AV0754 Zeitzeugeninterview mit Ruth Stöckel, geb. Spörle, 2014 (Audiovisuelle Sammlung)

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Title:Zeitzeugeninterview mit Ruth Stöckel, geb. Spörle
Ref. code:AV0754
Ref. code AP:AV0754
Originalmedium:nur digital vorhanden
Datumsbemerkung:17.01.2014
Creation date(s):2014
Rechte:Stadtarchiv Mannheim
Inhalt_AV:Dr. Susanne Schlösser führte am 17.01.2014 ein Zeitzeugeninterview mit Ruth Stöckel, geboren am 20.11.1918 in Frankfurt. Frau Stöckel berichtete über ihr Leben während des 2. Weltkrieges und der Nachkriegszeit sowie über ihre Zeit in Mannheim.
Bevor die Aufzeichnung der Audiodatei begann, erzählte Frau Stöckel Folgendes:
Eigentlich wollte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester am städtischen Klinikum machen. Sie hatte diese auch schon begonnen als ein Ariernachweis über ihre Abstammung verlangt wurde. Ihr Vater, der mit ihrer Mutter nicht verheiratet gewesen und kurz nach ihrer Geburt gestorben war, war Juden, was aber niemand wusste, da der spätere Ehemann ihrer Mutter Frau Stöckel adoptiert hatte. Deshalb setzte ihre Mutter alles daran, einen Ariernachweis zu umgehen. Die Ausbildung zur Krankenschwester konnte deshalb nicht fortgesetzt werden, deshalb wurde eine andere Beschäftigung gesucht. Auf diese Weise kam Frau Stöckel zur jüdischen Firma Eichtersheimer, wo sie 1937/38 eine Zeitlang arbeitete. In dieser Zeit hatte sie auch ein Zimmer in Mannheim. Frau Stöckel war im Tee-Großhandel der Firma tätig und erlebte dort das Novemberpogrom mit. Als sie morgens zur Arbeit kam waren alle Säcke aufgeschlitzt und die Einrichtung zerstört. Kurz darauf erschien der Ariseur, Herr Loubier und hat sich ziemlich aufgespielt, wie Frau Stöckel sagt. Mit der Arisierung der Firma endete auch ihre Beschäftigung dort. Danach ging sie nach Leipzig und machte dort eine Dolmetscherausbildung für Englisch.
Frau Dr. Schlösser: Was haben Sie im Krieg erlebt?
Frau Stöckel: Was war denn eigentlich im Krieg. Wieso kam ich überhaupt in das Gefängnis, warten Sie mal. Ach ja, wir wurden ausgebombt in Ludwigshafen, 1942 ist das möglich?
Frau Dr. Schlösser: Das ist möglich, 1942, 1943 waren die ersten Bombenangriffe in Ludwigshafen und Mannheim.
Frau Stöckel: Auch in Mannheim. Sie waren damals nicht in Mannheim?
Frau Dr. Schlösser: Nein, ich war damals noch nicht auf der Welt.
Frau Stöckel Sie waren damals noch nicht auf der Welt?
Frau Dr. Schlösser: Ich wurde 1956 geboren.
Frau Stöckel: In den Jahren, in denen alles bombardiert wurde, war auch Ludwigshafen dabei. Auch unser Haus in der Schillerstraße Ecke Friedenstraße wurde getroffen und durch Brandbomben vollständig zerstört. Damals war man noch besorgt um die Bewohner der zerstörten Häuser. Ein Lastwagen kam vorbei und die Leute erkundigten sich, ob wir bei jemand wohnen könnten oder in einem Lager untergebracht werden sollen. Mein Vater, eigentlich mein Adoptivvater, aber ich kannte keinen anderen, sagte, er hätte eine Schwester in Dahn in der Pfalz. Sie besäße eine Metzgerei und ein Haus, dort könnten wir hin. Die Leute haben umliegende Trümmer auf den Laster geladen und uns mitgenommen. Man brachte uns in die Nähe von Dahn. Tante Anna hat uns aufgenommen. Sie bereiteten den unbewohnten Dachboden vor. Dort war so wenig Platz, dass nur meine Eltern dort wohnen konnten. Dahn war ein Dorf, in der die Gemeinschaft einander half. Mein Bruder und ich wurden in einem Haus untergebracht, ich hatte ein eigenes Zimmer. Meine zehn Jahre jüngere Schwester kam in der Nachbarschaft unter. Zum Essen gingen wir in die Metzgerei, wo es auch in schlechten Zeiten immer etwas gab.
Einmal rutschte meine Mutter auf der Holztreppe des alten Fachwerkhauses der Metzgerei aus. Die Leute, die in der Metzgerei verkaufen, liefen immer über die Treppe nach oben, wo sich die Küche und das Wohnzimmer befanden, es war ein altes Haus. Dadurch verteilten sie Fett auf den Stufen. Meine Mutter fiel die ganze Treppe hinunter und verletzte sich am Kopf, sodass ins Krankenhaus musste.
Was tat ich zu dieser Zeit? Ich fragte auf dem Bürgermeisteramt nach Arbeit. Etwa ein halbes oder ein ganzes Jahr arbeitete ich in einer Schuhfabrik in Hauenstein als Angestellte. Danach war ich beim Bürgermeister untergebracht. Moment, das Englischlernen war vorher, sonst hätte ich nicht dolmetschen können.
Als meine Mutter im Krankenhaus lag, habe ich sie natürlich besucht. In der Zwischenzeit bombardierten die Kanadier [oder] die Engländer Deutschland aus der Luft. Einer ihrer Bomber wurde in Karlsruhe getroffen und stürzte auf einer Wiese bei Busenberg ab. Alle Soldaten bis auf einen, der ein Bein durch den Propeller verlor, starben. Einige Bauern, zum Teil gegen [die Feinde], kamen mit Heugabeln, andere mit Schubkarren und nahmen den lebenden Soldaten mit. Der Soldat hatte große Angst, die Propaganda in seinem Land besagte, dass man in deutscher Gefangenschaft vergiftet werden würde und deshalb nichts essen und dies und das nicht tun dürfe. Er kam in dasselbe Krankenhaus, in dem meine Mutter lag. Ich habe meine Mutter besucht, die Kranken bekamen damals auch Orangen zum Nachtisch. Meine Mutter sagte, sie äße die Orange nicht, ich solle sie mitnehmen. Ich hielt die Frucht in der Hand und schaute bei dem Amerikaner – es war ja keiner – bei dem Kanadier herein. Die Schwestern erzählten, er würde nichts essen und ich sollte mit ihm reden, weil meine Mutter ihnen erzählte hatte, dass ich Englisch spräche. Ich ging in sein Zimmer und er erzählte tatsächlich, man wolle ihn vergiften. Schließlich haben es die Schwestern doch geschafft ihm etwas zu essen zu geben. Ich sprach ein wenig mit ihm. Danach ging ich jedes Mal, wenn ich meine Mutter besucht habe auch zu ihm. Er lag alleine in einem Zimmer mit offener Türe. Als ich mit einer Orange vorbeilief, rief er „oranges, oranges“, ich bin dann zu ihm, habe gefragt, ob er die Frucht haben will und sie ihm geschält und geschenkt. Er freute sich sehr darüber. Dies waren die ersten Kontakte. Da hat mich jemand angezeigt, diese Person sah mich wohl herein und herausgehen. Die Schwestern, es waren Nonnen, haben mich zwar gedeckt, aber der Kontakt mit dem Kanadier hat sich scheinbar herumgesprochen. Später habe ich erfahren, dass ein Krankenhauspatient aus Hauenstein mich angezeigt hat. Eines Tages stand der Polizist, es gab nur einen im Dorf, vor der Tür, er wolle mich auf die Polizeiwache bringen, um etwas zu fragen. Ich, so leichtgläubig wie junge Leute sind, dachte, man bräuchte eine Übersetzung für einen Patienten oder jemand anderes und ging mit. Der Polizist brachte mich direkt nach Pirmasens ins Gefängnis. Dort war ich in Untersuchungshaft. Das hat sehr lange gedauert. Meine Mutter wurde aus dem Krankenhaus entlassen und hat sich furchtbar darüber aufgeregt. Sie hatte eine Platzwunde am Hinterkopf, später konnte sie nicht mehr riechen. Ich war also ins Gefängnis, dann kam die Gerichtsverhandlung, die irgendwie an mir vorbei ging. Ich weiß heute, wie es war, aber damals lief wie ein Film vor mir ab. Ich geriet nicht in Panik, warum weiß ich heute noch nicht. Mein damaliger Freund, ein Soldat, hat sich gemeldet und dort für mich gesprochen. Das hat nichts genutzt, wenn die einen mehr einsperren wollen, passiert es auch. Ich wurde zurück in das Gefängnis nach Pirmasens gebracht, dann wurde ich in Handschellen überführt nach - nicht Fulda, es fällt mir nachher wieder ein – also in die Nähe von Fulda. Das war kein Gefängnis, sondern ein Zuchthaus. Zuerst kam ich in das Massenlager, ursprünglich ein altes Kloster. Ich erinnere mich noch, dass in einem großen Raum mit düsteren Wänden überall auf dem Boden Strohsäcke lagen. Viele Frauen waren bereits dort, sodass sich am Ende immer zwei einen Strohsack teilen mussten, weil nicht mehr Platz vorhanden war. Es gab keine Toilette, sondern Blecheimer, nein es waren Behälter in denen man Öl verschickte, Tonnen.
Frau Dr. Schlösser: Ja, das ist möglich.
Frau Stöckel: Das waren die Eimer für die Toilette. Nachts sind die Frauen über dich gestiegen, um zu den Blechtonnen zu kommen. Die Toilettengänge waren deutlich zu hören. Danach stiegen sie wieder über dich, um zu ihrem Strohsack zu kommen. Damals hatten wir armselige Decken, ein großer Komfort war dort bestimmt nicht. Das war das Zuchthaus, neun Monate habe ich dort verbracht, wie ich später gelesen habe, im Zuchthaus Fritzlar.
Frau Dr. Schlösser: Fritzlar, ja das gibt es. Das ist ein Ort in der Nähe von Fulda.
Frau Stöckel: Später kam ich aus diesem furchtbaren Loch mit Strohsäcken heraus und wurde in eine Baracke verlegt. Dort waren zweistöckige Holzbetten mit Draht bespannt, keine Matratze. Da war ein armes Hascherl, ich habe mich immer stark gefühlt und habe das Ganze mit links ertragen, aber die Arme, die hat nachts immer furchtbar gefroren. Wir hatten ja nur eine Wolldecke. Da haben [wir] zu zweit in einem Bett auf dem Draht geschlafen. Vielleicht hatten wir auch noch eine zweite Decke unten, aber ich glaube nicht. Die Baracken waren auch sehr voll. Dort waren viele aus Holland deportierte untergebracht. Frauen, die im Wiederstand waren. Die Kleine kam aus Osterspai und erzählte mir von ihrer Familie. Ihr Vater sei Lehrer und ihre Mutter käme von einem Weingut in Osterspai – wie dumm von mir, ich hätte schon längst mal hinfahren können, wir haben keinen Kontakt mehr. Die Eltern hatten einen Franzosen als Hilfs…, wie nannte man solche Personen?
Frau Dr. Schlösser: Fremdarbeiter hießen sie damals.
Frau Stöckel: Und mit dem Franzosen hatte sie ein Liebesverhältnis angefangen, das nicht ohne Folgen blieb. Das Kind wurde weggenommen, der arme Kerl kam in die Sumpfgegend zum Arbeiten – weg war er – und sie ins Gefängnis. Oder auch ins Zuchthaus, wir waren ja beide im Zuchthaus, aber wir waren dann in solchen Hallen, nicht mehr in dem schlimmen Keller. Dort war eine ganz nette Lagerhalterin, die mich ins Herz geschlossen hatte. Ich weiß wie heute, sie hatte mir auf einem Blechteller Essen reingeschoben am Boden, wie sie es gemacht hatte, weiß ich heute nicht mehr, ich musste unten bleiben beim Essen, damit mich keiner sieht. Morgens war Apell, am Ende meiner Zeit durften wir in einer Munitionsfabrik arbeiten. Wir mussten irgendwelche Stöpsel hereindrücken. Morgens um 7 Uhr wurden wir auf dem Lager Hof abgezählt. Einige hatten eine Decke mit, die durften wir scheinbar vom Bett mitnehmen. Mit den übergehängten Decken warten bis zum Ende der Zählung. Danach wurden wir zur Fabrik gebracht, wo wir die Munition zählten, wie die Fabrik hieß, interessierte mich nicht, den Namen weiß ich heute nicht mehr. Bei dem Apell hat mir die Lagerhalterin Essen zugeschoben. Ich weiß nicht, wie sie heißt, das ist weg, verloren. Man verliert die Menschen.
Frau Dr. Schlösser: Das ist ja schon lange her, da ist es klar, dass man Manches vergisst.
Frau Stöckel: Man verliert sie, weg sind sie. Die Kleine aus Osterspai war total erledigt, ich verstehe das natürlich, man hat ihr das Kind weggenommen und das Elternhaus und dann musste sie ins Gefängnis. Die Alten haben das nicht verstanden, der Herr Lehrer nicht und die anderen, die etwas zu sagen hatten. Ich habe sie immer in den Arm genommen und ihr Trost zugesprochen und habe sie nie vergessen. Ich dachte immer, ich müsste mal nach Osterspai fahren, da hat man zu mir gesagt, die würde heute keiner mehr kennen. Das stimmt, aber ich hätte alte Menschen fragen können, ob sie sich an den Vorfall erinnern. Es muss doch finden gewesen sein. Vielleicht ist sie auch alt geworden. So alt wie ich ist sie kaum. Das berührt mich heute noch, dass ich nicht mehr helfen konnte.
Ich wurde früher entlassen, das Urteil lautete eigentlich 1 Jahr und so viele Jahre Ehrverlust, ich weiß es nicht mehr. Ich habe die Unterlagen aber alle noch aufgehoben. Später hat das ein Lehrer, ein gebildeter Mann, es neu aufgegriffen und auch über Juden und Leute, die nach Amerika ausgewandert sind in Dahn gesammelt. Er hieß Otmar, weiter weiß ich nicht.
Frau Dr. Schlösser: Das sagt mir jetzt auch nichts, aber es gibt in vielen Ort jemanden, der dies sammelt. [Anm.: wahrscheinlich handelt es sich um Otmar Weber, der den Arbeitskreis Arbeitskreis „Judentum im Wasgau“ leitet]
Frau Stöckel: Dieser Mann hatte alles gesammelt. Das hatte ich vergessen zu sagen. Anschließend war die Sache in Portieux. Dieser Mann sammelte die Unterlagen über Portieux. Das ist ein Sprung. Zu dieser Zeit war ich wieder zurück in Dahn. Zuerst waren die Franzosen dort und haben die Wohnungen durchsucht. Mir haben sie die Uhr von meinem Nachtisch und andere Sachen, wie einen Ring gestohlen. Sie haben morgens Hausdurchsuchungen gemacht und einfach alles mitgenommen. Da war ich zurück.
Frau Dr. Schlösser: Zu diesem Zeitpunkt waren sie wieder zurück aus dem Zuchthaus?
Frau Stöckel: Ja, da war ich aus dem Zuchthaus zurück.
Frau Dr. Schlösser: Sind sie zurück zu ihrer Mutter oder ihren Eltern gegangen?
Frau Stöckel: Meine Mutter hat sich natürlich aufgeregt, man hat ihr die schlimmsten Sachen über meinen Aufenthaltsort erzählt. Meine zehn Jahre jüngere Schwester lebte noch Zuhause und ging nach Landau zur Schule. Sie fuhr solange der Zug fuhr, immer hin und zurück. Am Schluss wurde auch Dahn teilweise bombardiert. Eigentlich waren es mehr Splittergeschosse von der Umgebung. Die Leute sind in den Wald gezogen, es war damals scheinbar auch warm. Ich glaube das war im Frühjahr, ich bin auch im Frühjahr entlassen worden. Da hat man mich mit dem Zug bis nach Ludwigshafen gebracht, dort hat mich mein Vater mich mit dem Fahrrad abgeholt. Wie wir mit dem Fahrrad bis nach Dahn gekommen sind, das weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall kam ich per Anhalter und ein Stück mit dem Zug bis nach Ludwigshafen. Ich war dort bei Freunden von meinem Vater, bei der Familie Exner. Die nahmen mich auf. Willi Exner war schon früher in der Ludwigshafener Gaststätte gut mit uns bekannt. Mein Vater hat mich nach Dahn gebracht. Zu dieser Zeit wohnten die Leute bereits im Wald. Sie bauten sich Laubhütten und haben das Bettzeug in den Wald gebracht. Damit sie die Wohnungen verlassen können, wenn die Franzosen kommen. Die Franzosen waren die ersten, die herüberkamen, da die Grenze nah war. Sie durchsuchten die Wohnungen und nahmen alles mit, was sie fanden, besonders Hitlerbilder, aber wir hatten keines. Dann kurze Zeit später wurden sie von den Amerikanern abgelöst. Sie besetzen das Bürgermeisteramt und suchten Leute zum Dolmetschen. Die Bürger brauchten Passierscheine, um mit ihrem Handkarren von Hinterweiden nach Dahn zu kommen.
Frau Dr. Schlösser: Ja, man konnte sich direkt nach dem Krieg nicht frei bewegen. Es war alles reglementiert.
Frau Stöckel: Jeder brauchte einen Zettel. Man rief mich zum Bürgermeisteramt, um zu dolmetschen. Dort bei den Amerikanern habe ich den Fehler meines Lebens gemacht. Die Amerikaner wurden später versetzt, ich kam sehr gut mit ihnen aus. Sie sind von Dahn nach Stuttgart gezogen.
Frau Dr. Schlösser: Dort wurde die Besatzungszone geändert.
Frau Stöckel: Ja, es sollten keine engen Kontakte [zwischen Besatzern und Deutschen] entstehen. Ich hatte die Chance mitzugehen, tat es aber nicht. Ich war froh, dass ich Zuhause war, erst aus dem Gefängnis heraus. Ein Zuhause war es noch nicht vollständig.
Frau Dr. Schlösser: Zumindest bei Ihrer Mutter in der Nähe, bei Ihren Eltern.
Frau Stöckel: Nach dem Dachgeschoss, es war inzwischen ein 1 Jahr her, konnten meine Eltern eine richtige Wohnung mieten. Sie lebten mit meiner Schwester Marianne in einer Dreizimmerwohnung. Dorthin zog ich, nachdem ich aus dem Gefängnis zurück war. Ich war froh wieder Zuhause zu sein und wollte nicht gleich wieder weg. Da sagen alle, ich hätte meine Chance verpasst.
Frau Dr. Schlösser: Das kann man nicht wissen.
Frau Stöckel: Das tut mir aber gar nicht leid. Wer weiß, wie sich das entwickelt hätte. Kaum war ich da, hat eine Gruppe der Dahner selbst, vielleicht die Katholiken - Dahn war sehr katholisch – eine Liste angelegt, wer ein Nazi war. Irgendein Vollidiot hat meinen Namen, den meines Vaters und den meiner Schwester mit Bleistift darunter geschrieben. Sie meinten, wir würden etwas verbergen, weil wir aus Ludwigshafen kamen. Wer weiß, was wir dort waren, bestimmt Mitglieder beim BDM oder sonst wo. Dass ich im Gefängnis war, haben wir geheim gehalten. So konnten wir nichts sagen. Eines Tages stand ein Bus am Bürgermeisteramt. Wir wurden zum Bürgermeisteramt gerufen und ich dachte, ich sollte wieder übersetzen. Das war ein Irrtum. Es hieß nur „Einsteigen“ sonst gab es keine Informationen. Ich sah im Bus viele schweigende Personen aus Dahn sitzen sogar den Dr. Bick. Dr. Bicks zehnjähriger Sohn schrie vor dem Bus die ganze Zeit „mein Papa, mein Papa“, da ließ man ihn aussteigen. Ich fragte mich was los war, aber es gab keinerlei Auskunft. Der Bus fuhr ab Richtung Straßburg. Dort hielt er an und wir blieben über Nacht. An den Namen der Unterkunft kann ich mich nicht mehr erinnern. Von dort fuhren wir in das Lager. Wie heißt das Lager?
Frau Dr. Schlösser: Ein Lager in den Vogesen?
Frau Stöckel: Ja.
Frau Dr. Schlösser: Das Lager Natzweiler-Struthof?
Frau Stöckel: Von Straßburg wurden wir in das Lager Natzweiler-Struthof gebracht. Dort wurden wir in den Zug in große Lieferwagen, nein Viehwaggons verteilt. Aus Dahn waren es ungefähr 20 Personen und wir, die wir gar nicht aus Dahn stammten. Keiner gab uns irgendwelche Informationen. Wir wurden nach Südfrankreich, Portieux gebracht. Dort waren wir in einem Internierungslager für Ausländer, die von den Franzosen aufgesammelt wurden, festgehalten, als ob wir Nazis wären. Meine Mutter lief von Pontius zu Pilatus in Pirmasens auf alle Ämter. Man sagte ihr, die Töchter würden zu Prostituierten gemacht. Meine Mutter wurde darüber fast verrückt. Sie ging zum Rechtsanwalt, brachte Unterlagen über meine jüdische Abstammung. Es interessierte keinen Menschen. Man sagte ihr, dass es würde dem Roten Kreuz gemeldet werden würde, dann käme jemand, um uns herausholen. Keine Spur, kein Mensch kümmerte sich darum. Jeder Mensch sorgt sich nur um sich selbst. Das war eine harte Zeit.
Frau Dr. Schlösser: Wie lange waren Sie dort?
Frau Stöckel: 9 Monate
Frau Dr. Schlösser: Auch noch einmal 9 Monate.
Frau Stöckel: Nicht ganz ein Jahr, aber es hat gereicht. Dann kam ich mit Krätze zwischen den Fingern Nachhause. Wenn ich erzähle, fällt mir immer stückchenweise etwas ein. Ich war erneut froh Zuhause zu sein, habe Salbe aufgetragen. Mein Soldatenfreund war auch dort. Ich wollte ihn heiraten und mit ihm weggehen. Die Sehnsucht Ruhe und Geborgenheit zu finden, jemanden zu haben, der einen versteht, das kann ein Außenstehender gar nicht nachvollziehen. Dann habe ich, welches Jahr war es denn?
Frau Dr. Schlösser: 1945 war der Krieg zu Ende, waren Sie direkt danach ein dreiviertel Jahr weg oder erst später?
Frau Stöckel: Kurz nach Kriegsende wurden wir weggebracht. Über diese Ereignisse sammelte der ehemalige Lehrer Unterlagen.
Frau Dr. Schlösser: Er hat sicherlich ein Buch über die Ereignisse geschrieben, in dem man noch einmal nachlesen kann, oder?
Frau Stöckel: Er schrieb nicht nur ein Buch, sondern machte auch eine Ausstellung in Dahn. Er sammelte alle Unterlagen, darunter auch meine.
Der Kanadier, der das Bein verloren hatte, studierte damals Medizin, wechselte aber zu Jura, da er mit einem Bein nicht als Arzt arbeiten konnte. Inzwischen war er mit einer Krankenschwester, die ihn damals in [seinem] Land gepflegte, verheiratet und wurde mit seiner Anwaltspraxis sehr bekannt. Er versuchte mich zu finden und fragte in Dahn die damals zuständigen Personen nach mir. Diese erzählten ihm, ich wäre nach Mainz gezogen und arbeitete als Krankenschwester. Er suchte weiter nach mir, konnte mich aber nicht finden, da ich keine Krankenschwester war, sondern bei dem Mainzer Wochenblatt war. Diese Zeitung gründete mein Mann damals, während ich anfangs bei der Firma Ellen Betrix in Frankfurt angestellt war. Ich war ein paar Jahre unterwegs und gab Schulungen in Hotels. Damals wurden die Produkte von Ellen Betrix nur an Drogerien und Parfümerien verkauft. Später auch in den Warenhäusern. Inzwischen sind die Produkte kaum mehr auf dem Markt, weil die Amerikaner oder andere den Markt überschwemmt haben. Ellen Betrix war eine gute deutsche Kosmetikfirma aus Frankfurt.
Frau Dr. Schlösser: Ja diese Firma ist mir auch ein Begriff.
Frau Stöckel: Man stellte mich in der Firma ein, weil ich gut reden konnte und eine gute Stimme hatte. Dort gab es für Verkäufer der Produkte Schulungen. Deshalb wurden die Fachkräfte aus den Drogerien und Parfümerien für drei Tage in das nächstgelegene Hotel geschickt. In den Hotels hielt ich vor ihnen Schulungen über Farbenlehre, führte Massagen vor und zeigte, wie sie die Produkte am besten zum Verkauf vorführen müssen. Dann fuhr ich in das nächste Hotel. In Stuttgart war ich im Hotel „Zeppelin“, so hieß es, glaube ich, in München im „Bayrischen Hof“ und in den großen Hotels anderer Städte. Das war schön und interessant. Während dieser Zeit war ich schon verheiratet und trotzdem unterwegs. Ich bin sozusagen ausgebrochen aus der ländlichen Gegend. Das war ein Lebensabschnitt. Ach so, auf den Reisen lernte [ich] meinen Mann kennen. Er hatte ein Faible für Zeitungen und wollte ein Wochenblatt gründen. Die Vorgehensweise lernte er in der Werbeschule in Frankfurt. In Mainz fand er einen passenden Ort und gründete das Mainzer Wochenblatt. Das war, glaube ich 1963. Er wollte, dass ich nicht mehr herumreise, sondern in das Wochenblatt einsteige. Ich hatte früher auch Buchhaltung gelernt, ich noch bei Eichtersheimers war. So ich wurde dort Geschäftsführerin. Die AZ – Allgemeine Zeitung Mainz, die ich heute lese, empfand das Mainzer Wochenblatt als Konkurrent, da wir mehr Kleinanzeigen als diese hatten. Denn die Anzeigen brachten das Geld und wir hatten seitenweise Kleinanzeigen. Unser Büro lag in der Gartenfeldstraße (?) in Mainz. Wir hatten drei Angestellte und eine Person, die den Vertrieb überwachte. Diese Person fuhr draußen herum, um zu prüfen, dass die Zeitungen auch verteilt wurden und nicht stattdessen in der Mülltonne landeten. Aber das war viel später. Habe ich nicht etwas vergessen?
Frau Dr. Schlösser: Wahrscheinlich habe Sie etwas vergessen, aber ich kann ihnen nicht sagen, was.
Frau Stöckel: Wo war ich?
Frau Dr. Schlösser: Sie erzählten, dass Sie in Südfrankreich waren und danach zurückkamen. Dann hatte ich verstanden, dass Sie den Freund, den Sie während des Krieges hatten, heirateten.
Frau Stöckel: Wir haben geheiratet und sind auf den Reinigshof gezogen, weil wir keine Wohnung hatten. Wir bekamen zur Hochzeit ein Schaf und ein paar Hühner geschenkt. Zusätzlich kaufte ich eine Kuh mit dem Geld, das man mir gegeben hatte. Mit diesem Bestand übernahmen wir als Städter einen Bauernhof. Mein damaliger Mann zog auf dem steinigen Boden mit der Kuh den Pflug. Wir haben gewerkelt und gearbeitet. Nach drei Jahren hatten wir Erfolg. Dann kamen Touristen. Der Hof lag im Wald und gehörte der Firma Rheinberger Schuhfabrik Pirmasens, damals eine führende Unternehmen, das es heute nicht mehr gibt. Der Rheinberger besaß eine Jagdhütte und einen Bauernhof, der ihn versorgen sollte, wenn er zur Jagd ging. Dieser Hof stand nach dem Krieg mit kaputten Ziegeln und Fenstern leer. Das Haus wurde wieder instandgesetzt. Wir, als junges Paar feierten dort unsere Hochzeit und übernahmen den Hof mit den geschenkten Tieren. Das Schaf Sen..(?) hieß er, ließ sich von den Leuten streicheln, wenn sie ihm aber dem Rücken zuwandten, nahm er die Hörner nach unten und versetzte jedem einen Stoß, dass er durch die Luft flog. Das Schaf war ein richtiger Kobold. Das war die Zeit auf dem Reinigshof, wir waren ein paar Jahre dort. Nein, ich wollte noch erzählen, wie die Touristen dazukamen. Wir hatten auf dem Hof Quark, Eier und selbstgebackenes Brot. Es gab dort ein Backhaus an unserem Haus. Ich habe das Brot selbstgebacken ohne es zu lernen, es hat einfach funktioniert. Eines Tages kamen Leute vorbei und fragten, ob sie hier etwas essen könnten. Ich habe ihnen Quark und Brot fast geschenkt. Sie gaben uns dafür ein paar Pfennige. Das hat sich natürlich alles nicht gelohnt, aber unser Hof wurde zu einem Ausflugsort. Es hat sich entwickelt, ich habe dann Omelett gebacken und Salat vorbereitet, meine Spezialität, oder ich habe Quark dazu gereicht. Das war das Essen. Die ganzen Pirmasenser kamen zu uns. Sonntags hatten wir immer viel zu tun. Aber wehe, es war ein verregneter Tag, dann blieben wir auf unseren Sachen, die wir teilweise gekauft, hatten sitzen. Wir konnten nicht so viel produzieren, wie gebraucht wurde. Später haben wir in Dahn haltbare Dinge eingekauft, damit wir bei Regen keinen Verlust machten. Wir sind aber trotz allem gerade so über die Runden gekommen. Einmal im Jahr bin ich zu Herrn Rheinberger nach Pirmasens gefahren, ein netter alter Herr. Er hat bei der Miete abgewunken. Ich habe die Miete auch nicht zusammengebracht, es waren, glaube ich 500 Mark im Jahr, wovon sollten wir das bezahlen, von Hosenknöpfen? Herr Rheinberger erließ mir oft die Miete. Das konnte aber nicht immer funktionieren, ich musste mir noch eine andere Arbeit suchen. In Dahn eröffnete ein Mann namens Döring, dessen Sohn ist heute im Fernsehen zu sehen, eine Drogerie. Vorher gab es keine in Dahn und suchte Personal. Ich habe halbtags dort gearbeitet. Mein Mann übernahm das Melken, ich ging morgens durch den Wald etwa eine halbe Stunde, um bis mittags in der Drogerie zu arbeiten. Dies war mein Nebenberuf. Das Leben mit Bauernhof und Drogerie war nur von kurzer Dauer, da ich mit meinem Bauernberuf unzufrieden war. Irgendwann fing ich mit dem Drogeriebesitzer ein Verhältnis an und beging damit Ehebruch. Natürlich wurde meine Ehe dadurch stark belastet.
[Unterbrechung durch den Anruf des jetzigen Ehemanns von Frau Stöckel]
Frau Stöckel: Jetzt habe ich das Telefon ausgeschaltet. Dann muss ich ihn noch einmal anrufen. Ich bin so im Eifer des Erzählens.
Frau Stöckel: Das war mein Mann, er ist 15 Jahre jünger als ich. Man könnte meinen, er wäre älter, wie er herumhumpelt. Er betreut mich, wenn er nicht auf Gran Canaria ist. Drei bis vier Monate im Jahr verbringt er dort. Er ist jetzt hier gewesen über Geburtstag, Weihnachten, Neujahr und fliegt am 22. [Januar] wieder zurück. Aber ich bin gerne alleine. Wenn er wegfliegt, ist es wie Urlaub für mich. Sind Sie auch verheiratet?
Frau Dr. Schlösser: Nein
Frau Stöckel: Dann sind Sie froh.
Frau Dr. Schlösser: Was mich interessieren würde, kannten Sie Ihren jüdischen Vater?
Frau Stöckel: Nein, ich besitze aber meine Geburtsurkunde und seine Unterlagen. (Das besitzt aber auch alles der Klaus.) Er wurde am 26.02.1883 geboren und liegt auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt. Ich wurde im November 1918 geboren, er starb im Frühjahr 1919. Da er vorher schon im Krankenhaus lag, sah er mich gar nicht. Meine Mutter erzählte mir, dass er von einer Beerdigung innerhalb seiner Familie kam. Die [Juden] durften zu diesem Ereignis doch keine [christlichen] Frauen mitbringen, oder?
Frau Dr. Schlösser: Zumindest war es nicht sehr beliebt.
Frau Stöckel: Es war nicht beliebt. Meine Mutter war also schwanger, er unterstützte sie, kam aber von der Beerdigung mit einer Lungenentzündung zurück. Er wurde ins Krankenhaus gebracht und sie blieb allein, bis sie im November das Kind zur Welt brachte. Ich besaß einen ganzen Berg Liebensbriefe, in den er auch über mich schrieb und was wir tun würden, wenn er wieder da wäre. Die Mäuse in Dahn haben leider die Briefe gefressen. Wir haben in Dahn nach der Zeit auf dem Bauernhof ein Haus gebaut. Wir konnten den Hof für 4000 Mark verkaufen, das war viel Geld damals. Das war der Grundstock, um uns ein Haus zu bauen. Die Schwiegermutter stellte uns ihren Garten zur Verfügung, dort haben wir dann unser Haus gebaut. Das Haus steht heute noch, ich habe es einer Familie mit zwei Kindern, der Mann ist auch Lehrer, verkauft. Sie renovierten das Haus, es ist wirklich schön geworden. Wir waren schon ein paar Mal dort, um es uns anzusehen. Ich zeige Ihnen ein Foto, Frau Gillich (?) machte das Foto, aber ich finde es nicht. Da braucht man Tage, um das alles durchzusehen. Dann müssten Sie hier Urlaub machen. Ich habe ein Bild von ihr vom Haus im Dahn.
Frau Dr. Schlösser: Auf jeden Fall hat ihre Mutter einen anderen Mann geheiratet.
Frau Stöckel: Da ist ein Foto von Dahn, aber ich meinte ein Bild, bei dem sie am Gartentor steht. Das hier ist eine Dahner Ansicht von Oktober 2011 (?). Da war auch das andere Foto dabei. In diesem Jahr sind sechs Angehörige, darunter auch meine Schwester gestorben.
Frau Dr. Schlösser: Ja, wenn man älter wird, häuft es sich.
Frau Stöckel: Ja, da häuft es sich. Ich finde das Bild nicht mehr, wenn ich es morgen finde und nicht brauche, [bekommen Sie es]. Ich dachte, es läge dabei, sie hatte es mir gerade noch geschenkt von ihrem letzten Aufenthalt in Dahn. Dort wohnte ich mit meinem Ehemann und arbeitete in die Drogerie. Das Eheleben war zwar gestört, aber unser Verhältnis zu einander war gut. Wir stritten nie auch nicht bei der Scheidung. Wir haben uns einvernehmlich getrennt. Das war diese Geschichte, was haben wir noch?
Frau Dr. Schlösser: Hat ihre Mutter danach jemand anderes geheiratet, der dann ihr Adoptivvater war, das war mir nicht ganz klar.
Frau Stöckel: Nein, nicht sofort. Am Anfang gab sie mich in Pflege, deshalb habe ich eine Abneigung gegen Frauen und komme nicht gut mit ihnen zurecht. Ich verstehe mich mit Männern besser. Man hat mir später erzählt, ich hätte immer geschrien, wenn mich eine Frau auf den Arm nehmen wollte. Der Rückschluss war, dass die Frau zu der mich meine Mutter in Pflege gegeben hatte, mich nicht gut behandelte. Als ein Bruder meiner Mutter aus Ludwigshafen erfuhr, dass sie mit einem Kind in Frankfurt sitzt und sich nicht Nachhause traut. Der Mann war ja gestorben und sie war alleine und musste das Kind in Pflege geben, damit sie arbeiten konnte. Wir hatten zwar Verwandte in Frankfurt, aber die schlugen ihr die Tür vor der Nase zu. Ich weiß nicht weshalb, vielleicht weil er Jude war. Eines Tages kam Onkel Jakob nach Frankfurt, ließ sie ihre Sachen packen und brachte sie Nachhause zu den Eltern in Ludwigshafen, meinen Großeltern. Dort wohnte sie bis einmal ein Koch vorbeikam, die Gaststätte übernahm und sie (Luise) heiratete. Das Kind, das sie in die Ehe mitbrachte, adoptierte er sofort. Seither war das mein Vater, ich wusste es nicht anders. Sie erzählte es mir erst später als ich älter wurde.
Frau Dr. Schlösser: Das heißt, es war eine große Überraschung für Sie, dass es im Dritten Reich für sie schwierig wurde?
Frau Stöckel: Ja, das war eine schlimme Überraschung. Ich wusste ja von nichts, als sie mir schonend beibrachten, dass er nicht mein Vater ist. Niemand sprach davor oder danach darüber. Als die Nazizeit kam, wäre es zu gefährlich gewesen, zu erzählen, dass ich eine Halbjüdin bin. Das hat jeder verschwiegen, wenn es möglich war.
Frau Dr. Schlösser: Also wusste keiner in der Nazizeit, dass sie Halbjüdin waren?
Frau Stöckel: Nein, es hat auch keiner Werbung dafür gemacht.
Frau Dr. Schlösser: Es wäre trotzdem möglich gewesen, dass die Nazis es trotzdem herausgefunden haben.
Frau Stöckel: Nein, es hat sich niemand dafür interessiert. Das war wie ein Deckname für mich.
Frau Dr. Schlösser: Dadurch, dass sie den [christlichen] Vater hatten, kontrollierte das niemand nach. Der Vater war also ein gewisser Schutz.
Frau Stöckel: Ja, das war ein Schutz.
Frau Dr. Schlösser: Sie hätten nur keine Ausbildung als Krankenschwester machen können, da man dort den [Stammbaum] offenlegen musste.
Frau Stöckel: Da war der Punkt. Mir erzählte man erst mit 18 Jahren davon. Es hat mich nicht weiter berührt. Was hinter mir liegt, ist sowieso vorbei.
Frau Dr. Schlösser: Wahrscheinlich ist das auch eine gesunde Lebenseinstellung, aber es interessiert mich einfach.
Frau Stöckel: Ja das verstehe ich. Wir sind zeitlich völlig durcheinander gekommen, von einem zum anderen.
Frau Dr. Schlösser: Das ist solchen Gesprächen immer der Fall.
Frau Stöckel: Ach, das ist immer so.
Frau Dr. Schlösser: Ja, keiner erzählt chronologisch. Man kommt einfach vom einen zum anderen.
Frau Stöckel: Von einem Stichwort rutscht man ins andere.
Frau Dr. Schlösser: Es hat mich interessiert, weil es für Sie ein richtiger Lebenseinschnitt gewesen sein muss.
Frau Stöckel: Alles was hier lief, waren Einschnitte. Bei der Krankenschwester, im städtischen Krankenhaus Mannheim war der erste Einschnitt. Da wurde mir klar, jetzt kommen die Schwierigkeiten. Ab sofort kamen sie auch in größeren Abständen. Zuerst die Sache mit Eichtersheimers, das hat mich aber nicht weiter berührt, man hatte mich ja versteckt und weitergeschleppt. Ich habe dann bei der Firma Röchling im Büro in Ludwigshafen gearbeitet, das war ein Unternehmen von Völklinger Stahl. Von dem Büro aus ging ich ins „Englische“ nach Leipzig. Jetzt weiß ich es wieder, so war die Reihenfolge. Nach Leipzig, was war denn da? Ich habe immer gearbeitet. Wie war das denn, als ich von Leipzig wegging?
Frau Dr. Schlösser: Sind Sie dann wieder nach Ludwigshafen.
Frau Stöckel: Ja da bin ich zurück, bis wir ausgebombt wurden. Dann gingen wir Dahn. In Dahn hatte man mir die Probleme angehängt und ich kam ins Gefängnis. So verging ein Jahr, ich hatte 1 Jahr Zuchthaus und drei Jahre Ehrverlust bekommen.
Frau Dr. Schlösser: Auch in Ihres Gefängnisaufenthalts hat niemand herausgefunden, dass sie einen jüdischen Vater hatten?
Frau Stöckel: Nein, das wollte niemand wissen.
Frau Dr. Schlösser: Das finde ich interessant, weil man das nicht vermutet.
Frau Stöckel: Niemand hat gefragt, wann man geboren wurde, was dazwischen war. Von meiner Geburt bis zur Adoption hätten ihnen fast drei Jahre gefehlt.
Frau Dr. Schlösser: Das ist wirklich interessant, weil man die Vorstellung hat, dass gerade dieser Punkt stark verfolgt wurde.
Frau Stöckel: Das verstehe ich, aber ich bin immer davon gekommen.
Frau Dr. Schlösser: Das Bild, was man in diesem Fall hat, stimmt also nicht.
Frau Stöckel: Ja das stimmt, es ist ganz anders. Ich bin eigentlich immer durchs Raster gefallen. Wenn in dieser Richtung etwas vorfiel, hat man mich Zuhause abgemeldet und in Mannheim angemeldet, dann war ich weg, irgendwohin ausgezogen. Das funktionierte reibungslos, es gab keine Nachforschungen, wenn ein junges Mädchen von Zuhause wegging.
Frau Dr. Schlösser: Von der Zeit bei Eichtersheimers besitzen Sie keine Fotos, oder?
Frau Stöckel: Ach, da brauche ich keine.
Frau Dr. Schlösser: Ich meine, Sie besitzen keine.
Frau Stöckel: Nein, ich besitze nichts von Eichtersheimers, ich war nur kurze Zeit dort und es war für mich nicht so intensiv, dass ich mich persönlich engagiert habe. Ich weiß es und es tat mir leid, dass alles so ausging, aber mich liegt das einfach in der Vergangenheit. Wenn man jung ist, geht man einfach zum nächsten [Punkt]. Wichtig im Leben ist der Wille, alles auszuhalten und zu wissen, es geht vorbei. Das Leben geht weiter. Ich hatte einfach Gottvertrauen, der liebe Gott wird es schon richten. Er wird mich auch beim Sterben nicht leiden lassen. Die meisten Menschen haben Angst vor dem Ende, weil es oft mit Schmerzen verbunden ist. Aber ich denke mir, er hat mich durch so viele Tiefen im Leben geführt und ich bin zuversichtlich, dass es immer weiter geht. Wissen Sie, was ich jeden Morgen tue? Wenn ich aus dem Badezimmer komme, reiße ich die [Balkon]tür auf und sage „danke lieber Gott, dass ich hier stehen kann, selbst mein Frühstück machen und mich selbst versorgen kann“. Das ist das allerwichtigste. Die meisten Menschen bitten immer nur und wollen etwas. Ich sage nur danke, dass es mir so gut geht.
Frau Dr. Schlösser: Ich denke, in Ihrer Generation, die so viele schwierige Sachen erlebt hat, prägt so etwas. Ich habe das bei meinem Vater auch immer ein wenig festgestellt. Er war etwa so alt wie Sie.
Frau Stöckel: Leben Ihre Eltern noch?
Frau Dr. Schlösser: Nein, beide sind schon gestorben.
Frau Stöckel: Beide schon gestorben.
Frau Dr. Schlösser: Ja, mein Vater erblindete im Krieg, war aber auch so positiv eingestellt. Er ist am Schluss ganz friedlich eingeschlafen und hatte losgelassen.
Frau Stöckel: Man weiß es doch, es ist ganz normal [der Tod]. Wenn die Leute sich so gegen alles Ungemach sträuben, was im Leben so auf sie zukommt. Und immer jammern „warum gerade mir“, „warum gerade ich“, da könnte ich gerade sagen
Frau Dr. Schlösser: Warum gerade ich nicht!
ENDE DES GESPRÄCHS
Playing time:0:57:51
Ton:nur
 

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Accessibility:Öffentlich
 

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