| Inhalt_AV: | Maria Alexopoulou [i. F. MA]: Heute ist der 17. November 2012. Wir befinden uns in der Wohnung der Familie Berhe im Steingarten 5 in Mannheim Neckarstadt-Ost. Mein Name ist Maria Alexopoulou und ich interviewe im Rahmen des Oral History Projekts „Alle Wege führen nach Mannheim“ Herrn Berhanu Berhe. Herr Berhe, sind Sie damit einverstanden, dass dieses Interview aufgenommen wird? Berhanu Berhe [i. F. BB]: Ja. MA: Vorab habe ich ein paar statistische Fragen an Sie. Wie lange leben Sie insgesamt in Mannheim? BB: Mit Unterbrechung seit [19]76 bis 2012, aber dazwischen von [19]95 bis 2001 war ich in Äthiopien sechs Jahre als Entwicklungshelfer. Und dann kam ich wieder nach Mannheim zu meiner Arbeitsstelle, wo ich als Bildungsreferent gearbeitet habe bei der Evangelischen Akademie Baden. Und dann nochmal habe ich mich beworben ins Ausland zu gehen, glücklicherweise hat es wieder geklappt, und da war ich dann fast acht Jahre wiederum als Entwicklungshelfer in Äthiopien tätig gewesen. Jetzt seit Juli dieses Jahres bin ich wieder zu meiner Heimat Mannheim zurückgekehrt [lacht]. MA: Und [19]76 sind Sie da, also waren Sie noch woanders in Deutschland vorher oder…? Sind Sie direkt nach Mannheim? BB: Nein. Ich war damals als Student gekommen und dann war meine erste Station Saarbrücken, das war ein Empfangszentrum für Stipendiaten. Und dann habe ich sämtliche Sprachkurse in verschiedenen Goethe-Instituten gemacht und dann bin ich für Ingenieurwesen-Studium nach Mannheim geschickt worden. Aber Mannheim habe ich selber nicht gekannt. MA: Was ist Ihre Staatsbürgerschaft, bzw. Ihr jetziger Status? BB: Ich bin jetzt Deutscher. MA: Seit wann? BB: Seit 1991. MA: Und Ihr Beruf, haben Sie ja schon gesagt, Bildungsreferent, Entwicklungshelfer. BB: Ja, ich habe… ja, ich bin Diplompädagoge, ich habe Sozialpädagogik erst hier in Mannheim studiert, dann habe ich an der Uni Frankfurt Erziehungswissenschaft studiert. Also ich bin Diplompädagoge. MA: Schön. Dann lassen Sie uns noch weiter in die Vergangenheit zurückgehen. Da würde ich Sie bitten ein bisschen biografisch von Ihnen erzählen, also wo und wann Sie geboren sind, dass Sie etwas über Ihren Geburtsort, Ihre Familie, Geschwister, über den Hintergrund Ihrer Eltern, also dass Sie so ein bisschen erzählen. BB: Gut. Ich bin [19]46, September, geboren und das war in einem ganz, ganz kleinen Dorf in Äthiopien, Gorgora heißt dieses Dorf. Und dann habe ich dort eine Grundschule besucht und dann habe ich meine Sekundärschule fünfundsechzig Kilometer entfernt in einem Ort Gondar besucht, dort habe ich dann mein High-School, das ist so zwölfte Klasse, abgeschlossen. Und dann die weitere erzähle ich nachher. Meine Familie in diesem Dorf Gorgora, die Familie die war also ganz, ganz unterste Schicht, aber mein Vater war bei der Armee, der war einfacher Soldat gewesen und glücklicherweise gab es Schule in diesem Dorf. Und dann hat unser Vater gesagt, „Gut, diese Gelegenheit hatte ich nicht gehabt, aber Ihr habt diese Möglichkeit zum Militär zu gehen, das und jenes zu machen, nein, geht Ihr einfach in die Schule“. Das war wirklich unser Glück. Bis achte Klasse habe ich mit meinen Geschwister dann in Gorgora Schule besucht… MA: Wie viele Geschwister waren Sie? BB: Wir sind zu sechst. Und dann nach dieser achten Klasse sind wir dann nach Gondar für High-School, wie gesagt, dort High-School beendet. Wiederum haben wir für diese vier Jahre High-School Stipendium von dem Staat bekommen. Sonst wären wir nicht in der Lage auch diese Schule zu besuchen, wir könnten so was nicht leisten. Wäre ich dann in meinem Dorf geblieben. Aber wegen diese Stipendium von Staat hatten wir dann zwölfte Klasse beenden können. Und dann, ja gut, interessanterweise vielleicht hat dann auch mit meinem Vater zu tun, dass ich so Kontakt mit Militär über meinen Vater informiert und irgendwie in irgendeiner Weise statt in die Uni zu gehen – ich habe sehr gut abgeschlossen, da habe ich für Hochschule gute Noten gehabt –, statt in die Uni zu gehen nach Addis Abeba – das ist die Hauptstadt, damals die einzige wo man studieren könnte, fast siebenhundert Kilometer entfernt von meinem Dorf. Und dann was mache ich? Aufgrund einer sehr attraktiven Bewerbung von einer Militärakademie bin ich dann zu dieser Militärakademie gegangen. Das war übrigens eine sehr, sehr gut organisierte auf höchstem Niveau, damals war der Kaiser Haile Selassie, der König von Äthiopien, das war sozusagen ein Prestigeobjekt gewesen. MA: War das dann auch in Addis Abeba, in der Hauptstadt? BB: Nein, das ist dreihundertvierzig Kilometer entfernt, Südost des Landes, Harar heißt die Stadt, eine wunderschöne alte Stadt, da habe ich dann drei Jahre lang diese Militärakademie besucht. MA: Was war so Ihr Berufsziel? BB: Diese Akademie war eigentlich, wenn ich mal sagen darf, vom damaligen Kaiser Haile Selassie nach Vorbild dieser indischen national-defence Akademie, Sunhurst in England und Westpoint in den USA orientiert. Das war eigentlich die Richtung. Natürlich armes Land wie Äthiopien es ist kein Vergleich, aber vom Curriculum her, von Niveau her, wie wir ausgebildet waren, das war schon auf der höchsten Ebene. Und dann in zwei Richtungen, sowohl Militärausbildung als auch akademische. Und die akademische Ausbildung war auf Uni-Level, die Militär war auch wie gesagt auf sehr, auf dem höchsten Niveau gewesen. Nach Beendigung dieser Ausbildung wiederum Glück gehabt, weder zum Kriegsgebiet geschickt, stattdessen weil ich in die akademische Bereich, ja sage ich mal, gut war, sage ich einfach, wurde ich dann als Theorielehrer in eine Berufsschule in der Nähe von Addis Abeba tätig. Und diese Berufsschule war ein Entwicklungsprojekt von Deutschland. Ethio-German Technical School heißt das. Ich war Theorielehrer, mit Handarbeit, mit Ingenieur eigentlich nichts zu tun, aber Mathe, Physik, solche Fächer konnte ich dann für erstjährige Auszubildende unterrichten. Ja gut und dann habe ich meinen Job gut gemacht. Irgendwann, wir hatten zwei Direktoren, einen deutschen Direktor und einen äthiopischen Direktor, die haben gesagt, „Berhanu, Du hast hier drei Jahre gearbeitet, jetzt gibt es die Möglichkeit für weitere Studien, für höhere Studien nach Deutschland. Du musst aber Aufnahmeprüfung machen“. Dann habe ich mich vorbereitet und dann kam diese Prüfung von der deutschen Botschaft in Addis, und da habe ich die Prüfung bestanden und dann war diese Stipendium von Carl-Duisberg-Gesellschaft. Und habe ich Stipendium von Carl-Duisberg-Gesellschaft bekommen mit Abkommen zwischen Äthiopien und Deutschland. Dann bin ich, das war 1974, Oktober, nach Deutschland gekommen, direkt nach Saarbrücken zu diesem Empfangszentrum. Und seitdem ging dann mein Leben in Deutschland. MA: Und haben Sie da zur Vorbereitung zur Prüfung dann auch schon Deutsch gelernt? BB: Nein. Deutsch habe ich erst hier, ja. Ich hatte zwar deutsche Kollegen und ihre Familien in dieser Berufsschule. Wir hatten Direktor und Auszubildende, nein Ausbilder, Entschuldigung, die waren Deutsche, aber wir haben nur Englisch gesprochen. Von daher kein Deutsch gekonnt. MA: Und hatten Sie schon vorher vor ins Ausland zu gehen oder war das etwas, was Ihnen einfach so begegnet ist...? BB: Doch, doch. MA: …oder hatten Sie das schon? BB: Jaja, doch, schon in dieser High-School. Ich habe interessanterweise, ja, ein großes Interesse gehabt – ja woher ich das hatte, ich weiß auch nicht mehr – ich wollte nach England zur School of Economics, das war mein Traum. School of Economics wollte ich. Aber wie gesagt, dann bin ich bei diesem Militär gelandet. MA: Wie kamen Sie eigentlich dahin, also hatten Sie da eigentlich vor so eine militärische Karriere einzuschlagen? BB: Zwei Sachen: Einmal weil mein Vater Soldat war. Aber entscheidend war meine ökonomische Situation von der Familie. Siebenhundert Kilometer entfernt von zu Hause nach Addis. Als wir dort kamen es gab mal Studentenwohnheim, Taschengeld, so habe ich erwartet gehabt. Und dann plötzlich ist, es gibt kein Studentenwohnheim, man kriegt nur so Geld, ganz wenig, man soll dann mit diesem Geld sowohl Wohnung, Lebensunterhalt und, und abdecken. Da habe ich gesagt, „Verdammt nochmal jetzt diese High-School in Gondar war so schwierig…“. Wir hatten nur fünfzehn Birr, das ist fast, ne weniger als ein Euro, damit mussten wir vier Jahre lang in der High-School. MA: Am Tag dann oder…? BB: Nein, Monat! Ja gut, die Geschichte ist vor vierzig, fünfzig Jahren, aber trotzdem es war nicht so viel. MA: Also Sie haben dann dort auch gewohnt, gell? BB: Jaja, dort… MA: Hatten Sie, war das wie so ein…? BB: Mein Bruder war da an anderer Schule aus meinem Dorf. Wir haben schon damals, was Ihr hier jetzt Wohngemeinschaft nennt, haben wir schon aus Armut heraus, haben wir zu viert, zu fünft in einem kleinen Tukul gelebt mit fünfzehn Birr. MA: Als Junge, als Jungs dann? BB: Jungs, ja. MA: Ohne Erwachsene dann oder gab es da noch irgendjemand…? BB: Nein, nein. Wir haben dann immer eine Frau für fünf Birr – das ist nur ein paar Cent im heutigen Kurs – eingestellt. Sie hat für uns dann dieses äthiopische Essen gemacht. Dann haben wir diese vier Jahre beendet und dann wollte ich unbedingt in die Uni, aber dann in die Uni weder Wohnheim noch mit diesem Geld, das war wahrscheinlich vierzig Birr, das sind fast zwei Euro, für alles. Und dann, wie ich vorhin gesagt habe, diese Werbung von dieser Akademie war übrigens, die kamen mit ihre wunderschöne Bilder und Filme wie man in dieser Akademie Sport treibt, wie diese Wohnung aussieht, wirklich für uns war eine Weltklasse, heute noch. Da haben wir gesagt, „Okay, warum soll ich vier Jahre in diese Uni, und gehe ich einfach zu dieser Militärakademie“. Und dann kriegt man erstes Jahr sehr gutes Taschengeld, zweites Jahr, drittes Jahr. MA: Und da kann man wahrscheinlich auch dort wohnen und alles. BB: Ja und ich hab sogar Familie unterstützt und das war prima. MA: Und Ihre Geschwister, welche Ausbildungen haben…? BB: Mein Bruder, der ältere Bruder, der ist dann Lehrer geworden. Meine erste Schwester, die ältere Schwester, sie hat Handelslehre in High-School gemacht. Die andere Schwester sie hat auch im Bereich Secretarial Science nach zwölfter Klasse beide haben weiter Ausbildung gemacht. Und der Kleine, der Jüngste, übrigens der lebt jetzt in Amerika, der hat im IT-Bereich ziemlich sich hochgearbeitet. Jetzt ist er in Atlanta. Aber zurzeit ist er übrigens in Afrika. Der arbeitet für die Regierung der USA. MA: Und Ihre Geschwister, leben die dann noch in der Herkunftsregion oder haben Sie da noch…? BB: Ja, die sind noch in Äthiopien, die anderen. Nur der jüngste Bruder ist in Amerika, in den USA. Und dann nach dieser Ausbildung, wie gesagt, bin ich als Theorielehrer geschickt und dann der Weg nach Deutschland und Mannheim. Ohne diese Berufsschule wäre ich mit Sicherheit nicht nach Deutschland gekommen, ich habe keinen Bezug. MA: Das wäre nämlich meine nächste Frage, hatten Sie da irgendeinen Bezug oder andersrum vielleicht gefragt, was für eine Vorstellung hatten Sie dann? Ich meine, Sie waren ja jetzt in dieser, in diesem Projekt, von Deutschland haben Sie ja gehört. Was für eine Vorstellung hatten Sie dann so von Deutschland, was waren so Ihre Bilder von Deutschland? BB: Ja gut, allgemeines Wissen, allgemeine Information über Europa durch meine Militärakademie, in der High-School bisschen schon. Aber konkret über Deutschland habe ich dann über meine Kollegen in dieser Berufsschule einiges mitbekommen. Und dann war ich super, super glücklich mit diesem Stipendium nach Deutschland zu bekommen, und da… MA: Das heißt Sie hatten dann schon ein positives Bild von…? BB: Positiv, für höhere Bildung und dann bin ich gern gekommen, ja. MA: Können Sie vielleicht so ein paar Beispiele sagen wie Sie es sich dann vorgestellt haben, wie es hier ist und was Sie hier erwartet. Oder vielleicht auch andersrum gefragt, was waren so Ihre Pläne dann für hier auch? BB: Das ist interessante Frage. Wenn ich mit der heutigen Situation vergleiche, was ich schon ursprünglich hatte, eigentlich nach dem Studium so schnell wie möglich nach Hause. Mit diese Knowhow, der Erfahrung was ich gewonnen habe wirklich schnell nach Äthiopien. Das war auch unter anderem, warum ich nach so viele Jahre Aufenthalt wieder den Weg nach Äthiopien gesucht habe als Entwicklungshelfer oder in irgendeiner Weise, weil das sitzt ganz tief bei mir – heute noch übrigens – für das Land irgendwas zu machen, mitzuwirken, weil da fehlen heute noch so viel und es besteht Bedarf von Technologie, von Knowhow, da muss noch viel gemacht werden. Das habe ich immer im Kopf und damals schon. MA: Also auch damals? BB: Ja, schon damals. Deutschland, so schnell wie möglich… Erstens, übrigens Äthiopien das war auch ein Phänomen. Viele die nach Amerika, Europa gingen, USA, Amerika, London, Berlin, Paris viele schon gebildet, in den sechziger Jahren sogar viele nahmen ihr Diplom und PhD nicht in die Hand selbst. Die haben sich so beeilt, nach der Prüfung sind alle zurückgekehrt. Soweit waren wir damals, dieses Interesse nach Hause zurückzukehren, damals war unter Kaiser Haile Selassie einigermaßen das Land ruhig, eine Feudalstruktur, aber die Motivation zurückzukehren, dort mitzuwirken war vorhanden. Und dann warum ich dann geblieben bin hier, mit diesem Traum zurückzukehren ging nicht, weil gleich [19]74, als ich herkam, wurde der Kaiser gestürzt und dann hat dieses Militärregime angefangen. Und dann dieses Militärregime, das war [19]78 bekam ich einen Brief, dass ich nach Äthiopien zurück muss – das ist der interessanteste Teil meiner Geschichte –, weil ich mein Fach von Ingenieurwesen zu Sozialwesen gewechselt habe mit dem Einverständnis der Carl-Duisberg-Gesellschaft. Ich habe zwei Semester dann hier an der Fachhochschule Sozialwesen studiert, gute Note und sehr gute Gutachten von meinem Professor habe ich vorgelegt bei der äthiopischen Botschaft in Bonn. Carl-Duisberg-Gesellschaft schrieb auch einen ganz ausführlichen Brief nach Äthiopien zu der äthiopischen Regierung, „Der Berhanu macht seine Studien gut. Es ist doch besser, dass Sie ihn lassen als Sozialarbeiter, Sozialpädagoge ausgebildet wird, dann kann er doch sein Land auch ein bisschen dienen oder helfen“. Aber die Regeln bei einer Militärregierung war, weil ich auch von Hintergrund militärische Ausbildung hatte, die haben gesagt, in vier Wochen muss ich schnell nach Hause. Da habe ich gesagt, „Nein!“. Erstens das war auch ein, wie sagt man, turning point, das war für mich total meine Einstellung zum Militär Pazifist, nie mehr mit Uniform, nie mehr zum Krieg, das hat auch mit meine Aufenthalt hier in Deutschland zu tun, meine Studien, das Leben in Deutschland war ich sehr aktiv übrigens als Student in der evangelische Studentengemeinde, habe ich viel mit Nord-Süd auseinander gesetzt, ich habe mit Gruppe, die sich mit Südafrika damals, Lateinamerika mit der Befreiungsfront solidarisch und, und, von daher war der Berhanu völlig anders geworden – mit Militär nicht. Und dann die Tragik dabei war, [19]78 dann Carl-Duisberg-Gesellschaft schmiss mich von dem Programm raus. „Wenn Deine Regierung nicht damit einverstanden ist, Berhanu, es tut uns sehr leid. Unser Abkommen war mit der Regierung, Du musst zurück“. Da habe ich gesagt, „Das kann doch nicht wahr sein, Ihr habt mich hierher geholt, was mache ich denn jetzt?“ Nicht nur das, mein Pass ist dann abgelaufen. Die äthiopische Regierung wollte nicht verlängern. Jetzt weder gültiger Pass noch Stipendium, [19]78. Das war sehr, sehr schwierig. Seitdem dann bis ich Antrag auf Asyl gestellt habe, das war 1980, aber ich erzähle noch, ich muss jedes Semester zu Ordnungsamt gehen, dann habe ich ein Zettelchen bekommen, ich muss immer dann meine Leistung vorlegen, und da wurde immer dann verlängert mein Aufenthalt zwecks Studium. MA: Pro Semester dann? BB: Ja, pro Semester. Das war unheimlich hart. Weil ich nicht Antrag auf Asyl stellen wollte aus zweierlei Grund. Einmal wenn ich Antrag stelle, darf ich nicht studieren, damals war nicht so Studium als Asylbewerber, geht nicht, das wollte ich nicht. Zum anderen ich habe gedacht, ich mache dieses Studium irgendwie fertig und dann gehe ich nach Äthiopien oder irgendwo nach Afrika. Wenn ich hier Asylantrag stelle und dann, ich habe gedacht, ich gehe einfach verloren, das mache ich nicht. MA: In den Mühlen der Justiz. BB: Da habe ich gedacht, nein, mache ich nicht. Und da war aber kritisch. Ordnungsamt auf der einen Seite, zum anderen wenn ich Antrag stelle mein Studium ist gefährdet. Aber wie ich vorhin gesagt habe mit dem Studentenpfarrer von der evangelischen Studentengemeinde, ich war sehr aktiv dort, ich habe ihm mal erzählt, „Ja, ich will fertig machen mein Studium und Ordnungsamt sagt, ich soll entweder Antrag stellen oder abhauen“. Und dann hat er gesagt, „Ja gut, schauen wir mal nach der Möglichkeit wo so irgendwie scholarship, Stipendium geben kann“. Aber ein Semester lang, da muss ich doch meine Miete bezahlen, mein Lebens… MA: Wovon? BB: Ja, das war dann kritisch und dann habe ich ein Semester in der Fabrik gearbeitet. MA: Hier in Mannheim? BB: In Mannheim, ja. MA: Wo? BB: Das war in diesem Motorenwerk. MA: Ah hier in der Neckarstadt? BB: Jaja, wusste ich auch nicht und dann bin ich einfach mal hin als Student, Studentenjob, und dann musste ich irgendwelche Stange saubermachen und, und, und dann habe ich ein Semester lang so ein bisschen von meinen Ersparnissen und das war hart. Stellen Sie mal vor, eine hochrangiger Offizier, der privilegiert war, zum Studium gekommen, das war für mich… Da haben ich gesagt, „Nein, mach das Berhanu, nicht abbrechen!“ MA: Ich habe aber noch, bevor Sie weitererzählen, bevor ich es vergesse: Wie kam es eigentlich, dass Sie dann von der Ingenieurwissenschaft auf das Sozialwesen gekommen sind? BB: Ja, das war, ich habe, wie gesagt ich kann das auch heute sagen, ich war fleißig und mit Theorie kein Problem. Aber dann, als ich mit diesem technische Zeichnen, praktische Arbeit anfing ich habe wirklich festgestellt, dass ich nie guter Ingenieur werden kann. Und dann habe ich eben mein Humor und im Spaß immer gesagt, „Alle Maschine, was Du baust funktioniert nie, die brechen zusammen. Du bist überhaupt nicht geeignet“. Das war so. Aber ich weiß, vielleicht mit ein oder zwei Semester mehr und ich bin total überzeugt, dass ich Diplom-Ingenieur werden könnte. Nein, das hat mir keinen Spaß gemacht. Das war eine gute Entscheidung. Da sind bei mir im Leben die Episoden, Entscheidungen… MA: Und wie kamen Sie auf dieses Sozialpädagogische? BB: Und dann war in dieser Carl-Duisberg-Gesellschaft eine Frau Höller in Stuttgart, ich war dort, da habe ich alles erzählt, „Was mache ich denn jetzt?“. „Du Berhanu, wir kennen Dich von Anfang an, Deine Sprachkurse, alles, alles ist ja prima. Wenn es Dir keinen Spaß macht Dein Stipendium geht weiter, wir gucken mal nach Sozialwesen in Mannheim.“ MA: Okay, das war praktisch dann die Idee dieser Frau sozusagen? BB: Ja, weil ich hier war. Ich wollte auch in Richtung humanistisch irgendwas studieren. Und dann haben wir gemerkt, dass doch in Mannheim Sozialwesen gibt, dann habe ich gedacht, gut, Sozialpädagogik, eigentlich das ja in Ordnung. Wenn ich fertig werde ich kann nach Äthiopien, ja. Und dann wie gesagt, die erste zwei Semester waren prima, sehr gut meine Klausur und die Scheine gemacht für Ordnungsamt und dann auch für äthiopische Botschaft. Und mein Stipendiengeber, die waren superglücklich, aber die Regierung bestand darauf, ich soll zurück. Ich habe gesagt, „Nein!“. MA: Und wie kam diese Verbindung dann mit der evangelischen Gemeinde zustande? BB: Das war als Student, ich habe ich im Studentenwohnheim in der Gaußstraße, das ist in der Schwetzinger Vorstadt, gewohnt und da habe ich dann Kontakt mit den Studenten und dann habe ich diesen Pfarrer auch kennengelernt. MA: Das war so durch diese persönlichen Verbindungen dann? BB: Nur persönliche Verbindungen, ja. MA: Und hat es dann letztlich geklappt mit einem Stipendium so für die letzten Jahre Ihres Studiums? BB: Und dann haben wir Antrag bei Diakonischem Werk gestellt und dann bekam ich Stipendium. Alle Vorlagen, Unterlagen waren okay, dann dieser Studentenpfarrer hat mich auch so, der war mein Fürsprecher. Und dann es gab damals diesen Flüchtlingsfond extra eingerichtete Mittel für Flüchtlinge aus Vietnam, Chile, wie ich aus Afrika, und dann habe ich Stipendium bekommen. Und dann heiß es, „Du musst nicht Antrag stellen, aber wenn Du Antrag stellen musst, von unserer Seite her wir fördern Dich dann weiter, Du brauchst keine Angst zu haben. Es sei denn Ordnungsamt ist dagegen“. Aber solange meine Stipendium von irgendwo kommt, solange Stadt Mannheim nichts zahlt, haben die gesagt, „Okay“. Und dann hieß pro zwei Semester bekam ich dann diese Duldungsschein. Antrag habe ich nicht gestellt, ich wollte einfach, wie gesagt, fertig machen und weggehen. Aber irgendwann, ich war Mitte der Diplomarbeit, Ordnungsamt sagte, ich glaube ich war in der sechste oder siebte Semester, „Also Herr Berhe, das können wir nicht mehr. Bis ewig mit Schein! Entweder stellen Sie jetzt Antrag oder bitte gehen Sie weg!“. MA: Wie war das Klima so im Ordnungsamt sag ich mal? BB: Oh das war…! Ja, weil ich studiert habe, weil ich Stipendium habe eigentlich war okay. Die ersten zwei, drei Jahren ich habe mein Praktikum gemacht, das war alles okay. Und dann war ich kurz vor Diplomarbeit und Abschlussprüfung, Ordnungsamt plötzlich sagt, „Entweder stellen Sie jetzt Antrag oder gehen Sie“. Ich habe gesagt, „Ja, ich mache mein Studium fertig. Geld kriegte ich nicht von Stadt Mannheim“, aber der war denen irgendwie, „Nein, es geht nicht“. Dann habe ich Antrag gestellt, aber bei mir war eindeutig anerkannt zu werden als Asylbewerber, weil in dieser Militärgeschichte… habe ich übrigens selber formuliert. Ich habe dann ein bisschen die Sprachkenntnisse, ich habe auch keinen Rechtsanwalt, ich habe auch weder Geld noch… habe ich ein Fünf-Seiten Antrag geschrieben und es war auch bei mir eindeutig. Ich kann einfach nicht zurückkehren. Quasi ich war Deserteur, ist eine Todesstrafe. Das war per Brief ein Befehl und habe ich verweigert. Und dann habe ich das geschildert, es hat nicht lang gedauert. Ich wurde dann als Flüchtling anerkannt und dann bekam ich diesen berühmten blauen Pass, den Flüchtlingspass. Inzwischen gibt es nicht mehr. Sogar hat an die linke Ecke dieser Pass zwei Streifen. Jemand hat mir gesagt, früher haben die Säufer so einen Pass gehabt, Säufer-Pass bekommen [lacht]. Auf jeden Fall mit diesem Pass und dann mein Studium ist fertig, sehr gut Note abgeschlossen. Jetzt geht wieder die nächste Episode, „Was mache ich denn jetzt?“ Nach Äthiopien geht nicht, weil diese Militärregierung ist immer noch an der Macht. Nach Afrika, nach Kenia habe ich für halbes Jahr Job gekriegt, aber Äthiopien und Kenia haben Abkommen, dass Kenia darf nicht Flüchtlinge aufnehmen. Es wurde abgelehnt und dann ein Jahr lang ich bin [19]82 fertig mit Studium, ich musste dann von Studentenwohnheim raus. Aber inzwischen habe ich viele Freunde gefunden und dann bin ich bei zwei guten Freunden als dritte Person in der WG. Das war auch wieder eine total veränderte Situation, zu dritt. Und dann habe ich bei der evangelischen Akademie in Baden eine Stelle bekommen, weil ich im siebten Semester Praktikum dort gemacht habe, habe ich dann so einen Pluspunkt, Bonus gehabt. Und dann ich habe kandidiert, das war ein hartes Auswahlverfahren, aber ich würde heute sagen, das war eindeutig, weil ich Praktikum gemacht habe und die Arbeit gekannt habe und die zuständige Leute haben auch für mich entschieden. Dann habe ich die Stelle 1983 bekommen, das war eine sehr gute privilegierte Stelle als Jugendbildungsreferent in der Nietzschestr. hier in Mannheim. Und dann habe ich insgesamt fünfzehn Jahre gearbeitet, ja, aber dazwischen [19]95-2001 war ich in Äthiopien als Entwicklungshelfer. Aber diese sechs Jahre lang das ist wieder Glückssache. Ja gut, ich kann auch nicht immer von Glück sagen, aber ich schaffe auch, das ist nicht geschenkt, das kann ich auch laut sagen. Und dann war ich… Aber in dem Fall das war eine dankbare Geschichte, dass die Landeskirche Baden mich sechs Jahre lang beurlaubt hat. So was gibt es nicht oft. Und dann durfte ich mit evangelischem Entwicklungsdienst nach Äthiopien. Das war wieder zur eigenen Kultur, zu eigenem Land. MA: Also war das dann das erste Mal, dass Sie dann auch wieder zurückgegangen sind? BB: Ich war und dann [19]91 war diese Militärregierung, das war interessant. Und dann, nein, das muss ich auch erzählen, dann mit diesem Flüchtlingspass das war schwierig. Zum Beispiel einmal in die Türkei Studienreise zu machen, das war zur letzten Minute kriege ich Visum oder nicht? Anderes Mal nach Moskau zu einer Studienreise, weil ich Flüchtlingspass habe. Einmal in London war ich mal zu Besuch, ich wurde am Heathrow Airport angehalten, drei Stunden lang. Und dann [19]86 war ich in Amerika bei meinem Bruder, mit diesem Flüchtlingspass. Am Airport wieder drei Stunden. Da habe ich gesagt, „Berhanu, Du bist Äthiopier, das bleibt so, aber wegen Papiergeschichte stellst Du einfach Antrag auf Einbürgerung, das ist nicht mehr auszuhalten mit diesem Flüchtlingspass“. Und da habe ich [19]91 endlich, im Februar 91, Antrag auf Einbürgerung gestellt und im Mai ist die Militärregierung gestürzt. Aber mit diesem deutschen Pass wiederum durfte ich dort gleich [19]91 nach Äthiopien. Ich wollte unbedingt meine Mutter sehen, nach siebzehn Jahren für erste Mal überhaupt. Und dann dieser deutsche Pass war auch möglich. MA: War es einfach ihn zu bekommen, oder wie…? BB: Nein, bei mir ging schnell, weil ich habe hier studiert, sogar ich musste auch keinen Sprachkurs machen, ich habe mein Diplom eingereicht und ich habe… MA: Das wurde ja erst später… BB: Später, und dann habe ich auch feste Stelle und dann meine Hintergrundgeschichte war auch klar. Und dann war ich als Flüchtling schon anerkannt, also die Kriterien waren schon positiv, waren schon gut, es hat nicht lang gedauert, die Einbürgerung. Und dann, wie gesagt, mit diesem deutschen Pass sogar nach Äthiopien als Entwicklungshelfer, weil bei diesem evangelischen Entwicklungsdienst muss man deutsche Staatsangehörigkeit haben, als Entwicklungshelfer als Fachkraft vermittelt zu werden. MA: Und war das dann auch damals also auch schon [19]91, wo Sie wieder reisen konnten, war dann auch wieder so der Gedanke, schon damals, „Wie schaffe ich es jetzt wieder irgendwie nach Äthiopien?“ oder wie war Ihr weiterer Plan? BB: Ja. Und dann war es auch interessant, es war auch dann ein Punkt wo ich dann, „Okay, ich habe deutsche Pass“ – übrigens ich musste die äthiopische Staatsangehörigkeit verlieren, es geht nicht beides – das war jetzt kritisch. „Ich habe diesen deutschen Pass, machst Du mal, was Du kannst mit diesem Papier. Einmal Du bist besser gesichert, zum anderen finanziell es ist auch okay, Du hast jetzt feste Stelle. Am besten jetzt, dass Du irgendeine Jobmöglichkeit, Arbeitsmöglichkeit kuckst, wo Du dann diese Staatsangehörigkeit behalten kannst, aber finanziell auch gesichert bist“. Dann habe ich hier in Deutschland an alle Entwicklungshilfeorganisationen dann geklopft und dann mit diese evangelische Entwicklungsdienst damals ging es da zum Dienst nach Übersee, jetzt heißt EED, evangelische Entwicklungsdienst. Ich habe mich beworben, aber war ich [19]91/92, wie gesagt, in Äthiopien, einmal habe ich ziemlich längeren Urlaub genommen, drei Monate habe ich dann so eine kleine Studie gemacht für mich selbst, wo gibt die Möglichkeit in Äthiopien zu arbeiten. Bisschen recherchiert und dann habe ich eine Frau, die mit eigener Kraft ein Waisenheim gegründet hat, die hat mich fasziniert, Abebech Gobena heißt die Frau. Und dann ich habe die Frau angesprochen, „Ich habe Sozialpädagogik studiert, ich kann hier Ihre Einrichtung ein bisschen beim Aufbau unterstützen“. Dann sie war ein bisschen skeptisch am Anfang und dann habe ich, wie gesagt, mich bei EED beworben und hat dann diese Frau aus Äthiopien bei EED angefragt. „Ich habe Berhanu Berhe kennengelernt, der das und jenes gemacht hat und der will gerne zu mir kommen, ich hätte gerne so eine Fachkraft“. Und dann hat es geklappt. MA: Und Sie dann praktisch…? BB: Dann bin ich ausgereist, ja. MA: …zu diesem Waisenhaus dann tatsächlich auch gekommen? BB: Ja. Und dann es gibt noch eine interessante Geschichte in meinem Leben, [19]93 war ich dann in Äthiopien wieder im Urlaub, dann habe ich eine Frau kennen gelernt, die ich dann 1994 heiratete. MA: Das wollte ich auch fragen… BB: Die Mutter von Ruth und Abel, und dann ist sie [19]94 hergekommen und dann wir waren bis Anfang [19]95 zusammen in Mannheim, und [19]95 Februar sind wir beide ausgereist. Ruth ist in Addis geboren und dann der Abel, der ist 2000 geboren, aber zum Geburt weil die Mutter ging ihr nicht so gut, als sie schwanger war und dann sind wir schnell nach Mannheim gekommen. Der Abel ist hier in Mannheim geboren. MA: Hatten Sie Ihre Wohnung hier behalten, hatten Sie hier noch so ein…? BB: Nein, nein. Wir haben [19]95 alles aufgelöst. Und dann sind wir nach Äthiopien als Entwicklungshelfer mit meiner Frau, Ruth ist dort geboren. Dann es gab so viele Probleme, Ruth war hier auch mal im Kindergarten und dann erste Klasse. Ich habe ja gesagt 2001 bis 2003 war ich wieder in Mannheim, zu meiner alten Arbeitsstelle. In dieser Zeit Ruth Kindergarten, sie sollte auch hier eingeschult werden, aber mit der Mutter, also meine Frau, es hat überhaupt nicht geklappt, hin und her, und dann ist sie dann mit der Tochter erst mal nach Äthiopien, ich war alleine hier. Es war, es gab so viele auf und ab, es war nicht so einfach gewesen. Dann haben wir irgendwie geschafft, drei Jahre irgendwie hier bis 2003, und dann wiederum ich wollte nochmal nach Äthiopien, es hat keinen Sinn. Meine Arbeit, wie gesagt, war gut, Geld hat gestimmt, aber ich wollte nochmal. Das war auch mein Motto gewesen, „Berhanu, bevor Du richtig alt und pensioniert wirst, versuchst Du mal nochmal nach Äthiopien, um dort ein bisschen was zu machen“. Dann habe ich, wie gesagt, meine Studien ein bisschen verbessert durch dieses Erziehungswissenschaft-Studium. MA: Ach das haben Sie dann da…? BB: Ja, während der Arbeit, während der Arbeit hatte ich als Aufbaustudium sozusagen im Bereich Erwachsenenbildung gemacht und ja. Dann… MA: Also dann 2000, als Sie dann wieder hier waren, in der Zeit? BB: Nein, vorher schon. Sogar vor meine erste Reise habe ich schon abgeschlossen mein zweites Studium. Gependelt Mannheim-Frankfurt, es war hart. Es hat fast drei Jahre gedauert. MA: Und dann auch gearbeitet parallel? BB: Gearbeitet, ja. Und dann für das zweite Mal einmal mit der Ehe war schwierig, ich wollte auch mit den Kindern zusammen sein, „Am besten versuchst Du nochmal“. Dann wiederum das war geklappt, weil ich habe jetzt sechs Jahre Erfahrung, aber dieses Mal habe ich andere Stelle in Addis, das musste ich auch selbst organisieren. Wenn man das System kennt und das Ganze, ja? Dann habe ich auch meine ersten sechs Jahre Aufenthalt war auch okay gewesen, sehr gute Arbeit gemacht, und dann beim zweiten Mal habe ich dann für die evangelische Kirche in Äthiopien als Berater im Bereich capacity building, das heißt so Training für Projekt-Leute wie man Projekte entwickelt, implementiert, evaluiert, Impact Assessment, Konflikt Management solche Sachen. Um die Leute zu befähigen, weil das ist mit diesem englischen Wort „capacity building“. Das habe ich sechs Jahre gemacht, dankensweise, weil mein Alter langsam vierundsechzig und fünfundsechzig hingeht, hat dann EED gesagt, „Berhanu, Ende September 2011 wirst Du fünfundsechzig, von unserer Seite her und wenn Dein Arbeitgeber oder die Organisation in Addis damit einverstanden ist, wir können noch ein Jahr verlängern bis Dein Rentenalter“. Das war eine gute Sache. Das Timing war so perfekt. Fünfundsechzig im September geworden und mein Vertrag ging auch September zu Ende. Und dann wollte ich nicht zurückkommen. MA: Nicht zurückkommen nach Deutschland? BB: Nein. Wir haben Haus gebaut, es war schön, es ist ein Luxus mit so genügend Geld. MA: In Addis Abeba dann? BB: Addis, ja, voll integriert und die zwei Kinder, die gehen in die deutsche Schule, überhaupt eine der besten im Land, übrigens genau wie hier, so richtige deutsche Schule. Deshalb jetzt wir haben kein Problem. Meine Tochter ist gleich jetzt in die elfte Klasse Gymnasium, Liselotte-Gymnasium, der Junge ist in IGMH, also die haben deutsche Schule besucht. Ja gut, meine Rente reicht auch für Äthiopien, ich muss nur hierher pendeln ab und zu mal, aber dann hieß plötzlich, vor allem meine Tochter, „Papa, ich will mein Abitur in Deutschland machen“. Da habe ich gesagt… MA: Hatte sie überhaupt eine Vorstellung oder eine Erinnerung an Deutschland? BB: Jaja, wir kamen fast jeden Sommer hierher, dann… MA: Zu Freunden und so. BB: Ja, und dann die deutsche Schule, die sind mit Deutschen zusammen. Diplomatenkinder, Entwicklungshelferkinder, alle nach zehnter Klasse kommen nach Hause nach Deutschland. Das war auch unter anderem, wo meine Tochter auch diese Motivation hat. MA: Das heißt Sie sind jetzt wegen Ihrer Kinder, weil Ihre Kinder oder Ihre Tochter nach Deutschland will, sind Sie dann…? BB: Wirklich, wirklich, ja. Ganz ehrlich, ja. Das war… Ja gut, dann mussten wir alles aufgeben, alles verkaufen, was wegschmeißen, Haus vermieten. MA: Also mit Ihrer Frau waren Sie dann auch nicht mehr zusammen auch in Äthiopien nicht? BB: Nein, nicht mehr zusammen. Nein. Und dann habe ich gesagt, alleine mit zwei Kindern, Deutschland kenne ich so gut, was das alles bedeutet, ich packe das nicht. Ich bin auch nicht der jüngste Vater, bitte. „Nein, wir wollen gehen“. Der Junge, der wollte nicht. Lieber bei Mutter in Addis, aber die Tochter wollte, wenn, dann wir alle. Und dann war ich letzten April extra für drei Wochen hier gekommen, die Schule zu organisieren, Wohnung zu organisieren. Dann habe ich diese Wohnung bekommen mit Gartenstadtgenossenschaft, ich bin Mitglied geworden, anders ging nicht. Über Immobilien das war auch immer. Da habe ich auch gedacht, wir haben in Addis so gelebt, es ist kein Vergleich wie dort mit Haushelferin, mit Guard, mit Verwandten, ist kein Vergleich. Und ja, „Wenn ich sagen darf, ich habe das auch verdient, warum soll ich jetzt nochmal nach Deutschland? Ihr habt es hier schön, bitte!“ „Nein!“. Aber sie hat auch gute Argumente gehabt, meine Tochter. Weil Deutschland, sie ist ja für Deutschland prädestiniert, die hat nur deutschen Pass, vom Studium her, auch für den Jungen auch wenn er Ausbildung machen will, die haben ja diese Möglichkeit in Deutschland, besser als in Äthiopien. Und die wollen dann zu recht Deutschland erst mal von innen, von außen richtig kennenlernen. Sie ist, sie hat so Ambitionen, meine Tochter. Sie hat schon Vorstellungen, sie weiß, was sie will und dann in der Schule in Addis gab es auch so was ein paar Fächer angeht nicht so richtig, dann hat sie gesagt, „Bitte, Papa, gehen wir“. MA: Weiß sie auch schon was sie studieren möchte? BB: Ja sie weiß schon, sie will jetzt, ich weiß es nicht, vielleicht bleibt sie dabei. Sie will Jura und in Bereich Menschenrechte, das will sie machen, ja. Sie kann Deutsch ist Muttersprache, Englisch sehr gut, Französisch, jetzt hat sie Spanisch angefangen, sie ist gut. Der Junge, der will auch wahrscheinlich Berufsausbildung machen. Übrigens warum habe ich weder Kaffee noch Tee? MA: Macht nichts. Wir sind hier konzentriert bei der Arbeit. BB: Soll ich Kaffee machen? MA: Nein, nein, nein, nein. Nein lassen Sie uns erst mal fertig machen. Wir sind so schön jetzt drin. BB: Gut. MA: Interessante Geschichte, wirklich, und wie Sie auch am Anfang sagten, es lässt sich nicht in irgendein Schema pressen, weil es sind so die… BB: Das ist bei mir, aber Sie müssen dann finden, es ist eine wahre Geschichte, Sie müssen dann kucken. Aber Migrant bin ich, es gibt keinen anderen Begriff, nur die Bewegung. MA: Aber das sind sehr künstliche Einteilungen oftmals. Es sind eher die Regime, durch die Menschen, durch denen ihnen erlaubt wird so sich zu bewegen von einem Ort zum anderen, weil alles was zum Beispiel unter dem Wort „Gastarbeiter“ erfasst wurde, da waren auch ganz viele verschiedene Motive dahinter. Oder alle, alle Bezeichnungen, von daher… BB: Und dann auch nach der Rente. Viele sehe ich auch hier in Mannheim, die sind hier geblieben, die haben auch Gründe. Kinder, Enkel sind hier und finanziell, die sind mehr oder weniger gesichert, die haben Häuser gebaut und gesundheitlich die Versorgung ist sehr gut hier und die haben das auch verdient. Fünfzig, sechzig Jahre lang bis auf die Knochen geschafft, warum dann in so einem Dorf – jetzt mal ungeschützt sage ich – dann sage ich, „Ja, ich bin viel, viel hier geschützt“. Andere weiß ich auch, die so ein bisschen noch die Kraft haben, „Ich baue in einem Land was auf, geschäftlich oder so“. Die gehen, aber die pendeln. Wie ich, zwecks Studium konnte ich nicht, ich habe hier gearbeitet, normal, und dann die Familie zum Schluss bei mir eine Rolle gespielt hat nochmal hier zu landen. Aber jetzt zur nächsten Frage, „Was machst Du dann, wenn Ruth in die Uni geht, achtzehn wird, wenn der Junge Berufsausbildung macht und dann sein Brot selbst verdient? Was macht dann der Berhanu?“ Deshalb habe ich jetzt einen Plan. Mein Plan heißt zwei, vier, sieben. Zwei heißt: Ruth wird in zwei Jahren fertig. Es kann sein, sie geht raus vom Haus. Ich bleibe dann mit Abel, vier Jahre bis er dann zehnte Klasse abschließt. Ich bringe ihn in irgendein betreutes Jugendheim, Wohnheim und dann gehe ich nach Äthiopien. Oder ich bleibe dann sieben Jahre bis er dann mit Berufsschule fertig ist. Deshalb zwei, vier, sieben. Aber ich will gerne meine letzte – ich weiß es nicht wie lange noch – wirklich in Äthiopien sein, weil ich habe auch übrigens in Äthiopien Projekt aufgebaut mit eigener Kraft mit anderen Freunden am Ort, ein community project, sehr gut, und ja, habe ich auch da irgendwas zu tun, und es ist auch für mich einfacher. Ich kann nach Deutschland kommen wann ich will, aber ich kann dort ein bisschen was machen. Ich habe auch in den letzten fast acht Jahren, mein letzter Aufenthalt habe ich auch mein Sozialbindungen und nochmal aufgebaut, leider ist jetzt wieder abgebrochen. Ganz ehrlich gesagt, was will ich denn hier alleine? Aber wiederum – ich weiß es nicht – aber theoretisch… MA: Man weiß ja nie, was sich jetzt wieder ergibt. BB: Wie bei mir passiert ist, es ist, ja? Aber zumindest ich bin ein Mensch der immer plant, manchmal irgendwie klappt, manchmal ist auch blöd immer zu planen. MA: Einen gewissen Plan hat man ja mehr oder weniger immer, ob der dann auch geht, das ist dann das nächste. Jetzt auch angesichts so dieser ganzen Geschichte, gab es irgendwann einen Punkt wo Sie bereut haben überhaupt diesen Schritt gemacht zu haben nach Deutschland gekommen zu sein damals schon als…? BB: Nein, eigentlich nicht. Das ist auch eine sehr interessante und spannende Geschichte, trotz alledem. Ich habe auch viele Konfrontationen aufgrund meines Anderseins. Beim Wohnungssuchen oder… obwohl meistens habe ich auch Glück, sage ich mal. Ich habe wirklich so viele unverzichtbare Freunde gewonnen in Mannheim, die ich sehr hoch einschätze. Es war für mich eine sehr gute Sache, dass ich Deutschland kennengelernt habt und dann über diese Möglichkeiten habe ich auch ein bisschen Stück von der Welt, wenn ich mal sagen darf, von Europa. Und mit diesem deutschen Pass im Grund ist ja auch die Welt offener geworden für mich. Heute ich kann gleich mein Ticket holen und nach Amerika fliegen. Aber mit Flüchtlingspass, als Äthiopier, no way! Also das sind die… Und dann beruflich wirklich war ich erfolgreich, habe ich nach dem Studium – außer dieses eine Jahr – ansonsten habe ich tolle Job, sehr gute Kollegen und Kolleginnen gehabt, gut gearbeitet, so viele Menschen kennengelernt. Das ist übrigens für mich immer das wichtigste, Menschen kennenzulernen, mit Menschen zusammen zu arbeiten. Das ist übrigens meine Lebensphilosophie, mit Menschen. Und das ist mir gelungen. Habe ich auch Glück. Also bedauern, nein, ganz im Gegenteil. Aber es gab zwischendurch mal Probleme, aber… MA: Vielleicht direkt dazu, weil dazu habe ich natürlich auch eine Frage, was Sie jetzt schon angedeutet haben, ob es halt so Situationen, oder welche Situationen das waren, wo Sie sich dann auch diskriminiert fühlten, weil Sie eben Migrant sind, also aus dem Grund. Und wie Sie das vielleicht auch so im Laufe der Jahre, ob sich da was verändert hat oder wie Sie das so einschätzen? BB: Ich glaube das ist nicht nur bei mir, aber, ja gut ich bin ja von Beruf her von meiner Arbeitserfahrung her kann ich das ohne weiteres sagen: die ersten fünf, sechs, zehn Jahre sind immer schwierig. Bei jeder Kleinigkeit ärgert man sich. Wenn ich zum Beispiel Wohnung suche und direkt vor der Nase abgelehnt werde, war ich sauer. „Ist das weil ich schwarz bin?“ und, und… Aber inzwischen weiß ich auch, eine alleinerziehende deutsche Frau wird auch abgelehnt. MA: Ja, man wird aus vielen Gründen diskriminiert. BB: Diskriminierung gibt überall, aber nicht unbedingt… Aber dann muss ich wirklich genau entdeckten, ist das tatsächlich weil ich schwarz bin? Oder woran liegt es? Aber je mehr ich diese Gesellschaftsstruktur kenne, dann kann ich differenziert betrachten, aber am Anfang habe ich immer gesagt, „Diese Deutschen, die sind unmöglich! Die sind Rassisten, die sind das und jenes!“. Aber inzwischen ganz ehrlich gesagt, erstens solche Verallgemeinerung grundsätzlich das ist falsch. Es ist welche und welche. Es ist nicht immer weil ich schwarz bin, es kann auch anderen passieren. Also diese Differenzierung gibt inzwischen. Aber die erste Jahren Sprachprobleme, Kenntnis der Strukturen, Kenntnis der Gesellschaft war ja nicht vorhanden. Da sind Erfahrungen, die ich zu Hause nie kannte. Aber inzwischen weiß ich wie die Gesellschaftsstruktur hier ist. Es gibt Rechte, Nazis. Als ich als Bildungsreferent gearbeitet habe, haben auch mal Jugendliche zu mir direkt gesagt, „Was hast Du denn hier verloren?“ Weil es wollen einige nicht wahrhaben, dass ich als Training/Workshop-Leiter da sitze. Ja, Jugendliche, an ihrer Jacke „Deutschland für Deutsche“. Dann musste ich diese Jugendliche rausschmeißen. Aber nach Diskussion und Zustimmung der anderen Teilnehmer. Aber bis dahin muss ich das tolerieren. Ich habe auf Kosten meiner Persönlichkeit, auf Kosten meiner Nerven habe ich vieles toleriert, weil diese junge Leute, die haben auch die Möglichkeit und Chance mit Berhanu auseinander zu setzen. Wenn die mich auch beleidigen, Berhanu nimmt das Ball, aber redet stur, aber bitte keinen Hass. Das hat mir viel, viel gekostet. Viel! Ja? Die Jugendliche manchmal haben gesagt, „Hau ab! Wer hat Dich denn hier geholt und Du jammerst hier? Geh doch weg!“. Da habe ich gesagt, „Ja ich bin hier, ich habe hier studiert, ich verdiene mein Brot durch meine Knowhow und Arbeit. Ich haue nicht ab, ich bin hier, ich gehöre dazu“. „Dann akzeptierst Du doch alles, warum jammerst Du, dass hier Ausländerfeindlichkeit gibt?“ – bei großer Veranstaltung. Dann muss ich mit aller Ruhe erklären. Also so diese Richtung sind so viele Sachen passiert. Manchmal mit Toleranz, mit ja, mit Humor, ja. Es gibt so viele Witzige worüber man auch lachen kann, es gibt ja so Erzählungen und Witze. Dann noch dazu bringe ich meinen eigenen Humor, aber dann gehe ich in die Sache rein. Das, wie gesagt, aber das war zum Teil auch schmerzhaft. Übrigens wenn ich meine Kinder erziehe, ich erzähle auch diese Geschichten und dann sage ich, „Bleibt tough! Hart!“ MA: Ich wollte gerade fragen, also haben Sie… BB: Ja, „Ihr werdet damit konfrontiert sein“. Weil in Äthiopien die waren die Königin, er war der König, die sind mit Chauffeur in die Schule, mit Chauffeur abgeholt, weil Geld vorhanden ist, der Papa Entwicklungshelfer. Die haben da einen ganz, ganz anderen Status. Und die Mehrheit in Äthiopien sind schwarz, es gibt, weil die Schwarze sind, die haben solche Erlebnisse nicht. Jetzt kommen die hier, bis jetzt ist alles okay, aber ich muss meinen Kindern erzählen, „Pass mal auf, es kann das und jenes geben, weil Ihr anders ausseht. Aber lasst Euch nicht irritieren, wichtig ist, dass Ihr stark seid. Ihr müsst anerkennen, akzeptieren Ihr seid schwarz, Ihr kommt von anderem Kulturkreis, aber hier könnt Ihr auch ohne weiteres integrieren, alle Deutschen sind nicht so. Ihr seht ja auch meine gute, gute Freunde, mit denen ich seit Jahren zusammen lebe, zusammen gearbeitet habe, also es geht auch in Deutschland“. Bis jetzt ist toi toi toi, aber es kann passieren. Es kommt. Aber meine, ja, Philosophie oder meine Ansätze sind, „Kulturen sind sehr unterschiedlich, es gibt Gemeinsamkeiten, aber Ihr müsst das anerkennen, Ihr müsst die Kultur Deutschlands auch akzeptieren, anerkennen, und umgekehrt erwarten wir auch. Es gibt aber Idioten, unverbesserlich, die man nichts machen kann, die ignoriert Ihr!“. Das mache ich z.B. jetzt, weil ich genau weiß, was kann ich mit so einem Nazi? Weil ich kenne das auch von meiner Jugendarbeit oder Jugendzentrum, manchmal die sind so. Man hat auch pädagogisch alles versucht. Es gibt verschiedene Ansätze, Dialog, das und jenes, es gibt wirklich geborene Nazis. Es tut mir sehr leid, geborene Nazis gibt es nicht in dem Sinn, in der Umwelt und, und. Aber es gibt manche, bei denen man nichts machen kann. MA: Aber finden Sie nicht, dass es auch gewisse gesellschaftliche Strukturen auch gibt, die das dann auch unterstützen, also dass es eben auch diesen Rassismus gibt und dass es…? BB: Jaja. MA: …oder vielleicht anders gefragt so aus Ihrer Sicht um vielleicht das auch nochmal auf das Lokale jetzt auch nochmal zu fokussieren. Was könnte besser sein, damit eben das Leben für Migranten oder auch die Chancen für Migranten, die ja jetzt zum Teil in der dritten, vierten Generation, auch noch in einer Chancenlosigkeit leben, die ja zum Teil hausgemacht sind so ein bisschen, was wäre aus Ihrer Sicht da nötig oder was müsste da geschehen, also auch von Seiten der Mehrheitsgesellschaft meine ich jetzt auch? BB: Ja. Ich würde sagen von beide Seiten. Das ist wichtig. Man sagt immer Integration, Migranten müssen Sprache lernen, die müssen sich integrieren, die sind jetzt in ganz anderer Kultur, die müssen das akzeptieren, und, und. MA: Das ist ja das übliche so. BB: Übliche. Aber so geht nicht. Die andere Seite muss auch – übrigens in Deutschland auch in Mannheim ganz konkret – müssen endlich mal kapieren: Mannheim ohne diese Migranten ist undenkbar! Punkt. MA: Ja. BB: Menschlich, wirtschaftlich, kulturell. Das ist undenkbar. MA: Ja. So wie Sie hat es noch niemand auf den Punkt gebracht, aber ich denke das ist so… BB: Von diesen fast 300.000 Mannheimern, Einheimischen, es gibt 50.-60.000, aber ich weiß es nicht, es kann mehr oder weniger sein. MA: So offiziell ist es so etwa vierzig Prozent wie man sagt mit Migrationshintergrund. BB: Also Aussagen wie: „Du gehören woanders hin, die sollen weggehen“. Nein, die gehören dazu. Ob man will oder nicht. Das ist Nummer eins. Und dann aber der nächste Schritt, damit das Zusammenleben friedlich, harmonisch, mit Toleranz… [Kurzes Gespräch mit seiner Tochter] BB: Ja, und nur von anderer Seite zu erwarten, das geht einfach nicht. Für ein besseres, harmonisches, friedliches Zusammenleben gehören beide. Beide. Es gibt inzwischen nicht diese klassischen Ausländer, die in der fünfziger, sechziger, siebziger Jahre angeworben worden sind, es gibt jetzt Nachkommen schon in der dritten Generation. Hier geboren, aufgewachsen, perfekt Deutsch kennend und man kann die mehr fördern, für das Zusammenleben, für das Wirtschaftsleben, für die Demokratie, Beteiligung an Gesellschaftsleben Chance geben. Aber mit dieser Art manchmal, mit diesem immer „Die, die Anderen“. Inzwischen die junge Türken oder Griechen, die Italiener die lachen wenn man so was sagt übrigens. Weil die sagen, „Ja, was wollt Ihr denn? Ich habe mein Jungbusch, ich habe mein Innenstadt, ich hab mein Bäckerei, mein Metzgerei, ich hab mein Geschäft. Ich kann sogar mein Ausbildung bei einem türkischen Geschäft machen“. Ja. MA: Natürlich, man schafft sich dann irgendwann eigene Strukturen wenn man sich in die… BB: Es kommt, ja, aber warum machen die das? Wegen der Ablehnung. MA: Eben. BB: Und dann suchen die nach den Möglichkeiten. Was sollen die denn machen? Ja? Am liebsten keine Parallelstrukturen, nein. Gerade in Deutschland wir sind nicht so weit wie in Amerika, wo Chinatown gibt. Oder in London nur von Pakistani oder Nigerianer gibt. In London gibt, aber hat auch historischen Grund. Aber in Deutschland haben wir noch Chancen. Aber diese Gettoisierung oder was weiß ich zu vermeiden es gibt bessere Ansätze. Wenn aber nicht, wie gesagt, die junge Leute die haben ihre Disco, wie gesagt, wirklich, hier. Aber in der Disco gemischtes Publikum geben kann, die Ansätze müssen anders laufen. Die müssen akzeptiert werden. Manchmal mit dieser blöden Passgeschichte zum Beispiel, das ist ein Hindernis. Dass man die Gefühle, diese emotionale, die Gefühle, immer mit rationalem Denken abzudecken, das geht nicht. Es muss eine Balance geben. Es muss eine Balance geben. Also die sind zu gewinnen im Grunde. Sei es jetzt im Fußballverein, Kulturverein. Ich sag immer eigentlich... Sind Sie Mannheimerin? Ja? MA: Ja, ich wohne jetzt seit längerem hier. BB: Ja, Sie sind… MA: Ich bin auch hier geboren, also ich habe zwar… BB: Sie sehen ja die Entwicklung jetzt. Wie bunt Mannheim geworden ist, kulturreich geworden ist. Ja? Aber dass die Leute, „Mit diesem Haufen aus Länder, Migranten, Türken habe ich nichts zu suchen, ich ziehe zurück“. Die gehen weg. Das ist schon ein Fehler. Naja gut, wenn die weggehen, dann die Stadt wird dann unter Migranten. Ist das eine Lösung langfristig, nach zwanzig, dreißig, fünfzig Jahren? Nein. Es gibt andere, bessere Ansätze. Das ist durch ihre Kultur, Mannheim ist ja von Deutschen aufgebaut. Die Migranten kamen ja in den Fünfzigern, Sechzigern und, und. Also wegen diesen Migranten zu sagen, „Ich gehe woanders hin“, das ist… Ja, sie tun mir leid. Meine Präsenz darf diesen Menschen nicht zwingen ihre Standort zu verlieren, nein. Ich will nicht die Ursache dafür sein. Ich will mit denen zusammen mitwirken, noch weiter entwickeln, dann können wir ja Mannheim eine Stadt mit Diversität, eine Stadt mit multikulturell, das ist doch schön eigentlich. Aber die Menschheit, Menschen, ich glaube es ist auch legitim wie die Wissenschaftler sagen, diese evil, diese Bösartigkeit, scheinbar irgendwo vorhanden ist. Weder durch Schulung, Bildung, nicht wegkriegt, leider. MA: Okay, sie würden sagen, dass es letztlich so eine Conditio humana ist, also so eine grundmenschliche Eigenschaft so diese Bosheit oder diese…? BB: Ja. Manchmal aus, ja gut, Hilflosigkeit oder ich weiß auch nicht. Aber im Grund, wie ich versucht habe zu erklären, warum schon das ist, die gehören dazu. Die haben ja die Stadt gebaut im Grunde. MA: Ne, also aus meiner persönlichen Sicht sind es eben auch sehr stark auch historische Gründe und fehlendes Bewusstsein über vieles was da… Und trotz Bildung, aber es muss eben auch die richtige Bildung sein, es muss der richtige Input auch kommen und es ist aus meiner Sicht auch ein Demokratieproblem auf jeden Fall und von dem her… BB: Chancengleichheit. MA: Da fängt es ja schon an, da fängt es an. BB: Wenn man sagt die sind radikal, die sind feudal, die sind extrem, die sind… woher kommt das? MA: Ja eben. BB: Woher sollen die das praktizieren? Übrigens ich habe in Äthiopien im Leben nie gewählt. Meine erste Wahlmöglichkeit hat in Deutschland stattgefunden, das ist doch toll! MA: Im Grunde. BB: Ich bin auch dankbar. Ich habe hier studiert, ich habe hier gearbeitet, ich habe auch für diese Gesellschaft durch meine Präsenz vieles geleistet. Wie gesagt, auf Kosten meiner persönlichen Sachen, Nerven und, und, aber habe ich das toleriert, nein! Diese Begegnung zwischen Berhanu und junge Menschen ist wichtig. Dadurch habe ich unheimlich viele junge Menschen auch gewonnen, so muss es sein. Und dann noch ein Punkt, dass man langsam kapieren muss, man redet immer von Finanzkrisen. Europäische Union, ja, weil Wirtschaft benefit gibt. Das ist genau wie damals in den fünfziger, sechziger Jahre, als die Menschen aus der Türkei, Griechenland, Italien für ihre Fabrik geholt haben. Jetzt haben die Europäer Union gesagt siebenundzwanzig geworden, rechtlich Rumänien, Ungarn und, und, die haben auch Recht. Jetzt sind die gekommen. Jetzt schreien die wieder. Also das ist… Man kann nicht nur materiell denken, Finanzdenken, aber diese Menschheit bleibt da auf der Strecke, so geht nicht. So geht nicht. Auf Englisch heißt, “You cannot eat the cake and keep it on the same time”. Es geht nicht, ja. Ich wundere mich immer, ja, Deutschland von diesem Europa geht was, wirtschaftlich, und, und, Deutschen – ich komme noch ein bisschen Stück weiter – durch diese Öffnung, haben die auch die Möglichkeit in diese Länder zu gehen, dort zu arbeiten. Nur die Arroganz spielt hier genau an diesem Punkt eine Rolle. „Wenn ich gehe, ich bin Ingenieur, ich habe Geld, meine Tasche ist voll. Aber die Anderen kommen zu uns mit leerer Hand“. Nein. Aber in der heutige globalisierten Welt man kann auch nicht sagen, „Ich kann meine Maschine, meine Finanz, aber bleibt ihr wo Ihr wart! Aber bitte nicht zu uns“, das geht nicht. Ich sage aber nicht, dass Deutschland uferlos alle Menschen aufnimmt, weil man muss auch kucken von die Räumlichkeit her, von Ressourcen her. Es gibt auch Einschränkungen, ich will auch nicht sagen… MA: Aber das ist ja auch keine realistische… Ich glaube, das sind so diese Angst-Szenarien, die so gemacht werden, dass alle dann hierherkommen. BB: Das ist immer, seit Jahren in Deutschland, wenn hier so viele Leute Aufenthaltserlaubnis geben oder Arbeitserlaubnis kommt und dann kommen alle von aller Herren Länder. Diese Behauptung, nein. Es ist nicht passiert, es wird auch nicht passieren. Aber noch ein anderer Punkt, Sie sehen ja auch auf Mittelmeer und Roten Meer mit kleinem Boot wie viele junge Menschen aus Pakistan, Somalia, Äthiopien, Eritrea, wie die alle heißen, auf dem See. Das ist unsere Welt. Zum Teil Deutschland auch eine entscheidende Rolle spielt. Mit Geschäft, mit Politik, und, und. MA: Und Geschichte. BB: Geschichte. Aber irgendwo dann nicht berücksichtigt wird, alles ignoriert wird wegen ein paar hundert – wie gesagt, die Einschränkung ist da, umweltmäßig, ressourcenmäßig, da braucht man nicht zu diskutieren, das ist mir bewusst –, aber allein die Einstellung, die Bereitschaft, dass die Welt durch uns Menschen ist so geworden. Es ist nicht irgendwie von Himmel gefallen. Es ist eine historische, dynamische Zeit der Menschheit weltweit. Da sind die Kanadier, die Amerikaner, viel, viel cleverer. Natürlich bei denen hat es ziemlich früher angefangen, haben die auch irgendwelche historische Hintergründe, aber trotzdem die haben Fantasie, sage ich mal so. Im Umgang mit andere Kulturen, ja. MA: Vor allem ich denke das Entscheidende ist einfach dieses, die Möglichkeit schnell in den demokratischen Prozess mit einzusteigen und selber mündig zu werden und selber für seine Interessen einzutreten, und wenn das was hier natürlich sehr… BB: Das ist sehr beschränkt. MA: …schwierig, also auch eben auf die Jahre betrachtet gesehen, sehr schwierig einfach ist, war und ist, ja. BB: Das ist eine Gruppe, wenn ich mal nennen darf, zum Beispiel PKK, sowohl zu Hause als auch hier können die ihre demokratische Recht nicht ausüben. Es ist ausgeschlossen. Zu Hause ist was anderes, Minderheit, unterdrückt, und, und, und. Die kommen in irgendeiner Weise her, das haben die auch nicht… Was soll ein Mann oder Frau ihren Kindern erzählen? Und dann die gehen irgendwann dann auf die Barrikade. Ja, also es gibt Zusammenhänge und wirklich es gibt manche Länder, die damit auch fertig geworden sind besser als in Deutschland. In Deutschland, ich habe gedacht doch in den letzten Jahren es muss doch verändert haben, aber laut Meldungen und ständig Migranten, ständig Ausländer, ständig… ich habe gesagt, aber die brauchen das. Ist der beste Ablenkungsmechanismus in diesem Deutschland, dieses Thema. Ja? Wird so instrumentalisiert seit Jahren und die haben was davon eben. Also zu Ihrer Frage, was soll dann eigentlich für eine bessere Zusammenleben, ich kann das nur soweit erklären, aber es gibt immer noch Chancen. Man muss nur anders umgehen, anders, andere Ansätze gibt es noch. Schon angefangen im Kindergarten. Ich bin von anderer Kultur, aber ich habe hier studiert, gearbeitet, ich gehöre dazu inzwischen. Ich zum Beispiel wundere mich, wenn ich Migrantenkinder in Straßenbahn oder in Bus oder auf die Straße höre, die reden ihre Muttersprache, nicht Deutsch. Es ist zwar gut als Pädagoge sage ich, ja das ist das Beste für Entwicklung des Kindes, aber auf die andere Seite, was wartet dann auf diese Kinder? Schulmäßig, bildungsmäßig. Da müssen dann die Eltern, das meine ich, von beiden Seiten, die Eltern, wenn die entschieden haben hier zu leben und die Kinder hier zu erziehen, die müssen ihre Chancen nicht verwehren. Aber nicht, dass ich sofort schimpfe: „Ach ja, diese…! Wieder Türkisch, wieder Griechisch!“ Aber es gibt eine Umgangsform, die müssen erst mal kapieren was das bedeutet für das Kind. Weil so sehe ich das. Ich ärgere mich, für diese Kinder habe ich Angst, wenn die dann eingeschult werden. Wie kommen die damit zurecht, ich weiß es nicht, das kann ich auch nicht sagen wie gut sie sind, aber das merke ich wirklich. Kleine Kinder hier auf die Straße, die, ja gut, das ist ihre Muttersprache, why not, aber was bedeutet dann für das weitere? Und dann heißt es fünfzig, sechzig Prozent Migrantenkinder schaffen das nicht. MA: Ich meine da wäre ja zum Beispiel ein Ansatz zu sagen mit dieser Sprache, diese Sprachkompetenz eben auch als Kompetenz zu sehen und als Ansatzpunkt. Aber das Problem ist ja oft, dass es im System dann eben als Problem gesehen wird und nicht als eine Kompetenz auf der man aufbauen kann. Da gibt es ja in anderen Ländern auch andere Ansätze. BB: Zum Beispiel in der Berufsschule eine Bilinguale, wenn die Mehrheit in einer Gruppe, Türkische oder Griechen sind, ja. Meine Tochter, sie macht jetzt in der Liselotte-Gymnasium bilinguale, Deutsch und Englisch. Warum Englisch? Hoch bewertet. Ja, das hängt dann zusammen. Wobei die Liselotte-Gymnasium mit Sicherheit zehn bis fünfzehn Prozent Migrantenhintergrund haben. Aber das ist irrelevant, ihre Sprache. Es ist schon falsch. Nehmen wir mal die Wirtschaftsmacht Türkei heutige Tag. Es ist nicht wegzudenken. Aber ja, Chinesisch ist attraktiver. Wie ich vorhin gesagt habe, diese materiale Begünstigung, Finanzmarkt geht vor Menschen. Ich denke schon, es gibt zumindest, es ist versuchenswert. Für eine Stadt wie Mannheim wir können nicht bis ewig so leben immer Migranten als Problem zu sehen. Warum? Die sind kein Problem mehr. Natürlich Problem werden die sofort, diese inzwischen 5.000, 5600 diese aus Ungarn, diese Roma und Sinti. Die Geschichte wissen wir alle. Von zu Hause sind die abgeschoben, hier sind die nicht akzeptiert, was sollen die denn machen? Die gehen dann auf die Straße. Und dann mit diese Vorurteile, die sind laut, die klauen, die sind Dieb, woher kommt das? Sind die so geboren? Aber diese Mehrheitsgesellschaft ist nicht in der Lage diese Gruppe von Menschen zu akkommodieren, nein, das ist der Punkt. Gut wie gesagt, das ist Existenz, sie zwingt dann diese Menschen in Untergrund zu gehen, mit diesem deutschen Begriff, schwarz zu arbeiten. Was sollen die denn machen? Sie müssen auch leben. Das Geld muss von irgendwo kommen. Und dann nachher zu schreien, die sind Dieb, die sind das, die sind Prostituierte, die sind… Erst versäumt man die Möglichkeiten, die Chancen, aber dann nachher dann… Jetzt wollen die wieder Visumpflicht einführen. MA: Das können sie aber nur dann für Außer-EU-Länder, aber die EU-Länder, das geht nicht. BB: Die kommen, das ist ihr Recht, das ist ihr Recht. MA: Ja. Naja, also jedenfalls dieses Thema wird uns wahrscheinlich die nächsten, ganz viele Jahre weiterhin begleiten, ob wir wollen oder nicht. BB: Oder nicht, ja. [lachen] So ist es, ja. MA: Ich hätte vielleicht noch ein, zwei Fragen so zu Mannheim an sich, weil Sie haben ja jetzt auch wirklich lange hier auch gelebt in Mannheim. Was würden Sie sagen ist typisch für diese Stadt? BB: Naja. Ja, es.. ja gut. Diese alte Stadt, es ist schon faszinierend. Ich habe mal gefragt wie diese, die Bezeichnungen mit Buchstaben, das ist schon ein Merkmal, wo ich denke… MA: Die Quadrate? BB: Quadrate. Und dann… Aber die Mannheimer, es kann aber auch sein weil ich ziemlich lang hier gelebt habe, sind für mich sehr gemütlich. Ich habe keine Probleme. Natürlich mit Dialekt, bei manchen wirklich so extrem, dann verstehe kaum. Aber irgendwo Mannheim hat auch seine… Viele sagen, ist keine schöne Stadt, es stimmt schon, verglichen zu anderen. Aber hat einen Charakter. Und nachdem ich nach acht Jahren zurück bin, es ist schon eine gewaltige Veränderung. Die Zusammensetzung von den Menschen auf dem Marktplatz, diese Mittelstraße, also es ist so bunt. Es hat sich schon demografisch schon verändert, Mannheim. Ein anderer Punkt ist Mannheim in der letzten Zeit diese Jazz- und diese Kulturangebote. Mannheim ist schon im Sommer, im Winter, ständig ist schon eine Kulturstadt. Ich finde das toll. Da sind für mich so… Was noch, ja, weiß auch nicht. MA: Gibt es vielleicht einen Ort oder etwas in Mannheim, wo Sie sagen, das ist so mein Mannheim, wo Sie ganz persönlich oder wo Sie sich so ganz verbunden damit fühlen? Muss jetzt auch kein konkreter Ort sein, aber irgendetwas was Sie so eine ganz besondere…? BB: Ja, ich bin halt von Ort zu Ort gewandert. In guter Erinnerung habe ich zwei Teile, einmal Feudenheim war schön, weil ich da gelebt habe, war schön. Ich habe mich so immer, und dann in die Oststadt. MA: Wo Ihr Arbeitsplatz dann war? BB: Ja, Platz, und dann habe ich gleich nebenan gewohnt. Seit Jahren und dann da war dieses Ganze, Wasserturm auch abends gelaufen alleine und wirklich frei, ich hatte keine Angst. Diese Gegend mag ich unheimlich, heute noch. Diese Oststadt, meine Arbeit, meine Wohnung, mein Hausarzt. Das war schon mein Ort. Ja. Sonst wie alle andere, einkaufen im Zentrum, aber gleich weg. Aber dort war für mich... Viele Jahre dort gelebt, gearbeitet. Ich verbinde mich dann mit dieser Gegend. MA: Ja, also von mir aus sind wir durch mit den Fragen, die ich… BB: Und dann vielleicht noch ein, die wiederum mit meiner Arbeit, wirklich das sage ich, ich habe gerne auch mit türkische Jugendliche gearbeitet. Das war auch interessant für mich, mit diesen „Unmündigen“ und Auszubildenden bei IB, ziemlich lang und viel. Das war schon interessant, diese Gruppe. Ja, es gibt auch innerhalb der türkischen Jugendlichen manche blöde Typen, aber die Mehrheit ist auch interessant, ja. Diese unbewusste Solidarität, nenne ich das, war immer vorhanden. Als Team waren immer… ich spüre das, weil ich auch schwarz, aus anderer Kultur bin, die identifizieren sich dann, die assoziieren, diese Solidarität war da. Ja und ich war akzeptiert. Wenn ich Workshop, Training mit türkische Jugendliche, wir haben Spaß und… also das ist schon, das muss ich nennen. MA: Würden Sie auch sagen es gibt tatsächlich auch so was wie eine Solidarität unter Migranten? BB: Ja, ja. Doch, doch. Das habe ich gespürt und auch in der praktische Arbeit es war schon vorhanden. Ja. MA: Und auch vielleicht so was wie eine Identität von Migranten, also dass man da auch so gewisse… BB: Ja, weil ich auch dazugehöre und ja, ich identifiziere auch mehr oder weniger die sogenannte Probleme habe ich auch. Gemeinsamkeit ist vorhanden. Wie gesagt, „We are sailing the same boat“. MA: So, dann möchte ich Ihnen sehr danken, dass Sie sich die Zeit genommen haben, trotz Krankheit! |