AV0782 Oral History Projekt „Alle Wege führen nach Mannheim“: Interview mit Valeska Gonzales Sanchez, 2012 (Audiovisuelle Sammlung)

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Title:Oral History Projekt „Alle Wege führen nach Mannheim“: Interview mit Valeska Gonzales Sanchez
Ref. code:AV0782
Ref. code AP:AV0782
Originalmedium:nur digital vorhanden
Datumsbemerkung:31.07.2012
Creation date(s):2012
Rechte:Stadtarchiv Mannheim
Inhalt_AV:Maria Alexopoulou [i. F. MA]: Heute ist der 31. Juli 2012. Wir befinden uns in der Wohnung der Interviewerin in der Max-Joseph-Straße 18 in Mannheim, Neckarstadt-Ost. Mein Name ist Maria Alexopoulou und ich interviewe im Rahmen des Oral History Projekts „Alle Wege führen nach Mannheim“ Frau Valeska Gonzales Sanchez. Valeska bist Du damit einverstanden, dass dieses Interview aufgenommen wird?
Valeska Gonzales Sanchez [i. F. VGS]: Ja.
MA: Gut, vorab hätte ich gerne ein paar kurze Information: Wie lange lebst Du in Mannheim?
VGS: Seit fast fünf Jahren.
MA: Und in Deutschland? Warst Du schon vorher in Deutschland?
VGS: Einmal im Winter, drei Monate ungefähr, 2001.
MA: Und da warst Du aber woanders?
VGS: Ja.
MA: Was ist Deine jetzige Staatsbürgerschaft?
VGS: Chilenisch.
MA: Und Dein jetziger Status hier? Du hast eine Aufenthaltserlaubnis oder wie…?
VGS: Ja, weil mein Mann deutsch ist.
MA: Ah, Dein Mann ist Deutscher? Okay. Und was ist Dein Beruf?
VGS: Ich bin Steuerberaterin in meinem Land, aber hier ist es nicht anerkannt.
MA: Ja, jetzt würde ich Dich bitten, dass wir in die Vergangenheit zurückgehen. Wo und wann bist Du geboren? Allgemein würde ich Dich bitten, mir so ein bisschen über Deinen Geburtstort, Deine Familie und Deine Kindheit zu erzählen.
VGS: Ich bin 1974 geboren, am 11. Juli in Valparaiso in Chile. Und wir sind drei Geschwister. Wir waren nur Frauen zuhause, meine Mutter war getrennt von meinen Papa. Ja, da war meine Oma, Mama, Geschwister und meine Tante. Sechs Frauen zuhause. Das war Casa….??? Das war gut, da hab ich viel gelernt. Dann hab ich in Chile die ganze Schule gemacht, auch wie hier zwölf Jahre. Dann wollte ich was lernen, habe ich Programmiererin gelernt, aber das hat mir nicht so gut gefallen. Dann hab ich eine Pause gemacht, ein halbes Jahr ungefähr. Dann habe ich Steuerberaterin gelernt und das hat fünf Jahre gedauert. Aber dafür musste ich arbeiten, um mein Studium zu bezahlen. Da hab ich gearbeitet den ganzen Tag bis 17 Uhr, dann war ich in der Berufsschule von Halbsieben bis Elfuhrdreißig ungefähr. Und das hab ich jeden Tag gemacht. Meine Mutter, alleinerziehende Mutter, und in Chile man muss alles bezahlen.
MA: Hat Deine Mutter auch gearbeitet, war sie auch berufstätig?
VGS: Ja, den ganzen Tag.
MA: Was hat sie gemacht?
VGS: Sie war Verwalterin von einem Geschäft, von einem Stoffgeschäft. Sie musste jeden Tag arbeiten gehen. Meine Oma hat auf uns aufgepasst.
MA: War da auch der Opa…
VGS: …seit langem tot.
MA: Und der Ort, an dem Du geboren bist, ist…?
VGS: Valparaiso ist eine Großstadt. Haupthafen von Chile. Valparaiso ist in dem fünften Bundesland von Chile, das ist der Haupthafen und dann kommt Punta Arenas, das ist im Süden von Chile, das ist ein ganz bekannter Hafen. Sind große Städte wie Mannheim.
MA: Ich kenne mich irgendwie gar nicht aus, deshalb habe ich nochmal nachgefragt. Ja, Du hast dann gearbeitet. Hast Du dann in der Computerbranche, wo Du gelernt hattest…?
VGS: Ja, dann hab ich nach meinem Studium im Geschäft meiner Schwiegereltern gearbeitet. Verwaltung auch und ein bisschen Buchhaltung.
MA: Schwiegereltern, das heißt Du hattest schon… Wie hast Du Dich mit Deinem Mann kennengelernt?
VGS: Ach so, ja! Wir haben uns kennengelernt 2001. Das war Zufall, ich war als Kunde in diesem Geschäft, das ist für Jugend. Da kommen die ganzen Studenten nach der Uni oder abends, was trinken oder essen.
MA: Ah, ein Café?
VGS: Wie ein Bar-Restaurant, aber auch es spielen jede Nacht DJs Live-Musik. Und dort habe ich den Simon kennengelernt. Und dann waren wir vielleicht drei, vier Monate zusammen, da musste er hierher nochmal kommen, weil er Zivildienst gemacht hat in der Zeit.
MA: Aber erzähl mal, wie kam das mit Deinem Mann, dass er…?
VGS: Der Simon ist nach Chile zurückgegangen, 2001 im April ungefähr.
MA: Er war in Deutschland vorher?
VGS: Der Simon hat die ganze Zeit hier gelebt.
MA: Ach so? Er hat hier gelebt. Und seine Eltern hatten ein Geschäft in Chile?
VGS: Die Familie ist nach Chile zurückgegangen [19]89 nach der Diktatur von Pinochet.
MA: Er war mit seinen Eltern hier…?
VGS: Er ist hier geboren. Der Papa ist Chilene und die Mutter ist deutsch.
MA: Und sie waren hier wegen der Diktatur? War sein Vater weggegangen?
VGS: Dann wollte sein Papa zurückgehen und dann meine Schwiegermutter ist ganz glücklich dort, sie liebt Chile jetzt. Ja und dann ist Simon hiergeblieben, die Eltern haben das Geschäft gemacht, der Simon ist nach Chile gegangen, war auf der Schule, deutsche Schule immer. Dann wollte er studieren, aber in Chile ist das ganz teuer, das zu machen, an die Uni zu gehen ist viel Geld. Und deswegen ist er hierhergekommen und hat Zivildienst gemacht. Und weil die Eltern in Chile lebten, hat der Staat bezahlt die Tickets für Flugzeug für meinen Mann, zwei Mal im Jahr ungefähr. Weil er alleine hier lebte. Und dort haben wir uns kennengelernt.
MA: Wo er gerade kurz da war zum Urlaub?
VGS: Am ersten Tag! Ja, und seitdem sind wir zusammen. Waren wir vielleicht drei Monate getrennt, aber dann bin ich hierhergekommen in 2001, dann bin ich im Februar gegangen und er ist im April zurückgegangen.
MA: Und sein Vater, der damals gekommen war, war er aus politischen Gründen gekommen?
VGS: Ja, weil der Opa von meinem Mann, der war in einer Partei, den Sozialisten, und das war nicht gut angesehen in der Zeit, das war gefährlich auch für die Familie. Frau alleine und acht Kinder. Und dann haben sie sich entschieden nach Deutschland zu gehen. Und da sind ein paar Verwandte von meinem Mann geblieben.
MA: Und die waren hier in Mannheim dann auch damals?
VGS: Ein paar leben in Ludwigshafen, eine Tante in Wiesbaden, eine andere in Viernheim und der Rest in Chile.
MA: Und die hatten damals hier politisches Asyl bekommen?
VGS: Ja, weil das war sehr gefährlich.
MA: Und die haben dann die deutsche Staatsbürgerschaft übernommen?
VGS: Ja, aber nicht alle. Die meisten haben die chilenische Staatsbürgerschaft, keine deutsche. Eine hat das nur gemacht, vor ein Monat oder zwei Monaten, eine Tante von Simon.
MA: Aber Simon hat das dann gemacht, bevor er gegangen ist?
VGS: Simon hat zwei, chilenische und deutsche.
MA: Ah, durch seine Mutter?
VGS: Ja. Weil die Kinder die nach [19]90, die müssen sich entscheiden. Aber die Kinder, die vorher geboren sind, dürfen beide behalten. Aber meine Kinder sind auch deutsch hier und in Chile sind es Chilenen und sie müssen sich, als sie achtzehn werden, müssen sie sich entscheiden, wenn die hier leben.
MA: Wirklich? Obwohl der Vater Deutscher ist? Du hast vorhin erwähnt, das Studium ist so teuer. Wie hat das Deine Mutter geschafft, dass Du…
VGS: Ich habe gearbeitet.
MA: Ach so, Du hast auch schon während des ersten Studiums gearbeitet? Das heißt, Du hast auch Dein Studium als Programmiererin…?
VGS: Das habe ich nur sechs Monate gemacht. Nicht abgeschlossen, das war nichts für mich.
MA: Und dann hast Du in Deinem Beruf gearbeitet bei Deinen Schwiegereltern.
VGS: Bei den Schwiegereltern habe ich das gemacht. Zuerst habe ich wie ein Praktikum gemacht bei einer Steuerberaterin. Aber zu der Zeit haben wir mit Büchern gearbeitet, nicht so viel am Computer wie heute. Alles geschrieben mit der Hand, wenn Du einen Fehler machst, war das nicht so einfach das zu löschen. Da hab ich auch viel gelernt und danach habe ich diese Arbeit als Verwalterin und Buchhalterin in das Geschäft meiner Schwiegereltern gemacht. Das habe ich vier Jahre gemacht ungefähr. Ich habe alles gemacht dort: Kassiererin, Verwalterin, wenn neue, wie heißen die, Sicherheitsservice, Türsteher, man muss die anmelden bei der Polizei und all diese Papiere und das hab ich auch gemacht, ganz viele Sachen.
MA: Und Simon war dann immer wieder in Deutschland?
VGS: Nein, wir waren in Chile zusammen seit 2001 und er hat den Eltern auch geholfen in diesem Geschäft. Wir haben auch dort gearbeitet als Bedienung, alles. Ja, dann kam die Krise in der Familie. Das ist kompliziert ein Geschäft mit der Familie zu haben. Alle haben verschiedene Ziele und das war nicht so gut. Ja, und der Simon hat nie ein Lob bekommen von seinem Papa. Immer nur, „Warum? Das ist nicht gut!“, nur gemeckert und gemeckert. Und man hat Geduld, irgendwann platzt man.
MA: Und war das dann der Punkt…?
VGS: …wo er sagte, „Ne, das geht nicht mehr. Wir haben zwei kleine Kinder, wir müssen was machen, aber ganz radikal. Wir gehen nach Deutschland!“. Das hat er einen Monat vorher gesagt und in diesem Monat haben wir geheiratet. Und er ist Ende Mai nach Deutschland gekommen.
MA: In welchem Jahr war das dann?
VGS: 2007.
MA: Die Kinder waren schon geboren?
VGS: Ja.
MA: Aber die Renata war da ja noch ganz klein.
VGS: Ja, die Renata war acht Monate, neuen Monate.
MA: Ist sie 2007 oder 2006 geboren?
VGS: 2006, der Stefan 2005. Und dann ist Simon im Mai gekommen und ich drei Monate später. Simon hat Arbeit gesucht. Und ich bin alleine mit den Kindern geflogen. Die Renata hat am Flughafen in Sao Paolo laufen gelernt…
MA: Habt Ihr solange gewartet dort [Lachen]?
VGS: Wir haben so viel gewartet, fast einen ganzen Tag.
MA: Ihr seid erst nach Brasilien geflogen und von dort dann…?
VGS: Und dann nach Frankfurt. Nein, nach München sind wir geflogen. Ja, das war schrecklich!
MA: Das eine Kind acht Monate…
VGS: Nein, die Renata, wir sind Ende August geflogen. Die Renata war schon ein Jahr alt und der Stefan, wir sind hier gekommen, am Geburtstag von Stefan.
MA: Da wurde er zwei. Wow, mit einem ein- und einem zweijährigen Kind alleine, oh Gott! Das stelle ich mir auch sehr krass vor!
VGS: Ja.
MA: Aber Du warst einmal schon in Berlin, hattest Du erzählt?
VGS: Das war auch hier. Der Simon 2001 lebte in Hemshof in Ludwigshafen, da hatte er eine Ein-Zimmer-Wohnung. Und dort war ich drei Monate. Aber Simon hatte viele Freunde von der Schule von Chile hier in Deutschland, die hier leben. Und ein Freund lebt in Berlin. Da waren wir an Silvester. Das war so kalt!
MA: Das heißt, Du hattest schon eine Vorstellung, sowohl von Mannheim, als auch von Berlin, als Du dann herkamst?
VGS: Ja, aber nicht so… keine Sprache.
MA: Ja, das ist klar. Ja, aber dass Du wusstest, wie es hier ist, wie es hier aussieht, was Dich erwartet?
VGS: Ja, aber mit Kindern ist es was anderes.
MA: Ja, ja, klar.
VGS: Aber ich glaube, das war gut. Wenn ich vielleicht keine Kinder hätte, dann hätte es nicht gut geklappt. Ich glaube, ich habe mehr Menschen kennengelernt, weil ich Kinder habe. Ich glaube, das geht einfacher hier als ein Fremder Kontakt aufzunehmen. Ohne Kinder das geht nicht so leicht vielleicht, das sehe ich so.
MA: Das heißt, Du hast dann schnell durch irgendwelche…?
VGS: Auf dem Spielplatz immer, immer.
MA: Ja, dann wart Ihr in Mannheim. Habt Ihr gleich da in der Dammstraße gewohnt?
VGS: Nee, in der Pflügersgrundstraße.
MA: Das ist hier in der Nähe.
VGS: Ich bin her gekommen mit den Kindern. Dann waren wir zwei Wochen bei der Oma von meinem Mann, da haben wir dort gelebt, weil wir keine Wohnung hatten.
MA: Ah, seine Mutter ist aus Mannheim?
VGS: Ja, und die Oma lebt noch hier.
MA: Hattet Ihr sie die ganze Zeit jetzt auch für die Betreuung von den Kindern? Oder ist sie zu alt?
VGS: Sie ist zu alt. Ich glaube, sie hat keine Geduld mehr.
MA: Und da war Eure erste Station.
VGS: Zwei Wochen waren wir da, da konnte ich nicht mehr, „Nein, wir müssen was suchen! Ich kann nicht den ganzen Tag den Kinder was verbieten, nein, das darfst Du nicht nehmen, das nicht, das nicht, das nicht“, das war furchtbar. Dann haben wir diese Wohnung gefunden. Am Anfang war gut, war im November, nee im September. Da war nicht so kalt. Und dann ist der Winter gekommen und dann haben wir gemerkt, „Oh, oh“ und diese Nachtspeicherheizung, das war schrecklich. Dann haben wir ein halbes Jahr dort gelebt und dann, „Ne, wir müssen umziehen! Das geht nicht“. Und die Kinder sind groß geworden, sie brauchten mehr Platz. Ein Zimmer für zwei Kinder, Mädchen und Junge, das geht nicht so lange. Aber dann habe ich meinen Deutschkurs angefangen.
MA: Wo hast Du den gemacht?
VGS: In der Schule, war ein Integrationskurs.
MA: In der Abendakademie?
VGS: Nee. Das Ordnungsamt seit 2007 ist Pflicht, dass jeder Ausländer, der hierher kommt muss A1 mindesten haben das Deutsch-Niveau. Und dann ich konnte gar nichts. Vielleicht nein, ja und das war‘s. Und da hab ich einen Test gemacht und die haben gesagt, „Nein, Sie müssen von Anfang an“. Okay. Aber meine Kinder waren zu klein und dann war ich in der Uhlandschule, da gab es Deutschkurs mit Kinderbetreuung, drei Mal in der Woche, zweieinhalb Stunden ungefähr jeden Tag. Aber das Problem sind die Ferien hier, sind viel und ganz lange. Zum Beispiel im Sommer sind sechs Wochen und dann Winter zwei, Weihnachten und Fasching, keine Ahnung was noch. Deswegen hat es so lange gedauert: zwei Jahre. Ich wollte schneller gehen, aber das konnte ich nicht.
MA: Aber es hat ja super geklappt mit der Sprache!
VGS: Und dann war ich fertig mit diesem Kurs. Dann wollte ich mein Studium hier anerkennen, hat nicht die geklappt. Die Schule auch nicht, obwohl ich die ganzen zwölf Jahre gemacht habe.
MA: Bei welchen Ämtern warst Du da?
VGS: Ich glaube bei der IHK machen sie diese Anerkennungen. Und ich habe nicht das Abitur gemacht in Chile, weil zu der Zeit war es keine Pflicht, um einen Beruf zu lernen, oder nicht für jeden. Es ist nur eine Prüfung, zwei Tage und das war‘s. Und ich habe das nicht gemacht und deswegen habe ich hier nur Realschulabschluss bekommen. Und da war ich so sauer! Warum, nur wegen diesem Papier, wo stand, dass ich so viele Punkte habe und diese Prüfung nicht habe! Und auch nicht mein Beruf anerkannt, gar nichts! Ich hatte fast sechzig Fächer in den ganzen fünf Jahren! Und dann habe ich ein Angebot von Abendakademie und Jobcenter auch bekommen, einen Kurs. Für mich war das nur Zeitverschwendung.
MA: Was war das?
VGS: Der Kurs hieß Berufsorientierungskurs. Und die haben mir versprochen, dass ich mit Leuten, die mit meinem Beruf zu tun haben oder in dieser Richtung…
MA: So mit Steuer…
VGS: Ja. Da war keine! War nur Hausfrauen, eine Ärztin, eine Friseurin und das war jeden Tag auch von neun bis eins!
MA: Waren das alles Migrantinnen?
VSG: Ja.
MA: Die eben das gleiche Problem hatten?
VSG: Ja, aber das fand ich blöd, weil viele machen diese Kurse und leben vom Staat und machen nichts weiter für sich selbst.
MA: Was habt Ihr da gemacht, wenn das jeden Tag war?
VSG: Ich weiß es nicht! Nur Grammatik, Bewerbungstraining, viele Sachen, aber viele Sachen, die wir schon kannten und warum nochmal das machen? Und weil wir beim Job-Center angemeldet sind, deswegen musste ich dort hingehen.
MA: Und der Simon, was hat der…?
VSG: Der Simon war an der Uni, hat zuerst Maschinenbau gelernt, hat nicht gut geklappt. Dann hat gewechselt. Dann – wie heißt dieser Beruf – wie Wirtschaft, eine Mischung zwischen Wirtschaft und Ingenieur, Verfahrenstechnik?
MA: Verfahrenstechnik? Aber was das genau ist…?
VSG: Ja, es ist kompliziert. Aber dann war es zu viel mit der Arbeit, er musste arbeiten. Er hat gearbeitet in der Pflege, er brauchte keine Ausbildung, weil er Zivildienst gemacht hat, dann hat er Erfahrung. Und er macht das bis jetzt. Aber das war so viel! Keine Zeit für die Kinder, für die Familie, für Lernen auch nicht. Und dann er konnte nicht mehr. Er hatte einmal Depressionen, war am Boden. Das war zu viel. Und er wollte auch so viel machen, aber nichts hat geklappt wie er das gedacht hat.
MA: Was war denn sein Plan? Er wollte hier studieren?
VGS: Ja. Und es hat nicht geklappt. Und er hat gedacht, vielleicht geht es leichter, aber das war nicht so.
MA: Ja, mit einer Familie ist es schwierig.
VGS: Und er hat gemerkt, er hat seine Familie so viel vermisst! Er hat es jetzt gemerkt, als wir in Chile waren.
MA: In der ganzen Zeit, ward Ihr in Chile gewesen, also jetzt, seitdem Ihr hier ward, ward Ihr nur einmal?
VGS: Einmal nach vier Jahren. Nach vier Jahren sind wir nach Chile gegangen vier Wochen und dann sind wir zurück.
MA: Letztes Weihnachten, gell?
VGS: Ja. Und dann hat er gemerkt, er braucht die Familie, Mutter, Vater. Weil er sauer war mit dem Vater, deswegen war es leicht vielleicht zu gehen. Aber dann ist es was anderes. Und für mich war es noch schwerer. Ich konnte kein Deutsch, meine Familie ist in Chile, alle meine Verwandten sind in Chile, ja.
MA: Hast Du in irgendwas einen Fuß reinbekommen können in der ganzen Zeit hier zum Arbeiten?
VGS: Ja, das war kompliziert. Keiner hat gesagt, „Ne, Mach weiter, Du musst kämpfen! Vielleicht kriegst Du eine Stelle in Deinem Beruf“. Jeder, mit dem ich gesprochen hab, hat gesagt, „Nee, das ist nicht so einfach! Für die Deutschen ist es nicht so einfach, für Dich auch nicht“.
MA: Okay, ich hätte jetzt gedacht, dass gerade so was mit Steuer nicht so…
VGS: „Nee, jetzt ist die Krise, das ist nicht so einfach“ Und ich hab gesagt, „Nee, ich muss was machen, das mit meinem Beruf zu tun hat.“ Dann nach diesem Kurs bei der Abendakademie war Pflicht, ein Praktikum alleine zu suchen und ein Monat machen. Und das habe ich bei Bekannten gemacht in Schifferstadt in der Buchhaltung. Das war nicht eine Spedition, aber die kaufen und verkaufen LKWs. Aber die Firma sind Spanier, aber die Kunden möchte man auf Deutsch sprechen und alle Papier auf Deutsch. Und das habe ich einen Monat gemacht und dann hab ich die Stelle bekommen. Aber nur als Mini-Job. Und da hinfahren jeden Tag eine Stunde hin, eine Stunde zurück, um nur drei Stunden zu arbeiten. Das war… Das hab ich sechs Monate gemacht, danach wollte ich nicht mehr. Da hab ich gefragt, vielleicht ich kann früher kommen und mehr Stunden arbeiten, um ein bisschen mehr Geld zu verdienen. Da haben sie gesagt, „Nee, wir möchten nur vierhundert Euro bezahlen“. Da hab ich gesagt, „Nee, ich komme nicht mehr!“ Ich hab viel gemacht, manchmal länger geblieben und nee… Das war Ende Oktober, bis Ende Oktober habe ich das gemacht.
MA: Also jetzt Ende Oktober, letztes Jahr?
VGS: Ja, ja.
MA: Ja, das konntest Du ja auch erst machen, als die Kinder untergebracht waren überhaupt dann im Kinderladen. Wie seid Ihr eigentlich in den Kinderladen gekommen?
VGS: Als wir in der Pflügersgrundstraße waren, einmal sind wir rausgekommen und haben gesagt, wir kucken jetzt nach einem Kindergarten. Und dann waren wir dort und ein Eltern hat gefragt, sagte der Simon, ich konnte kein Deutsch und dann hat er gesagt, „Nee, ich arbeite und wir bekommen auch Unterstützung vom Staat, vom Job-Center“ und da hat sie gesagt, „Nee, wir wollen keine Arbeitslosen hier!“. Ein Eltern vom Kindergarten! Ich weiß nicht, wer das war, Simon wollte mir das nicht sagen.
MA: Bei…?
VGS: Alphörnchen. Das war vor vier Jahren, 2008. Da war der Stefan drei Jahre alt und ist auch ins Alphörnchen gekommen. Dann hat der Simon mit der Kerstin [Erzieherin] gesprochen und Kerstin hat gesagt, „Ja, warum nicht? Die Warteliste ist nicht so lange“. Und dann okay und dann der Stefan hatte ein Platz und die Renata für nächstes Jahr. Aber ich war sehr zufrieden bis heute mit dem Kindergarten, habe auch nette Menschen kennengelernt. Meine Kinder… Am Anfang hatte ich solche Angst, der Stefan konnte kein Deutsch. Aber Wahnsinn wie die Kinder so schnell lernen! Dann war ich begeistert. Und da war ein Erzieher, der Zion, und ich habe so viel Schlechtes gesehen im Fernsehen wegen Kinder und Missbrauch und da hab ich gesagt, „Nein, ein Mann! Und der Stefan trägt noch Windeln und er macht Mittagsschlaf!“ Und jeden Tag hatte ich Bauchschmerzen! Und dann hab ich den Stefan gefragt, „Und was macht der?“, „Der liest mir ein Buch und dann schlafe ich“. Aber nie was Schlechtes gesagt. Dann mit der Zeit ist es gut geworden. Aber am Anfang hatte ich Angst.
MA: Und der Stefan war zwei und hat er dann…
VGS: Viel gelernt in dem Deutschkurs in der Kinderbetreuung, weil ohne Kinderbetreuung konnte ich nicht. Und es waren drei Erzieherinnen, Türkinnen, und die mussten auf Deutsch sprechen mit den Kindern.
MA: Und so hat er? Super! Aber es ist, wie Du sagst, mit den Kindern. Und wie kam dann eigentlich die Entscheidung jetzt wieder zurück zu gehen?
VGS: [Lachen] Ja, wir waren in Chile und dann, wie ich gesagt habe, der Simon hat gemerkt, dass die Familie fehlt, die Mama. Und auch das hier, er hat keine Perspektive mehr für die Zukunft. Es ist kompliziert, er ist schon Dreiunddreißig, er wollte letztes Jahr eine Ausbildung beim Zoll machen und hat nicht geklappt. Er hat die Prüfung gemacht und dann waren die, die gerade von der Schule gekommen sind und das ist nicht so einfach. Dann wollte er auch beim Finanzamt eine Ausbildung machen, hat auch nicht geklappt. Dann hat er gesagt, „Nee, ich habe keine Chance hier“. Und er will auch nicht diesen Beruf ein ganzes Leben machen, als Pfleger zu arbeiten, das ist sehr anstrengend. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig.
MA: Also er ist in der Betreuung von alten Leuten?
VGS: Nicht alte Leute, es sind junge, aber die meisten haben diese Krankheit mit den Muskeln, die nicht mehr reagieren. Die liegen nur oder sitzen im Rollstuhl, kaum sprechen, kaum sich bewegen. Er hat es früher mal gemacht, weil er jung war und keine Kinder hatte. Aber jetzt ist es was anderes. Und ja, der hat gesagt, „Ja, wir gehen vielleicht in drei Jahren“. Haben wir das besprochen am Anfang dieses Jahr. Dann eine Woche später, „Nee, vielleicht nächstes Jahr“. „Okay, nächstes Jahr“, hab ich gesagt. Dann kann ich eine Arbeit suchen und was machen. Nachher, „Nee, dieses Jahr“, „Wann?“, „Im November“. Da hab ich gesagt, „Ne, wenn wir gehen, dann im September“. Weil die Schule im März in Chile anfängt, weil dort ist Sommer von Ende November bis Ende März. Und dann, „Ne, wenn wir gehen, dann im September, weil dann haben die Kinder Zeit in die Schule zu gehen und spanische Sprache sich zu gewöhnen und wie das läuft“.
MA: Das heißt die Kinder werden dann nächsten März eingeschult?
VGS: Stefan in die zweite Klasse und Renata in die erste Klasse.
MA: Und haben praktisch jetzt die Zeit, sich einzugewöhnen an das Leben.
VGS: Und nicht so…
MA: …so plötzlich.
VGS: Das wäre vielleicht nicht so gut. Obwohl die Kinder gut Spanisch können, aber Schreiben, Lesen ist was anderes. Sie können sprechen, aber schreiben und lesen noch nicht. Und ja, da hab ich gesagt, „Wenn wir gehen, dann gehen wir im September“. Okay, dann haben wir die Tickets Ende März, April ungefähr gekauft und jetzt kein Rücktritt mehr.
MA: Wie fühlst Du Dich damit so?
VGS: Ja. Am Anfang war ich dagegen, gegen diese Entscheidung, weil ich gesagt habe, „Ich fühle mich hier wohl. Nicht hundert Prozent, aber vielleicht mit der Zeit schaffe ich, was ich will, in meinem Beruf zu arbeiten. Und ich brauche noch ein bisschen Zeit“, hab ich gesagt. „Und ich will nicht gehen, noch nicht, vielleicht nächstes Jahr“. Und da hat er gesagt, „Nee, wir müssen jetzt gehen. Das ist besser“. Dann habe ich gedacht, auf einer Seite ist es besser für die Kinder, wenn sie kleiner sind, das machen und nicht, wenn sie größer sind. Auch wegen Freunden und alles. Der Stefan war auch dagegen, die Lehrerin von der Schule, die anderen Schüler auch. Die Renata sofort, „Mama, ja, ich gehe!“. Ja, und dann hab ich gesagt, „Okay, dann gehen wir“. Und dann, das war vor fünf Monaten, sechs Monaten und jetzt fehlen nur sechs Wochen, fünf Wochen… Ja, aber jetzt sage ich, ja, was soll ich machen? Meine Familie vermisse ich auch sehr, sehr, sehr viel. Geschwister, wir sind sehr nah, jeden Sonntag essen wir zusammen, den ganzen Tag, wir sitzen am Tisch von 14 Uhr bis 21 Uhr und die Kinder spielen und wir sprechen und reden über unsere Sachen. Jeder Geburtstag… Weihnachten und Silvester, das ist anders dort: Sommer, Feuerwerk am Meer. Es ist anders, auch die Laune.
MA: Aber dennoch sagst Du, Du hast Dich hier doch wohlgefühlt?
VGS: Ja, aber nicht hundert Prozent. Mir fehlt auch dieser Teil und das ist wichtig für uns. Und da hab ich auch gesagt, ich finde, dass Kindheit in Chile besser ist als hier. Ich weiß nicht warum. Vielleicht auch wegen diesem, mit der Familie immer zu sein und mit den Cousinen und Cousins. Ich brauche keinen Anruf und sagen, wann kann ich kommen, ich komme nur. Obwohl auch alle müssen arbeiten, aber man macht sich ein bisschen Zeit, um mit der Familie zu treffen oder mit den Freunden. Auch das Wetter, das vermisse ich, das ist so schlecht hier. Ich bin im August, Ende August, hergekommen und da kam ich vom Winter. Dann fängt Winter hier an, um halb fünf schon dunkel, nee. Gott sein Dank, hatte ich Kinder, habe ich vorher gesagt, wenn ich keine Kinder hätte, vielleicht wäre ich längst nach Chile gegangen. Obwohl ich keine Sonne mag. Aber Luft und Licht vielleicht, Essen, Freunde.
MA: Und da, wisst Ihr jetzt schon da beruflich und wo Ihr wohnen werdet?
VGS: Wir haben unsere Wohnung schon eingerichtet. Die gleiche Wohnung wie vor fünf Jahren.
MA: Habt Ihr die wieder bekommen?
VGS: Es ist unsere Wohnung. Es ist ein Haus, es sind drei Stöcke. Und da wohnen meine Schwiegereltern ganz oben, in der Mitte wir und unten der Bruder von meinem Mann. Es sind alle separat. Jede hat eigene Küche, Bad. Und da sind noch all unsere Sachen.
MA: Von vor paar Jahren, wo Ihr da sowieso schon ward?
VGS: Ja, alles.
MA: War das dann von Anfang an so geplant, dass Ihr vorübergehend kommt?
VGS: Nee, weil die Eltern haben auch gesagt, „Diese Wohnung ist Eure Wohnung“. Die haben das früher vermietet, aber dann, als wir dann gekommen sind, haben sie gesagt, „Das ist Deine Wohnung und die bleibt leer“. Manchmal, wenn Verwandte nach Chile gehen, die bleiben dort und übernachten dort.
MA: Und von Arbeit?
VGS: Der Simon macht das gleiche wie früher und ich nicht. Ich will nicht dort arbeiten, ich will was anderes machen. Was, noch keine Ahnung.
MA: Du kannst ja sicherlich jetzt auch mit Deinem Deutsch…
VGS: Das will ich. Ich will im Internet suchen, vielleicht gibt es eine deutsche Firma dort, Menschen deren Muttersprache Spanisch ist und die auch Kenntnisse in Deutsch haben. Vielleicht kann ich da was machen. Aber das Problem in Chile ist, es gibt keinen Hort wie hier. Wenn die Kinder in die Schule gehen, die ersten vier Klassen sind bis zwölf, halb eins. Und in Chile es gibt keine Teilzeit. Entweder Vollzeit oder nur am Wochenende arbeiten, aber das ist meistens in der Gastronomie oder in Kinos. Aber mein Beruf, das geht nicht. Dann muss ich kucken, wie wir das regeln.
MA: Wenn Du jetzt an Mannheim, an die Stadt Mannheim denkst, was findest Du ist total typisch für Mannheim? Wenn Du zurückdenken wirst an Mannheim, was wirst Du so…?
VGS: Dialekt [Lachen] und ich mag keinen Dialekt. Ich hatte Geburtstag vor drei Wochen und eine Cousine von Simon hat mir ein Buch geschenkt, „Mannheimerisch“. Sie hat gesagt, „Du musst das lernen!“ [Lachen]. Ja, das was mir hier gefällt, das ist Multi-Kulti. Die Menschen sind auch nicht so, wie sagt man, in meinem Land man sagt, dass die Deutschen Kältemenschen sind, sagen wir. Aber das ist nicht so, nicht alle. Und ja, ich habe viele Leute kennengelernt, die ich sehr nett finde, die auch immer einen Tipp für Dich haben oder was konnten helfen. Die älteren Menschen, die haben immer gemeckert, gemeckert und auch mit dem Kinderwagen hatte ich schlechte Erfahrungen. Ältere Menschen in der Straßenbahn, „Ah! Dieser Kinderwagen so groß!“ Am Anfang hab ich kein Wort gesagt, aber als ich Deutsch gelernt habe, dann hab ich gesagt! „Was haben Sie für ein Problem? Was ist das Problem? Das sind Kinder!“ Dann waren sie ruhig [lacht]. Aber das ist gut, dass es keine, nicht wie bei den Türken, dieses Gefühl, dass ich diskriminiert war.
MA: Das wollte ich Dich fragen, ob Du jemals das Gefühl hattest…?
VGS: Nie, nie habe ich ein Schimpfwort gekriegt oder was in diese Richtung, nie! Immer, wenn ich gesprochen habe, da haben sie gesagt, „Oh! Sie können gut Deutsch und wie haben Sie das gemacht?“, und das und das. „Warum machen die anderen nicht?“ „Entweder keine Lust oder keine Ahnung! Ich muss das machen, um alles alleine zu machen. Arzt, Kinderarzt, Termine, alles mache ich alleine jetzt“. Ich wollte Unabhängigkeit, das habe ich geschafft!
MA: Ja, ja. Wo Du gesagt hast Multi-Kulti, dazu wollte ich Dich auch noch fragen, wie das für Dich war am Anfang, als Du nach Mannheim gekommen bist, dass hier so viele Migranten leben…?
VGS: Ich hörte nur verschiedene Sprachen, da hab ich gar nichts verstanden. Mein Mann musste arbeiten, ich war alleine mit den Kindern auch draußen. Und wo ich konnte, habe ich ein bisschen gesprochen und dann langsam… Aber ich finde gut, weil, als ich meinen Deutschkurs gemacht habe, habe ich viele Türkinnen kennengelernt und ich wollte mehr von ihrer Kultur kennenlernen. Und dann habe ich immer gefragt am Anfang und dann haben sie gesagt, „Ne, frag nicht zu viel“. Aber ich wollte das wissen, warum nicht? Und da hab ich gefragt, „Warum tragt Ihr so lange Sachen? Und immer manche zeigen nur die Augen?“ Und dann hab ich gefragt, „Findet Ihr das nicht ungerecht?“ Und dann haben sie gesagt, „Ja, das ist unsere Kultur und…“, da habe ich vieles gehört und vieles gelernt. Bei uns ist nicht so. In Südamerika alle sprechen Spanisch, außer Brasilien. Und wir lernen auch Englisch in der Schule, aber keine andere Sprache, keine anderen Kulturen, es sind fast alle gleiche. Und hier ist anderes. Ich habe so viel Information bekommen, so viele Sachen, das fand ich super!
MA: Also in Chile gibt es jetzt nicht Einwanderer?
VGS: Aus Peru, Bolivien, Spanisch sowieso, gleich wie wir, unsere Kultur, fröhliche Menschen. Aber hier nicht, das finde ich gut. Und die auch. Die haben auch gesagt, die sind nicht so offen normalerweise mit fremden Menschen, aber mit mir…
MA: Meinst Du jetzt die türkischen Frauen, mit denen Du gesprochen hast?
VGS: Alle, Russinnen, alles, Libanon. Wenn ich kann, ich helfe gerne.
MA: Habt Ihr noch Kontakt?
VGS: Ja, mit meiner Deutschlehrerin auch. Wir treffen uns vielleicht einmal im Monat. Wir gehen was Trinken oder Essen. Sie hat gesagt, „Bevor Du gehst, dann müssen wir uns noch einmal treffen“. Okay. Aber das war gut.
MA: Und wie denkst Du ist es hier für die „Ur-Mannheimer“ mit den Migranten, die hier leben? Was ist Deine Einschätzung, wie die das finden?
VGS: Die finden das nicht gut, die sagen, jedes Jahr wird es schlimmer hier. Das habe ich viel gehört: „Jedes Jahr wird schlimmer“. Und Leute, die das nutzen, diese Hilfe vom Staat, manche leben davon, ohne was zu machen, das finden die ungerecht. Und das stimmt. Und da hab ich gesagt – ich hab auch ein Jahr lang als Putzfrau gearbeitet und da hab ich alleine alles gemacht, das gesucht, da angerufen. Und dann hab ich einmal mit der Frau gesprochen und gesagt, dass die Ausländer nicht gut angesehen hier sind, weil die immer stehen nur wie eine Statue, wie sagt man, und die bekommen nur und bekommen nur, nicht alle, nicht jeder macht was für sich selbst. Ich wollte das nicht. Da hab ich gesagt, „Ich bin keine Ausländerin, ich will was machen für mich“. Und danach sagen die Leute, „Die Valeska war anders“. Das machen nicht so viele.
MA: Du findest also es gibt schon welche, die tatsächlich nicht genug…?
VGS: Ne, ich hatte Frauen in diesem Kurs, die seit fünfzehn Jahren hier leben und das war ihr erster Deutschkurs. Das fand ich unglaublich. Keine Ahnung. Ich komme von einer Familie mit nur Frauen, deswegen bin ich anders [Lachen].
MA: Power, Power-Frau. Könnte aus Deiner Sicht für die Migrantinnen hier in Mannheim oder überhaupt in Deutschland etwas besser sein oder was gemacht werden?
VGS: Wenn sie was dafür machen schon, aber wenn nicht… Wenn die nur warten auf was zu bekommen, keine Ahnung. Man muss was machen. Sich bewerben, Kontakt suchen mit anderen.
MA: Bevor Du her gekommen bist, hattest Du da bestimmte Ängste?
VGS: Ja, eine, Sprache zuerst. Zweite, dass so weit weg von meiner Familie das war. Das war das erste Mal, dass ich im Ausland lebte, ohne meine Familie und mit so kleinen Kindern und alles neu und fremd für mich und die Sachen nicht laufen, wie ich das gedacht habe. Oder dass ich vielleicht so viel machen möchte und immer nur kommen diese Barrieren und sagen, „Nein, Du darfst das nicht, nein, Du darfst das nicht!“. Aber sonst, ich habe immer, ich sage, ich bin eine Kämpferin, ich muss mein Ziel erreichen. Nicht egal wie, aber ich muss das machen. Und so hab ich das gemacht. Ein bisschen meine Gefühle zu blockieren wegen meiner Familie und alles, „Nee, jetzt meine Kinder, jetzt habe ich meine eigene Familie und da muss ich weiter“.
MA: Wenn Du jetzt alles nochmal von vorne machen würdest, würdest Du es wieder so machen oder würdest Du…
VGS: In Deutschland meinst Du?
MA: Ja.
VGS: Genau so, glaube ich. Vielleicht nicht so schnell zurückgehen [lacht]. Aber nee, das war gut. Auch mit den Kindern.
MA: Ich meine, die Kinder, die haben jetzt auch so eine Verbindung zu Deutschland denke ich mal. Werden die dort Deutsch weiter lernen?
VGS: Ja, natürlich deutsche Schule, das ist in der Nähe von uns.
MA: Ah, wo Simon dann auch war?
VGS: Ja.
MA: Wie kommt es, dass es da eine deutsche Schule gibt?
VGS: Es gibt viele Deutsche in Chile, ganz viele. Die meisten im Süden, aber in Santiago, in der Hauptstadt von Chile auch, da gibt es eine ganz große Schule, die ist unterstützt von der deutschen – wie sagt man – Botschaft in Chile. Valparaiso und Santiago und auch Punta Arenas, da ist auch eine deutsche Schule, die ist auch groß.
MA: Das heißt die Kinder werden dort dann mit Deutsch…
VGS: Das sind Lehrer, die von Deutschland nach Chile – aber lange her – gegangen sind und dann diese Generationen sind dort geblieben und dann machen sie diese Arbeit. Als Lehrer oder der Direktor. Alles was auf Deutsch ist, der Rest ist Spanisch.
MA: Aber Du hattest vorher so mit Deutsch oder Deutschland keine Verbindung?
VGS: Ich habe in diesen vier Jahren, als ich mit Simon zusammen war, habe ich Deutsch gehört, aber gar nichts verstanden. Vielleicht von zehn Wörtern habe ich zwei immer gehört und habe mir eine Idee gemacht. Aber sonst…
MA: Und so eine Vorstellung von Deutschland hattest Du vorher? Oder hattest Du irgendwelche Gedanken?
VGS: Nur die Geschichte, dass sie nicht gut war. Aber sonst… Ich habe mir gedacht, mehr Blonde hier sind. Hier in Mannheim nicht! Wir waren in Schwerin, in Mecklenburg-Vorpommern vor zwei Jahren ungefähr im Sommer, da waren nur Blonde. Meine Kinder haben immer „Gell?“ gesagt und die haben gekuckt, „Wie gell? Was ist gell?“ [Lachen]. Da lebt ein Freund von uns. Ja, aber es war gut dort.
MA: Jetzt noch eine Frage zu Mannheim wollte ich noch stellen: Gibt es einen Ort, wo Du sagen würdest, das ist Dein Mannheim, also wo Du total gern bist oder warst oder wo Du vielleicht auch vermissen wirst?
VGS: Vielleicht nicht nur ein Ort, sondern dass ich so viele Möglichkeiten in der Nähe habe zu gehen, das ist gut hier in Mannheim: Park, Fluss, Innenstadt alles erreichbar. Ich habe kein Auto, ich habe nur Fahrrad. Dann ist alles so leicht. Das gefällt mir hier. Sonst, sicher ist auch, bis jetzt. Ich habe auch viele Chilenen hier kennengelernt, das hab ich nicht gedacht. Ja… Das finde ich gut.
MA: Gut, das war’s eigentlich schon. Ich danke Dir sehr für das Interview und wünsche Dir auch alles Gute für die Zukunft!
VGS: Danke!
Produktionsbeteiligte:Interviewerin: Maria Alexopoulou
Playing time:0:51:34
Ton:nur
Angaben zum Erwerb:D 51
Alte Signatur:Zug. 09/2014 Nr.23
 

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Permission required:Keine
Physical Usability:Uneingeschränkt
Accessibility:Öffentlich
 

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