junge Frau und die fragte, „Was ist denn los hier?“, und mir waren inzwischen die Tränen runtergelaufen und da hat sie mich in ihr Zimmer reingenommen, die war unglaublich lieb. Und da konnte ich mich mit der unterhalten. Und da hat sie gesagt, „Ja, natürlich, kannst Du hier anrufen“. Wir selber hatten ja kein Telefon, derzeit hatte ja nur ein Telefon, wer ein Geschäftshaus hatte und das waren eben diese Eltern mit dem Pelzgeschäft von meiner Freundin. Und da durfte ich dort anrufen und die haben dann meine Mutter ans Telefon geholt. Und dann hab ich der was vorgeweint. Und sagt meine Mutter, „Ich komme, ich komme“, es war ja nicht weit weg von Breslau. Am nächsten Tag kamen sie auch an noch mit Verstärkung mit meiner Tante, also ihrer Schwester. Die hatten sich natürlich jede einen Korb mitgebracht, die wollten auch Johannisbeeren pflücken. Und da hat mir meine Mutter gut zugeredet, ich soll doch die Woche aushalten und es wär nicht mehr so schlimm und sie kommt auch nochmal. Und da hab ich das also auch überlebt. [Lachen] Ja, so was hat man beim BDM gemacht.
MA: Was geschah eigentlich mit diesen Leuten von dem Pelzgeschäft, von denen Sie erzählt haben? Haben die überstanden die Zeit oder…?
HU: Also in unserem Haus, die ja. Wie gesagt, da war ja sie nur Halb-Jüdin und er wahrscheinlich – es war nämlich ein sehr feiner, belesener Mann – wahrscheinlich hat er nur deshalb sich ein bisschen braun getarnt, damit seiner Frau nichts passiert. So haben das meine Eltern eben interpretiert und ich hab das so übernommen. Aber dieses Ehepaar von dem Bruder, die haben noch die Reichskristallnacht erlebt. Und das werde ich auch nie vergessen, wie ich am nächsten Tag an der Hand meiner Mutter diese Straße lang gegangen bin und wir diese Scherbenhaufen gesehen haben und dann hat man von den Leuten nie wieder was gehört. Und dann nach dem Krieg haben meine Eltern erfahren, dass es denen gelungen ist, sich abzusetzen. Die sind in Amerika gelandet, Gott sei Dank! Aber vielleicht noch ein Erlebnis aus der Zeit, was mir heute noch nahegeht: Ich hatte noch in der Grundschule eine Freundin, es war wohl im letzten Jahr. Ein kleines Mädchen, ein schwarzhaariger, bildhübscher, kleiner lebhafter Deivel, die Anita. Ich war auch in ihrem Elternhaus, sehr nette Familie, sehr viel reicher als wir, nicht? Hab immer ihr weißes Schleiflack-Kinderzimmer mit den schönen rosa Gardinchen bewundert, das war für mich ein Märchentraum. Na ja, und wie gesagt, diese Anita war eines Tages nicht in der Schule. Und da hab ich meine Lehrerin gefragt. „Ja, die Anita ist krank“. „Ja, soll ich da mal die Hausaufgaben bringen?“. „Nein, nein, die kommt schon wieder“. Die Anita kam nicht. Irgendwie hab ich das immer meiner Mutter vorgeweint und da hat meine Mutter gesagt, „Komm, wir gehen mal hin“. Wir kamen da hin, da hat niemand aufgemacht, war alles zu. „Hm“, hat sie gesagt, „vielleicht sind sie verreist“ oder was. Meine Mutter hat mich beruhigt, „Die Anita war krank, die sind vielleicht zur Erholung gefahren“ oder was, war nichts. Und ich hab immer wieder gequengelt und da sind wir nochmal gegangen. Und da war die Wohnung leer, kein Name mehr dran, keine Gardinen an den Fenstern, wenn man hochguckte, weg. Also ich kann nur hoffen, dass die sich auch abgesetzt haben.
MA: Wie wurden Ihnen das damals erklärt oder haben Sie es dann so…?
HU: Es wurde nicht erklärt, es wurde nicht erklärt. Also ich muss sagen, es wurde nicht erklärt und man hat da auch nicht viel nachgefragt. Natürlich gab’s auch schon diese antisemitischen Strömungen, auch bei diesen sogenannten Schulungsabenden. Da hab ich auch immer gedacht, „Was wollen die denn? Das sind so nette Juden, die ich kenne.“ Auch ich hab als Kind furchtbar viele Ohrengeschichten gehabt, immer wieder Trommelfell durchgestochen. Da hatten wir einen so netten jüdischen Arzt, der Dr. Friedländer. Seine Frau eine… Kind geht ja nicht gerne zum Arzt, aber dort bin ich gerne hingegangen. Und das werde ich auch nie vergessen. Das war schon… kurz vor Kriegsausbruch muss das gewesen sein. Da bin ich mit meinem Vater eine Straße entlang gegangen und da kommt uns ein Mann entgegen, dieser Dr. Friedländer. Und mein Vater geht auf ihn zu und der sagt immer, [flüstert] „Gehen Sie weiter, gehen Sie weiter, Sie kriegen Ärger, gehen Sie weiter!“. Und das war natürlich ein Moment, wo ich meinen Vater gefragt hab – die hatten ja schon den Stern getragen, nicht? Das hat man auch, wissen Sie, ich war zu unpolitisch damals, heute ist ein Kind mit zwölf, dreizehn, vierzehn ganz anders interessiert. Ich hab das auch bei meinen Enkeln erlebt, auch schon durch die Schule werden sie geprägt. Und wir sind eben braun berieselt worden. Aber das damals, mit dem jüdischen, da hab ich meinen Vater sehr viel… Und er hat es versucht mir irgendwie verständlich zu machen. Aber wissen Sie, in dem Alter ist man dann auch wieder abgelenkt mit anderen Dingen. Aber ich sehe diese Szene wie fotografiert vor mir. Was ist aus dem Mann geworden? Wir hatten noch eine jüdische Hausschneiderin, die eben ab und zu ins Haus kam. Die ist auch verschwunden. Ja, so war das. Wie gesagt, gehungert haben wir nicht, es gab das und jenes nicht. Wenn man eben vor Ort da gewohnt hat, da hat man auch ein bisschen seine Beziehungen gehabt. Mein Vater ist auch aufs Land gefahren zu den, da hatten wir da oben seinen Neffen, bei denen er ja im Geschäft war, Verwandte und da brachte er immer was mit. Also das war nicht so schlimm. Zum Schluss, als wir gemerkt haben, das kommt immer näher, als wir im Spätherbst [19]44 die ersten Trecks gesehen haben. Die hat man ja wohl weislich um Breslau herumgeleitet. Aber die einen oder anderen kamen doch dann durch. Das ist etwas was mich, uns erschreckt hat. Oder was ich auch noch weiß: In Breslau hatten wir ja die sogenannten Linke-Hoffmann-Werke. Das waren riesen Werke, die Eisenbahnwaggons gebaut haben. Und da waren sehr, sehr viele sogenannte Fremdarbeiter, Gefangene oder Frauen und Männer, die man einfach aus den besetzten Gebieten dann dahin verfrachtet hat. Und da hat man manchmal diese Züge durch die Stadt laufen sehen, wenn die zur Arbeit gingen oder fuhren. Wir wohnten nicht allzu weit vom Hauptbahnhof und da hat man das manchmal gesehen. Da kann ich mich auch noch an eine Szene erinnern. Man durfte denen ja nichts zustecken. Das war ja bei Strafe verboten. Und da war bei uns eine Bäckerei, wo wir immer gekauft haben. Und da weiß ich noch, dass meine Mutter dann manchmal, „Schneiden Sie mal zwei Marken ab“. Und dann standen die an der Tür, die Tochter von dem Bäcker, war eine alte Jungfer, eine ganz liebe, schon um die Sechzig. Und die stand dann da und wenn diese Leute vorbeikamen, hat sie denen Brötchen zugesteckt. Das konnte sie aber auch nur, wenn sie von jemandem die Marken gekriegt hat, nicht? Das war natürlich auch noch, „Ja, warum kriegen die nicht satt zu essen?“ und so weiter. Ja, da hieß es dann bloß, „Meinst Du unsere Gefangenen, meinst Du die kriegen in Russland was zu essen?“. Ja und ich hab mich dann auch ein bisschen unbeliebt gemacht. Gerade im BDM bei diesen Schulungsabenden, wenn ich mit solchen Fragen dort aufgekreuzt bin. Da wurde man also sehr schnell, und da waren ja Erwachsene dabei, die waren natürlich rhetorisch mir so weit überlegen, die mich dann sehr schnell mundtot gemacht haben.
MA: Was waren eigentlich damals, in dem Alter hat man ja auch schon so Vorstellungen, was man werden will, was man machen will. Was hatten Sie da so für Vorstellungen?
HU: Ach Gott, da ich so Theater verrückt war, da hab ich mir gedacht, ich möchte mal was mit dem Theater machen. Also ich wollte immer gerne irgendjemandem was vermitteln. Ich weiß auch, ich hab relativ früh schon im Mitschülerkreis Nachhilfe gegeben, fand ich immer toll, bin ich immer ein Stück gewachsen. Ich war eine recht gute Schülerin, hab immer gute Zeugnisse gehabt und dann war mal mein Wunschziel Lehrerin. Na ja, das war ja dann alles zunächst mal weit, weit hinfällig. Dass ich das dann eben auf einem kleineren Level doch noch verwirklichen konnte, war doch ganz gut.
MA: Wann kam eigentlich so der Punkt, wo Sie dann in der Familie – Sie haben vorher ja schon angedeutet, Ihre Mutter war diejenige, die dann irgendwann gesagt hat, „Jetzt gehen wir“…
HU: Na ja, meine Mutter hat nicht gesagt, „Jetzt gehen wir“, die Entscheidung ist uns praktisch aus der Hand genommen worden. Meine Mutter war diejenige, die eben in dieser Phase, wo sie die Flüchtlinge gesehen hat, wo man eben auch, die Propaganda war ja so was von allgegenwärtig, dass man uns immer Bilder in der Zeitung und auf Plakaten zeigte, was die „bösen“ Russen mit den Deutschen machen, wenn sie Gefangene nehmen. Und da hat meine Mutter damals, „Denen dürfen wir nicht in die Hände fallen!“, also so war das gemeint. Aber dass wir dann eben flüchten mussten, es kamen ja immer mehr Leute, zum Schluss dann ja eben auch viele auch aus Ostpreußen. Zunächst waren die ja aus dem Baltikum – wissen Sie, das ist so weit weg! Aber dann eben aus Ostpreußen. Und vor allen Dingen, wir guckten ja immer zum Himmel, bei uns sind ja jede Menge immer dann die Bomber geflogen, die im Rheinland bombardiert hatten. Und wir haben ja auch immer gedacht, wann sind wir dran? Breslau war ja der Luftschutzkeller der Deutschen, hat man es genannt. Da kamen die Berliner, da kamen die Kölner, da kamen die Hamburger, wenn sie von jemandem die Adresse hatten, wo sie sich ein paar Nächte ausschlafen konnten. Wir hatten auch immer mal ein Ferienkind aus diesen Bombengebieten in Breslau, da kamen ganze Transporte mit so Ferienkindern, damit die mal ein paar Wochen ein ruhiges Leben hatten. Ich weiß noch, dass sie dann so, wo die ersten Angriffe dann im Osten waren, wo es näher kam, da hat man dann am Himmel diese sogenannten Christbäume gesehen. Wissen Sie, das waren so Leuchtraketen in Baum-Form, die eben das Gebiet, was sie bombardieren wollten, erleuchten sollten. Ja, in Breslau gab’s dann Mal, ist dann Mal eine Bombe gefallen. Und dann pilgerten alle Einwohner hin, um sich den Krater anzugucken, das weiß ich noch. Also das ist ein Zeichen, da war nichts passiert. Aber Weihnachten [19]44, das war schon ein ganz trauriges Weihnachten. Ich hatte an dem Tag eben Luftschutzdienst – oder nicht, ich weiß es gar nicht mehr – und da war ich dann irgendwie zuhause und da war Fliegeralarm. Fliegeralarm haben wir ja öfter mal gehabt, wir hatten auch in unserem Keller so einen richtigen Sessel stehen und ‘ne Liege, weil das ja oft lange dauerte bis Entwarnung kam. Da war Alarm, dann Entwarnung. Und wir haben uns gerade zum schönen Weihnachtsabendessen hingesetzt, wieder Alarm. Da war uns dann doch ziemlich der Appetit vergangen. Es ging so drei Mal bis Mitternacht ungefähr. Und von da an haben wir gewusst, jetzt passiert irgendwas. Aber flüchten, offiziell das gab es eben gar nicht, das war ja auch, das durfte man auch gar nicht sagen, dass man seinen Koffer gepackt hat. Das hat man auch nicht gemacht. Wir sind ja auch so zu gedröhnt worden mit der Reklame oder Propaganda von der Wunderwaffe „Die V2, die kommt und dann ist die große Wende“. Immer noch, immer noch diese Parolen! Heute frage ich mich, wie konnte man das glauben? Wenn man schon den Kanonendonner gehört hat, wenn die von Moskau schon wieder zurück bis in die Breslauer Gemarkung gekommen sind, ist heute einfach nicht mehr nachvollziehbar. Da sieht man wie ein Mensch durch die Gehirnwäsche gedreht werden kann. Ja, Weihnachten, dann kam das eigentlich so Schlag mit Schlag. Immer näher kam die Front. Die Front ist ja an bestimmten Stellen, ich weiß nicht mehr wie dieser Brückenkopf hieß, zusammen gebrochen. Und dann hieß es, „Oh, man wird sie aufhalten!“. Und dann wurden ja die letzten Reserven mobilisiert. Und da mussten die Leute – das nannte sich Unternehmen Barthold; Barthold das war aus früherer Zeit ein Siedler, der Schlesien besiedelt hat, Vogt Barthold, das ganze nannte sich dann Unternehmen Barthold. Da sind die letzten Leute noch rausgeschickt worden an der Stadtgrenze zum Gräben ausheben. Als wenn diese von Hand ausgegrabenen Gräben die Panzer hätten aufhalten können. Ja, das war dann, da hatte man eben von Tag zu Tag immer mehr Angst. Und dann hieß es, Breslau wird zur Festung erklärt. Breslau wird gehalten als Bollwerk, wird umkämpft bis zum letzten Mann. Und da war es dann, da kam ich eines Morgens von dem Luftschutznachtdienst nach Hause, dachte ich, was ist denn da los? Lautsprecherwagen, hab ich gehört, konnte man schlecht verstehen, ich hörte bloß immer, „Totaler Krieg“ und „Breslau Festung“ und „Frauen und Kinder die Stadt verlassen“. Da bin ich nach Hause gekommen, da waren meine Eltern in heller Aufregung. Im Radio lief immer wieder die Meldung, Frauen und Kinder müssen die Stadt verlassen. Ja, was machen wir jetzt, nicht? Mein Vater durfte nicht raus, der hat Notgestellungsbefehl liegen gehabt. Ja, da haben wir überlegt. Da ist mein Vater zum Bahnhof gegangen, das war ein Witz, der kam zurück und sagte, „Es ist grauenvoll, was sich dort abspielt, da ist alles verstopft. Ja, was machen wir da jetzt?“ Und dann meine Schwester mit den beiden Kindern, die wohnte in einem Vorort von Breslau. Und mein Schwager war ja seit Stalingrad keine Nachricht. Die Kinder von ihr die waren – die Renate, die ging gerade in die Schule und die Kleine war so… vier und sechs werden die gewesen oder sieben und fünf, ich weiß es nicht mehr. Und da hat meine Mutter gesagt, „Ich hab versucht zu telefonieren. Man kann nicht mehr telefonieren!“, sie war wieder unten, „man kann nicht telefonieren, nur noch kriegswichtige Gespräche“. Und da sagt meine Mutter, „Fahr doch mal nach Stabelwitz“, so hieß der Vorort, „und hol die Gretel mit den Kindern. Die soll zu uns kommen, dann gehen wir gemeinsam weg“. Also wenn ich das überlege, dass meine Mutter den Mut gehabt hat, mich in dieser Situation dahin zu… Busse und Straßenbahnen fuhren noch. Bin ich Straßenbahn gefahren bis zur Endstation und da ging der Bus. Und der kam nicht und das werde ich nie vergessen. Es war ein bitterkalter Januartag, strahlend schöner Sonnenschein und da fuhr man dann ab der Stadtgrenze über Felder, diese schneebedeckten Felder, eine endlose Weite und man hörte das Grummeln in der Ferne. Und der Bus musste andauert wieder halten, weil entgegenkommende ganze Kolonen von Militärfahrzeugen fuhren. Und der Bus fuhr und fuhr und das war nur so eine Haltestelle an der Straße, da war so eine Bude mit ‘ner Bank drin und dort hielt der Bus und dort bin ich dann ausgestiegen. Und dann bin ich in diese Siedlung gelaufen, meine Schwester, die hatten in einem zwei-Familien-Haus da gewohnt. Und da komm ich dorthin, alles zu, Fensterläden zu, da bin ich ums Haus rumgegangen, nichts zu sehen. Und da kommt aus dem Nebenhaus jemand raus, „Wo willst De denn hin?“. Und da sag ich, „Ich such die Frau Pick, meine Schwester“. „Die is schon fortgemacht“ – das ist ein schlesischer Ausdruck, die ist schon weg, die ist fortgemacht. Dann sag, ich, „Ah was?“, „Ja, mit ihrer Freundin, die sind heute frühzeitig losgegangen.“ Tja, bin ich wieder zum Bus zurück und dort hab ich Angst gekriegt. Ich sah diese vielen Militärfahrzeuge, es fuhr natürlich kein planmäßiger Bus, ich stand, ich stand, ich hab wahnsinnig gefroren und dann kam der Bus endlich. Ich glaube ich hab Stunden gebraucht, bis ich zuhause war nach Mittag dann. Und meine Mutter völlig aufgelöst hat sich Vorwürfe gemacht. „Wie konnte ich sie dorthin?“ Das war so eine Kurzschlusshandlung. Ja und dann ist meine Mutter wie ein aufgescheuchtes Huhn, kann ich schon sagen, in der Wohnung rumgelaufen, das in die Hand genommen, jenes in die Hand genommen, das in die Hand genommen. Wir hatten ja jeder schon immer einen Luftschutzkoffer. Also dieser Luftschutzkoffer, der ging natürlich mit. Mein Vater ist nochmal ins Geschäft gefahren und hat einen Fahrradanhänger geholt. Meine Mutter hat in eine Tischdecke, eine große schöne Kreuztischdecke, die meine Tante gestickt hat, hat sie Betten eingebündelt. Die Tischdecke hab ich noch als Erinnerungsstück. Und dann sind wir abends losgelaufen…
MA: Was haben Sie zurücklassen müssen? Gab es irgendwas, wo Sie dann, wo’s für Sie ganz schwer war, das zurückzulassen?
HU: Das hat man im Moment überhaupt nicht realisiert, wir haben ja gedacht, wir gehen halt jetzt raus, wir kommen ja wieder! Wir haben auch ausgemacht, wir gehen nach Waldenburg, das ist auch noch in Niederschlesien, aber weiter westlich im Vorgebirge vom Riesengebirge, dort wohnten Verwandte von uns, und wir gehen dorthin.
MA: Also das war nur so ein Kurz…
HU: Ja, wir haben gedacht, jetzt müssen wir raus, die werden ja zurückgeschlagen, dann kommen wir wieder.
MA: Haben Sie Ihre Schwester dann auch wieder angetroffen, hat sie es zu Ihnen geschafft, bevor Sie gefahren sind oder hatte sie sich selber…?
HU: Ganz woanders, man hörte nichts voneinander. Ja und jedenfalls sind wir dann, haben wir uns noch in Verbindung gesetzt mit Freunden, ein Zahnarztehepaar mit Kindern, wo ich mit der Tochter befreundet war. Er war auch nicht kriegstauglich. Und da haben wir uns verabredet, wir gehen zusammen raus, wir laufen. Und da sind wir also aus der Stadt herausgelaufen. Das Jüngste war noch im Kinderwagen. Und dann kamen wir an die Stadtgrenze, es war dann inzwischen schon Nacht, eine Vollmondnacht, was ich ja als Städterin so nie erlebt habe, ein Sternenhimmel, der Vollmond, dieses Schneebedeckte überall, diese klirrende Kälte. Und da kamen wir an die Stadtgrenze und da stand Militärpolizei – die sogenannten Kettenhunde wie sie im Volksmund genannt wurden, die hatten wirklich eine Kette um den Hals mit Metallschild, da stand drauf „Militärpolizei“ – angehalten, nicht? Und dann kam das Schlimme, da mussten unsere beiden Männer zurück, die mussten zum Volkssturm. Das war ein furchtbarer Abschied. Meine Mutter und ich wir hatten das Glück, dass wir meinen Vater später wiedergesehen haben. Aber meine Freundin und die Familie, die haben ihren Vater nie wieder gesehen. Also das war furchtbar. Ja, und wir sind also gelaufen und gelaufen. Ich weiß noch meine Freundin, die so alt war wie ich, und sie wir hatten die kleine Schwester an der Hand, die war glaub ich fünf Jahre alt, die haben wir mehr gezogen als dass die laufen konnte. Und dann sind wir gelaufen bis Schmolz, das ist ein Dorf, so ziemlich das erste dann was kam, vielleicht so zehn Kilometer von Breslau entfernt. Und dort wohnten die Eltern von dem Hausmädchen, was unsere Freunde hatten. Und da kamen wir dorthin, haben die dort rausgeklopft aus ihrer Wohnung. Ach, die haben die Hände übern Kopf zusammengeschlagen. Wir so halb erfroren und erstarrt. Die haben uns so wie wir waren in ihre angewärmten Ehebetten gepackt und dann haben sie ‘nen großen Topf Milch heiß gemacht und da kriegten wir heiße Milch eingeflößt. Und dann haben wir dort geschlafen bis nächsten Mittag und von dort aus sind wir dann vom Bahnhof mit einem Viehwagen mitgekommen.
MA: Waren da eigentlich viele Leute schon unterwegs?
HU: Ja, ja. Der Viehwagen war voll. Wir sind aber noch reingekommen und da sind wir, meine Mutter und ich, bis Waldenburg gefahren. Meine Freundin die Familie, die fuhren weiter nach Hirschberg. [Interviewende wegen Hustenanfall]
Produktionsbeteiligte:Interviewerin: Maria Alexopoulou
Playing time:0:51:21
Ton:nur
Zugehörige Versionen:AV0781-2 & AV0781-3
Angaben zum Erwerb:D 51
Alte Signatur:Zug. 09/2014 Nr.22
 

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Physical Usability:Uneingeschränkt
Accessibility:Öffentlich
 

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