AV0775-1 Oral History Projekt „Alle Wege führen nach Mannheim“: Interview mit Emilia Engel, 2012 (Audiovisuelle Sammlung)

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Title:Oral History Projekt „Alle Wege führen nach Mannheim“: Interview mit Emilia Engel
Ref. code:AV0775-1
Ref. code AP:AV0775-1
Originalmedium:nur digital vorhanden
Datumsbemerkung:22.05.2012
Creation date(s):2012
Rechte:Stadtarchiv Mannheim
Inhalt_AV:Maria Alexopoulou [i. F. MA]: Heute ist der 22. Mai 2012. Wir befinden uns in der Migrationsberatung des Diakonischen Werks Mannheim im Integrationszentrum der City-Kirche Konkordien in R3, 3 in Mannheim-Innenstadt. Mein Name ist Maria Alexopoulou und ich interviewe im Rahmen des Oral History Projekts „Alle Wege führen nach Mannheim“ Frau Emilia Engel. Frau Engel sind Sie damit einverstanden, dass dieses Interview aufgenommen wird?
Emilia Engel [i. F. EE]: Ja.
MA: Ja, vorab würde ich Sie bitten mir kurz zu sagen, wie lange Sie schon in Mannheim leben und in Deutschland, welche Staatsbürgerschaft Sie haben, was Ihr derzeitiger Beruf ist und wo Sie wohnen. Also so ganz kurz.
EE: Also im März, genauer gesagt am 8. März war es acht Jahre, dass wir hier in Deutschland, in Mannheim sind. Und nach Deutschland sind wir gekommen am 6. März, nach Friedland und dann nach Mannheim.
MA: 2000…?
EE: 2004, ja. Und seitdem bin ich hier in Mannheim gleich, das war April, da waren wir im Übergangswohnheim und hab ich begonnen mit meiner Tätigkeit, die ich jetzt weiterführe, also Begleitung von denen, die aus Russland kommen und Probleme mit der Sprache hatten. Und dann hab ich eine Wohnung bekommen, also bin umgezogen. Bei der Diakonie bin ich geblieben und beschäftige mich mit der Begleitung als Integrationslotsin, aber jetzt ehrenamtlich bei der Diakonie.
MA: Und wo wohnen Sie zurzeit?
EE: Ich wohne auf dem Pfingstberg, Martinistraße 12, schöner Platz direkt am See mit Schwänen und alles Drum und Dran. Da ist nicht viel los, Hauptsache ich hab meine Ruhe nach dem Tag, den ich hier verbringe mit Leuten, da muss man auch so was haben. Und da ist alles da. Die Natur in der Nähe und da ist‘s ganz schön, das gefällt mir am besten. Da kann man ausruhen…
MA: Sind Sie täglich ehrenamtlich tätig oder ist das an bestimmten Tagen?
EE: Nein, das ist… Entschuldigung [Telefon klingelt. Interviewpause].
MA: Dann lassen Sie uns doch fortfahren mit Ihren biographischen Daten: Also wo und wann Sie geboren sind, dass Sie ein bisschen erzählen über Ihren Geburtsort, Ihre Familie, Ihre Kindheit, Geschwister, alles das, was dazugehört.
EE: Geboren bin ich in Russland am 3. Januar 1949. In Russland, da können wir ein bisschen weiter vor, weil ich komme aus der Familie der Deutschen, der Russlanddeutschen, die an der Wolga waren, Papa und Mama, Großeltern auch. Und die wurden dann ausgesiedelt und [19]48 hat Papa seine Eltern und die Mama wiedergefunden und man hat ihnen erlaubt in Jakutien zu wohnen. Und da bin ich auch geboren, in Jakutien, das ist Russland, Sibirien ganz hoch. Und mit drei Jahren sind wir dann nach Kasachstan gekommen, denn der Papa war gesundheitlich, ging es dort nicht so gut und er konnte überleben wenn er entweder Ussurijsk ist das, an der Grenze mit Japan, Korea irgendwo dort oder Semipalatinks. Und die Deutschen durften ja nicht an der Grenze nahe wohnen da. Aber Semipalatinks da hat man erlaubt, dass die Familie dort hinkommen konnte. Und da sind wir nach Kasachstan gekommen, also Gebiet Semipalatinks. Und dort haben wir auch bis achtzehn [gelebt]. Dann ist ja der Papa verstorben, da war ich fünf, fünfeinhalb und da ist er, war ein Unfall passiert. Und da sind wir alleine mit der Mama geblieben, ich und meine Schwester. Und dann mit achtzehn sind wir Gebiet Zelinograd, wo jetzt Astana die Hauptstadt ist von Kasachstan, das war damals noch nicht so. Dort habe ich, haben wir also gelebt, vier, fünf, sechs Jahre. Ich habe dort studiert in Kökschetau Deutsch als Muttersprache. Dann sind wir nach Ost-Kasachstan gezogen meine Schwester, ich und die Mama. Meine Schwester hat eine Anweisung zur Arbeit bekommen dort und dann sind wir alle hingezogen. Und von dort, dort waren wir bis [19]99. Also die Sowjetunion war schon auseinander. Die Kinder haben in Russland studiert, meine zwei Töchter, ich habe zwei Töchter. Der Mann war krank und ist [19]99 verstorben. Und dann bin ich auch aus Kasachstan nach Russland gegangen und von dort nach Deutschland.
MA: Nochmal zurück zu Ihren Eltern. Was für einen Beruf hatten Ihre Eltern?
EE: Der Papa war Ingenieurmechaniker. Ein guter Musiker war er auch. Und Mama war, na ja, sie war eine gute Köchin, das hat ihr auch das Leben gerettet in der Trudarmee. Aber von Beruf auf war sie Näherin in einer Webfabrik hat sie gewebt, in Balzer, an der Wolga, Gebiet Saratow.
MA: Waren beide Eltern deutsch, von der deutschen Gemeinde?
EE: Ja, beide Eltern waren deutsch. Großeltern auch Deutsche.
MA: War die Generation Ihrer Großeltern an die Wolga gezogen?
EE: Die Urgroßeltern, da haben wir auch schon so irgendwelche Forschungen gemacht, Familienbaum. Mamas Seite, denn vom Papa haben wir, der ist ja verstorben, da war ich damals fünfeinhalb und da hatten wir nett… Die Mama wollte nicht, nein, wir haben ja bemerkt, wenn sie spricht von Papa, dass das wehtut, haben wir das gelassen. Und später, als wir das alles wissen wollten, war es schon zu spät. Und wir haben vieles gefunden, ich bin ja auch wieder nach Russland gekommen, genau, ich wollte wissen woher sie sind, also meine Eltern. Gebiet Saratow, habe auch zwei Jahre dort gearbeitet, auch mit den Trudarmisten, mit den Deutschen. Das waren, da gab’s dort Vereine, Wiedergeburt und ich war dort tätig. Ich war da auf dem Platz, ins Haus konnte ich nicht, da war niemand da, also die Familie, die dort in der Zeit gelebt hatte, war nett da. Aber das Haus habe ich gesehen, wo meine Eltern gelebt haben in der letzten Zeit. Aber die Großeltern, da war das Dorf schon nicht mehr da.
MA: Und die Großeltern waren die damals auch umgesiedelt worden?
EE: Das war ein bisschen komplizierter noch. Die Großeltern Papa Seits waren umgesiedelt worden. Und von der Mama, sie waren wohlhabende Bauern, sie hatten also eine große Fläche, großen Garten, Vieh hatten sie. Und auch Pferde gehalten, um von Saratow nach Engels zu fahren und nach Marx, sie waren in der Mitte. Und das war nach der Oktoberrevolution, als die Sowjetunion gegründet war, da wurden sie als Kulaken so auch ausgesiedelt. Die Frauen mussten weg mit den Kindern und die Männer, die wurden einfach verhaftet. Also der Großvater und sein Älterer, also der Sohn, er hat Töchter, die Mama hatte noch drei Schwestern. Und sie sind auch - na ja, ich hab dann die Unterlagen gesehen, im Archiv konnte ich das machen; da hab ich auch was gekriegt von dort welche, das ich mitnehmen konnte -, dass der Großvater gestorben ist im Gefängnis und haben sie nicht festgestellt, warum. Aber dann hatte man irgendwelche Artikel dort gelesen, dass die alle erschossen wurden, also der Großvater und der, also mein Onkel. Und die Großmutter und die drei Töchter waren das. Die Ältere, die Tante Maria, die war verheiratet mit einem armen Mann, also aus einer armen Familie, und die durfte bleiben in Balzer. Die Mama, die Großmutter und ihre zwei Schwestern, die jüngeren, die mussten weg. Das war also, sie musste nach Komi heißt das, das ist im Norden in der Taiga, ganz weit weg. Unterwegs ist die Mama, sie hing so an ihrem Vater, also an meinem Großvater, also sie ist weggelaufen. Sie war neunzehn, denke ich mal. Und die Oma und die zwei anderen Töchter, die sind dort geblieben. Und in der Zeit war es so, dass es war nicht richtig, dass sie Kulaken genannt wurden. Das waren ja die, die jetzt außer der Familie haben sie auch andere Kräfte gehabt, die sie benutzt haben, anderen Leute, die für sie arbeiten mussten. Und die Familie war ganz groß, das war der Großvater, sein Bruder und alle Kinder, die lebten zusammen, so zwei große Häuser. Und die haben alles das ohne Kraft außerhalb bewirtschaftet. Und in zwei Monaten gab es auch, also aus Moskau kam das, das Gericht, das jetzt so gerichtet hat, dass die Familie raus muss, nicht richtig war. Und hab ich das auch bekommen, hab ich das auch gelesen. Und dass man der Familie wieder das Haus zurückgeben muss, ein Pferd, eine Kuh und den Garten am Haus. Nicht das große, was sie hatten, das wurde konfisziert. Aber der Großvater war ja schon nicht mehr da, der war ja im Gefängnis schon verstorben und die Großmutter hat das nie zurande bekommen, dass sie keine Kulakin war.
MA: Was heißt Kulakin?
EE: Also Wohlhabende, die ja selbst für sich Besitz hatten.
MA: Die vom neuen Regime enteignet wurden. Das hatte also mit dem ethnischen gar nichts zu tun, sondern nur mit der Klasse?
EE: Ja, nur mit der Klasse. Und das erst war mit den Großeltern so, Mama Seits. Und dann hatten wir, als die Deutschen rehabilitiert wurden, konnten wir erfahren, also [19]85 haben wir das auch beantragt. Und hat für die Mama, nee die Mama war schon nicht mehr da, [19]87 haben wir das beantragt – [19]85 konnten wir das machen und [19]87 haben wir begonnen. Und hatten wir aus Komi dann Rehabilitation gekriegt, dass die Mutter, also meine Mama, dort anwesend rehabilitiert ist. Sie war nie dort gewesen. Sie ist zurückgekommen nach Balzer, hat sich auch ein Jahr lang versteckt. Man konnte sie finden, wenn man sie gesucht hätte. Aber sie war ja rehabilitiert, es war ja nicht richtig, dass sie ausgesiedelt wurde, man hat sie nicht gesucht. Sie wusste ja nicht, dass man sie nicht sucht. Und so war das, nach den Unterlagen war sie dort bis [19]85, weiß jetzt nicht wie lange, das stand nicht da. Aber dass sie rehabilitiert ist. Sie war nie dort gewesen! Als Kulakin ist sie rehabilitiert worden.
MA: Aber sie ist nie wieder zu ihrem Besitz…
EE: Nein. Dorthin ist sie nie gekommen. Na ja, als Deutsche ist sie auch rehabilitiert worden, auch ich, meine Schwester. Von Papa haben wir auch, dass er... Haben wir lange gesucht, er hatte nur eine Nummer. Sterbeurkunde brauchten wir dann, um Rehabilitation zu beantragen.
MA: Gab es denn irgendwann einen Beschluss, alle Deutschen sind unter Generalverdacht?
EE: Das war bis 1956. Aber wir wussten gar nicht, dass der Beschluss war. Die Deutschen wussten gar nichts. Als der Gorbatschow gekommen ist dann den meisten, also allen ist klargeworden, dass wir auch Deutsche sind und sich als Deutsche schätzen können. Und dann haben wir auch bekommen mit allem Drum und Dran was da ist. Wir wollten auch dann, viele wollten zurück an die Wolga, wo sie geboren sind. Und als ich 2000 dann dort war, das war auch so. Es stand fest, dass sie durften. Aber, na ja, wie sagt man dann, die Hiesigen, die wollten nicht alle, dass die Deutschen zurückkommen. Es wurde auch gegen die Deutschen gehetzt, dass sie wieder an die Wolga kommen. Da waren Demonstrationen, ganz viele, „Wir wollen nicht, dass die Deutschen zurückkommen!“. Und da habe ich auch mit den Leuten gesprochen dann, die das gemacht haben. Dann haben sie gesagt, es war gerade die Zeit, dass sie wenig oder gar nichts verdient haben, kein Geld – also die Sowjetunion war auseinander und gar nichts da mehr – und man hatte sie bezahlt, einfach so. Ja, sie kriegen so und so viel Geld, wenn sie zur Demonstration gehen.
MA: Wann war das dann, Anfang der 2000er oder früher noch?
EE: Das war früher, so [19]80er. Aber ich war da 2000, da habe ich das erfahren, dass das so war. Und dann hatte ich auch mit den Leuten zu tun, gearbeitet, die in der Trudarmee waren. Das waren Arbeitsarmeen mit Deutschen. Also alle Deutschen sind während des Krieges, sie durften nicht an die Front, aber sie waren in der Arbeitsarmee. Das ist in den Lagern, wo sie gearbeitet haben. Na ja, in der Taiga mussten sie die Bäume fällen oder in den Schachten mussten sie, egal wo. Die Mama war in Buryat-Burgotien, das ist im Osten, Südosten in den Gebirgen, im ganz, ganz hohen Altai Gebirge. Und dann hatten sie Bäume gefällt, Kiefer, weiß ich jetzt nicht mehr, so ganz speziell für Schachten. Das hatten sie, um Wolfram zu gewinnen und da braucht man das, ich weiß nicht, wie das gebraucht wurde. Und da waren Frauen, nur Frauen, ein Bataillon, ein Frauenbataillon, nur deutsche Frauen. Und sie mussten so lange arbeiten, bis sie nicht mehr konnten. Einfach so, hat die Mama erzählt, ist sie morgens erwacht, links eine tot und rechts eine tot. Und die haben das auch nicht gesagt, dass die verstorben ist oder die verstorben ist, sie haben dann, sie mussten raus zur Arbeit und dann haben sie das Brot, das dann gebracht wurde mittags, haben sie dann das Brot genommen. Aber sie mussten auch die Arbeit für sie machen. Wenn sie die Arbeit nicht gemacht haben, also, ihre noch musste machen und noch für die, deren Brot sie nehmen wollte. Und das war dann so, dass sie, das waren so wie bei der Armee überall, dass die Kommunisten, wie sagt man jetzt? Sie hatten jetzt Kommissare, kann man das so sagen?
MA: Aufseher? Oder Spitzel?
EE: Politische, die hatten also mit den Leuten gesprochen und hatten sie alle, das waren auch Aufseher und die durften Frauen mitnehmen. Also von einem, dem Kommissar war die Frau dabei und sie brauchte eine Haushälterin, die kochen konnte und was so. Und das war so, die Frauen, die gekommen sind, die mussten alle, die Haare wurden ihnen nicht weggeschnitten, sondern rasiert. Und die Mama hatte langes Haar bis an die Knien und die hat das nicht gelassen. Jetzt damit keine Läuse und wenig Wasser, das war hoch, hat sie gesagt: „Das ist meine Sache. Wenn Du eine Laus bei mir findest, dann kannst Du selber das machen. Aber bis daher kannst Du nicht!“. Sie war die einzige, die die Haare hatte. Und deshalb hat sie sie auch rausgesucht. Die Mama konnte ganz toll kochen und das hat ihr dann auch das Leben gerettet, denn alle die da waren, sind alle umgekommen. Niemand ist am Leben geblieben. Das hab ich auch dann gelesen da. Später wollte ich auch jemanden finden, der dort war und das stand auch, niemand ist durchgekommen.
MA: Und Ihre Eltern haben sich dann schon während des Krieges kennengelernt oder?
EE: Nein, vor dem Krieg. Das war so, als sie ausgesiedelt wurden, das stand so: Die Mama war auf Dienstreise in Engels. Aus Balzer sie mussten von zuhause weg alle. Als sie nach Hause gekommen war, da hatten sie auch eine Frau, sie war eine Behinderte – das war so in der Familie, dass irgendjemand, der behindert war, da hat man ihm einen Platz zu Hause gegeben und sich um ihn gekümmert und das war eine Frau, die bei ihnen gewohnt hat. Und der Papa war auch in Dienstreise, der war auch nicht zuhause. Die Mama ist erst gekommen, sie hatte drei Stunden Zeit, um alle Sachen zu packen, was da zu nehmen war und was sie mitnehmen konnte zum Tragen.
MA: Also so schnell wurde gesagt…?
EE: Ja, drei Stunden. Für die anderen war es vierundzwanzig Stunden. Jemand der da weiß, ja da kommt was, die erfahren hatten, die hatten ein bisschen mehr Zeit. Und so erklärt für alle war es vierundzwanzig Stunden. Da mussten sie weg. Die Mama hatte nur drei Stunden, da ist sie gekommen, da waren noch drei Stunden geblieben. Und da hat sie, „Entweder nehme ich das oder das, das oder das“. Und da hat sie gesagt, „Ich hab mich hingesetzt, geweint einfach, was ich dann in den Händen hatte, mit dem bin ich gegangen“. Der Papa war nicht gekommen. Und ich hatte auch ein Schreiben aus dem Archiv, dass ausgesiedelt wurden nur Mama und die Frau, die dort gelebt hat. Und der Papa, da stand einfach ein Strich, nirgends. Der war ein sehr guter Ingenieurmechaniker, der konnte also dem Hören nach wissen, was da mit dem Motor ist, was nicht in Ordnung ist. Und der war hoch geschätzt. Wo er war in der Trudarmee, er war geblieben bei Saratow, nett weit, aber wo er war, das weiß ich bis heute nicht. Wir haben hingeschrieben, niemand, immer, da war er nett und da war er nett und da war er nett. Also ich weiß bis heute nicht, wo er war. Und die Mama, vielleicht wusste sie das, aber wir haben sie nicht gefragt. Aber dann war es zu spät, wollten wir nicht das alles aufreißen. Und die anderen Verwandten sind ganz weit von Mamas Seite, die wussten das auch nicht. Aber die von Papas Seite, die Oma war verstorben, der Opa auch in Jakutien, haben wir auch Fotos. Die Verwandte von Papas Seite, also Omas Schwester, die war auch jetzt verstorben, hatten wir in der Zeit Interesse schon irgendwie, aber wir hatten auch Angst zu fragen. Denn immer wenn was war von Kindheit, das erinnere ich mich, dass wir durften nicht sprechen. Also Deutsch haben wir nur zuhause gesprochen. Draußen mussten wir Russisch sprechen. Also die Angst ist geblieben, war da.
MA: Also damals zu Sowjetzeiten war es dann so, dass Sie sich gar nicht draußen als Deutsche bezeichnet haben? Wurde das thematisiert von der Bevölkerung? Oder wie war das da?
EE: Das war verschieden wie man sich dann… Bei uns da waren es siebzehn Familien, die Deutsche waren. Und von Anfang an, anfangs da haben sie zusammengehalten die Deutschen. Jeden Sonntag haben sie sich getroffen, also die Erwachsenen von den Familien. Diesen Sonntag sind sie bei uns, nächsten Sonntag da. Und wir Kinder waren mit direkt dabei da, haben wir was Gutes zu essen bekommen, dann konnten wir draußen spielen. Und auch die Älteren, die Jugendlichen – die kleinen Kinder haben gespielt -, aber die Jugendlichen waren auch draußen. Aber das war so, dass sie haben so nachgeguckt, dass niemand da reinkommen. Das ist uns erst später eingefallen, dass das so aufgeteilt war. Also alle die, das waren Ausgesiedelte, das waren nicht nur deutsche Ausgesiedelte, alle anderen Nationalitäten auch. Aus Moldawien, aus Kaukasus, aus, na ja, ganz, ganz viele Nationalitäten waren da. Und die waren, nach dem Krieg konnten sie wieder nach Hause. Alle, außer den Deutschen, die Deutschen mussten bleiben.
MA: Ach so, die durften dann wieder an ihren angestammten Ort.
EE: Ja, das ist… Und wir mussten bleiben. Und das war auch so, die haben ganz gut gearbeitet immer die Deutschen, waren immer fleißig. Und je nachdem, wer an der Macht oder wie man sagte in dem Ort war, die jetzt gegen die Deutschen oder jemanden verloren im Krieg haben, die hatten die Deutschen gehasst, egal warst Du beteiligt oder nicht. Wir hatten ja mit dem Krieg nichts zu tun, aber wir waren die Deutschen. Und denen ging es ganz schlecht. Und bei uns das war so, die haben geguckt, ja die sind ordentlich, die Leute arbeiten tüchtig und haben auch nicht so vieles draus gemacht, denen ging es besser. Aber unter Kommandatur, da mussten, auch nicht überall, aber bei uns war es so, als wir gekommen sind, da mussten wir uns melden, also Meldepflicht. Jede Woche, einen Tag in der Woche musste man hin. Und das war nicht nur, dass die Erwachsenen, das waren auch mit den Kindern. An einem Ort, wo wir hingekommen sind aus Jakutien da, und wir sind im März angekommen, es war also noch Winter. Und da ist mit allem Drum und Dran: Kälte und Schnee und Wind. Und der Papa war auch krank, die Mama musste gleich arbeiten. Und das erinnere ich mich bis heute und mag keinen Wind. Der Papa hat uns zur Kommandatur getragen, ich war drei, im Januar war ich drei geworden, das war März. Und die Schwester war im Februar geboren, also war sie auch klein, ein Jahr, vierzehn Monate so. Und er konnte uns beiden nicht tragen. Es war ein großer Mann ja, aber waren wir mit dem Ganzen angezogen, es war schwer. Und er hat die eine genommen, hat sie ein bisschen getragen und dann hingestellt und dann ist er zur anderen, zu der Kleinen gekommen, hat sie genommen und weitergetragen. Und der Wind war nun - hat er erzählt dann der Mama - da war ich fünfzehn, das war immer irgendwie so gekommen und dann weggegangen das Bild. Ich hatte immer Angst vorm Wind. Und da hat ich mal der Mama erzählt so und so, ein Schal, ein grüner, ein Tuch kein Schal, ganz grünes Feld und große rote Mohnblumen drauf. Die Mama hat gesagt, „Ja, das hatten wir so“ und im Winter, wenn wir raus sind, hat der Papa uns eingeschlagen und die Augen waren nur, ich konnte nur sehen mit den Augen. Aber Wind ist ja schon und der Papa trägt mich und stellt mich hin und dann ist Papa weg. Und der Wind, ist niemand da, ich seh nix nur den Schneesturm und so Angst, da kommt der Papa wieder, nimmt ich, ich will ihn nicht loslassen, ich hab Angst, dass ich ihn verliere. Und bis wir zur Kommandatur gegangen sind, das war mehrmals so, loslassen und wieder. Und das war wirklich so schlimm. Und da sagt man, dass die Kinder mit drei können das nicht behalten. Doch, das hat sich so ganz eingeprägt. Na ja.
MA: Das heißt, dass Sie also schon auch in Ihrer Kindheit oder Ihre Familie überhaupt eben auch sehr vielen Schwierigkeiten ausgesetzt waren, auch vielen Diskriminierungen kann ich mir vorstellen. Haben Sie das persönlich auch als Erwachsene so erlebt?
EE: Nee, als Erwachsene nicht, aber das war auch so in der Schule. Ja, der Papa ist verstorben, da waren wir alleine, es hat in der Familie gleich, also er war ein guter Ingenieurmechaniker und man hat ihn hoch geschätzt und auch gut bezahlt. Wir konnten uns jetzt eine Nähmaschine leisten und eine Kuh und noch ein Rind dazu. Aber als er verstorben ist, das war Kolchose und das wurde nicht bezahlt mit Geld. Ein bisschen haben sie gekriegt, aber das andere also Naturprodukte, was da ist. Und vom Kolchos da sind sie gekommen gleich die Kuh oder die Nähmaschine wegnehmen. Jetzt hat die Mama gesagt, „Die Kuh haben wir, das Rind geb ich ab, die Nähmaschine, nein“. Sie hat genäht und da konnte sie auch was dazuverdienen, wenn sie für jemanden näht. Und das hat für, ja das hat die Schwiegermutter, meine Oma, hat sie gelernt das zu nähen, sie war eine gute Näherin. Da hat sie für die Kommunisten-Obrigkeit was Schönes genäht. Na ja, aber die Mama musste arbeiten. Es waren nicht nur die Männer, es waren die Frauen, deren Männer nicht gekommen sind, zurückgekommen sind, alleine Witwen. Und das war ganz schwer. Die mussten früh raus zur Arbeit ins Feld oder in die Berge, wo sie hingefahren sind um halb fünf morgens und bis elf, je nachdem, zurück. Da waren wir alleine.
MA: Abends?
EE: Abends elf. Und ja, wir mussten auch heizen, ja, das war ein bisschen schwer schon. Aber die Mama hat uns gelernt, wie man das macht, was. Und in der Schule, ich war gut in der Schule. Bis fünf konnten wir kaum Russisch sprechen, wir waren ja immer zuhause, draußen die Kinder. Und mit fünf haben wir erst gelernt normal Russisch zu sprechen. Und in der Schule dann war es so, die Eltern haben immer den Kindern geholfen, wenn es was… Ich hab auch immer die Mama gefragt, hat sie gesagt: „Kind, ich hätte Dir gerne geholfen, wenn es Deutsch wäre, aber Russisch verstehe ich nicht so viel, dass ich Dir helfen kann. Da musst Du schon selber durch.“ Und da hab ich mich auch durchgeschlagen, war die Beste in der Schule. Aber, na ja, es war so, nach der zehnten Klasse das waren Goldmedaillen oder Silbermedaillen und na ja, hab ich auch gedacht, dass es normal ist, wir kriegen ein Zeugnis und das ist ausgezeichnet und das kommt später, es muss erst in die Region und dann. Und da hab ich auch gewartet. Wir waren zu Dritt, also ich war mit Gold ausgezeichnet, musste ausgezeichnet werden, ich hatte nur die besten Noten. Und dann war eine Tatarin, nein zwei, also der war auch Tatare, das waren auch Minderheiten, die auch ausgesiedelt wurden, und die eine sind auch geflüchtet während der Revolution nach China und die sind zurückgekommen, also waren wir nicht normale Schüler. Und es war auch ein Kasache dabei. Der war schlechter wie wir, aber der war auch dabei. Und als dann zurückgekommen die Auszeichnungen, hab ich ganz normal Zeugnis bekommen ohne was und da stand in Literatur eine Drei drin. Wenn eine Drei ist - die beste Note war fünf - ich hatte immer nur Fünf in Allem, aber Literatur war Drei. Ich hatte nie eine Vier. Vier war auch eine gute Note, aber die beste war Fünf. Und wenn man Drei drin hat, ist ja keine Auszeichnung, das ist ganz normal. Die hatten auch eine Drei, jeder hatte und die hatten auch Vier dabei, eine Vier gehabt. Sind Sie zum Schuldirektor: „Stellen Sie mir noch eine Vier anstatt die Drei.“ Die haben das auch gemacht, das war ein Guter so, das konnte man da machen. Ich bin nicht gegangen. Also ich hab mit der Drei… bin zur Hochschule gegangen mit der Drei. „Nur Fünfen“, haben sie gesagt, „das kann doch nett sein!“. Ich habe einen Aufsatz geschrieben, der war auch der Beste. Wieso steht da Drei drin? Na ja, ich war stolz. Ich wollte nicht betteln um eine Vier oder so. Und das war die erste Diskriminierung.
MA: Wo Sie so für sich gedacht haben, „Der Grund, dass das so passiert ist, weil ich einen deutschen Hintergrund habe“?
EE: Nein, das war nicht so, dass ich es gedacht habe. Ich bin gleich gegangen zu meiner Klassenleiterin und sie war die Schwester vom Schuldirektor und haben wir zusammengesessen und da hat sie auch gesagt, „Ja, Kind, kannst Du nichts machen, Du bist eine Deutsche“.
MA: Ihnen wurde das da in dem Moment von außen sozusagen…
EE: Ja, das wurde mir gesagt. Bis daher hab ich „Ja gut, jemand hat gesagt wir sind Faschisten, Deutsche“, das hab ich gewusst, dass ist das so, aber direkt so, dass man von Oben uns so sieht, da hab ich… Ich wollte eigentlich immer Mathematik – ich war die Beste in Mathematik – Mathematik studieren, aber da hab ich gesagt, „Gut, ich bin eine Deutsche und ich bleibe auch eine Deutsche!“ und habe Deutsche dann als Muttersprache gelernt.
MA: Also das war wirklich so ein Punkt, so eine Zäsur bei Ihnen, wo Sie dann diese Entscheidung auch getroffen haben?
EE: Ja, wenn ich Deutsche bin, dann bin ich auch Deutsche und ich bleibe auch eine Deutsche. Und den Pass – wir hatten in der Schule, nicht jeder, also wenn er vierzehn ist oder ja, mit sechszehn haben wir den Pass bekommen. In der Schule, das war die ganze Klasse, alle Antrag gemacht und da hat, egal bist Du früher oder ein bisschen später, aber wir haben alle zusammen die Pässe bekommen. Und da stand drin, da konnte man die Nationalität reinschreiben, mussten wir auch, alle haben russisch reingeschrieben. Ich habe „Deutsche“ geschrieben, ich bin ja eine Deutsche. Papa ist deutsch, Mama ist deutsch und so, da hatte ich gar keine Frage, was ich da reinschreibe. Aber es gab, da haben wir auch gedacht, die Mama ist Tatarin, der Papa ist Kasache und im Pass steht „Russe“. Das war also nicht Bürger Russland, sondern Nationalität, aber das war auch von den Eltern. Wenn Du ein Russe bist, dann bist Du höher, als wenn Du ein… Und als wir dann die Anträge gestellt haben, ich war später, aber viele, die jetzt Anträge gestellt haben sind zu uns gekommen, um auszufüllen die Anträge und da stand drin „Nationalität: russisch“.
MA: Meinen Sie jetzt dann wo…
EE: Die anderen, ja, die Deutschen.
MA: Die dann nach Deutschland wollten?
EE: Ja, denn sonst das war ja dort nicht gefragt. Russen oder Deutsche, das war egal.
MA: Wenn Sie sagen, Antrag stellen, waren Sie da in so einer Position tätig?
EE: Das war so, die hatten doch gegründet, ich war dabei, den deutschen Verein „Wiedergeburt“.
MA: Ah, das hatten Sie vorhin erwähnt.
EE: Ja. Das war in der Stadt Ust-Kamenogorsk, das war die Gebietsstadt bei uns, und dort haben wir die, also war ich auch Mitglied. Und da waren die Erstanträge, auch dann wie sie auszufüllen sind. Wer die deutsche Sprache gelernt hat, stand ja Deutsch drin alles, das musste man lesen. Und die hatten ihre Unterlagen, also die Pässe und Geburtsurkunden da stand Deutsch, nein, da stand russisch drin. Ein Russe, hab ich auch mir gedacht, wieso? Und dann haben sie auch erklärt. Ich hab mit der Mama auch gesprochen, „Ja, guck mal, sind doch Deutsche, aber steht im Pass Russen! Sag, wieso?“. „Ja Kind, die hatten Angst sich als Deutsche, denn man hat nie gewusst, was da weiter kommt“. Und, na ja. Da habe ich jetzt, gut, das war [19]85-86 noch so die Zeit, als wir angefangen haben. Aber ich bin aus Saratow, die ältere Tochter ist nach Deutschland gegangen und die jüngere war in Russland auch, aber in Sibirien. Da bin ich zu ihr.
MA: Wann ist Ihre Tochter, ihre ältere, nach Deutschland gekommen?
EE: Sie ist zwei Jahre vor uns gekommen, 2001. Und in Sibirien, das war, na ja, ich wollte was tun einfach um, hab ich ja auch gedacht, „Such mal die Deutschen auf, die da hier sind“. Keine große Stadt, aber doch so fünfzehn- oder zwanzigtausend Einwohner. Aber die Deutschen, sie hatten auch dort, 2001, nein 2002 war das, sie hatte Angst sich als Deutsche, zu sagen, dass sie Deutsche sind. Das war mir so… Derzeit war ja schon nix, das war, Du bist Deutsch oder egal was, wir konnten auch Lehramt studieren, das war locker. Aber das war drinnen - hab ich auch gedacht, wieso -, aber es war der Platz, wohin sie ausgesiedelt wurden, wo die Trudarmee war. Schachten und Kohle, die hatte dort Angst bis zuletzt. Heute weiß ich nicht, wie es ist, aber 2002 hatten sie immer noch Angst sich als Deutsche zu erkennen, na ja.
MA: Wann fing das an, dass viele Deutsche dann gegangen sind, nach Deutschland gekommen sind? Wann würde Sie das datieren, also so aus Ihrem Umfeld?
EE: Also das war auch so, als die Sowjetunion auseinander – ich bin ja Lehrerin von Beruf, dann hab ich gewechselt, ich war krank geworden, und musste ich, konnte ich nicht mehr als Lehrerin arbeiten. Aber im Kindergarten war das ein bisschen anders als in der Schule, bin ich in den Kindergarten gegangen. Die Ärztin hat gesagt, „Versuch es mal, ob es klappt. Wenn es leichter ist, dann kannst Du noch arbeiten, sonst kannst Du überhaupt nicht“. Hab ich auch versucht und es war anders, es war auch leichter als in der Schule für mich damals, da musste ich nicht so viel schreiben, nicht so viel mit dem Kopf. Und dann hatte ich einen Kindergarten geleitet, da haben sie einen neuen gebaut und da haben sie mich zur Leiterin gebeten. Da hab ich mich beworben, hab ihn sechs Jahre geleitet. Und als Sowjetunion auseinander ist, da haben sie in Kasachstan die Kindergärten geschlossen. Die Mütter sollen ihre Kinder selbst erziehen. Und da waren wir, ich hatte siebzig Erzieherinnen und alles Drum und Dran, was im Kindergarten war, so siebzig Mann, wir wurden alle entlassen. Und es war so die Zeit, es gab keine Sozialhilfe oder was, wie es hier ist. Einfach ohne was. Um eine neue Arbeit zu finden… Ich bin ja Lehrerin, ich muss entweder in die Schule oder… Sonst hatte ich ja nichts. Und mit dem Alter war es auch nicht so. Die Dreißigjährigen oder Fünfundzwanzigjährigen haben noch was bekommen, aber… Und da hab ich auch einen Verein gegründet und wir hatten, als ich noch im Kindergarten war, hatten wir so ein Projekt, Deutsch ab drei Jahren.
MA: Diese Lehrtätigkeit, die sie da hatten, haben sie da Deutsch gelehrt?
EE: Deutsch, es war nicht nur Deutsch, ich hatte auch noch, oh je, alles was an Lehre im Dorf fehlte. Und das war eine große, da hatt‘ ich mich ganz arg angestrengt und dann war’s ein bisschen zu viel.
MA: Burnout?
EE: Das war auch dazu und ich war auch, Meningitis hatte ich, das war auch dazu alles gekommen, na ja. Aber wir wollten, da war ich noch im Kindergarten, da haben wir so einen Verein gegründet, einfach so die Deutschen zusammen. Und ich hatte eine Gruppe Deutschunterricht, für die, die jetzt auswandern wollten. Und für die, haben wir gedacht, irgendwo gibt es eine Autonomie für die Deutschen. Und da die Deutschen schon nicht mehr Deutsch sprechen konnten, die Ältere sind entweder ganz alt und zuhause und die Kinder wollten nicht, weil sie Angst hatten, dass das… also zuhause wurde gar nicht mehr Deutsch gesprochen. Ja, das war auch so, es waren keine wo Mann und Frau Deutsch waren. Sie haben geheiratet Russen, Deutsche so und haben die Sprache gesprochen, je nachdem. Mann ist Deutscher, dann sprechen sie Russisch. Dann haben wir auch angefangen mit den Kindern. Die Kinder müssen Deutsch sprechen, ja lernen, die können das von den Eltern nicht mehr lernen, die sprechen das auch nicht. Und da haben wir das versucht im Kindergarten. Und da hatten wir auch Kontakt mit der Familie Langwald aus Thüringen. Die sind nach Russland gekommen, erst hatten sie so wie Bekanntschaft gemacht wie und was von den Deutschen ist und wie der Kindergarten und so. Und dann hatten sie uns unterstützt, Bücher geschickt.
MA: Und was für eine Verbindung hatten sie dort? Hatten die dort Familie, Verwandte?
EE: Nein, Verwandte waren es auch nicht. Durch die Vereine. Und ja, in Slawgorod, das ist eine Nationalregion in Sibirien, eine deutsche Nationalregion. Und da war ein oder ist heute noch, denke ich schon, so ein College für die Erzieherinnen, die den Kindern im Kindergarten Deutsch beibringen. Und das hatten sie unterstützt. Und da waren sie überall in Kasachstan und Russland auch und haben Seminare gemacht und da haben sie uns eingeladen die Lehrerinnen oder die Erzieherinnen oder die Leiterin vom Kindergarten. Und sie waren bei mir im Kindergarten, viermal war ich bei Ihnen und war auch als Dolmetscherin habe ich sie begleitet in Kasachstan ein paar Mal da. Hatten wir dann, als der Kindergarten dann nicht mehr war, hatte ich schon Bekanntschaft gemacht mit Waldorfschule Ust-Kamenogorsk war auch da, auch mit den Deutschen Kontakt. Alles was da kommt, haben sie mich eingeladen und da hatten wir immer Kontakt. Und da haben sie auch gesagt, „Jetzt kannst Du doch auch für Dich eine Gruppe machen, für die, die jetzt ausreisen wollen und Du kannst sie unterrichten, also ein Kurs oder zwei, je nachdem wie viele das sind.“ Und da hab ich auch gemacht zwei Gruppen und da hab ich den Verein gegründet. Eine Gruppe ist für den Verein, also das Geld, was ich verdient habe, und die andere das war für die Familie. Ich hatte nichts mehr, keine Arbeit, das, was da aus dem Kurs war.
MA: Aber Sie selber haben noch nicht daran gedacht zu dem Zeitpunkt nach Deutschland zu gehen?
EE: Nein, ich wollte ja, ich hab auch geglaubt, dass es was für die Deutschen, die jetzt da waren und die wieder in ihre Heimat zurück wollen an die Wolga, dass sie was für die machen. Das habe ich gedacht, dass so. Aber nach Deutschland…
MA: Sie selber hatten gar nicht diesen Plan?
EE: Nein, wir hatten nicht den Plan. Und die Kinder, also meine Töchter sind auch Erzieherinnen mit Deutschunterricht. Die haben auch Deutsch studiert und in Slawgorod, also gelernt. Und das war die Zeit, die Russland für sich, Kasachstan für sich. Die Russen haben ihr Geld, die Kasachen haben ihr Geld. Das war so schwer, wir konnten ihnen kein Geld schicken und sie waren abhängig, wir haben sie hingeschickt, es war Zementwerk, die haben das bezahlt die Lehre. Also Zementwerke ist in Kasachstan und Russland und dann stopp, die konnten nicht mehr bezahlen, die hatten nichts mehr damit zu tun, kein Geld überweisen. Also das war wirklich schwer.
[Interviewpause – Besprechung der Interviewtermine]
MA: Ich wollt jetzt noch mal nachfragen, mit Ihren Töchtern, da haben Sie jetzt erzählt, die haben nicht in Kasachstan studiert, sondern in…?
EE: Sie haben ja, in Russland.
MA: Und sie hatten dann Problem, denen sozusagen Geld zu schicken, weil das…?
EE: Oder sie zu besuchen oder dass sie nach Hause kommen, das war problematisch. Das war wirklich schwer die zwei Jahre. Ein Jahr war noch okay, da waren sie noch in Kasachstan und Russland, aber die zwei Jahre waren ganz schwer. Wir hatten auch kein Telefon zuhause, dass man einfach anrufen konnte und so. Wir mussten zur Post. Und das war jeden Freitag haben sie dort gewartet bis die Verbindung da ist und wir haben da gesessen, ich und, der Mann war noch am Leben. Es war so Gewohnheit, Freitag müssen wir, es war, egal was für Wetter. Und es waren auch keine Busse, es waren drei Kilometer bis zur Post. Und dann sind wir hin. Ja, das war wirklich schwer. Aber sie haben’s geschafft mit Auszeichnung haben beide Diplome bekommen. Aber hier wurde es nett, hier sind sie keine Erzieherinnen.
MA: Wurde ihre Ausbildung hier nicht anerkannt?
EE: Ja, das wurde nicht anerkannt. Die ältere ist Pflegerin, PDL hat sie jetzt gemacht mit Auszeichnung beides. Und die zweite in Frankfurt ist Bürokauffrau. Aber zurzeit findet sie nichts. Und schreibt jeden Tag zwei, drei, vier, fünf, zehn Bewerbungen je nachdem, aber…
MA: Und Ihr Mann war der eigentlich auch Deutscher?
EE: Nein. Er war ein Pole, aber auch sind nach Russland gekommen vor zweihundert irgendwas. So gemischt, Polen waren sein Vater, Großvater und so und die Mutter war eine Russin.
MA: Und was hat er beruflich gemacht?
EE: Er war Chauffeur. Aber Handwerker, er konnte alles machen was im Haus ist, das war sein Hobby. Holzarbeiten konnte er alles machen. Und reparieren alles, was da im Haus ist, alle Geräte.
MA: War das vielleicht auch ein Grund, dass sie dann nicht daran dachten, nach Deutschland zu kommen, weil Ihr Mann…?
EE: Er wollte auch nicht, er war auch dann krank geworden, da konnte man auch nicht einfach in eine andere Gegend, das war nicht möglich. Aber wir haben auch nicht gedacht, dass wir nach Deutschland… Es sind alle auch, die mit mir angefangen haben, sind alle ausgereist. Ich bin geblieben mit einer Kasachin, Lehrerin, mit der wir von Anfang an zusammen waren. Also wir waren nicht nur Deutsche haben das gegründet, sondern die alle, die das wollten, irgendwas mit den Deutschen, mit der Geschichte. Und es gab eine Frau, Kasachin, die hat Deutsch gelernt, studiert und war Deutschlehrerin und die war auch mit mir geblieben dann zu zweit. Aber dann sind alle Deutsche gegangen und einfach ein Verein für die Deutschen [lacht], wo keine Deutsche, das bringt ja nix, haben wir auch gedacht. Wir hatten ja da das letzte Jahr gemacht, die Leute wussten ja nicht, dass unter ihnen Deutsche sind. Das hat sie dann interessiert. Wir hatten nicht gemacht, wir hatten Lager gemacht also im Sommer für die Kinder, Sprachlager. Und sie nicht untergebracht irgendwo in einem Ort oder Hotel oder so was, nein, sie waren in den Familien untergebracht, haben wir das so besprochen. Und da hat die Familie, die das Kind aufgenommen hat, das aus einer deutschen Familie kam, also da haben sie so viele Kontakte geknüpft, das war wirklich schön. Da ist auch die Familie zu ihnen gekommen. Das war nicht nur in unserem Dorf, das war im Kreis von dreihundert Kilometern, haben sie das erfahren. Wir haben auch welche angeschrieben, es stand in der Zeitung, im Radio haben die das, dass es so ein Lager gibt. Und das war wirklich schön, dass sie dann Freundschaften geknüpft haben, Kasachen-Familien mit Deutschen, Russen, ganz viele, das war was. Aber das war ja auch, ich konnte keine Gruppe mehr, die, die jetzt bezahlt waren, die waren nur für die Deutschen gedacht. Und ohne Geld konnte man auch nichts machen, vom Staat wurde man nicht bezahlt. Und da bin ich nach Russland gegangen, also nach Saratow. Und dann die ältere Tochter war dort noch und dort war es noch, kamen Gelder aus Deutschland und haben unterstützt die „Wiedergeburt“, also auch noch so einen Verein, einen großen Verein, das war für das ganze Wolgagebiet. Und da hatten wir auch die Sprachlager gemacht, da war ich einen Sommer dabei, das waren zwei Lager. Und da hab ich geforscht, wo die Deutschen im Wolgagebiet waren damals. Im Archiv konnten wir da rein gucken was und haben wir auch gefunden von der Mama seit den Urgroßeltern, die nach Russland gekommen sind und wie und was.
MA: Was war die Region, wo die hergekommen waren? Konnten Sie das auch herausfinden?
EE: Das ist fraglich, es ist Hessen, Nordhessen. Und Papas Seite war, denke ich, das war Hessen oder Baden-Württemberg, gemischt von allen ist was da drin. Von der Sprache und den Gewohnheiten. Die haben ganz viel mitgebracht aus Deutschland, was sie auch da behalten haben und da kann man das herausfinden, woher sie gekommen sind.
MA: Ja und dann, haben Sie gesagt, Ihre Tochter ist zwei Jahre vor Ihnen. War sie die erste dann von der Familie, die nach Deutschland…?
EE: Ja, ihr Mann ist, na ja, ist auch so ein bisschen kompliziert. Er ist ein Deutscher, aber seine Mutter ist eine Russin, der Vater ist ein Deutscher. Und die Eltern, die Großeltern sind vorher noch nach Deutschland gekommen, direkt nach Mannheim hier. Und dann ist der Sohn, also der Schwiegervater von Katja, ist mit der Familie und da haben sie auch zusammen, sind sie zusammen nach Deutschland gekommen. Und sie haben auch, alle wir mussten einen Test machen, ob wir Deutsche sind. Das ist auch ein bisschen so… diskriminierend.
MA: Geht es da nur um die Sprache?
EE: Nicht nur. Also erstens war, dass einer in der Familie Deutscher ist, Papa oder Mama. Und dann dass in den Unterlagen, also im Pass, den Du erst mal bekommen hast, dass drin steht „Deutscher“ und zweitens, dass Du die deutsche Sprache kennst nicht vom Lernen aus, sondern von zuhause, also sprichst Dialekt. Und wenn nicht, eins oder zwei von drei musst Du unbedingt haben, entweder das oder das oder das. Und, na ja, Katja und Valerie, sie haben einen Antrag gemacht, einen eigenen und sie haben also eingetragen, dass sie einen qualifizierten Test machen, sie waren beide Deutschlehrer. Sie haben das auch gemacht und haben Paragraph Vier die beiden. Und ich und meine Tochter haben auch so einen Antrag gestellt, also qualifizierter Test. Also da musstest Du nicht nur sprechen und alles da tun, auch Schreiben. Wenn Du aber nicht bestehst, dann darfst Du nicht mehr. Das hatten wir gewusst. Na ja und da haben wir auch bestanden.
MA: War das dann so eine zentrale Stelle, wo das…?
EE: Ja, das ist das Konsulat bei uns war das in Novosibirsk. Das war dort.
MA: Und wer hat die Prüfungen gemacht?
EE: Vom Konsulat, also Deutsche, die aus Deutschland kommen, die machen die Prüfung. Es gibt ganz viele, die jetzt die Prüfung machen. Also kriegst Du einen Termin, fährst Du hin und dann wirst Du getestet.
MA: Sie meinten am Anfang, es sei auch ein bisschen diskriminierend?
EE: Nicht ein bisschen, sondern ganz viel. Da musst Du bestätigen, dass Du ein Deutscher bist. Da kommen Leute mit verschiedenen Nationalitäten, die brauchen das nicht. Es wird auch nicht gefragt, die werden einfach so genommen. Die jüdischen Kontingentflüchtlinge, das ist was anderes, aber doch das war aus Russland. Es sind nicht die Juden, die hier waren, das ist was anderes. Sie konnten dort, na ja wie sagt man, sie waren dort in der Armee erstens ganz normal, die Deutschen durften nicht, im Weltkrieg. Und dann sie durften auch studieren egal wo, die Deutschen nicht. Es wurde auch gewählt.
MA: Als Deutscher musste man dann einen Antrag stellen, ob man das dann darf oder festgelegte Orte, wo die Deutschen hindurften?
EE: In Russland? Ja, bis [19]85 sag ich. Ich bin gekommen in Saratow, Wolga-Gebiet, wo die Deutschen waren zuhause und ja, jetzt können alle, das wurde auch überall in den Zeitungen, die dürfen nach Hause. Nein, Saratow-Gebiet wurden sie nicht angenommen.
MA: War das das mit den Protesten, was Sie erzählt haben?
EE: Ja, einfach so, es gibt keine Plätze. Es gab viele Dörfer auch Arbeitskraft, es gab auch viele Plätze, wo sie wohnen könnten, nee, sie wurden nicht angenommen. Wolgograd, das ist direkt neben denen, da konnten sie hin. Aber sie sind aus Saratow-Gebiet gekommen, sie wollten nach Hause.
MA: Als das Zuhause wurde dort betrachtet und gar nicht Deutschland.
EE: Nein, nein, das wollten sie, erst wenn sie dorthin durften. Da hab ich auch mit vielen gesprochen, die wären nicht nach Deutschland gekommen, das war ihr Zuhause, sie sind dort geboren. Das war die beste Republik, die erfolgreichste in der Sowjetunion, das war beste Arbeitsbedingungen und Leben, alles was da war, das war wirklich das Beste. Und die, die jetzt ausgesiedelt waren die Deutschen, sie haben das alles erlebt und die sehnten sich nach, das war ihre Heimat, nicht Deutschland. Und als dann der Gorbatschow weg war, war der Yeltsin da und er hat gesagt, „Ja, Ihr kriegt Autonomie an der Wolga“. Aber wo sie Kernwaffen getestet haben. „Wenn Ihr die Gegend räumt, alles da, dann könnt Ihr dort leben“. Und das war der Grund, dass die meisten gleich gesagt haben, „Nee, noch mal machen wir das nicht!“. Und dann sind sie gegangen einfach. Aber es war nett so, dass sie mit „Ich will weg!“ oder so. Wenn sie das gekriegt hätten, ja. Aber zurück konnten sie auch, sie konnten ihr Haus wieder haben, es war so ein Gesetz, wenn sie in dem Haus wohnen wollen, kriegen sie es zurück. Aber wenn Du hinkommst und in dem Haus wohnt eine Familie, kannst Du die Familie raus oder was, zwanzig, dreißig, egal wie viele Jahre, das kann man doch nicht machen? Aber wie schwer das ist, wenn man zurückkommt und das immer sieht! Ich habe dort einen Mann getroffen. Ich hatte ihn kennengelernt, das war so ein Treffen bei uns, eine Woche waren wir zusammen. Die aus der Trudarmee, die die Arbeitsarmee erlebt haben, haben sie alle zusammen und Deutschland hat auch das bezahlt, so wie eine Kur gemacht. Ich hab ihn dort erlebt. Ich war da und hab mich mit ihm beschäftigt, also sie betreut. Da war so ein, das war interessant mit ihm, er war lustig so, wirklich. Dann hab ich ihn nach drei Monaten getroffen, er lebte erst im Kaukasus, dann wollte er zurück, hat er gesprochen, dass er zurück wieder in sein Heimatdorf kommt. Ich habe ihn dort getroffen. Der war so alt geworden, so ängstlich, so verwirrt und so traurig. Ich hab, Jakob hat er geheißen. Ob er heute noch lebt, denke ich nett mehr, der war, das ist ja schon zehn Jahre, zwölf Jahre zurück sogar. „Sag ich, ja, was ist denn los? Sind Sie krank?“. Sagt er, „Nee“. Er hat ein kleines Häuschen gekauft direkt neben dem Haus, großes zweistöckiges, wo er geboren ist und aufgewachsen und seine Jugend vergangen ist. „Und jeden Tag“, sagt er, „guck ich da was und da kommen die Erinnerungen halt“. Und das… Und da hab ich auch gedacht, „Gott sei Dank, dass die meisten nicht zurückgekommen sind, das ist keine Freude. Dann ist alles anders als es war und es wird auch nicht so sein wie es ist. Und das ist traurig, das habe ich auch gedacht. Wie der Gott jetzt das wollte wahrscheinlich so, dass wir wegziehen müssen oder weiß nicht. Aber ich hab das erlebt, diesen Mann, dass es so ist. Er war in drei Monaten so veraltet und so, das kann man sich gar nicht vorstellen.
MA: Bei Ihnen war es dann letztlich eben, dass Ihre Tochter weggegangen ist und dass Sie dann auch gesagt haben irgendwann, jetzt…
EE: Ja, das ist auch nett leicht. Sie war dort, hier in Deutschland schon, wir mit der anderen Tochter wir waren dort und das ist schwer die Familie auseinander. Jeden Tag was, wie, wo? Am Telefon Gespräch. Aber dann haben wir auch gesagt „Nee, es reicht“. Das hält ma nett aus. Und jetzt die Familien, die jetzt den Test nicht bestanden haben, da ist die Mutter gegangen, die Kinder und der Vater ist geblieben, weil er Russe ist oder weil er, weiß nicht, irgendwas passiert ist, dass er den Test nicht bestanden hat.
MA: Das Ehepaar darf nicht gemeinsam, sondern…
EE: Nein, die müssen Test machen.
MA: Ja, wenn der eine Ehepartner den bekommt und der andere nicht, dann darf der andere nicht mitkommen?
EE: Nein, das ist so. Und das ist auch bei meiner Schwester so. Die ist jetzt da, die zwei Söhne sind geblieben und der Mann. Der Mann wollte nicht und ja und dann, als er wollte dann später, der hat auch nicht gelernt Deutsch, er ist auch ein Pole. Und na ja, er hat den Test nicht bestanden und ihr Sohn, der eine wollte nicht, weil er eine Russin geheiratet hat und ihre Familie ist alle dort und da ist er auch geblieben. Er wollte auch nicht. Und der zweite wollte, aber hat den Test nicht. Und die sind dort jetzt, das ist schwer. Die Hälfte ist da, die ist mit der Tochter und mit dem jüngeren Sohn ist sie da, der war noch zwölf. Jetzt vier Jahre, fünf schon im September wird’s fünf, dass sie da sind, die wohnen in Heidelberg. Und der eine, den hätten wir auch gerne, wir hängen an ihm so. Aber er lernt nie, dort wo er jetzt wohnt in Sotci, das gibt’s nichts, wo mit der Sprache zu tun hätte. Und er kann nett lernen alleine. Na ja…
MA: Das heißt - das ist ja sicherlich auch kein Einzelfall bei Ihnen - dass mehrere Familien auch so auseinandergerissen wurden.
EE: Ich treffe ganz, ganz viele jeden Tag. Dass ein Teil da ist und die anderen sind in der Ukraine, in Russland, in Weißrussland. Und das ist ja ganz riesengroß die Sowjetunion ehemaliges. Die sind dort geblieben und… Ich spüre das, ich weiß wie das ist, wenn einer da ist… Ich konnte ja, ich habe auch eine Chance gehabt, dass ich zu meiner Tochter komme. Aber die jetzt, die das nicht können, das ist nett leicht.
MA: Und sie würden jetzt also sagen, dass die eigentliche Ursache, weshalb Sie gegangen sind oder gekommen sind, war, weil Sie bei Ihrer Tochter auch sein wollten?
EE: Ja, wir haben uns, ja dass die Familie zusammen ist. Und wir haben uns auch vorbereitet, bevor wir… Wir wussten, [19]94 war ich da und ich hab eine Gruppe von Jugendlichen her gebracht.
MA: Ah, Sie waren schon vorher in Deutschland?
EE: Ja, ich wusste, was uns erwartet und wie das ist.
MA: Waren Sie auch hier gewesen, hier in Mannheim?
EE: Nee, in Mannheim nicht. [19]94 waren wir in Kronach in Bayern. Und [19]97 war ich dann bei Stuttgart, das war in Calw, das andere war Kronach. Also bei der Akademie Calw da hatten wir einen Kurs gemacht, also ein Monat lang waren wir dort, und da hatten wir das gelernt, Integration wie das ist hier. Da wussten wir das, dass es hier nicht leicht ist. Und es war ein Projekt uns vorzubereiten, damit wir dort erzählen, wie es hier ist, was die Leute, wie sie sich vorbereiten sollen, damit sie hier nett so verloren sind von Anfang. Dass sie wissen, was auf sie zukommt. Aber dort wurde das nicht angenommen. Wir haben überall hin, es gab also die Vereine, wir wollten den Leuten das erzählen. Man hat uns nett geglaubt. „Ihr wollt nur nicht, dass wir nach Deutschland kommen“.
MA: Und die Motivation der Leute einfach nach Deutschland zu gehen, war das dann auch, weil sie keine Zukunft gesehen haben?
EE: Das war auch da genau die Zeit. Erstens es wollten ganz viele als Deutsche da und wir wollen auch unsere Autonomie, wo wir Deutsche sind. Aber es wurde ihnen verweigert. „Entweder da oder dort oder was. Da könnt ihr hin“. „Wieso die anderen bekommen das, wo sie waren, und wir müssen uns was Neues machen?“. Das hat sie also nach Deutschland gebracht. Und da war es noch ‘ne Zeit, nicht nur dass sie… Sie hatten dort kein Geld, konnten nichts verdienen, es gab die Kolchose nicht mehr, die Sowchose auch nicht mehr, keine Landwirtschaft, alles brauchte man nicht, ist kaputt gegangen. Und die Betriebe, Fabriken und Werke alles geschlossen, hatten keine Arbeit, keine Zukunft überhaupt nichts. Und hier, na ja, hier hat man was, hier kann man leben. Dort keine Medizin. Also die Lehrer gehen weg, die Schulen werden geschlossen. Die Ärzte gehen weg, Krankenhäuser und Praxen alles geschlossen. Wohin dann? Und es gibt keinen Busverkehr, einmal am Tag. Da kannst Du hinfahren in die Stadt oder Zentrum, Kreiszentrum, wo es einen Arzt gibt. Wenn Du hinkommst und warten musst, bist Du an der Reihe bist, ist der Bus weg. Was dann? Es ist so schlimm. Ja, und wenn jemand schon da war oder Verwandte, Bekannte, die haben ja geschrieben wie es hier ist, da sind sie auch gegangen. Und erst brauchten sie nicht, die Aussiedler waren es erst, die brauchten keinen Test machen. Man hat sie auch empfangen anders als die Späteren. Sie hatten ganz viel Geld bekommen also und Unterstützung von allen Seiten. Haben sie auch erzählt. Morgen auf, Briefkasten ist ein Briefumschlag und da ist Geld drin. Man wusste nicht von wem. Da waren die Nachbarn, „Ah, der ist neu gekommen, dem geht’s nicht gut und das aus der ehemaligen Sowjetunion“. Und da haben sie auch geschrieben, „Das ist so hier, kommt“. Und das war das. Aber dann die meisten dann, war es Stopp mit dem Test erst. Und dann viele, „Ja, wir gehen“, weil die gingen auch aus den Gebieten, wo Nationalregionen, wo die Deutschen zusammen waren. Irgendwie das gab es so in Kasachstan im Süden, da gab’s viele Dörfer die nur Deutsche da, die meisten, nicht nur Deutsche. Haben auch, alle anderen haben auch viel Deutsch gesprochen, nicht nur Russisch oder Kasachisch. Und aus den Dörfer sind sie auch gleich, nicht einer ist weg, sondern drei, vier, fünf, zehn, zwanzig Familien. Ich war in Slawgorod, da sind elf Familien gleich gegangen. Die hatten miteinander Kontakt von hier auch. „Was wollen wir, wir haben doch keine Zukunft, alles was sie uns versprechen, das ist…“. Und wenn man nichts hat für sich und für die Kinder auch nichts, dann… Ja, und die konnten noch Deutsch sprechen, die hatten keine Angst vorm Test, die haben den Test auch gemacht. Aber dann später, dort wo es war, woher wir gekommen sind, es waren nur sieben Familien Deutsche. Und wenn Du… Zuhause haben wir auch nett Deutsch gesprochen. Und mit der Mama und die Männer haben nicht gesprochen. Aber wir haben das den Kindern beigebracht, also „Ihr müsst lernen Deutsch“. Es war anders bei uns. Die Nichte, meiner Schwester, die hat auch Deutsch studiert in Saratow. Und der Neffe jetzt, der war mit zwölf gekommen, da haben wir auch alles gemacht, damit er Deutsch lernt. Zuhause nur Deutsch gesprochen und dann sind aus Kasachstan gekommen. Auch Deutsch gelernt, denn Deutsch, da muss man sich vorbereiten, wenn man das will. Die Nichte studiert jetzt in Heidelberg, Zahnärztin. Hat einen Amerikaner geheiratet, kann perfekt Englisch, ganz okay. Und der Neffe ist auch jetzt zehnte Klasse, war Realschule, aber hat ganz gut abgeschnitten, jetzt geht er ins Gymnasium, Wirtschaftsgymnasium. Ist auch toll. Meine Enkelin spricht jetzt Russisch, aber mit so einem Akzent. Wir haben auch das Russische irgendwie ein bissel gestoppt, das war auch von Anfang. Zuhause spricht sie mit mir nur Deutsch, mit der Mama Russisch. Und wir haben sie nicht gedrängt, sie konnte lesen Deutsch, schreiben noch nicht. Mit sechs haben wir auch nett gedacht, dass sie Russisch schreibt und liest, aber lesen konnte sie. Aber als wir da waren, haben wir das gestoppt und nur Deutsch. Und haben auch nicht gedrängt sie Russisch zu lernen, wie es gibt in vielen Familien, dass Russisch muss und so. Aber jetzt will sie auch selbst. Deutsch, Englisch, Französisch hat sie hier und jetzt will sie auch Russisch. Sie spricht ja, sie versteht so alles, aber lesen tut sie auch jetzt, schreiben, ich weiß nicht, vielleicht hat sie einen Versuch gemacht. Na ja…
[Interviewende; Besprechung des neuen Termins und des restlichen Interviews]
Produktionsbeteiligte:Interviewerin: Maria Alexopoulou
Playing time:1:35:58
Ton:nur
Zugehörige Versionen:AV0775-2
Angaben zum Erwerb:D 51
Alte Signatur:Zug. 09/2014 Nr.8
 

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Accessibility:Öffentlich
 

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