| Inhalt_AV: | MA: Also heute ist der 19. Juni und wir führen das Gespräch, also das Interview mit Frau Engel weiter. Heute wollten wir dann auch ein bisschen über Ihre erste Zeit in Mannheim sprechen. Welche Gefühle hatten Sie bei Ihrer Ankunft? Also die erste Zeit, als Sie dann hier waren und wussten, Sie werden jetzt hier erst mal leben? EE: Na ja, das erste war, in Friedland, als wir da angekreuzt haben, wohin wir wollen, als ich antwortete, haben die mir gesagt, „Aha? Mannheim? Deutsches Istanbul“. Da hatte ich mir Frage gestellt, wieso? Und die erste Zeit hatte ich keine Gedanken gehabt, was das ist und wie, hat’s mir ganz gut gefallen. Große Stadt und wir hatten auch nicht so viel Möglichkeit sich gleich mit der Stadt zu beschäftigen, wir hatten viel zu tun mit den Unterlagen, Behörden und, und. Aber das hat mir dann weiter, nach der Zeit, besser gefallen. Wir waren ja im Übergangswohnheim, also das war so Industriegebiet irgendwie, nett so, na ja nett meins. MA: War das in der Industriestraße? EE: Nein, das war Rhenania Strasse, für die Spätaussiedler war was anderes. Aber es war auch Industriegebiet in Rheinau und nett so viel Grünes, also Industrie ist ja… Aber wir sind viel in den Wald gegangen, war auch nett weit, spazieren. Und dann hatten wir Fahrräder gekauft, sind wir auch raus aus dem Gebiet. Dann in die Stadt oder an den Rhein sind wir ganz viel gefahren, an den Neckar und Heidelberg war nett weit, das hat uns besser gefallen. MA: Wie lang haben Sie da gewohnt in dem Übergangsheim? EE: Wir sind im März angekommen und bis Dezember. Dezember habe ich eine Wohnung bekommen und da sind wir umgezogen. Am 1. Dezember war schon meine Wohnung. Und die Gegend hat mir jetzt ganz gut gefallen, ich bin auch bis heute noch dort. Das ist auf dem Pfingstberg, es ist nett viel los, aber viel Natur, nah an dem See, ein kleiner See ist da. Und ganz gemütlich für mich daheim. MA: Wie war das dann? Mannheim, Sie haben ja gesagt, Sie haben es sich bewusst ausgesucht. Sie waren ja vorher schon mal hier gewesen, wenn ich mich richtig erinnere. EE: Aber nicht in Mannheim. MA: Nicht in Mannheim, aber in der Region. EE: In Baden-Württemberg, erst in Bayern und dann in Baden-Württemberg. Erst in Calw bei Stuttgart. Wir sind durch Mannheim einfach vorbeigefahren mit dem Zug, vieles haben wir nicht mitgekriegt. MA: Wie kam es dann, dass Sie sich für Mannheim entschieden haben? EE: Da war meine Tochter schon da, aber vor der Tochter mit dem Mann, seine Oma und Opa waren schon da. Und sie haben Mannheim ausgesucht, da war ihr Sohn schon da aus Russland vor vier oder fünf Jahren. Und die stammen aus Heidelberg der Urgroßvater, weiß nicht. Da haben sie ausgesucht Mannheim. Heidelberg war wahrscheinlich… Entweder Mannheim oder Heidelberg, je nachdem wo es Plätze gibt, es ist nicht weit. MA: Und bei der Wohnungssuche hatten Sie da Unterstützung von staatlichen oder städtischen Stellen? Oder war das dann auf eigene Faust? EE: Nee, das war auf eigene. Wir hatten nur die Adressen gekriegt, wo man sich anmelden, an wen man sich wenden soll. Und da sind wir auch auf die Suche gegangen, in der ganzen Stadt. Also Stadtteile angesehen, wo wir gerne sein wollten. Und da war noch die Enkelin da und wir wollten auch zusammen. Ich eine Wohnung und die Tochter mit der Enkelin und dass sie nicht weit voneinander sind, dass die Schule nett weit ist. Aber dann haben wir uns doch entschieden, die Wohnungen zu nehmen. Hatten wir auch zwei gekriegt, die Häuser standen nebeneinander. Und die Gegend war ganz schön, aber die Schule war dieselbe, wo sie angefangen hat im Übergangswohnheim. Und dann haben wir das so in Kauf genommen, dass das Kind bleiben soll in der Schule, dass es nicht so viel hin und her ist, das ist wichtig. Und dann habe ich das auch jeden Morgen erst – das war in der dritten Klasse – erst kam ein Bus, hat sie abgeholt und hingefahren, da waren andere Kinder noch da. Aber Klasse vier da musste ich selbst das machen mit dem Bus und mit der Bahn, dann wieder mit dem Bus und zurück auch so. Aber das war uns wichtig, dass sie in derselben Schule bleibt. MA: Und wie war das am Anfang sprachlich? Also ich denke, dass Sie da überhaupt keine Probleme hatten. EE: Nee, wir hatten uns ja vorbereitet, wir wollten ja was für die Deutschen in der Sowjetunion machen, da haben wir uns halt vorbereitet. Beide Töchter sind Deutschlehrerinnen für den Kindergarten, also muttersprachlich. Der Schwiegersohn ist auch Deutschlehrer. Und da hatten wir also… MA:…die besten Voraussetzungen. EE: …dass wir uns vorbereitet haben. Und da waren wir auch da und haben gesehen, dass ohne Sprache gar nichts geht. Und mit der Kleinen haben wir auch das gehabt, haben wir auch gesprochen. Also zuhause hat sie mit mir Deutsch gesprochen und sie wusste ganz vieles schon, aber es war auch schwer. Da hatten wir auch gar nicht gewusst, dass für das Kind mit sechs, sie war gleich – am 8. März sind wir da und am 1. April ist sie in den Kindergarten. Und nach dem Kindergarten haben die Eltern, haben wir uns getroffen und da hat eine Mutter dann die Mama gefragt, ob die Valeria immer noch weint. Hab ich gefragt, „Wieso weint sie denn?“. Ja, sie hat im Kindergarten, hat der Sohn ihr erzählt, hat sie sich irgendwie in die Ecke und hat sie geweint. Es war ihr schwer, sie hat nicht alles verstanden, aber zuhause hat sie das nie erwähnt, nie gesagt. Wir hatten einen Fernseher gleich, alles Deutsch und da hat sie ja alle Kindersendungen, was da ist, das hat ihr viel Spaß gemacht. Und da ist so was rausgekommen. Jetzt spricht sie Deutsch perfekt, ist im Gymnasium in Frankfurt, aber Russisch mit Akzent. Zuhause sprechen sie jetzt Russisch. Wir wollten nicht, dass sie gleich die beiden, ist ein bisschen schwer. Und haben wir auch Erfahrung, wenn die Kinder jetzt, wenn man sie drängt, dann gehen sie von der Sprache weg. Also sie hassen dann die Sprache, die sie lernen sollen. Und wir wollten das nicht, aber jetzt will sie selbst. Aber es ist okay für uns. Sie konnte ja lesen, schreiben nicht mit sechs. Und jetzt liest sie auch und sprechen kann sie, verstehen kann sie Russisch. Aber ein bisschen hört man das Deutsche raus. MA: Hatten Sie sonst am Anfang, Sie persönlich, irgendwelche Schwierigkeiten, so Alltagsschwierigkeiten, wo Ihnen so ein bisschen das Leben beeinträchtigt haben? Oder hatten Sie so den Eindruck, dass alles eigentlich ganz gut so läuft? EE: Ich hatte keine Schwierigkeiten, für mich war das alles okay. MA: Sie waren es ja auch gewohnt, an neuen Orten immer zu leben. EE: Erst nur war das schwierig, im Arbeitsamt mussten wir uns melden und mussten wir einen Kurs dann machen, den Deutschkurs. Und da haben sie gesagt, „Wenn Sie den Kurs jetzt nicht machen, dann kriegen Sie die Eingliederungshilfe nicht.“ Hab ich gesagt, „Ich will das schriftlich haben, ich spare Ihnen Geld“. Also dreieinhalb Tausend kostet der Kurs, da kamen die Rechnungen, das wusste ich. „Und ich brauch das nicht, solche Kurse habe ich selber gegeben ja in Russland, in Kasachstan. Und wenn Sie mir das nicht geben wollen, geben Sie mir das, ob das richtig ist und dann sehen wir weiter.“ Ich hab das Geld bekommen und niemand hat mich dann wieder angeschrieben, ich soll den Kurs besuchen, hab das auch nicht gemacht. Das hat meine Tochter und mein Schwiegersohn gemacht. Sie mussten das, sie haben auch gedacht, ja sie müssen das. Sie haben auch ein halbes Jahr einfach so gesessen da, sie durften nicht was anderes machen mit Lesen und Schreiben, nur dasitzen und das, was die Lehrerin da mit ABC usw. Und da war ein Pakistaner, der hat auch gut Deutsch gesprochen, die saßen nebeneinander, dazwischen meine Tochter, der Pakistaner, dann der Schwiegersohn. Die haben was Pakistanisches dann gelernt und er hat was Russisches gelernt [Lachen]. Deutsch konnten sie. MA: Immerhin haben sie was gewonnen. EE: Das war ja ein halbes Jahr, das war einfach so weg. Hab ich gedacht, ich mach das nicht. Hab ich auch nicht gemacht. Das andere war alles keine Schwierigkeit, hatte ich nicht gehabt. MA: Und auch schnell so, dadurch dass Ihre Tochter da war, hatten Sie auch schnell Kontakte usw. EE: Ja, geht das schon. Ich war auch nett alleine, das ist auch wichtig. Wenn man weiß, und… Aber Hauptsache ist die Sprache. Wenn man auch alleine ist und die Sprache kennt, kommt man doch durch. MA: Und Sie haben’s ja schon erwähnt, also dass, als Sie dann Mannheim angekreuzt haben, dass dann kam „Klein-Istanbul“… EE: Dann das war lange Zeit, da hatte ich das irgendwie vergessen bis, ich hatte ja nicht die Gelegenheit in der Innenstadt zu sein. Nett immer war ich da. Also ich hab mit der Arbeit, die ich jetzt mach, auch im Übergangswohnheim begonnen und da war Beratungsstelle dort im Übergangswohnheim. Und da war ich meistens dort und dann irgendwelche Termine in der Stadt. Aber dass ich direkt in der Innenstadt bin, war… Aber seit fünf Jahren, das sechste Jahr sind wir hier. Und das fällt mir jetzt auf, dass wirklich die Hälfte ist alles Türkisch. Vieles Deutsch und Türkisch und jetzt seit letztem ist nur Türkisch, gibt’s keine Deutsche. Auch in Geschäften, wenn man was kaufen will, es steht nur Türkisch drauf. Willst Du das, aber was da drinnen ist, was Du gebrauchen kannst, das kannst Du nicht lesen, weil nichts Deutsches drauf ist. Das, seit drei Jahren ist das schon so. Also es „istanbulisiert“ sich, kann man sagen. Ich hab ja nichts dagegen oder was, aber einerseits hier wir sind in Deutschland und für die Deutschen ist es, auch für die anderen, die sind ja nach Deutschland gekommen, da sie unter den Deutschen sein wollten, nicht nur türkisch. Das ist ja nett für mich, denn ich versteh das ja nicht. Muss ich auch jetzt Türkisch lernen. Na ja, wäre auch nicht schlecht noch eine Sprache zu lernen. MA: Wie war das überhaupt so für Sie, dass hier – hier sind ja nicht nur Türken, sondern aus aller Welt – dass hier so viele Migranten leben. Wie war das für Sie? EE: Das ist ganz normal, denn wir sind ja aus der Sowjetunion. Da waren bei uns, also insgesamt, 167 Nationalitäten also und das alles war da. Aber was da auch war, fand ich nett immer gut, wir alle haben nur Russisch gesprochen. Und es gab ganz wenige Nationalitäten, die ihre Sprache behalten haben. Wir waren in Kasachstan, in der Gegend, wo nur siebzehn Prozent von Kasachen waren, aber sie sprachen kaum Kasachisch. Und die Deutschen sie durften ja nicht sprechen. Wir waren ja ganz viele Deutsche da. Russisch, mussten nur Russisch sprechen, wir durften nicht Deutsch, ja? Also dass es viele gab… Und dann gab es so sechzehn Republiken und in der Schule haben wir auch immer, das war Tag der Einheit oder wie man das nennt, Feiertag, oder Erster Mai oder der Siebte Oktober, Tag der Revolution. Und da musste jede Nationalität sich vorstellen mit Flagge, mit allem Drum und mit Liedern, Tänzen und Tracht und ja auch wir haben was gebacken, gekocht ja, das Essen das nationale. Das war ganz normal und so wir waren viele. Also und das ist für mich auch ganz normal, wenn es… Gut wir hatten keine Afrikaner, das war ganz selten. Aus England war auch niemand da oder Frankreich. Aber andere hatten wir auch: aus Polen, Tschechien war da viele, Bulgarien waren auch da und Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan, Moldawien, Litauen, Lettland und Estland. Oder viele kleine noch, die waren keine Republiken, kaukasisch, da waren es vier, fünf Große und zwanzig oder fünfundzwanzig ganz Kleine. Und ich bin geboren in Sibirien, da waren also, das gehört zu Russland, aber Jakuten, Kajaken, oh ganz viele, Aleuten, ich denke zwanzig, nee, sechsunddreißig ganz kleine. Also das ist mir auch von dort. Das ist auch eine Bereicherung, dass man weiß, wie das geht und was man von dort nehmen kann, was man abgeben kann, wie man sich zusammen, das war schon da. Das stört mich gar nicht, dass es Viele gibt, das ist okay. MA: Was für ein Gefühl haben Sie, haben die alteingesessenen Mannheimer dazu, dass in Mannheim so viele Migranten leben, wie betrachten Sie das, wie schätzen Sie das ein? EE: Dass die älteren…? MA: Ja, die „Ur-Mannheimer“ sag ich mal, wie die das sehen, was für ein Eindruck Sie haben, wie sie dazu stehen, dass Mannheim eine Migrantenstadt auch ist? EE: Das ist wiederum nicht, viele ja sie nehmen es an als positiv, ja da kann man viel lernen. Aber andere wiederum, die Älteren, die es gewöhnt waren immer da untereinander sein und nett gewöhnt irgendwas anderes anzunehmen und reinzunehmen, also gibt’s von denen und von denen, da sind die dagegen. MA: Und obwohl Sie Deutsche sind, Sie sind auch Migrantin. Haben Sie jemals auch so Diskriminierungserfahrungen gemacht, dass Sie so das Gefühl hatten, dass Sie diskriminiert wurden, weil man sie als Migrantin betrachtet hat oder haben Sie solche Erfahrungen eher nicht gemacht? EE: Nein, ich konkret nicht. Aber ich hab das mitbekommen, denn ich sprech ja, na ja, Deutsch, da sagt man okay. Man kann sagen, sie ist aus Osten gekommen oder irgendwo aus Norden, spricht nett so Mannemarisch, wie das hier gesprochen wird. Aber es gab schon Fälle, dass mir erzählt wurde, also gegen die Einwanderer, das hab ich mitbekommen. Wenn ich gesagt hätte, dass ich auch eine bin, das sind meistens, sprechen mich an, das sind immer die älteren Leute. Und dann werden sie sauer. Ich wollte ihnen die Laune nicht verderben, hab nur zugehört, was sie da geäußert haben. Aber ich weiß, es gibt solche, die ganz dagegen sind. Und manchmal haben sie nett Unrecht, besonders in den Gegenden, wo ganz viele Ausländer wohnen. Die Jugendlichen, das ist für die Älteren nicht so einfach, das anzunehmen. Früher konnten sie rausgehen, einfach sitzen und miteinander sprechen, jetzt geht das nicht, weil die Jugendlichen da sind oder sie machen alles kaputt, was da ist. Die ganzen Bänke oder ja die Bäume, die Blumen zertreten sie, ja, das passiert oft. Und da kann ich ganz gut verstehen, dann sind sie dagegen. Und dann war auch passiert, dass im Bus, nee in der Straßenbahn, die Jugendlichen, also türkische, Rheinau Bahnhof, wo die Endstelle ist, ganz viele rein und haben sich so benommen gegen die, die jetzt Deutsch oder irgendwie das… Und das war nicht zu bremsen, ich habe Angst gehabt. Und da ist ein türkischer Mann reingekommen, da waren sie mäusestill. Er hat einfach ein Wort gesagt, Türkisch, still und dann mussten sie sich dann entschuldigen. Und da hat er auch gesagt, „Bei uns wird das so nicht gemacht. Sie ehren die Erwachsenen, besonders die Frauen“. Und hier waren sie so. Also das ist wiederum „Nicht mein Heim, nicht meine Heimat, mein Haus. Ich bin hier nicht zuhause, hier kann ich machen was ich will. Und wenn ich dorthin komme, da bin ich ganz anders“, das hat mir der Mann erzählt, da sind sie ganz anders, wenn sie dort sind oder wenn sie unter sich sind, da sind sie, ja. Das hab ich auch erlebt. MA: Und von Ihren Klienten, Sie haben ja viel auch mit Ihren Klienten zu tun. Dass die irgendwie Probleme haben mit Deutschen oder so? Oder sind es dann eher die, die sprachliche Schwierigkeiten haben oder so? EE: Ja, da krieg ich auch ganz viel mit. Es gibt auch Problem. Es gibt solche, die Hilfe bekommen, man bietet sie an. Aber es gibt auch solche, von denen eine Distanz immer ist, also sie distanzieren sich von denen. Es gibt auch eine Frau, die ist auch eine Russlanddeutsche und ganz offen, na ja, intelligent und alles Drum und Dran was da ist. Und sie kriegt es immer gesagt, „Wieso bist Du eine Deutsche, wenn Du nett Deutsch sprechen kannst?“. Sie kann sprechen, aber nett so ganz. Die war während der Kriegszeit im Kinderheim und da konnte sie nett Deutsch sprechen. Und danach war es auch so passiert, dass sie nett durfte, obwohl sie einen deutschen Mann geheiratet hatte, aber sie durften nicht zuhause Deutsch sprechen, haben sie auch nie gemacht. Und die kriegt das oft gesagt und dann sagt sie auch, „Nee, ich nehm das einfach, ich bin eine Deutsche genau wie Sie, egal, und ich kann perfekt Russisch und Sie können das nicht“. Ist auch okay. MA: Was denken Sie, was könnte aus Ihrer Sicht für Migrantinnen und Migranten in Mannheim besser sein? Und wie könnte man vielleicht – oder mit der Frage kombiniert – haben Sie das Gefühl, dass genug getan wird, also sowohl politisch als auch von Seiten der Stadt? Wie stehen Sie dazu? EE: Ich beschäftige mich jetzt mit den älteren Menschen, die hier sind schon lange, mehr als fünfzehn die meisten. Und wenn sie jetzt einen Kurs oder zwei oder fünf gemacht haben, egal, aber sind zuhause unter sich und die Sprache geht verloren. Die haben es nett leicht und sie distanzieren sich mehr von den anderen und von den Deutschen auch. Zum Beispiel machen wir jetzt, bei der AOK sind sie alle versichert und sie bietet ein Rückenstudio. Und für sie wäre das eine ideale Variante, sind sie alle nett ganz gesund. Aber hab ich mich auch angemeldet, hab ich gesagt, gedacht, wie es geht und noch zwei Frauen und es stellt sich raus, dass nur, die Physiotherapeuten sie sind Deutsch. Und die Leitung und die reden und wie alles erklärt wird Deutsch und individuell. Ich wäre dabei, hab ich gedacht, da kann man nicht helfen, da kann man die Gruppe nicht, also es muss alles individuell sein. Also können Sie nicht teilnehmen. Und wär nur ein Physiotherapeut, der Russisch sprechen könnte, wären sie drin. Das könnte man machen. Das ist das eine, nirgends gibt es so was irgendwie. Wir machen jetzt Bad Schönborn Wassergymnastik, da nehme ich sie alle mit, da hab ich auch mit der Physiotherapeutin gesprochen, wenn sie was nicht verstehen, wenn sie das erklärt, ich erkläre ihnen das, das darf ich machen. Da sind ganz viele, mehr als Dreißig. Jetzt können sie schon, sie haben sich gewöhnt und können es allein. Dass sie einbeziehen irgendwelche Aktivitäten, das ist schwierig. Da hätte man auch für sie, sie sind ja da, gehen nett weg, es kommen auch welche mit 65, auch mit 70, die lernen die Sprache nicht. Aber sie sind angenommen worden und man muss für sie auch was tun. Und da ist jetzt, ich bin bei dem Hospiz, das ist auch eine Frage, also Trauerbegleitung oder Hospizbegleitung, das ist für sie auch gar nett gedacht. Kein Begleiter spricht ja Russisch. Und Trauerbegleitung machen in Deutsch, sie trauern ja nett so wie die Deutschen. Sie trauern anders, das ist ja innendrinn, das ist Russisch. Und das ist ja, ist eine große Sache. Gibt’s nicht für alle, auch für die Ausländer gibt es das nicht. MA: Ich wollt grad fragen, wie ist das für die anderen Herkunftssprachen, ist es wahrscheinlich dann ähnlich. EE: Ähnlich, ja. Ich war die einzige, die nicht nur Deutsch spricht und ich bin auch gekommen, um das zu machen für die, jetzt gibt es ganz viele, die den Ehemann verloren haben. Es sind Frauen meistens. Es gibt auch Männer, die sind irgendwie anders, kommen nicht so aktiv. Aber das kann ich machen hier, ich sprech ja mit ihnen Russisch. Aber ich kann sie nicht weiterschicken, wo sie Hilfe bekommen, das ist nix da. MA: Ich glaub, das ist momentan auch so ein Thema, das immer wieder so, seh ich so, gesprochen wird, also Senioren und Migration. EE: Ich mache hier auch das Senioren-Treff für russische Migranten immer bei uns ist es hier. Es gibt bei der jüdischen Gemeinde auch ein Treff. Aber jüdische Gemeinde ist nur für die Juden da. Sie sprechen nur Russisch ja, außer Russisch sprechen sie nicht, nur die russische Sprache, vielleicht Ukrainisch, Weißrussland und so. Aber in die Gemeinde werden sie nicht angenommen, die anderen dürfen nicht rein, nur die Juden. Das ist auch geschlossen. Aber es gibt auch keine, ich bin auch dort, ab und zu laden sie mich ein. Und die kommen auch zu uns die jüdischen Kontingentflüchtlinge, sind bei uns auch willkommen. Der meiste Teil, mit denen wir arbeiten, aber sie haben das, Trauerbegleitung oder Hospiz haben sie niemanden, der das macht. Und da haben wir gedacht, jetzt mach ich das. Ja vielleicht kommt noch jemand da, der das machen kann, will. Aber das ist wichtig, dass sie jetzt nicht allein gelassen werden die Älteren. Dass jemand da ist, sie machen auch ganz viele Reisen, das macht die Gemeinde, ist okay, die jüdische Gemeinde. Wir auch, als wir noch Gelder hatten, bei der Diakonie haben wir auch gemacht, jetzt weniger. Aber es gibt auch ganz viele Senioren, die zusammen, aber mit den Deutschen, das geht nett. Also die Rentner, die Deutschen, also dasselbe Alter wie unsere, das ist ganz was anderes, das sind verschiedene Welten. Und auch das, was sie jetzt bekommen, die sind ja bei der Grundsicherung. Die Leistungen sind weniger und nicht zu vergleichen, können sie nett mitmachen. MA: Die können sich das dann einfach nicht leisten. EE: Nein, schon das gar nicht. Und dann ist, ja, sie wollen Essen, die bringen sich was mit. Aber schämen sie sich und dann machen sie auch nett mit. Und da bleiben sie immer unter sich. Und ja gut, machen wir da und da irgendwas für sie, das ist gut. Oder führen wir sie auch zusammen, die passt zu der und die zu der, Freundschaften und so entstehen auch ganz viele. Feiern zusammen Geburtstage oder machen was zusammen und jeden Tag Spazieren gehen, das ist auch ganz wichtig. MA: Und Sie machen das alles ehrenamtlich hier? Oder haben Sie eine Stelle? EE: Nein ich habe keine Stelle, ehrenamtlich. MA: Wow! Da leisten Sie aber einen ganz wichtigen Dienst würde ich mal sagen. EE: Ja [lachen]. MA: Ja natürlich, wenn das so Dinge sind, das sind ja ganz existenzielle und wichtige Lebensstationen, sag ich jetzt mal, für so viele Menschen. EE: Aber es ist auch so, ich krieg auch viel zurück, wenn sie lachen, wenn sie was, die Erinnerung und so. Sie kommen mit irgendwelchen und wenn sie raus gehen, sind sie freundlich und friedlich und lustig und alles was man erlebt da, tankt man auf. Das ist nicht so einfach ich mach das und weg. Es gibt mir auch viel, ist schon was. Ich freu mich immer, nicht nur wenn sie kommen, aber auch wenn sie gehen mit der Energie, was sie alles bekommen, es ist laut, sie sprechen… Aber man muss ihnen das lassen. So wie die kleinen Kinder auch im Kindergarten. Ich hab ja im Kindergarten gearbeitet und jetzt der Vergleich, das ist das Gleiche. MA: Dann was würden Sie sagen, was ist für Sie typisch Mannheim? Wenn Sie jetzt so, all die Jahre, wo Sie hier leben, was würden Sie so als…? EE: Also, hmm, ja. Also die Nationalitätsmischmasch, sieht man ganz wenig. Na ja, ich war im Vorbeifahren oder paar Tage irgendwo, und da sieht man nicht so wie hier. Hier kann man alles treffen, ist alles da von allem. Das ist Mannheim. Und ja, typisch Mannheimerisch? Ja, Innenstadt gefällt mir nett, weil es so dreckig ist. [Lachen] Das ist nicht Deutschland, das ist Mannheim. In Wolfsburg war ich vor einer Woche, schön sauber, Fußgängerzone gibt es auch, aber da ist es viel breiter, hier ist es enger. Wäre es bei uns so sauber, wie hier. Alles andere… Typisch Mannheimerisch, ja wirklich. MA: Und wo ist Ihr Mannheim, also wo Sie sagen, das ist mein Platz, da wo ich irgendwie… EE: Wo ich gerne bin ist der Luisenpark, wenn ich jetzt ganz erschöpft bin. Das ist so auf dem Weg nach Hause, dann kann ich da aussteigen und einfach rein gehen, ich habe ja eine Jahreskarte für beide Parks, bin ich gerne dort. Ja, und daheim auf dem Pfingstberg. Da geh ich gerne spazieren, besonders jetzt im Frühling, wenn alles blüht und ich die Linden da sehe, das ist herrlich. MA: Wenn Sie jetzt die Möglichkeit hätten, alles noch einmal zu machen, würden Sie wieder sich entscheiden hierher zu kommen? EE: Nach Mannheim? Ja, wenn ich, mit Arbeiten und mit dem, dann ja, dann wäre ich wieder da. Wenn ich einen Platz hätte, wäre es noch besser, aber so wie es ist, ist es okay. Wenn’s mir zu viel ist und ich ein bisschen Ruhe brauche, dann fahr ich nach Heidelberg, da wohnt meine Schwester. Ist nett weit und die Verbindung ist hier, Verkehr ist ideal. Da muss man nicht so lange warten wie in anderen Städten, das kommt nicht oder ist zu weit. Das denk ich auch, da hätte ich Mannheim jetzt schon bewusst gewählt. Das ist meins. MA: Ja, schön, dann wären wir mehr oder weniger mit dem Interview fertig. [Hinweis zu Sammelinteresse des Stadtarchivs Mannheim]. Vielen Dank nochmal! |