| Inhalt_AV: | MA: Ich lege dann gleich los. Heute ist der 5. Oktober 2012. Wir führen das Interview mit Frau Urban fort. Letztes Mal hatten Sie zum Schluss erzählt, wie Sie damals im Dorf Schmolz angekommen sind und dann per Viehwagen weiter nach Waldenburg. Da waren Sie stehen geblieben sozusagen letztes Mal in der Erzählung. HU: Nach Waldenburg sind wir einfach gegangen, weil wir dort Verwandte hatten, und wie wir geglaubt haben das ist für ganz kurze Zeit und wir kommen wieder zurück. Und dort sind wir zu Verwandten gekommen, entfernten Verwandten, das war natürlich auch nicht das Wahre. Zumal dort schon eine Tochter mit Baby angekommen war, die andere Tochter, die kurz vor ihrer Hochzeit stand mit einem Marine Mat. In der Zeit, wo wir dort waren, kam eben die Nachricht, dass der Bräutigam von [Feind?]fahrt nicht zurückgekommen ist, das U-Boot. Das war so tragisch. Das haben wir dort alles miterlebt bei meiner Cousine, und dann gab es eine sogenannte Nachtrauung und das war auch sehr schrecklich, das werde ich nie vergessen. Da saß meine Cousine vor dem Standesbeamten und nebendran auf einem Stuhl da lag seine Uniform, Jacke und seine Mütze. Das war so etwas Schreckliches. Damals ist mir so eigentlich… ich sagte ja schon, in Breslau hatte ich eigentlich eine sehr behütete Kindheit, aber da ist mir so diese ganze Tragik bewusst geworden. Alles weinte und bedauerte diese Cousine, es war ganz schrecklich. Wie gesagt, wir waren dort bei den Verwandten eben auch nicht sehr willkommen. Mein Vater der musste ja, er war ja in Breslau geblieben im Volkssturm, und komischerweise funktionierte die Post noch, wir kriegten also immer wieder Post von meinem Vater. Und wir haben geschrieben – also das klappte irgendwie noch, ich weiß nicht ob ich Ihnen schon erzählt habe, dass mein Vater uns die eingegangene Post auch nachschickte wo eben ein ganz… habe ich das schon gesagt? Vom BDM, nicht? MA: Genau, diesen Befehl, den Sie dann nachbekommen haben, diese Rüge. HU: Ja. Und zufälligerweise habe ich heute in meinem Kram meinen alten BDM-Ausweis in die Hand bekommen, den kann ich Ihnen dann mal zeigen, von 1938 ist der. Naja, wie gesagt, es verging eine Woche nach der anderen. Meine Mutter, die hat dann auch beim Einkaufen oder beim Schlange stehen irgendwie gehört, da gehen Wehrmachtslastautos nach Breslau, und da kann man mitfahren und dann noch eben Sachen holen. Dann sind wir ganz euphorisch eines Morgens früh um Fünf haben wir uns da an diese Kaserne gestellt bis die Lastwagen kamen und uns auch mitgenommen haben, war fürchterlich. Auf dem offenen LKW im Januar bei bitterer Kälte. Und dann kamen, wir sahen schon die Türme von Breslau, wir waren in einem Vorort, und man hörte also Geschützdonner und plötzlich kamen die Soldaten und haben gesagt, „Tut uns leid, Ihr dürft nicht rein in die Stadt, ist alles gesperrt“. Und da haben sie uns dann dort in so eine – wir waren ungefähr zwanzig Frauen – haben sie uns in so eine Baracke geführt und dort mussten wir dann den ganzen Tag sitzen und warten bis abends diese Wagen wieder zurückfuhren und wir sind eben nicht in unsere Wohnungen gekommen. Also das war noch viel schlimmer als der Tag der Flucht. So kurz davor zu stehen… wir konnten uns auch mit meinem Vater nicht verständigen, telefonisch, ging nicht. Also das war wirklich schrecklich. Ja und insgesamt waren wir vier Wochen in Waldenburg, reichlich vier Wochen, und eines Tages große Aufregung, Lautsprecherwagen wieder einmal und Rundfunkmeldungen, und da hieß es alle, die nicht nach Waldenburg gehören – also alle Flüchtlinge, die dort Unterflucht gefunden hatten – müssen die Stadt verlassen. Nur noch die Waldenburger, und es waren ja viele Flüchtlinge dort, die alle wie wir geglaubt haben, man kann wieder zurück. Da waren solche großen Anschläge überall dran, „Begeben Sie sich zu den Bahnhöfen. Gehen Sie an die Ausfallstraßen“. Und die Bahnhöfe waren natürlich auch sehr überfüllt, ja, aber davor muss ich noch erzählen: Am Abend davor – ich habe ja mit meiner Mutter in einem Bett schlafen müssen, weil alles so beengt war, und es war ja Verdunkelung. Wir waren schon im Bett und ich war wohl eingeschlafen, da weckt mich meine Mutter und sagt plötzlich, „Hör mal, hör mal“. Und da hörte man so ein kläpperndes Geräusch am Fenster, da ist meine Mutter… und da sagt sie, „Der Vater steht unten, der Vater steht unten!“. Da war mein Vater beim Volkssturm ausgemustert worden und ist von Breslau eben auch nach Schmolz gelaufen, wo wir einige Sachen dort untergestellt auch hatten, und inzwischen waren die Leute dort aber auch im Aufbruch. Das waren ja Bauern, die hatten einen Treck zusammengestellt, und da ist mein Vater mit dem Treck zehn Tage unterwegs gewesen, und ist am Tag bevor wir dort weg mussten da angekommen. Ich werde nie vergessen wie mein Vater aussah, der hatte einen Mantel an, so einen Wochenbart, alles voller Eiskristalle – es war ja eine grausam kalte Nacht – und an seinem Mantel – das werde ich auch nie vergessen – da waren alle Knopflöcher ausgerissen vom Sturm. Er hat erzählt, dass sie da durch Schneestürme gelaufen sind. Und was mich so erschüttert hat, dass mein Vater erzählte, dass während diesem Treck so furchtbar viele Leute gestorben sind, alte Leute und Kinder, und man konnte ja nicht Halt machen, um die Beerdigung, und die sind also einfach rechts und links vom Weg im Schnee verscharrt worden. Also das waren so Geschichten, die ich gehört habe, die ich eben kaum glauben konnte. Ja und dann haben wir uns tatsächlich am nächsten Morgen auf den Weg gemacht, unsere Tante die hat uns dann alles, was möglich war an Proviant mitgegeben, und wir mit unseren kleinen Fahrradanhänger, den hat mein Vater mitgebracht, mit dem Bettenbündel und mit den paar Sachen die wir hatten, da sind wir mit dem Bus gefahren nach Bad Nieder Salzbrunn, das ist eines der schlesischen Bäder in der Nähe von Waldenburg, eben mit dem Bus erreichbar, Bad Nieder Salzbrunn. Und dort sind wir dann zu dem Bahnhof gegangen und da sind wir auch mit einem Zug mitgekommen. Furchtbar überfüllter Zug, aber wir waren drin. Ja und dann hielt der Zug in Trautenau im Sudetenland. Und Trautenau dieser Bahnhof, das ist auch so ein Alptraum, der sich mir unauslöschlich eingeprägt hat. Der Bahnhof überfüllt, kaputte Eisenbahnwagen standen da rum. Wir sind da ausgestiegen, Soldaten über Soldaten, der ganze Bahnsteig lag voll mit Menschen. Rotkreuzschwestern liefen hin und her, also es war so fürchterlich, und dann haben wir natürlich gefragt, wie geht es weiter, wo kann man… „Ja, das wissen wir alles nicht, das wissen wir nicht“. Und wir haben dann tatsächlich zwei Tage und zwei Nächte auf diesem Bahnhof kampiert. Früher war so ein Bahnhofsschalter, das war der Schalter und da war so wie so ein Pferch waren da solche Gänge, und da haben wir uns an einem Schalter – der war ja sowieso geschlossen – haben wir uns da mit unseren Bündeln eingerichtet und immer wieder geguckt, ob man was zu essen organisieren kann. Das Rote Kreuz die kamen dann mal, die haben dann mal Brote verteilt oder auch mal Pappbecher mit Kaffee oder so etwas. Und es war überhaupt nicht zu übersehen, ob oder wann man dort weg kann. Wie gesagt der Bahnhof war sehr kaputt, und irgendwie haben wir das Gefühl gehabt, der Geschützdonner kommt immer näher. Und der dritte Tag früh morgens, nachdem wir zwei Nächte da waren, das war ein strahlend schöner Tag. Der Schnee glitzerte, die Sonne schien, und da habe ich zu meinen Eltern gesagt, „Ich geh raus, ich muss ein bisschen laufen.“ Und meine Eltern, „Nein, Du bleibst hier“. Aber die waren inzwischen so apathisch, ich habe gesagt, „Nein, ich laufe nur an den Gleisen lang und komme auch wieder mit“. Und das werde ich auch nie vergessen. Wissen Sie wie so ein Stadtkind so über das Feld zu laufen im Freien wo nichts ist, das war für mich auch – ich weiß gar nicht, ich weiß nicht, ob ich mir überhaupt was dabei gedacht habe – jedenfalls bin ich gelaufen und gelaufen, ich kann es auch schlecht einschätzen, aber ich schätze mal eine Stunde werde ich gelaufen sein, und da sah ich dann plötzlich auf den Gleisen einen Zug stehen. Ich bin dann näher hingekommen, da waren Menschen drum rum, und man hat jeden angesprochen, da habe ich gefragt, „Was ist denn los?“ „Ja, unser Zug ist hier stehen geblieben.“ „Ja, wo kommt Ihr denn her?“ „Aus Breslau.“ Die sind von Breslau noch vorher weggekommen und standen dort auch schon. Da war ein junger Mann, der hat mich gleich angesprochen dann, vielleicht hab ich ihm gefallen, und jedenfalls habe ich dann gefragt, erzählt wo ich herkomme und was los ist, und da sagt er, „Ach, ich glaube hier ist noch Platz im Zug. Hol doch Deine Eltern da könnt Ihr noch mitfahren.“ Und da hat… inzwischen war uns unser Anhänger geklaut worden. Den hatten wir nachts vor diesem Pferch da stehen lassen, der war weg am nächsten Tag. Und da hat der junge Mann, die haben einen Leiterwagen gehabt, so einen richtigen Holzleiterwagen, und dann hat er gesagt, „Du kannst meinen Wagen nehmen, komm aber ja zurück!“ Da bin ich also Karacho so schnell ich konnte da zurück. Und da habe ich zu meinen Eltern gesagt, „Ich weiß, wo wir mitfahren können, dort steht ein Zug!“ Und meine Eltern, die haben, „Das geht doch nicht und der Zug ist bestimmt…“. Und ich muss sagen ich bin einfach einen Meter gewachsen. Wissen Sie, ich war zu Hause immer das Nesthäkchen, die Kleinste, „Du verstehst das nicht“. Und plötzlich war ich der Macher, also irgendwie wenn ich manchmal so zurück denke, ich habe mich also gefühlt… Und dann bin ich tatsächlich mit meinen Eltern dorthin gekommen und der junge Mann, der hatte inzwischen gesagt - das waren dann Personenwagen sogar, so Abteilwagen – „Ja, die Plätze sind alle voll, aber hier im Gang könnt Ihr bleiben“. Da sind wir rein und dann musste, „Aber das Gepäck das geht nicht, das muss raus“. Das Gepäck musste auf den offenen Viehwagen. Fing meine Mutter wieder an zu heulen, „Ja, die Sachen auf dem Wagen und jetzt und wenn die geklaut werden!“. Ja, es half alles nichts, wir durften nur unsere Taschen mitnehmen und alles andere kam da rauf. Ja und da blieben wir noch eine Nacht auf dem Bahnhof stehen und am frühen Morgen ging es plötzlich los. Und dann begann eben diese Odyssee, sieben Tage in diesem Zug. Wir sind immer wieder ein Stück gefahren. Der hielt bald wieder. Dann hieß es – die Gerüchteküche die brodelte ja – da hieß es plötzlich wir werden ausgeladen, wir sind gleich da. Ja, wo sind wir denn? Da waren wir in Brix, in Komotau, in Leitmeritz, alles Orte im Sudetenland. Dann hieß es wieder, „Nein, Ihr müsst weiter fahren. Ihr seid ein wilder Flüchtlingstransport, der Zug ist nicht gemeldet“. Und dann zwischendurch kamen mal so ein paar Parteileute, die durch den Zug gingen, die haben einen Mords Rabatz gemacht in den Wagen überall, „Ihr müsst zusammen rücken, Ihr müsst zusammen rücken“. Die hatten sich – die Leute, die da drin saßen muss ich noch sagen, das waren zum großen Teil Kroaten, die schon geflüchtet waren, in Schlesien erst gewesen sind, und dann weiter mussten, so wie wir aus Waldenburg weg mussten. Und die haben unglaublich viel Gepäck da drin gehabt. Die haben Kabel dabei gehabt und alles Mögliche. Und wir haben dann oft, wenn wir da saßen, „Hmm, das riecht so gut“. Da roch es nach Speck oder nach Wurst oder was. Die haben noch viel Proviant mit gehabt. Und dann mussten die zusammen rücken, da hat meine Mutter und ich haben wir sogar je zwei Plätze in diesem Abteilwagen gekriegt. Und mein Vater, der blieb draußen auf dem Koffer sitzen. Ja, wie gesagt, es war eben wirklich kein gemeldeter Transport. Wir kriegten nichts zu essen. Dann kam mal jemand, ich weiß nur dass einmal auch eine Rotkreuzschwester mit einem Korb kam und die hat Marmeladenbrote verteilt. Die müssen schon zwei Tage… die klebten zusammen und die Brotscheiben die waren so gebogen, und trotzdem haben wir uns drauf gestürzt. Und dann kam man ja mit den anderen Leuten ins Gespräch, immer wenn der Zug hielt, da ist man ja ausgestiegen. Mit dem, wo kommst Du her, wo warst Du denn, und da war im Nachbarabteil, da war eine Frau mit einem fünfjährigen Mädchen und mit neugeborenen Zwillingen. Und das Schlimme war, die Frau konnte nicht mehr stillen. Und da haben auch immer andere Rotes Kreuz gerufen, die kamen dann, die haben dann – ich werde das nie vergessen-, die haben die Frau mit einem Baby da und das fünfjährige Mädchen, die Christa, die saß da mit einem Baby im Arm, und die haben dann immer den Finger in die Milch getaucht, und die Babys… es war so furchtbar, wir haben gedacht, ob die das überleben, die Kinder? Aber ich greife mal vorweg, wir waren in demselben niederbayrischen Dorf, und diese beiden Buben, die sind prächtig gediehen, und das Mädchen auch. Aber damals hätten wir keinen Pfifferling für diese Leute gegeben. Ja und dann war in dem Zug auch vorne dran ein ganzes Altersheim, war ausgesiedelt, und da sind während der Fahrt auch dreiundzwanzig Menschen von diesen Alten gestorben. Wir haben dann oft gesehen wie sie eine Trage, eine zugedeckte, rausgetragen haben. Ja und wie gesagt, ich in meiner neuen Würde als Reiseleiterin, meine Eltern – ich habe natürlich immer probiert was zu organisieren, und da war der letzte Wagen, da waren verwundete Soldaten mit ihren Betreuern. Und da bin ich auch dorthin gegangen, ich habe regelrecht gebettelt und da haben die mir dann Päckchen Knäckebrot gegeben oder was habe ich… ach und dann mal ein Essgeschirr voll mit warmem Essen, so ein Blechdings, aber ich soll das ja wiederbringen. Und da bin ich hin und da haben meine Eltern aus diesem Blechgeschirr und dann bin ich an die Lokomotive gegangen, da läuft ja immer Wasser raus, dort habe ich dann das Essgeschirr schön sauber gemacht und habe es dem Soldaten wieder gebracht. Ein bisschen mit dem rumgeschäkert, nicht. Und einmal bin ich auch ausgestiegen und habe mich beim Roten Kreuz angestellt, wo also auch Soldaten da standen, und meine Mutter hat eine Milchkanne mitgehabt, so eine mit Deckel, wo wir auch was zu Trinken mitgehabt haben. Und da habe ich dort Suppe bekommen, und während die mir meine Suppe einfüllt, ist der Zug angefahren. Ich habe geschrien, und da haben die Soldaten aus dem letzten Wagen, die haben das gesehen, „Komm her, komm her!“. Und die haben mich dann in ihren Waggon reingezogen, das werde ich nie vergessen. Und dann musste ich eben warten bis der Zug wieder hielt und habe mich dann zu meiner Mutter durchgekämpft, die war schier hysterisch, die hat gedacht ich bin dort auf dem Bahnhof zurückgeblieben. Davon habe ich später manchmal geträumt von wie der Zug da weggefahren ist. Ich war ja selber noch ein halbes Kind, nicht. Ja, und so ging das eben sieben Tage lang. Wir sind dann, da hieß es eben wir werden – das war auch noch ein nettes Erlebnis – wir werden in Leitmeritz hieß es, jaja, hier werden wir abgeholt. Der Zug stand, es wurde Mittag, der Zug stand, und wir hatten uns dann auch, was heißt angefreundet, unterhalten mit einem Breslauer Ehepaar und deren Freundin. Und dieses Ehepaar mit einer Tochter, die waren einen Wagen weiter, mit denen haben wir uns unterhalten. Wie das so ist dann findet man ja auch, „Ach, kennen Sie die?“ und so weiter und das war ganz nett. Und die haben dann gesagt, „Ach, wir haben in Leitmeritz“ – ist die Schwester von der Frau –, „die beiden Schwestern die sind schon vorher geflohen, die sind dort“. Und da haben sie dann, am Bahnhof liefen ja auch BDM-Mädel rum, die geholfen haben, und da haben sie ein BDM-Mädel gebeten dorthin zu gehen und die Schwestern zu holen, und die kamen tatsächlich an den Bahnhof. Ich sehe das noch heute, ich muss noch kurioserweise erzählen, dass diese beiden Damen, die da gesessen habe, das waren Tanten von meinem späteren Mann. Denn mein Mann ist der Sohn von dieser Freundin des Ehepaars gewesen mit der wir zusammen waren. Aber da greife ich vor. Naja, und das Schlimmste war eben auch, dass unterwegs auch mal der Zug auf freier Strecke hielt und eben waren Leute drum rum, „Alles aussteigen, alle schnell aussteigen. Tiefflieger, Tiefflieger!“. Und da hörte man dieses „Wiiieh“, dieses Geräusch. Und das weiß ich und da haben wir uns auch einmal die Bahnböschung im Schnee runter gerollt. Also unser Zug ist nicht beschossen worden, aber die Angst, die wir gehabt haben, das war furchtbar. Naja, und wir waren natürlich alle verdreckt, verhungert, zerlumpt, keine Wäsche wechseln können, nichts, nichts. Toiletten, die waren also, konnten Sie vergessen. Und wenn ich dran denke, wir haben ja alle so ein bisschen so eine ruhrartige Erkrankung gehabt, und ich werde auch nie vergessen wie so eine Frau, der Mutter von den Zwillingen, die es also ganz, ganz schlimm erwischt hat. Und sie hat gesagt sie hält es nicht mehr aus, sie hält es nicht mehr aus. Da haben sie aus dem fahrenden Zug die Tür aufgemacht und sie hat sich so raus und zwei Männer haben sie festgehalten. Wissen Sie das sind so Bilder, das kann man sich überhaupt nicht mehr vorstellen. Ja und inzwischen zuckelten wir durch Bayern. Wir waren aus dem Sudetenland raus, mein Vater hat gesagt, „Gott sei Dank haben sie uns aus dem Sudetenland rausgelassen. Was meinst Du was die Tschechen mit uns machen würden dort?“. Ja und dann kamen wir eben nach Bayern. In Bayreuth hieß es, wir sollen aussteigen, also Oberfranken, der Zug fuhr also wieder weiter. Und dann kamen wir an einen Ort, Vilshoven an der Isar. Landschaftlich war es schön. Und dann kam ein Dorf, Langenisarhofen, und dort hieß es plötzlich, „Der Zug endet hier, Ihr müsst alle aussteigen“. MA: Wer entschied das damals eigentlich, also wo welcher Zug bei diesem Chaos und…? HU: Ja, es war ein Chaos, aber sie haben eben versucht, ein bisschen Ordnung zu schaffen und haben dann Leute im Vorfeld da, „Ach, hier in dem Dorf sind noch keine Leute oder nicht so viele, dort müssen jetzt so und so viele hin“. Der Soldatenzug mit den Verwundeten, der war inzwischen vorher schon abgehängt worden, und ich weiß nicht, wie viel andere vielleicht auch noch, das hat man ja nicht so mitgekriegt, aber jedenfalls sind wir dann ausgestiegen. Da sehe ich uns noch auf dem Bahnsteig rumstehen, es war gegen Mittag, und wir mussten dann raus, da waren so auch Parteileute, ein paar Frauen waren dabei. Wissen Sie, da waren noch welche von der Partei in diesen braunen, kackefarbenen Uniformen will ich mal sagen, die Goldfasane wurden sie ja im Volksmund genannt, die sich da aufgespielt haben im Kommandoton. Man wusste, also das war… am ersten März sind wir dort angekommen. Am 21. Januar waren wir aus Breslau geflüchtet, am 1. März sind wir in diesem Langenisarhofen angekommen. Und auf dem Bahnhof draußen hat auch so ein Macker plötzlich gesagt, „So, hier stehen Leiterwagen, alte Leute und kleine Kinder und das Gepäck auf die Leiterwagen, die anderen müssen laufen!“. Und da sind wir also hin, die Leiterwagen mit Pferde bespannt, sind wir halt hinter denen her getippelt, zehn Kilometer! Und dann kamen wir in ein Dorf, Niederpöring an der Isar, so ein Straßendorf, so ein langes Straßendorf. Sie müssen sich das vorstellen, ein richtiges Straßendorf, und da ging es an der einen Seite abschüssig zur Isar, zu dem Fluss runter, da unten waren noch vereinzelte Häuser und oben an der Straße da war die ganze lange Straße lang so ein Geländer. Weil es ging ja da zum Teil Stufen nach unten oder Wege, aber ziemlich steil. „So, alles aussteigen!“ Und da standen wir dort an diesem Geländer und da standen auch viele Leute, Bauern. War auch so ein Anblick wie aus dem Bilderbuch, alle mit Jockel, in Lederhosen, Hut auf dem Kopf, Hände in den Taschen. Und dann kam der Bürgermeister, der eine Ansprache gehalten hat und gesagt hat, „So, also jetzt werden einige Leute in die Quartiere eingewiesen“. Und da waren die Bauern, er hat eine Liste gehabt, und dann gingen die Bauern rum und haben sich die Leute angeguckt. Wissen Sie, das ist auch etwas, was ich nie vergesse. Ich habe ja auch Bücher gelesen. Das war wie auf dem Sklavenmarkt. Die haben geguckt. Dass sie nicht die Muskeln befühlt haben, war noch ein Wunder! Die sind zum Teil so um die Leute – ich habe mir gedacht, so wenn wir Pferde wären, dann würden sie mal auf die Kruppe hauen – also es war so was von deprimierend. Und dann zogen Leute ab, und da blieb ein kleines Häufchen von etwa fünfzehn, zwanzig Leuten blieb übrig, und das waren meine Eltern und ich dabei. Und da war dieses ältere Ehepaar dabei mit der Tochter, und diese Frau. Und da hieß es, „Ja, Ihr kommt in die Schule, Ihr kommt in eine Unterkunft in die Schule“. Aber erst mal gehen wir da runter zum Gschwandtner, das ist eine Wirtschaft gewesen, und dann kam… wir waren ja halb erfroren und total kaputt, und da kamen wir in diese Bauernwirtschaft, Tische und Bänke, und da standen also solche große Töpfe mit heißer Milch auf dem Tisch. Und dort haben wir also heiße Milch bekommen und Brot. Und wir waren ja nichts mehr gewöhnt und wir haben drei, vier Tassen von der heißen Milch getrunken. Das war ja Vollmilch, wie sie von der Kuh kam. Am nächsten Tag haben wir alle den Dünnpfiff gehabt bis zum Geht-Nicht-Mehr. Ja, Brot und Milch und wir waren satt. Und jetzt heißt es, „Alle so jetzt kommt mal alle mit“. Und da haben wir uns wieder im Gänsemarsch mit unseren Bündeln auf den Weg gemacht und am anderen Ende vom Dorf da war die Schule. Und dann kamen wir in die Schule und da hatte es eben zwei Klassenräume, da waren die Bänke übereinander gestellt und dann lag Stroh da. Und wir waren aber glücklich, dass man sich wenigstens Männlein und Weiblein alles quer durcheinander, sich da hinlegen konnte. Ja, am nächsten Tag da spielte sich erst mal gar nichts ab. Wir wussten ja nicht, wie geht es weiter, was machen wir hier, kann man rausgehen? „Nein, nein, bleibt mal hier“ und dann kam gegen Mittag nochmal der Bürgermeister mit ein paar Leuten, und wie wir dann im Nachhinein erfahren haben, hat er dann gesagt, die Leute müssen auch untergebracht werden, und dann kamen noch welche, die jemanden nehmen mussten, laut Bürgermeister. Und dann kam auch ein älterer Mann, ein bisschen eine ganz komische Type, klein, grau, ziemlich lange Haare, goldenen Kneifer aufgehabt, und guckte eben auch. Und der Bürgermeister hat dann gesagt, „Ja, hier sind zwei Ehepaare und diese Frau“, da war noch eine Frau mit Kind. Und das war der Verwalter vom Schloss, das Schloss in Niederpöhring. Die wollten natürlich niemanden nehmen. Der Inhaber, das war ein über achtzigjähriger Herr, ein Ritter von Leeb, dem gehörte das und die Ländereien, die waren alle verpachtet und das war sein Schwager, der hat das ganze verwaltet. Und da hat der uns mitgenommen. So und da marschierten wir halt im Gänsemarsch dahin, das war nicht weit von der Schule, schönes großes Schloss, es hatte einen eisernen Zaun, ein schönes großes Tor. Da ging so eine lange Auffahrt dran, dann das Schloss. Ich habe drin ein Bild, das zeige ich Ihnen dann mal, so eine Treppe von beiden Seiten hoch, es sah sehr schön aus. Ja und da kamen wir, wir waren also dieses Ehepaar mit Tochter, die eine Frau, meine Eltern und ich, und noch eine Frau mit Tochter mit einem Kind, also zehn Personen. Und da führten sie uns in einen Raum, einen Saal. Das einzige Mobiliar da drin war ein riesengroßer Tisch und vierundzwanzig Stühle und ein wunderschöner Kachelofen in einer Ecke, einer großen Fensterfront mit diesen schönen gewölbten Sprossenscheiben. Ja und da kamen wir rein, und es war mittlerweile schon nach Mittag, es wurde zeitig dunkel. Der Ofen war kalt. „Jaja“, der Bürgermeister und dieser Mann dann, „morgen schauen wir weiter“. Wir haben den ja auch kaum verstanden. Ja und da haben wir uns in dem großen Raum irgendwie in ein… ach so, eine Küche war noch dabei. Eine Küche, da war ein Herd drin, das muss mal die Schlossküche gewesen sein, der Herd war so groß wie hier Anrichte und doppelt so tief, der war aber auch kalt. Und dort hat dann diese Frau mit ihrer Tochter und mit dem Kind ist dort drin geblieben, haben sich da eine Ecke zurechtgemacht. Und wir da, und da hat meine Mutter die Koffer und die Tasche und das Bettenbündel aufgemacht und da haben wir uns da auf der Erde irgendwie hingelegt. Wir waren ja so todmüde, dass wir noch geschlafen haben. Am nächsten Tag kam der Verwalter wieder und hat gesagt, ja, im Dorf, wir können uns da und dort Strohsäcke stopfen gehen. Was haben wir als Stadtmenschen für eine Ahnung gehabt vom Strohsäcke stopfen? Und da kriegten wir solche Rupfen, Rupfensäcke, und dann hat er uns gezeigt bei dem Bauern und dort bei dem und da sind wir dann dort in diese Scheuer gegangen und da haben die uns gezeigt, da lagen Strohbündel und da haben wir diese Strohsäcke, die waren so ein Meter mal zwei Meter groß ungefähr. Wir haben sofort angefangen zu niesen und zu schnupften von dem Stroh, und wir haben die Strohsäcke gefüllt und dann haben die uns auch die Strohsäcke mit einem Wagen wieder zum Schloss gefahren. So, und da haben wir uns einmal mehr die Wohnung geteilt. Und diese Leute, die sind Gott sei Dank weitergezogen, die Frau mit Kind, gleich am nächsten Tag. Die wollten irgendwohin, die hatten da in Dingolfing Verwandte. Und da sind meine Eltern und ich in diese Küche gezogen. Da waren wir schon mal froh, dass wir einigermaßen für uns waren. Und dort haben wir uns dann arrangiert, wir kriegten dann auch Lebensmittelmarken, jeder. Dort gab es ja einen Krämer und es gab einen Bäcker, da werde ich den Bäcker auch niemals vergessen. Als erstes gab mir meine Mutter die Marken, ein Stück hin war eben der Bäcker, „Guckst, dass Du Brot kriegst“. Kam ich zu dem Bäcker hin, Bäckersfrau, so eine richtige Bayerin, so eine Gemütliche, mit so einem Kicks hier hinten, Schürze um. Und ich habe die Marken hin, „Magst Du Ausschussbrot?“ „Wie bitte?“ „Ob Du Ausschussbrot magst?“ Ich habe die absolut nicht verstanden! „Ah, gib mal her!“ und dann hat die mir eine Marke abgeschnitten und gab mir zwei solche große Brote. Und die Brote, die waren so aufgerissen, und das war Ausschussbrot, und das kriegte man auf Viertelmarken. Wir haben dann nur noch Ausschussbrot gegessen. Also ich kam stolz wie Oskar mit meinen beiden Laiben Brot an. Also man hat gemerkt, dass dort doch die Uhren anders gingen. Dieser alte Wurzelzwerg da, der Verwalter, der kam dann, der hat noch ein, hat sich bemüht Hochdeutsch zu sprechen, den hat man noch ganz gut verstanden, und er hat gesagt, „Gehts doch mal zum Kirrmeier“. Das war dort ein Bauer, „Der soll Euch e Milli geben!“ „Hm? Hm?“ Da ist meine Mutter mit der Milchkanne und kam zurück mit der Milchkanne voll Milch, also es war eine Offenbarung. Dann inzwischen haben wir auch ein bisschen Holz gekriegt für dieses Monstrum von Ofen. Da mussten wir natürlich wieder alle, alle sieben Personen da uns arrangieren, mit etwas zu kochen. Ja und dann, das Holz reichte ja nicht, und da ist meine Mutter mit mir und der einen Frau, wir sind dann abends war ja dunkel, die Bauern haben ja alle solche Holztürme stehen, sind wir mit der Einkaufstasche und haben überall ein paar Scheitel Holz... ach, das hat wunderbar geklappt, und das haben wir eine ganze Woche gemacht. Und dann war, „Oh, das Holz ist weg!“. Die haben dann so langsam ihre Holz… es werden ja andere Flüchtlinge auch gemacht haben, haben sie dann ihre Holztürme reingeholt, und dann war es aus damit. Und da sind wir in den Wald gegangen. Sind wir in den Wald gegangen, zwar musste man da über die Isarbrücke, da war ein Wald hinten, der sogenannte Dreibauernwald, der gehörte drei Bauern. Naja Gott, es war im März, es hat immer noch geschneit. Ich habe aber die ersten Schneeglöckchen entdeckt, das war für mich auch eine Offenbarung. Die habe ich früher nur aus dem Blumengeschäft gekannt. Ja und da haben wir Holz geholt, aber das Holz war so grün, da hingen noch die Blätter dran, der Ofen, unser Kachelofen, der hat geraucht wie verrückt, wir waren alle frisch geräuchert, aber geheizt hat er nicht. Ja, und da haben wir also gewohnt, und dann kam der April, es wurde wunderschön, zauberhaftes Frühlingswetter. Und dann wir haben ja eben, waren ja angewiesen auf Gerüchte, wir hatten ja kein Radio, kein Zeitung, kein Garnichts. Und dann heiß es, „Ja, die Amerikaner stehen kurz vor hier“. Und dann haben wir plötzlich auf der anderen Seite von der Isar hat man so graue Fahrzeuge, das waren die Amerikaner. Wir haben von unserem Fenster über die Isar gucken können und drüben waren die Amerikaner. Und im selben Moment, wo man die schon sah, da kamen in das Schloss Soldaten, deutsche Soldaten, und die wollten Quartier im Schloss machen. Das ist auch so eine Sache, da war nämlich im Schloss auch noch eine junge Frau, eine Münchnerin, das war eine Nichte von diesem Verwalter, so eine ganz Fesche. Und die hat mit den Leuten verhandelt. Die wollten nämlich ein MG im Schlossgarten aufbauen, um da rüber zu schießen. Und dann hat die also die so becirct, dass die wieder abgezogen sind. Und weiter unten im Dorf haben die tatsächlich ihr MG noch eingebaut und rüber geschossen, mit dem Erfolg, dass zurück geschossen wurde und dass dieser Bauernhof in Brand geschossen wurde. Und dann haben wir natürlich Angst gehabt. Die haben geschossen, das hat man gehört, und da hat unser kleiner Verwalter gesagt, „Es muss ja jetzt bald Schluss sein. Die Brücke wird gesprengt, die Isarbrücke“. Wir sollen also in den Keller, das heißt es war kein Keller, das war eine Wagenremise. Unterhalb dieser Freitreppe, da war so ein großes Tor, wo früher die Kutschen reingefahren sind. Da sind wir dort runter und haben zwei Nächte und Tage in dieser Remise da verbracht, ziemlich feucht, ziemlich kalt, eng zusammen, und dann hörten wir es eben ballern. Ja und dann auch im Dorf. Da hat einer die weiße Fahne aufgezogen, und es waren ja noch deutsche Soldaten da, und die haben sie erschossen. Und es war natürlich große Aufregung auch. Ja, wir hörten auch, dass die Brücke gesprengt wurde, aber das war ja für die Amerikaner kein Problem, die hatten in Null-komma-Nichts so eine Pontonbrücke gebaut und sind dann einmarschiert in das Dorf. Und dann war für das Dorf der Krieg zu Ende, das war im April. Ja. Und dann, die waren vielleicht zwei Tage da, da kam so ein Jeep vorgefahren – wir haben natürlich durch die Fenster immer das beobachtet – verschwand auch in dem Haus. Und da hat unser Cleverle, der Verwalter, die Situation auch wieder mal gerettet. Das Schloss hat eine eigene Wasserversorgung gehabt. Da war unten an der Isar, da war an der Isar noch so ein wie so ein kleiner Nebenfluss, die kleine Isar wurde das genannt, so ein Abfluss. Und dort war wie so ein Pumpwerk, eine Kläranlage, und da wurde das Wasser hoch gepumpt, so dass man fließendes Wasser hatte. Und wie gesagt, dann kamen die Amerikaner und wollten natürlich Quartier machen im Schloss. Und diese Münchnerin sprach perfekt Englisch, die hat die empfangen als Befreier und hat dann gesagt, „Ja, bitte kommen Sie, gucken Sie sich das alles an“. Die haben sich schon Räume ausgesucht, und dann sagte sie, „Es tut uns leid, wir haben aber leider kein Wasser, unsere Wasserversorgung ist kaputt“. „Ja, das werden wir gleich haben“, nicht. Da sind die da runter, haben sich das angeguckt. Die haben ja Leute vom technischen Hilfswerk gehabt, die haben das nicht zum Laufen gebracht. Wir hatten… „Tut uns leid, aber kein Wasser“. Also haben die sich woanders einquartiert, im Haus vom Bürgermeister, Metzgerei und Wirtschaft, dort haben sie sich einquartiert. Nichts ging, wir hatten ja kein Wasser. So, und wir mussten dann eben auch… wir haben über ein Vierteljahr lang ziemlich weit Wasser holen müssen, die Freitreppe runter, durch die ganze große schöne Auffahrt bis zu einem Bauernhof, wo wir mit der Pumpe Wasser geholt haben. Und erst viel später, die Amerikaner waren längst abgezogen, da haben wir gehört was los war. Über der Isar da wohnte ein Original, der Clemens, in einem Schäferkarren. Der Clemens, das ist ein Aussteiger gewesen, muss aber ein ganz kluger Kopf gewesen sein. Mein Vater, der hat sich gerne mit dem Clemens unterhalten, der muss früher mal Ingenieur gewesen sein. Der Clemens war zugewachsen von oben bis unten, und der hat einen Hund gehabt, der sah genauso aus wie der Clemens, und der Clemens sah so aus wie der Hund. Aber er war wirklich ein cleverer Kerl. Er hat gefischt in der Isar. Der hat uns manchmal einen Hecht gebracht. Ja und danach haben wir erfahren, der Clemens, der hat einige Teile ausgebaut aus diesem Pumpwerk, und dann ging nichts. Und das haben nicht mal die Amis mit ihrem technischen Hilfswerk in Ordnung gekriegt. Und als die Amis abgezogen waren, hatten wir wieder Wasser. Also das war genial. Von davor muss ich noch was erzählen: Die Amerikaner waren die ersten zwei, drei Tage da, da hörten wir es nachts fürchterlich rumsen und klopfen, also als wenn jemand an die Türen schlägt und Aufruhr. Wir haben natürlich eine Wahnsinns- Angst gehabt und hörten die Stimmen von den Amerikanern. Und hörten dann großes Theater und dann sahen wir wie die Amerikaner mit diesem alten Herren von Leeb das Haus verließen und den im Jeep mitnehmen. Und zwar haben sie bei dem einen Revolver gefunden. Da muss jemand aus dem Dorf gesagt haben, der hat Waffen. Der hat ein Gewehr gehabt und hatte einen Revolver. Die hätten ja alle abgegeben werden müssen. Naja, da haben sie den dann mitgenommen und verhört, aber dann haben sie nach zwei Tagen den alten Mann wieder frei gelassen. Aber das hat den so mitgenommen, dass der ein paar Tage später verstorben ist, das hat er nicht mehr verkraftet. Ich glaube, der war so alt wie ich, vierundachtzig. Ja, das war vorher, aber wie gesagt, dann waren die Amerikaner im Dorf und wir lebten immer noch zu sieben Personen dort drin. Inzwischen hat man sich arrangiert. Ich weiß noch ich bin mit meiner Mutter, da war über der Isar so eine Schutthalde, dort haben wir Töpfe gefunden, Töpfe, die kaputt waren. Das können Sie gar nicht mehr wissen, Töpfe die ein Loch hatten, die hat früher einer gelötet, und da haben wir die Töpfe mitgenommen zum Schmied und der Schmied hat uns die Töpfe gelötet. Denn wir hatten ja so ein, auf diesem Herd da waren so Ringe drin und die Ringe musste man wegnehmen und da hat man den Topf reingehängt, da unten war ja das Feuer. MA: Was haben Sie eigentlich damals gedacht, was passiert jetzt? Also damals wo dann der Krieg vorbei war, wo die Amerikaner da waren, was war so… was ging so in Ihnen vor? HU: Was in mir vorging? Es war ja noch Krieg. Wir wussten ja gar nichts. Der Krieg war für das Dorf zu Ende, aber er war noch nicht zu Ende. [Interviewpause] MA: Wir können weiter. HU: Ja, wie gesagt, was ich so gedacht habe. Wir waren in einer Niemandslandzone, würde ich mal sagen. Es ging drum ums tägliche Überleben. Es gab auch lustige Begegnungen, ich weiß noch, ich bin mal mit meiner Mutter Holzsammeln gegangen, mit meiner Mutter und einer anderen Frau, eben über die Behelfsbrücke auf die andere Seite rüber da in diesen Wald. Es war ja dann schon Frühling, und da haben wir so ein Bündel jeder uns zusammen, und wir kommen zurück und da sahen wir da waren Teile von der gesprengten Brücke, und das waren also so lange Bohlen. Und da haben wir gesagt ach, das wäre ja Holz. Und da haben wir uns zu dritt so eine Bohle unter den Arm da genommen und keuchten damit – es ging dann so bergauf von der Isar den Berg rauf – und auf einmal kamen zwei Amerikaner und haben uns irgendwas gesagt, mit meinem bisschen Schulenglisch habe ich deren Slang natürlich auch nicht verstanden, und wir sollten das Holz… wir haben gezittert, wir haben gedacht jetzt werden wir als Holzdiebe verhaftet. Und der sagte dann... und dann nahmen die beiden dieses Ding und wir gingen, der hat uns weg… wir liefen und wir sahen, die kamen immer hinter uns her. Und der hat... die haben, die beiden Kerlchen haben uns die Bohlen bis vor die Tür getragen. „Goodbye, Goodbye!“ und sind abgereist. Wir haben gezittert wir Espenlaub. Und meine Mutter, es hieß dann eben es werden Leute gesucht, die Wäsche waschen für die Amerikaner, und da hat meine Mutter gesagt, ja natürlich. Wir hatten so einen großen, in dem Schloss dort so einen großen Wäschekessel, aber wir hatten ja auch keine… und da kamen die und brachten Seife mit. Und meine Mutter, wenn ich denke, die hat diese dreckige Soldatenwäsche gewaschen. Aber, wenn sie die Wäsche abgeholt haben, dann brachten die eben Zeug mit, wir kriegten dann Büchsen auf den Tisch. „Was ist denn das, was ist denn das?“ Wir haben dann geguckt. Da waren also so Corned Beef, und es waren Büchsen mit Käse, und es war in Dosen also Brot. Und wir hatten ja keinen Büchsenöffner, da hat mein Vater dann mit einem Nagel und mit seinem Taschenmesser versucht diese… und alle standen drum rum, „Ja, was ist das wohl?“. Also wissen Sie das waren einfach Sachen, das kann man überhaupt nicht nachvollziehen. Ja und dann, wie gesagt, es ging ja alles noch einigermaßen geordnet zu und dann Lebensmittelmarken. Die Flüchtlinge hielten ja untereinander sehr zusammen. Da kam einer und sagte, „In Wallersdorf da gibt es auf Abschnitt B von der Marken kriegt man Mehl, hier gibt es nichts drauf.“ Also sind wir losgegangen, zehn Kilometer gelaufen, und kriegten auf Abschnitt B pro Person ein Pfund Mehl. Dann im anderen Dorf hieß es, „Oh, da gibt es Fett!“ oder so was. Ja und das Tollste war, das war auch noch vor dem Kriegsende, da hieß es also in Dingolfing, dort ist ein Zug stehen geblieben und da wird alles verteilt, was es dort gibt. Ach, also ich bin mit meiner Mutter und mit anderen Frauen losgezogen, gelaufen, gelaufen, gelaufen, und das war tatsächlich so. Da haben die einen Zug ausgeladen, das waren Stoffe, und da haben die Stoffe verteilt. Und da kriegte also jeder, der sich dort anstellte, bekam zehn Meter Stoff. Und das war alles dasselbe, das war so ein naturweißes Leinen, doppelt breit vom Ballen. Das haben die abgemacht und so zusammen gerollt, das haben wir uns dann so auf den Buckel genommen und sind dann nach Hause. Und der Witz dabei war, dass dann später im Dorf alles vom Kinderrock bis zur langen Hose bis zum Dirndlkleid bis zum Nachthemd, alles in diesem Stoff rumgelaufen ist. Aber für uns war das ja eine Kostbarkeit. Meine Mutter hat sofort was abgeschnitten, dass wir also so eine Art Bettlaken gehabt haben, haben wir vorher alles nicht gehabt. Also es waren einfach so Dinge. Und der Zusammenhalt unter den Flüchtlingen war groß. Ein Flüchtlingsehepaar, die hatten wie auch immer ein Fahrrad gerettet, und das wurde natürlich überall ausgeborgt. Da hat man sich angemeldet, dass man mit dem Fahrrad da oder da hinfahren und was kaufen konnte. Und einmal hieß es eben auch, ja in Plattling, das war der nächste Ort, Bahnknotenpunkt, ist es auch heute noch, in Plattling, ja da gibt es in der Drogerie das und das und also auf nach Plattling. Wieder gelaufen. Plattling auf der anderen Seite der Isar. Da hieß es auch die Brücke ist kaputt, und da hatten sie auch so eine Brücke, aber dort ging es ganz steil erst mal runter. Und wir kamen dort an und wir wollten über diese Brücke und mussten da runter und es hatte auch geregnet, das war matschig, und da standen unten… das klingt auch wie ein Märchen, da standen dort unten zwei Schwarze, zwei Soldaten, die lachten über das ganze Gesicht, wenn man da runterrutschte, fingen die einen auf und hievten einen auf diese Pontons rauf. Und ich werde nie vergessen, die waren kurzärmelig und hatten hier die Arme beide bis obenhin mit Armbanduhren voll, die sie irgendwo weggenommen, abgestaubt haben. Und das waren die ersten Schwarzen, die ich in meinem Leben gesehen habe. Und ich werde nie die Gesichter vergessen… die haben sich einen Spaß draus gemacht, einen so richtig an sich gedrückt und dann da rein. Also es war ein Alptraum. Aber wir sind dann in diesem Plattling gewesen und haben dort sämtliche Geschäfte abgeklappert wo es irgendwas gibt, und da kriegte man wirklich in einem noch ein bisschen Seife oder ein Papiergeschäft, da kriegte man ein bisschen Briefpapier und drei Kuverts für jeden und solche Sachen. Also wir haben nicht viel gedacht wie es wird. Das kam erst, als wir von der Kapitulation erfahren haben. Wir haben ja immer noch gedacht die Wunderwaffe kommt, der Feind wird zurückgedrängt und wir können alle wieder fröhlich nach Schlesien zurückfahren. So blauäugig waren wir. Ja und dann eines Tages ging es wie ein Lauffeuer durch das Dorf, Waffenstillstand. Also da sehe ich mich auch noch mit meinen Eltern und mit diesen anderen Leuten am Tisch sitzen, und wir waren irgendwie ratlos. Wir haben gedacht, „Ja, Gott sei Dank, der Krieg ist zu Ende“. Und dann jetzt, ja dann kam es eben. Wie geht es weiter, was wird jetzt mit uns, kommen unsere Soldaten wieder zurück? Ich habe ja zwei Brüder im Feld gehabt. MA: Haben Sie dann auch gleich erfahren, dass..? HU: Bitte? MA: War dann auch klar, dass Sie dann auch nicht zurück, also wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie eigentlich auch nicht mehr zurück können? HU: Nein, das war uns da nicht bewusst, gar nicht, überhaupt nicht. MA: Wann kam der Punkt? HU: Das ist erst später gekommen. Zuerst haben wir immer noch gewartet, ja die neuesten Nachrichten. Es war ja dann ein ziemliches Tohuwabohu. Es war zwar Waffenstillstand, aber bis da eine… die alte Ordnung ist zerbrochen, eine neue gab es nicht, es gab von jetzt auf dann keine Post, Postverkehr ging nicht mehr. Zeitungen, haben sie noch so ein Not-Blatt herausgebracht unter Regie von Amerikanern. Wir wussten ja auch nicht, wir sind hier bei den Amerikanern, wo ist der Russe, wo ist der Franzose, wir wussten es ja effektiv nicht. Ja und dann, ich weiß jetzt auch nicht wie lange es gedauert hat, vielleicht zwei Wochen, es waren ja in dem Dorf auch Leute gekommen, Flüchtlinge, die mit Pferd und Wagen gekommen waren. Von einem Treck waren einige dort, die waren dann auch in Bauernhöfen, haben dann ihre Pferde dort mit eingebracht, haben mitgearbeitet. Und da hieß es dann, „Ja, die haben ja Pferd und Wagen, die gehen zurück. Die fahren zurück“. Ach und da waren also vier solche Fuhrwerke. Wir kannten ja die Leute alle, unter anderem auch zwei Frauen, wo die Frau mit dem Pferdewagen gekommen ist und einem kleinen Leiterwagen mit einem Pferd. Und die hat ihr Pferd wieder angespannt und wollte zurück. „Heißa Juchei“, große Stimmung. „Wir gehen heim! Wir gehen heim! Wir fahren heim!“ Und wir anderen, die wir nicht motorisiert waren, in Anführungsstrichen, wir haben die beneidetet. Ja und die fuhren los und die sind bis an die Oder-Neiße-Grenze gekommen und wurden zurückgejagt. Man hat denen noch das letzte bisschen Habe weggenommen, die kamen nach sechs Wochen ärmer an als sie weggefahren sind. Und da kam eigentlich für uns alle die große Ernüchterung. Wir haben ja auch nur von diesem ganzen Geschehen, von der Jalta-Konferenz, von diesem Theater mit der Oder-Neiße-Linie, dass die überhaupt nicht gecheckt haben, dass es zwei Neißen gibt, und dass die, die Falsche gemeint haben und dadurch Schlesien abgetrennt worden ist. Das ist ja diese Tragik. Es gab die Lausitzer Neiße und die Glatzer Neiße. Das haben wir ja alles erst viel später erfahren. Ja und dann waren wir dort in diesem Dorf und wir haben uns natürlich Sorgen gemacht, um meine Brüder, um deren Familien. Meine beiden älteren Brüder, die waren ja schon verheiratet, meine Schwester, meine älteste, auch. Da haben wir, als die Post noch funktionierte, ja von ihr Nachricht gekriegt, sie ist in Dresden. Und dann haben wir gedacht, sie ist in Dresden umgekommen, weil wir nichts mehr hörten. Meine andere Schwester, die zur Luftwaffe eingezogen war, das ist die, die jetzt Neunzig ist und noch lebt in Norddeutschland, die ist auch ganz plötzlich, hieß es dann, die war in Berlin gelandet. Erst war sie in Osten in Litzmanstadt, in Lodzsch, zurück nach Berlin. In Berlin hieß es, ja die Luftwaffenhelferinnen, die müssen alle in ihren Heimatort. Ja Heimatort, meine Schwester wusste damals genau, nach Breslau kann sie ja gar nicht mehr zurück, sie wusste nicht wo wir sind, und da ist sie kurz entschlossen zu ihrem Freund gefahren. Die waren noch nicht mal verlobt, aber es war da so was in Busch, und der war in Bad Reichenhall stationiert. Und da hieß es immer, sie müssen sich alle dann immer bei der Kommandatur melden. Meine Schwester in ihrer Luftwaffenuniform, die war so als Flakhelferin ausgebildet gewesen, kam dann dorthin, und dort hat ihr späterer Mann ihr privat ein Zimmer besorgt und sie musste sich immer dort melden. Und eines Tages hieß es, „Ja, die Luftwaffenhelferinnen müssen sich alle melden, sie kommen nach Thüringen“. Und dann hat mein späterer Schwager gesagt, „Um Gottes Willen, nach dem Osten, nach Thüringen, da geht Ihr den Russen entgegen“. Und dann haben die beiden schnell geheiratet, das ging damals blitzschnell, sie haben dort standesamtlich geheiratet und da konnte meine Schwester dort bleiben. Und das haben wir erst ein halbes Jahr später erfahren, als wir meine Schwester wiedergefunden haben. Wir hatten eine Schwester meiner Mutter in Berlin, und das war so unsere Anlaufadresse. Die war zwar auch ausgebombt und hauste dann in einem Keller, die hat aber an der Ruine von dem Haus, wo sie früher ihr Geschäft hatte, überall Zettel angemacht wo sie jetzt zu finden ist. Und über diese Tante haben wir dann, als die Post wieder ging, meine Geschwister alle wieder gefunden. MA: Und Sie waren dann noch aber in Bayern in diesem…? HU: Ja. MA: Wie lange waren Sie da noch, in dem Schloss zumindest? HU: Furchtbar! Wir hatten dann das Glück – das war als der Krieg schon zu Ende war – ich glaube wir sind am 1. März dort angekommen, das war da um spät. Ach so, ich muss noch erzählen, als wir alle da noch zu sieben Personen waren, der Krieg war zu Ende, im Mai war der Waffenstillstand, und es war dann im Juli, das ist auch so ein widersinniger Zufall, da ist am selben Tag der Sohn von dieser anderen Frau – die war verwitwet, die Freundin von diesem Ehepaar – der Sohn angekommen und aus der anderen Richtung der Sohn mit Frau und Schwiegermutter von dem Ehepaar. Am selben Tag! Die hatten auch noch in der letzten Kriegsphase Feldpost bekommen und wussten, wo ihre Eltern waren. Der eine, der war was weiß ich wo gelandet in der Münchner Gegend, und der andere, der war in Tirol in Gefangenschaft gekommen. Der ist auf einer abenteuerlichen Weise von Ostpreußen bis nach Tirol gekommen und dort in amerikanische Gefangenschaft und ist dort entlassen worden und hatte den Feldpostbrief von seiner Mutter, Niederpöring Schloss, und ist dorthin gekommen. Das ist mein späterer Mann gewesen. Ja, aber jetzt stellen Sie sich das mal vor. Wir waren noch eben zu sieben Personen. Wir haben eine solche, wie soll ich sagen, so eine Blechwanne gehabt, das war unsere Waschgelegenheit, für alle. Und dann ich als Siebzehnjährige und dann kommen da plötzlich zwei junge Männer, die auch dort dann geschlafen haben, irgendwo auf der Erde. Also das kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Aber das ging dann Gott sei Dank nur noch kurze Zeit, denn im Schloss war unter anderem schon vor uns einquartiert eine Familie aus dem Saargebiet, die dort ausgebombt waren. Ein Ehepaar mit zwei Kindern, und die hatten im Parterre unten ein kleines Zimmer, es war mit so einer Holzwand abgeteilt, und die Hälfte von dem Zimmer war Küche, und dort hausten die. Und die sind zurückgegangen, die konnten dann schon zurück oder wollten zurück ins Saargebiet, wollten sich da durchkämpfen. Und da kriegten meine Eltern und ich diese kleine Wohnung, und da kamen wir uns vor wie der King, denn die Wohnung war noch dazu möbliert. Die Wohnung, die hatte vorher, eh diese Saarländer kamen, einer Pfarrhaushälterin gehört und die hatte dort Möbel drin, eine Bank war drin und ein kleiner Herd. Der Herd war ein Zehntel so groß als der aus der Schlossküche – Gott sei Dank – und die hat also im Monat zehn Reichsmark Miete für die Möbel bekommen, und wir waren natürlich glücklich, dass wir das benutzen konnten, denn wir hatten ja nichts. Wir hatten dann, ein Bett war da. Also meine Mutter hatte dann ein Bett, also wir waren so glücklich, dass wir diese Wohnung dann hatten, Sie können sich das gar nicht vorstellen, endlich ein bisschen Intimsphäre. Ja, aber wie gesagt, dann hat sich das ja so langsam, langsam, normalisiert. Wir kriegten dann ein Stückchen Land aus dem Schlosspark, war ein ziemlich großes Gelände, wunderschöner Baumbestand, und da durften wir uns ein Stückchen Land nehmen. Und da hat mein Vater im Schweiße seines Angesichts gegraben und Wurzeln rausgemacht und so weiter und da fingen wir an, was wir so von den Bauern gekriegt haben, ein paar Bohnen zu stecken und so weiter, Tomaten, und haben uns da überall Rat geholt. Und ich weiß noch, da hatte dem – das war aber schon im zweiten Jahr – mein Vater ja Bohnen gesteckt und dann ist er in den Wald gegangen und hat Stangen geholt für die Bohnen, und das waren solche riesen Dinger, und da haben sich die Leute kaputt gelacht wie sie gesehen haben wie wir diese Stangen in den Boden gesteckt haben. Aber zum Schluss haben wir gelacht, das war nämlich so ein wunderbarer ausgeruhter Boden dort drin, die Bohnen sind gewachsen, gewachsen, dass man sie nur mit der Leiter ernten konnten. Also das waren so Geschichten eben. Aber jetzt kommt mein persönliches Elend. Ich war ja von der Schulbank weg auf die Flucht gegangen, und mein sehnlichster Wunsch war, wieder in die Schule zu gehen. Ich war in dem Dorf zehn Kilometer von der Bahnstation entfernt, ich wollte nach München gehen. Diese nette Frau, die da gewohnt hat, die hat mich immer eingeladen, ich soll doch mal kommen, und die hat mich, die war dann mal da, ich weiß nicht wie das, die hat da einen Amifreund gehabt und ist dann eines Tages mit dem Jeep vorgefahren und hat mich nach München mitgenommen. Meine Mutter ganz entsetzt, „Jaja, ich bringe sie wieder!“. Und die hat ihre Wohnung behalten in München, war verheiratet, hat einen kleinen Jungen gehabt und hatte eben diesen Hausfreund. Das war schon eine lustige Zeit, die ich da die Wochen in München verlebt habe. Und dann bin ich halt an Schulen gegangen und wollte mich anmelden. „Ja, hast Du eine Zuzugsgenehmigung?“ „Nein.“ „Hast Du eine Wohnung?“ „Nein.“ „Ja, dann wird nichts.“ Da bin ich also… ach, ich war in einer Kunstgewerbeschule, ich war in einer Schauspielschule, ich bin ganz normal nochmal Gymnasium, ich habe mir also wochenlang die Hacken abgerannt und es lief also nichts. Ich kam zurück und dann hat meine Mutter sich bemüht und dann konnte ich in Osterhofen in eine Klosterschule. Ja, aber da musste ich jeden morgen früh um sechs mit dem Milchauto bin ich zu dem Bahnknotenpunkt Plattling gefahren und von dort aus konnte ich mit einem Bus fahren. Und wenn ich zurück kam und das Milchauto war weg, musste ich die zehn Kilometer laufen. Also es war kein Zuckerschlecken. Als meine Kinder hier drei Minuten entfernt im KFG in die Schule gegangen sind, dann habe ich denen das auch immer gesagt, „Mensch, Ihr kriegt alles so auf dem Präsentierteller, Ihr wisst gar nicht wie gut Ihr es habt“. Ja und ich wollte ja durchaus weg. Die Post ging dann wieder, wir hatten dann Verwandte wieder ausfindig gemacht, zwei Cousinen von mir, die beide in Hamburg Ausbildung als Krankenschwester gemacht haben, auch Schulabbruch, aber sie waren froh, dass sie das hatten. Die haben mir das sogar vermittelt. Ich habe mich beworben, ich wäre sogar genommen worden, aber meine Eltern haben geklammert. Ich habe es damals überhaupt nicht verstanden, ich war bitterböse und bin... Damals war man ja erst mit einundzwanzig volljährig, ich war da inzwischen achtzehn, ich durfte nicht alleine weg. Ich war die einzige von fünfen, die greifbar war. Mein Vater, bei dem ist die Malaria wieder aufgeflackert vom ersten Krieg her, also und meine Mutter, die ist dann so zu den Bauern als Hausschneiderin gegangen gegen Lebensmittel. Ich muss sagen, da haben wir gar nicht so schlecht gelebt dann. Und ich habe geholfen, ich habe da nähen gelernt von meiner Mutter. Ich habe mal so Notizen gefunden, was ich die tollsten Sachen genäht… und da muss ich Ihnen noch erzählen, wir haben ja alle diesen Stoff gehabt, und meine Mutter ist auch mal bei einem Bauern nähen gewesen, und da kam sie dann nach Hause und hat gesagt, „Oh, die Frau Huber hat gesagt ich soll für ihre Mannerleut Hemden nähen. Sie hat zu viel von dem Stoff. Aber ich habe ja noch nie Hemden genäht!“. Und das werde ich nie vergessen, da hat meine Mutter mit einer Nagelschere ein Hemd von meinem Vater aufgetrennt, und mein Vater hat Mord und Brand geschrien, „Mensch ich habe doch bloß zwei Hemden!“ und meine Mutter, „Ja, ich nähe es wieder zusammen, ich nähe es wieder“. Und dann hat sie sich einen Schnitt gemacht, und dann hat meine Mutter Hemden genäht, die war dann bekannt im ganzen Dorf für die tollen Hemden, die sie genäht hat. Und dann hat sie – natürlich mit der Hand, wir hatten ja keine Nähmaschine – das Hemd wieder zusammengenäht für meinen Vater. Das ist auch so ein Bild, was ich nie vergessen werde. Ja, aber es war nichts. Und wie gesagt, ich hatte ja dann meinen späteren Mann, der lebte da mit seiner Mutter… MA: Auch noch im Schloss dann? HU: Auch im Haus eine extra Wohnung gekriegt. Der alte Herr Leb war verstorben, der Verwalter der war dann dort drin. Ach, was weiß ich wie das war, eine Erbengemeinschaft, und das war ja alles damals noch nicht machbar. Und was noch muss ich… haben Sie noch Zeit? MA: Wir haben noch Zeit, ja. HU: Was ich noch erzählen wollte, was auch so tragisch war, das war dann auch schon nachdem die Amerikaner da gewesen sind. Das war dann Himmelfahrt, Feiertag. Und diese beiden Herren im Haus, dieser Herr Leeb und der Herr Lermer, die hatten jeder ein Mädel aus dem Dorf als Haushälterin, Geschwister. Und junge Mädchen und natürlich kam ich mit denen, aber nur ich verstand deren bayrisch nicht und die verstanden mich nicht, und wenn sie dann mal erzählt haben, „Wo kemmsten ha?“ Wo kommst Du denn her, nicht. Ich erzählt, „Ja, also Stadt“. Ach ja, dann war immer deren Reden, „Ja, aber in Passau mein Lieber…“ Die sind einmal in ihrem Leben nach Passau gekommen, also Passau war eben das Größte, da konnte ich mit Breslau nicht mitreden. Und an dem Himmelfahrtstag da hieß es die jungen Madeln und die Buben, die fahren alle über die Isar zum Maiglöckchen suchen. Inzwischen hatten die Amerikaner ihre Ponton-Brücke abgebaut und haben etwas anderes gemacht. Da ging eine Seilfähre rüber über die Isar, also das war an einem Seil die Fähre, die ging auf so Rollen rüber und nüber, und da war ein Fährmann dabei. Und da hieß es ja, die fahren alle rüber zum Dreibauernwald, Maiglöckchen pflücken, ob ich mit will. Und wir haben dann mit meiner Mutter Mittag gegessen, und ich habe gesagt, ich will nicht. Und dann waren meine Eltern böse, „Ja, Du sagst ja immer Du hast hier keinen Kontakt, jetzt wollen die Dich mit, dann geh doch!" Ich habe gesagt, „Nein, ich habe keine Lust“. Meine Mutter war stocksauer. Und die kamen dann und klopften, ob ich fertig bin, und ich habe gesagt nein. Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, warum nicht. Und ich habe dann – ich weiß noch, es war herrliches Wetter – ich saß dann, in dem Garten waren zwei so riesen Kastanien, die stehen heute unter Denkmalschutz, und dort habe ich gesessen und da kommt meine Mutter gelaufen, meint sie, „Ist was schreckliches passiert, ist was schreckliches passiert!“. Jetzt passen Sie mal auf: Es war Frühjahr, die Isar hat Hochwasser gehabt, da ist die Fähre gerissen und es sind neun junge Leute ertrunken, unter anderem die beiden Mädchen aus dem Haus. Also ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich dran denke. Ich glaube eigentlich nicht an so übersinnliche Geschichten, aber dass ich da so stur gesagt habe nein. Es ist etwas ganz eigenartiges gewesen. Es war furchtbar, es war tragisch. Wissen Sie da war auch von der Bäckersfrau der Sohn, der ist erst ein paar Tage vorher aus dem Feld heimgekommen, der ist mit der kleinen Schwester, mit der zwölfjährigen Lilo, ein goldiges Mädel mit so langen blonden Zöpfen, ist mit der mitgefahren. Und er hat sich gerettet, er konnte schwimmen, hat das Mädel noch festgehalten, und… die Isar ist reißend, wenn die Hochwasser hat. Also es war so was von tragisch. Ja, ich habe dort keine Kontakte gehabt. Ich habe dann so mit dieser jungen Frau von den anderen Leuten hatte ich ein bisschen Kontakt, aber die war sechs Jahre älter als ich. Ja und dann bin ich manchmal mit meinem späteren Mann zusammen hamstern gegangen. Wir sind zusammen Beerenpflücken gegangen und Ährenlesen und Holzsammeln mit seiner Mutter und mit ihm. Ja und wir saßen halt dort in dem Dorf fest, er auch. Er wollte ja – früher in Breslau war er selbstständig, hat das Geschäft seines Vaters geführt – er wollte irgendwie wieder Fuß fassen, hat aber auch gedacht, wenn ich jetzt irgendwo in eine Stadt gehe, das geht nicht. Und da hat er alles Mögliche auch gemacht, auch da und dort. Er hat dann durch seine früheren Verbindungen in Regensburg eine Gewürzmühle aufgetan, die haben ihm dann Gewürze verkauft, und das war eine Rarität. Dann haben wir aus Packpapier Tüten geklebt, mit Mehlkleister Tüten geklebt, und dieser gute Herr Lermer, der hat uns eine Briefwaage geliehen, da haben wir mit einer Briefwaage die Gewürze Zehn-Gramm-Weise abgewogen und in diese Tüten getan. Und damit ist mein späterer Mann dann gegangen und hat getauscht mit diesen Gewürzen. Es gab ja nichts. Ah, Pfefferkörner, Kümmel. Das brauchten die ja für ihre Wurst und so weiter, also das war schon. Ja, wie gesagt, 1948 hat mein späterer Mann dann endlich über eine seiner Firmen, er hat sich die Finger wund geschrieben, einige seiner Firmen, die er früher in Breslau vertreten hatten, Importeure überwiegend, die haben ihm dann den Platz Mannheim übertragen. Da wäre ein Vertreter gestorben, also hier könnte er anfangen. Und da ist mein Mann also nach Mannheim gegangen. Wusste nicht, was ihn hier erwartet. Er hat natürlich keine Zuzugsgenehmigung gekriegt, er hatte kein Wohnrecht in Mannheim und hatte dann auch durch Nachfragen – da gab es so eine Flüchtlingsleitstelle und so was – hat er dann eine Adresse gekriegt. Da war in Neuostheim eine Familie, der Mann war als ehemaliger Nazi aus seiner städtischen Stelle geflogen, die hatten eine ganz schwerbehinderte Tochter, und hatten eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Und dort hat mein Mann eine Schlafstelle gekriegt. Er durfte also in deren Wohnzimmer schlafen. Und da hat mein Mann dann eben angefangen für diese – alles mit der Hand geschrieben – für diese… die Kunden von dem früheren Vertreter zu besuchen. Und es gab ja dann Kontingente, Zuteilungen von den Importeuren, und so hat er die ersten Geschäfte angefangen. MA: Und war dann im Lebensmittelbereich tätig? HU: Importeur für Rohkaffee, Tee, allerdings eben ein ganz anderes Geschäft als hier. Nur für den Großhandel. Er hat eben Tee in großen Kisten verkauft an die Händler. Und was mein Mann vertreten hat noch von seinem Vater her, da hat er die Vertretungen übernommen gehabt, die deutsche Heringshandelsgesellschaft. Heringe haben in Schlesien, vor allen Dingen in Oberschlesien, eine große Rolle gespielt. Und die hat mein Mann, der ist nicht mit einem Hering in Berührung gekommen, der hat sie waggonweise verkauft. Hat aber dann hier in Mannheim nicht gewusst, dass Mannheim ein ganz anderes Pflaster ist. Hier hat das nicht so eine Rolle gespielt, der Hering. Er hatte dann Kunden die Nordsee, deutsche See, nicht, dort hat er das verkauft. Und dann hat mein Mann natürlich die Fühler ausgestreckt nach neuen Vertretungen. Hat alles genommen, was er kriegen konnte. Hat eine Suppenvertretung und eine Puddingvertretung und alles Mögliche. Er hatte dann inzwischen ein Zimmer für sich alleine dort in Neuostheim auch. Und dann hat er eine uralte Schreibmaschine erstanden im Tausch gegen Lebensmittel, die wir ihm wiederum von Bayern geschickt haben. Meine Mutter, da hat er alles Mögliche aus Mannheim geschickt, was wir nicht kriegen konnten, meine Mutter hat ihm dann im Tausch dieses… eine uralte Reiseschreibmaschine, eine Mercedes. Die habe ich lange Zeit noch gehabt, die hat mein Sohn mitgenommen. Die hatte noch diese runden Porzellantasten, wo man sich die Fingernägel so kaputt gemacht hat. Aber auf der hat mein Mann getippt und geschrieben. Ich habe heute noch Briefe von ihm, die er damit geschrieben hat. Ja, das war also [19]48/49. Ich lebte inzwischen ein Jahr in Berlin. Meine Tante, die ausgebombt war, die hatte inzwischen wieder ihr Molkereiproduktengeschäft angefangen, und dann habe ich bei Mutter, bei meinen Eltern durchgesetzt, dass ich eben nach Berlin gehen konnte. Und da war ich bei meiner Tante, das war sehr lustig. Mein Cousin, der war fünf Jahre älter als ich, und dann kam noch ein anderer Cousin, der bei ihr Unterschlupf gefunden hat, und der hat schon eine Freundin gehabt… also wir waren immer so zwölf, fünfzehn Personen da, und für mich nach diesem Niederpöring war also Berliner Luft das Höchste. Dann kam noch eine Cousine aus Hamburg, die dort mitgewohnt hat, und wir sind zu den ersten Theateraufführungen dort, wir sind Tanzen gegangen. Also es war überhaupt… Aber tagsüber stramm gearbeitet, dann meine Tante die hatte so einen Behelfsladen, praktisch so eine Bretterbude, und da haben wir also zu sechst oder siebent drin gestanden, und das Geschäft boomte. Wir haben aus solchen Fässern, haben wir Quark verkauft. Abgewogen, die Leute kamen mit einer Schüssel oder mit einem Topf, und ich werde nie vergessen, das war ziemlich nah an der Sektorengrenze, und da hat man in Westgeld und in Ostgeld bezahlt. In Ostgeld war‘s sieben Mal so teuer, das weiß ich noch. Und da kriegte man die vielen Scheine und die flogen alle in einen Karton, und meine Tante, die hatte so eine große Lederreisetasche, da hat sie dann immer die Geldbündel rein, und wenn wir mit ihr zu Hause waren, dann wurde das Geld alles auf einen großen Tisch geschüttet und dann fingen wir an zu zählen. Das werde ich auch nie vergessen, diese Geldmengen, die wir da gezählt haben. Und mein Cousin, der hatte damals dann schon das erste Auto, so einen Holzvergaser, und das Auto wurde mit Holzgas betrieben, da war ein Ofen hinten auf der Ladefläche und er wurde mit Holz beheizt. Und wie das technisch vor sich ging weiß ich nicht, aber damit fuhr das Ding. Denn der musste ja die Ware ranschaffen. Der war dann am nächsten Morgen wieder früh unterwegs und wir standen dann wieder in der Bude. Ja, inzwischen war ich aber mit meinem Mann mehr oder weniger liiert, er war in Mannheim, ich in Berlin. Ich habe heute noch Briefe, wir haben uns täglich geschrieben. Ich bin jetzt dabei die Briefe zu vernichten, die müssen meine Kinder nicht unbedingt lesen [lacht]. MA: Okay, schade. HU: Ja. Und mein Mann hat verzweifelt versucht hier in Mannheim eine Wohnung zu finden, denn wir wollten ja gerne heiraten. Und da haben wir uns 1949, bin ich von Berlin nach Mannheim gekommen. MA: War das Ihre erste Begegnung in Mannheim? HU: Und da haben wir uns verlobt, nein, es war ja früher noch, man hat sich verlobt. MA: War das das erste Mal, dass Sie da in Mannheim überhaupt waren dann [19]49? HU: Bitte? MA: War das das erste Mal, dass Sie dann in Mannheim…? HU: Nein zuvor, da war ich noch nicht in Mannheim. MA: Ach so, Sie haben sich in Berlin dann verlobt? HU: Nein, wir haben uns in Niederpöring bei meinen Eltern getroffen, Weihnachten. Ja und dann, mein Mann hat ja jeden Tag das Wohnungsamt heimgesucht und hat dann eben gesagt, seine Verlobte ist schwanger und wir wollen heiraten und er braucht eine Wohnung. Und dann kriegte er eine Wohnung zugewiesen. Ein Leerzimmer, auch in Neuostheim, in der Dürerstraße. Ein Leerzimmer, und da bin ich nach Mannheim gekommen, mein Mann zog in das leere Zimmer, und ich habe zunächst mal sein möbliertes Zimmer übernommen, denn man durfte ja nicht zusammen wohnen. Und das ging noch so ein Vierteljahr, und dann haben wir in diesem Leerzimmer geheiratet. Und es wurde dann, war ja Winter, und dann haben wir festgestellt, dass es furchtbar roch dort immer, so vermodert, und da haben wir festgestellt da war der Schwamm in der Wohnung. Wir haben also den Schimmel regelrecht von der Wand abgekratzt. Und da ist mein Mann wieder beim Wohnungsamt vorstellig geworden, das geht nicht so, und meine Frau und das Kind. Kein Mensch hat nachgeprüft, ob ich schwanger war oder nicht und es hat dann noch fast sieben Jahre gedauert bis ich schwanger wurde [lacht]. Ich musste mich erst operieren lassen. Ja und jedenfalls kriegte mein Mann eine Wohnung in Neuhermesheim, eine Zwei-Zimmer-Wohnung, die hatte auch ihre Haken gehabt, aber wir hatten eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Wir hatten dann die Wohnung, da war nichts drin. Und da gab es hier in Mannheim eine Stelle, wissen Sie wo das Nationaltheater ist, da ist unten drunter ein Bunker gewesen und oben drauf war ein Tennisplatz. Und der Bunker nannte sich der Tennisplatzbunker. Und im Tennisplatzbunker, der stand voller Möbel. Und zwar die Amerikaner waren ja dann auch langsam abgezogen und in den ganzen beschlagnahmten Wohnungen, da war ja Mobiliar da, und wenn die Leute nicht da waren, da wurde das Mobiliar in den Bunker gebracht und dann erschienen Aufrufe, die Inhaber sollen sich melden, sich ihr Eigentum abholen und was nach einer gewissen Zeit nicht abgeholt war, das wurde an Ausgebombte und Flüchtlinge verteilt. Ja, nicht verteilt, verkauft. Und da weiß ich noch, da sind wir also dort gewesen und haben unser erstes Mobiliar dort zusammengekauft. Das einzig Neue, was mein Mann von seinen ersten Verdiensten angeschafft hat, das war eine Couch, eine Eck-Couch, und die konnte man so rumschwenken und dann war es praktisch ein Doppelbett. Die hat damals vierhundertfünfzig Reichsmark gekostet, das war ein Sündengeld. Aber das Ding hat sehr, sehr lange gelebt, und das sah über Eck natürlich toll aus. Ich habe dann also auch in der Verwandtschaft überall Stoffrest gekungelt und habe dann Kissen gemacht, und also es war dann sehr gemütlich. Ich habe da drin noch einen Tisch aus dem Tennisplatzbunker stehen. Ein Büffet steht auch noch im Keller. Also wie gesagt, wir kamen uns vor wie der King in unserer Zwei-Zimmer-Wohnung. Ja und das Geschäft hat mein Mann, ging dann am Anfang ganz gut, nur mein sehnlichster Wunsch war ja irgendwas zu machen. Ich hatte ja außer meinem Abi nichts in der Tasche, keine Ausbildung, kein Garnichts, und ich wollte ja gerne was machen. Aber ich habe dann eben für meinen Mann die ganze Büroarbeit gemacht, das war ja früher viel komplizierter als heute. Mein Mann hatte… wir hatten dann schon ein Telefon, allerdings ein Anschluss mit einer anderen Familie zusammen, und wenn sie gerade telefoniert haben, da lief nichts und umgekehrt eben auch. Und das haben wir auch nur bekommen, weil mein Mann eben ein Geschäft hatte. Und da hieß es immer, „Ja, du kannst gar nicht irgendwas machen, Du musst am Telefon bleiben, wenn ein Kunde anruft“. Ach Gott, es rief ganz selten einer an, aber ich habe eben diesen ganzen Kram da gemacht und habe mich in Neuhermesheim so unwohl gefühlt wie nur was. Neuhermesheim ist auch so eine Enklave. Wissen Sie, ist wie so ein Dorf für sich gewesen. Heute ja nicht mehr, aber damals. Alles so, die Leute, wie die Stuttgarter, Schaffe, spare, Häusle baue. Die haben alle ihre kleinen Häusel gehabt, so furchtbar kleinkariert. „Haben Sie schon gehört die Frau Meier? Ach und wissen Sie schon, die Frau Müller?“ Also es war furchtbar. Ich habe dort auch… und ich war den ganzen Tag mutterseelenallein. Mein Mann, der ist frühzeitig losgegangen, hatte ja kein Auto, gelaufen, entweder nach Neckarau über die Bahngleise weg zur Straßenbahn oder einen Kilometer auf die Dürerstraße. Ein Bus fuhr zwei Mal am Tag, also und wenn mein Mann abends da war, und ich weiß noch, wenn wir was unternehmen wollten, ah da wollten wir ins Kino gehen – wir haben ja jeden Groschen drei Mal umgedreht – da sind wir gelaufen, um das Bus Geld zu sparen. Und wenn wir ins Kino kamen – wie hieß denn das Kino, ich glaube Gloria –, wenn der billigste Platz für achtzig Pfennig ausverkauft war, dann sind wir wieder nach Hause gelaufen. Und Theater, Theater war in der Schaubühne, in einem ehemaligen Kino auf der Breiten Straße, das war ja für uns auch nicht bezahlbar, ein einziges Mal war ich dort mit meinem Mann im Theater. Ja wie gesagt, es war schlimm, ich habe ja nicht mal Geld gehabt, um in die Leihbücherei zu gehen. MA: Gab es eigentlich Hilfen noch speziell für Flüchtlinge, städtische oder staatliche oder ähnliches? HU: Ja, man konnte einen Antrag stellen auf Flüchtlingshilfe. Und dann mussten Sie Formulare ausfüllen ohne Ende. Und wissen Sie, was mein Mann zurückgelassen hat, nämlich seine Existenz, das zählte ja nicht. Sein Kapital waren seine Geschäftsverbindungen, seine Kunden. Was konnte er denn angeben? Er konnte angeben, dass er eine Büroeinrichtung hatte, dass er eine Schreibmaschine hatte, dass er das und jenes hatte, und das Ideelle, das zählte alles nicht. Mein Mann hatte das Geschäft in Breslau von seinem Vater in dritter Generation übernommen. Wie gesagt Hauptsache Kaffeeimporteure, Teeimporteure, Südfrüchte und so etwas. Sein Kundenstamm… und sein Vater ist dann eben gestorben 1938 und da hat er mit der Mutter das Geschäft weitergeführt bis er auch eingezogen wurde, Soldat war, und die Mutter das dann alleine gemacht hat mit den wenigen Kontingenten, die es noch gab. Man konnte ja gar nicht mehr Handel treiben in dem Sinne, sondern nur eine Verteilung, was man zugeteilt bekommen hatte. Ja also und das Geschäft in Mannheim ist eben nicht annähernd so gelaufen wie man an sich gedacht hat. Wir haben, am Anfang sind wir zu den Schlesierveranstaltungen gegangen. Es gab ja da einen großen Schlesierverein, die hielten alle auch sehr zusammen, und ich weiß, das war in einem Lokal in der Neckarstadt und wir kannten aber niemanden. Und irgendwie hat uns das nicht so gelegen. Es war ganz schön, wurden also schlesische Lieder gesungen und Kinder von den Flüchtlingen, die wurden in schlesische Trachten gesteckt und haben dort Volkstänze aufgeführt und so was. Und es war so viel, die Leute haben alle nur in der Vergangenheit gelebt und nur, „Wir müssen kämpfen gegen diese Ungerechtigkeit und die bösen Polen, die haben uns unsere Heimat weggenommen“, und so weiter. Und da haben wir uns von vorneherein gesagt, das geht so nicht. So war das nicht! Es waren nicht die bösen Polen, die uns die Heimat weggenommen haben, es war der Hitler durch seine Politik. Was der in Polen alles gemacht hat, und dass nach dem Krieg eben Polen leider unser Schlesien zugesprochen gekriegt hat. Und wir haben dann auch gesagt, wir sind jetzt in Mannheim, wir werden nie Mannheimer werden, aber wir müssen gucken, dass wir uns hier arrangieren und nicht nur rückwärtsgehen. Wir haben uns dann auch beizeiten für die Mannheimer Geschichte interessiert, und mein Mann fand das so wohltuend, dass er immer gesagt hat, „Du, die Mannheimer sind viel aufgeschlossener“. Und er hat dann gehört, Mannheim hat schon immer eine große Italiener-Kolonie gehabt, Mannheim hat viele Hugenotten aufgenommen früher. Man hört ja auch noch viele französische Namen. Mein Mann hat dann zwei Kunden gehabt, einen Chevalier in Neustadt und einen Bouvier, wo war denn der, ich glaube in Grünstadt. Ist ja auch egal, jedenfalls wussten wir, und mein Mann hat auch immer gesagt, im Gegensatz zu Niederbayern, wo alles so kleinkariert war, man ist hier großzügiger. Und deshalb haben wir uns auch… wir haben zwar keine, nicht allzu viel Kontakte gehabt hier mit Mannheim, gut mein Mann mit ein paar Kollegen und so weiter, aber wir haben uns hier relativ schnell ganz wohl gefühlt. MA: Haben Sie auch am Anfang Diskriminierungserfahrungen gemacht? HU: Ja. Doch, ja. MA: Also, dass Sie das Gefühl hatten, dass Sie diskriminiert wurden? HU: Ja, ja, das schon. Wenn man irgendwo, wie soll ich das sagen, ach Gott, Leute kennen gelernt hat. Ich bin dann, da gab es in Mannheim das Amerika-Haus, die eben auch Veranstaltungen gehabt hatten, und Gott, da bin ich auch das ein oder andere Fest. Es war oft am Samstag irgendwas, da war dann mein Mann zu Hause, der hat sowieso Schreibarbeiten gemacht und so weiter, und dann ist man mit Leuten ins Gespräch bekommen, und da habe ich oft so das Gefühl gehabt, „Naja, ein Flüchtling“. Und wenn man sich mit denen unterhalten hat, wissen Sie die haben ganz andere Interessen gehabt. Die haben wie wir sagen alles behalten und es gab da natürlich auch in der Presse, es gab Vorwürfe gegenseitig. Es war auch so viel unter den Mannheimern, unter den Einheimischen, so wie es heute bei vielen halt, „Ach, die Anderen, die Ausländer, die kriegen alles!“ So hieß es da, „Ach, die Flüchtlinge, die kriegen ja Lastenausgleich, die kriegen alles!“. Und kein Mensch hat hinterfragt wie es wirklich ist. „Und die Flüchtlinge, die kriegen ja Wohnungen. Unsere Leute sitzen zum Teil…“ Es war schon ganz, ganz schlimm. MA: Es gab ja auch viele Leute, die das verschwiegen haben… HU: Ja, natürlich. MA: …dass sie Flüchtlinge waren. HU: Das war es dann, dass man tunlichst überhaupt nicht gesagt hat, dass man Flüchtling ist. Um nicht immer in diese Ecke gestellt zu werden. Also ich jedenfalls ich habe da versucht so unauffällig wie möglich zu sein und bloß nicht als Flüchtling. Und das hat sogar später noch meine Kinder, meine Tochter, die dann gleich nach dem Abi ein freiwilliges soziales Jahr gemacht hat in den Mosbacher Johannesanstalten, „Wo kommst Du denn her?“ „Aus Mannheim.“ „Du sprichst ja gar nicht Mannheimerisch.“ Ja, da hat sie gesagt, „Ja, bei uns zu Hause wurde eben Hochdeutsch gesprochen“. Die hat nicht gesagt, meine Eltern kommen dort und dort her oder was, weil sie auch dort, eine Generationen später, noch gemerkt hat, dass den Flüchtlingen so etwas Asoziales anhaftet. Das war aber viel schmerzlicher in Mannheim. In Mannheim hieß es dann oft, „Warum seid Ihr denn fort gegangen?“ Und da ist natürlich auch Schuld, dass viele Leute geprahlt haben, was sie alles gehabt haben, und dann hieß es ja immer, „Ah, jeder Flüchtling hat ein Rittergut gehabt!“. Und es wurde immer alles über einen Kamm geschert, und ich weiß noch, also meine Mutter, die war allem gegenüber sehr sensibel, die hat furchtbar darunter gelitten. MA: Sind die dann in Bayern geblieben oder sind die dann auch nach Mannheim? HU: Bitte? MA: Ihre Eltern, sind die dann auch nach Mannheim gekommen oder wo sind die dann…? HU: Nein. Ich war dann schon in Mannheim, ich war schon verheiratet, wir haben immer gedacht, wir müssen mal gucken, wenn sich das hier entspannt, dass meine Eltern… Und dann wurde mein Vater sehr krank. Mein Vater hat dann Krebs gehabt, der erst sehr spät erkannt wurde, sie haben ihn fast ein Jahr lang auf Tuberkulose behandelt, und dann… wissen Sie, es gab ja damals kaum, das war dann 1953, mein Vater hat uns noch in Mannheim besucht, und ich, wenn es ging auch, und dann ist mein Vater gestorben. Und dann war meine Mutter da, und die wollte zunächst nicht weg. Die hat inzwischen dort doch im kleinen Rahmen doch ein bisschen einen Bekanntenkreis gehabt, andere Flüchtlinge, und dann ist 1954 unser erstes Kind geboren, [19]56, unser erstes Kind geboren worden, da bin ich mit dem Reinhardt das erste Mal mit ihm nach Bayern zu meiner Mutter, und sie wollte einfach nicht weg. Ja, und wir wohnten dann schon hier, unser drittes Kind war inzwischen da. Da ist hier gegenüber im Hausflur, an sich sind in jedem Stockwert zwei Drei-Zimmer und zwei Ein-Zimmer-Wohnungen, und ich habe die ganze Wohnung, also eine Wohnung mit drei und Ein-Zimmer-Wohnung, das haben wir damals so gemietet. Wie gesagt, ich wohne seit 1955 hier. Und da wurde eine Ein-Zimmer-Wohnung frei, die alte Dame ist gestorben, und da haben wir die Hand drauf gehalten für meine Mutter. Und da haben wir meine Mutter praktisch ein bisschen vergewaltigt, „Du kommst jetzt her“, ich habe gesagt, „Ich brauche Dich“ – das dritte Kind war inzwischen da – und da kam meine Mutter hierher und ich muss sagen, meine Mutter hat sich hier sehr schnell eingelebt und hat hier noch ein paar recht gute Jahre gehabt bis sie auch krank geworden ist. MA: Ich muss leider abschließen. HU: Ja, das ist praktisch die Geschichte… [Interviewende] |